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Dieser Mensch nahm den Major durch seine Suada nnd durch seine eleganten Manieren im Nu gefangen.
Erich, etwas mißtrauischer dieser Großsprecherei gegenüber, erbat sich einen Einblick in das Zeugnis. Aber Herr von Szabo, der ein feiner Menschenkenner zu sein schien, hatte es sofort herausgefühlt, wie er hier zu operieren habe und sich halb entrüstet, halb indigniert an den alten Herrn gewandt:
„Herr Major werden begreifen, daß es mir widerstrebte, mir von einem jungen Mann, dessen Vater ich sein könnte und der meine langjährige Dienste mit Undank lohnte, ein Zeugnis ausstellen zu lassen. Jin übrigen, sagen Sie selbst, was hat ein Zeugnis für einen Wert? Gar keinen. Geht man im Frieden auseinander, so fällt es gut aus, hat man hingegen Differenzen gehabt, so ist es ein nichtssagendes Stück Papier."
Und als Erich ihm daraus bemerkte, daß man jedenfalls vorher Erkundigungen werde einziehen müssen, was er ihnen doch nicht verdenken könne, hatte Herr von Szabo den Beleidigten gespielt und bedauernd erklärt:
„Dann werde ich wohl aus den ausgeschriebenen Posten verzichten müssen, denn die Auskünfte, die man Ihnen geben wird, werden schwerlich günstig für mich lauten" — und auf des Majors verwunderten Blick hatte er seufzend hinzugefügt: „ja, ja, Herr Major kennen noch nicht die hiesigen Verhältnisse. Seien Sie erst längere Zeit hier, dann werden Sie am eigenen Leibe erfahren, welchem Uebelwollen man hier als Fremder ausgesetzt ist —' ob Deutscher, ob Ungar, wir gelten beide hier als Eindringlinge und werden mit demselben Hasse verfolgt."
Das hatte den Ausschlag gegeben und Herr von Höchstf- feld schloß noch an demselben Tage einen dreijährigen, unkündbaren Vertrag mit ihm.
bcun atmete er etwas erleichtert auf, nun hatte er den Mann gefunden, den er suchte und mit dem er gemeinsam gegen die Mißgunst und gegen den landesüblichen Schlendrian ankämpfen würde.
Jetzt, da ihm eine solch tüchtige, zuverlässige Mast zur Seite stand, konnte er auch nicht mehr länger die Ausrede vorschieben, nicht abkömmlich zu sein, und deshalb War der Besuch bei Stepenaz' endgiltig für morgen festgestellt worden.
Alle waren in' Aufregung — sogar Herr von Höchstfeld, obgleich er es natürlich bestritt.
„Ich bitte Dich, liebe Evcline", sagte er zu seiner Frau in geringschätzigem Ton, „was sollte mich denn dabei auf- regen? Ich war nur einmal in meinem Leben aufgeregt, damals, als ich dem Prinzen Albert über das ausgerückte Bataillon Rapport erstattete — aber hier — pah — lächerlich/^
„Ich meine ja auch nur, lieber Erwin, wegen der begleitenden Umstände/,
„Ach was, die sind für sie peinlicher als für uns, denn dieser gute Graf Stepenaz hat sich, meiner Ueberzeugung nach, in der unseligen Angelegenheit jedenfalls nicht ganz einwandfrei benommen,"
Erich, der bisher stillschweigend zugehört chatte, glaubte nun den richtigen Augenblick gekommen, den Vater auch auf den gegnerischen Standpunkt aufmerksam zu machen.
„Verzeih, Papa", sagte er deshalb, „aber dafür fehlt uns doch der Beweis. Schließlich ist Graf Stepenaz auch Kavalier und wird kaum ungeprüft..."
„Mein liebes Kind, Du urteilst nach unseren deutschen Begriffen", unterbrach ihn Herr von Höchstfeld mit nachsichtiger Ueberlegenheit, „Du wirst Dir angewöhnen müssen, die Leute hier nach einem ganz anderen Maßstab zu messen. Vor allem möchte ich Dir auch nochmals den väterlichen Rat geben, weniger Dein Herz als Deinen Verstand sprechen zu lassen. Du hast erst jetzt wieder von Herrn von Szabo ert, was wir hier gewärtigen können — Uebelwollen,
gunst, Neid, und das alles unter der Maske biederer Freundlichkeit. Also, Augen auf und keinem Menschen zu früh getraut I"
Einen Moment zögerte Erich, dann sagte er mit möglichst unbefangenem Ton:
„Ich habe mir dies schon vor Deiner Ermahnung zum Prinzip gemacht, und deshalb wird sich auch unser Herr Gutsinspektor erst mein Vertrauen durch die Tat verdienen Wissen."
^.Willst Du Dir vielleicht erlauben, mir Belehrungen
zu erteilen?" brauste Herr von Höchstfeld, der sich sofort getroffen fühlte, zornig auf.
