315
Leide, die Gesunde und den Kranken, noch zur Not zerstreut hatte, wenn der Kranke sich vor der schmerzenreichen, schlaflosen Nacht fürchtete, wenn die Gesunoe ihm gequält gegenüber saß, seinem jammervollen, langsamen Hinsterben ohnmächtig zusah!
Mend für Abend gleich trübe, gleich hoffnungsleer, gleich bang und einsam, zum Verzweifeln bang und einsam!
Er blieb mitten aus dem Mge stehen.
Kaum ein paar hundert Meter vor ihm erhob sich der Schornstein von Saknthen, aus dem eine kleine Helle Flamme schlug — und in strahlender Helligkeit leuchteten die langen Fensterreihen des Werkes durch die Nacht.
Er sah nach der Uhr. Es war noch nicht acht. " Ob er sie aufsuchen sollte, die beiden Einsamen?
Es war nicht Neugierde, was ihn dazu drängte; mehr das dunkle Gefühl, es sei nach dem gestrigen Erlebnis seine Pflicht.
Wenige Minuten später meldete ihn Tirsill.
Aber gleich beim Eintritt erwartete ihn eine große Ueberraschung: die Stimmung des Ehepaares war durchaus nicht trübe und kopfhängerisch, sie war im Gegenteil die denkbar beste, sie war lustig, fast ausgelassen.
„Doktor, das ist ja himmlisch- daß Sie kommen!" empfing ihn Dieter Lotz, der sich von einem Lachanfall gar nicht erholen konnte. „Mr lesen da gerade eine Geschichte von Tschechoff. Doktor, ich sage Ihnen, man biqgt sich. Kennen Sie Tschechoff? Kommen Sie, setzen Sie sich, Fränze, Du mußt es gleich noch einmal lesen."
Die Hausfrau begrüßte ihn ebenso lebhaft, ebenso herzlich. Sie war ihm ein paar Schritte entgegengekommen, das russische Buch, aus dem sie vorgelesen, hielt sie noch aufgeschlagen in der Hand. „Ich habe wahrhaftig Tränen gelacht", sagte sie, sich über die Augen fahrend. „Es ist ja kindisch, aber doch so komisch." Sie vermochte sich noch immer nrcht zu beruhigen. „Was müssen Sie bloß von uns denken, Herr Doktor. Glauben da zu gesetzten Leuten zu kommen . . ."
, „Doktor, eine Zigarre!" unterbrach Lotz. „§ier — nehmen Sie Platz, Sie müssen das Geschichtchen hören. Meine Frau liest nämlich ganz famos. Wie sie die verschiedenen Stimmen nachahmt, großartig . . . Also es handelt sich da um ein Weib aus dem Volke, so der richtige Weinrussentyp, verstehen Sie, schwatzhaft, dumm und von einer phänomenalen Dickschädlichkeit — so um Mauern damit einzurennen. Die kommt da ins Bureau einer Privatbank, will aber eigentlich zu der Behörde ihres verstorbenen Mannes ins Finanzministerium, und es ist ihr nicht beizubringen, daß man mit ihrer Sache nichts zu tun hat, die Bankbeamten schwitzen, einer wird ä tempo ohnmächtig, der andere verliert glatt den Verstand. . ."
„Ach, Bär, Du nimmst der ganzen Sache ja die Pointe", schmollte Frau Fränze, die dem Gast Zigarren und Feuer brachte, „das kann man überhaupt nicht nacherzählen !"
„Also lies es doch- so lies es doch!"
„Nein, nein, vor dem Doktor geniere ich mich, da lies Du lieber."
Sie kamen unter Lachen ins Streiten. Zupitza,' der sich anfangs gar nicht so recht in den ihm neuen Don hineingefunden hatte, ward von der Lustigkeit der beiden allmählich selbst an gesteckt.
(Fortsetzung folgt.)
Komöurger Merket.
Homburg im Mai.
Gordon-Bennet-Rennen, Homburger Diät und Landgrafenbrunnen, das sind die Dinge, mit denen sich jetzt die Kurgäste, mehr aber noch die Hoteliers der berühmten Badestadt hauptsächlich beschäftigen. Vorläufig können sich die Hotel- und Pen- sionsinhaber den Luxus gestatten, mehr ihren Gedanken als ihren Geschäften nachzugehen und über die Lösung der Diätfrage reiflich Nachdenken. Offiziell hat ja die Saison bereits begonnen, allein die Kurgäste lassen sich Zeit. Nur allmählich bevölkern sie das entzückende Taunusbad, das jetzt frei von allem Trubel seine natürlichen Reize am erquickendsten offenbart. Der große, weithin sich ausdehnende Kurpark mit seinen breiten Spazierwegen und seinen lauschigen Plätzchen, die waldigen Höhen, die Homburg amphitheatralisch umrahmen, die Kurmusik, die Lesesäle, 16 selbst die Hotels, Restaurants und Pensionen können jetzt in aller Ruhe genossen werden. Homburg, in dem in wenigen Wochen Fremde aus allen Weltteilen sich drängen werden, ist heute in
jeder Hinsicht eine Idylle, und wer fern und frei von allem Modebadluxus sich Homburgs und seiner erfrischenden Natur erfreuen will, der ziehe dorthin im wunderschönen Monat Mai, in dem bereits wie in der Höhe der Hochsaison alle Quellen springen.