„Nein, Papa, ich mache Dich nur auf Deine eigenen Lehren aufmerksam."
„Du vergißt, niein guter Junge", entgegnete ihm der Major ingrimmig, „daß mir die Erfahrungen des Alters zur Seite stehen. Ich durchschaue die Leute auf den ersten Blick, nrir macht so leicht keiner ein X für ein U vor. Ach was", unterbrach er sich dann, „ich habe es wohl nicht nötig, meine Handlungen vor Dir zu verteidigen. Behalte also Deine. Weisheit künftig für Dich, sonst würdest Du mich zwingen, energischere Saiten aufzuziehen, und laß Dir's nicht vielleicht einfallen, einen Menschen, dem ich mein Vertrauen entgegenbringe und ohne den wir im Anfang überhaupt nicht wirtschaften könnten, vor den Kopf zu stoßen."
Erich fing Mamas Blick auf und schwieg. Erst als der Vater gegangen war, sagte er seufzend:
„Ich fürchte nun beinahe selbst, daß dies Erbe noch recht unangenehme Weiterungen nach sich ziehen wird. Papa war schon früher recht schwer zu behandeln, jetzt duldet er aber auch nicht mehr die geringste abweichende Meinung. Das geht doch nicht auf die Dauer, bentt schließlich sehen doch vier Augen mehr als zwei, und bei allem Respekt vor ihm muß es doch gesagt sein, daß er von der Landwirtschaft und von den hiesigen Lebcnsbedingungen ebenso wenig versteht als ich."
„Du solltest ihm aber auch nicht in allem und jedem widersprechen", machte ihm die Mutter zum Borwurf.
„Ja, tue ich denn das?" wehrte sich Erichs „ich suche nur seiner Voreingenonrmenheit eutgegenzutreten, und darin, liebe Mutter, müßtest Du mich von rechtswegen nur unterstützen."
Diese seufzte recht beklommen.
„Ach Gott, ich möchte es ja so gern", klagte sie, „aber ich könnte es ja doch nicht aus Ueberzeugung tun. Was wir wenigstens bis jetzt erlebten, läßt nur zu sehr befürchten, daß Dein Vater in allem recht behalten wird."
„Also hat er in Dir glücklich auch schon das Mißtrauest geweckt", sagte Erich bitter, „unter solchen Umständen kann dies ja morgen ein sehr vergnügter Besuch werden! Warum fahren wir denn dann überhaupt hinüber?!"
„Nun, Du wirst doch nicht glauben, daß sich Deine Mutter etwas merken lassen wird", entgegnete Frau von Höchftfeld verletzt, „ich will meine Beobachtungen ganz im stillen anstellen, doch glaube ich kaum, daß'sie günstig ausfallen werden."
„Und warum?" fragte Erich gespannt, „Du warst doch früher nicht so fest von Onkels Schuldlosigkeit überzeugt!" ■ Frau von Höchstfeld wurde etwas verlegen, dann gestand sie:
„Früher gab es mir allerdings zu denken, daß sich alle von ihm wandten und zu dem Pfarrer hielten, seit uns aber Herr von Szabo ein solch wenig schmeichelhaftes Bild des hiesigen Adels entrollte, bin ich anderer Meinung geworden. Jetzt halte ich alles für möglich!"
(Fortsetzung folgt.)
Mrmdersien aus der Kaifersiadt.
(Nachdruck verboten.)
Berliner Ringbahnfreuden — Schelmen-Anssteklung bei Schulte — Noch ein Denkmal.
Ein Stiefkind unserer Eisenbahn-Verwaltung ist die Berliner Ringbahn immer gewesen. Auch Minister Budde, der neue Herr, will sich ihrer anscheinend nicht erbarmen. Er läßt die reformbedürftigen Tarife nicht nur in der alten Weise bestehen; nein, er gibt es sogar zu, daß Verböserungen eintreten, die den rührigen Direktionen der Straßenbahn und Hochbahn nur willkommen sein können. Während diese, entgegen früherem Verfahren, für alle Klagen und Wünsche des Publikums ein offenes Ohr haben und Abhilfe schaffen, jeder Preßnotiz, die sich auf .ihren Betrieb bezieht, willig Beachtung schenken und so rhr Berliner Verkehrsnetz allmählich zu einer achtungswerten, auch von erfahrenen Ausländern vielfach anerkannten Höhe gebracht haben, geht die Ringbahn in einem mehr als schleppenden Tempo vorwärts. Das zeigte sich frappant damals, als die Bahnsteige der neu eingeführten zweistufigen Wagen wegen höher gelegt wurden. .Plakate in den Kupees machten zunächst darauf aufmerksam, daß man beim Aussteigen Acht geben solle, da der Wagen nicht wie die früheren, eines, sondern zwei Trittbretter habe; daiui wurde nach .und nach auf verschiedenen Bahnhöfen das Niveau erhöht; etliche aber warten heute noch