Die Diätfrage ist natürlich eine Magcnfrage, und zwar eine sehr komplizierte, nicht nur für jene, die kurgemäß essen sollen, sondern auch für jene, die das Essen stellen müssen. Auf Anregung von Dr. K u r t P a r i s e r hat die Homburger Medizinische Gesellschaft, die in ihrer Art und an ihrer Stätte reformierend wirken will, ein neues Schema aufgestellt „Homburger Diäten"; hiernach soll die Speisendiät sich weniger nach der Brunnenkur und mehr nach der Krankheit des einzelnen richten. Der Laie wird eine derartige individuelle Behandlung des Patienten natürlich finden, der Homburger medizinische Verein hat sie als eine Notwendigkeit erkannt; allein die Durchführbarkeit einer Maßregel, die so natürlich und so notwendig erscheint, ist trotz alledem mit Schwierigkeiten verknüpft. Der eine Patient darf Fische essen, der andere nicht; dem einen ist Geflügel, dem anderen Wild verboten; was der fünfte essen darf, ist dem sechsten schädlich, kurz, eine Einheitlichkeit der Badekost, die sich ja gewöhnlich nach dem Boden richtet, erscheint infolge der „Homburger Diäten" fast als eine Unmöglichkeit. Die hier so vortrefflichen Hoteliers, Restaurateure und Pensionsbcsitzer haben jetzt in oer noch stillen Saison genügend Zeit, über die von ihrer medizinischen Gesellschaft ausgestellten Forderungen nachzudenken, und sie werden das Problem lösen, wie man an Stelle der Masscndiät selbst in ’ einem Massenbetriebe eine individuelle Diät erzielen kann. Die Regulierung der neuen Homburger Diätfrage kommt ja nicht mir den Patienten, sondern dem ganzen Heiwrte und allen, die von seinem Gedeihen wirtschaftlich unabhängig sind, zugute.
Ein neuer Bruunen springt jetzt in Homburg, man hat ihn zur Erinnerung an das 1866 ausgestorbene hcssisch-homburgische Landgrasengefchlecht den Landgrafenbrunncn genannt. Auf dem Golfplätze haben sie ihn entdeckt. Vor länger als 60 Jahren wurden hier bereits Bohrvcrsuche gemacht, mau gab sie aber auf, als ein Arbeiter durch anfftcigende Kohlensäureausdünstungcn getötet wurde. Unter dem jetzigen Ku.rdirektor Freiherrn v. Maltzahn, dem Homburg viel zu danken hat, wurden durch Professor Steiner aus Prag die Bohrversuche wieder aufgenommeu. Man entdeckte einen alten Mann, der an den ersten Bohrarbeiten beteiligt war; dieser wußte die Stelle anzugcben, an der vor sechs Jahrzehnten die Bohrungen vorgenommen wurden; der riesige Golfplatz wurde zum Teil umgeschüttct, und an dem von dem Greise bezeichneten Orte fand man eine Steinplatte und unter ihr den Brunnen. Der 80 jährige Mann, der ehrliche Finder, erhielt 20 Mark Belohnung. Das alfo entdeckte Heilwasser wurde vom Golfplatz nach der Brunnenecke des Parkes geleitet, und heute wird neben dem berühmten Elisabeth-Brunnen, zu dem Könige und Fürsten mit ihren profanen Magenverstimmungen und rhenmatischeu Schmerzen pilgerten, von schmucken Mädchen im Freien der noch noch nicht unter Dach gebrachte Landgrafenbrunnen kredenzt. Die Homburger preisen die neue Entdeckung, denn der Landgrafenbrunnen ist der stärkste Homburger Kochsalzbrunnen, den man bis jetzt gefunden hat.
Die Erinnerung au Hessen-Homburgs Landgrafeng schlecht dürfte auch durch ein Geschenk, das der Kaiser der Stadt machen wird, ausgefrischt werden. Als der Monarch vor einig« r Zeit hier war, betonte er dem Kurdirektor Freiherrn v. Maltzahn gegenüber, er liebe Homburg auch aus dem Grunde, weil Kaiserin Augusta, die hier von ihrem kaiserlichen Gemahl das berühmte Sedantelegramm „Welche Wendung durch Gottes Fügung' erhalten hat, und weil seine Eltern in diesem Kurort so ge n geweilt haben. Aus Dankkbarkeft sür das Schöne, das seine Bor fahren in Homburg gefunden haben, wolle er dem Landgmfen- geschlccht, das einst hier herrschte, ein Denkmal setzen und dieses der Stadt säwnken. .Und also geschieht s auch. Das Monument ist vom Kaiser denc Bildhauer Gerth, der das Kacsercn-Frcedrrch- Denkmal am Brandenburger Tor geschaffen hat, zur Gestaltung übergeben worden. Es wird die Form eines Obelisken Huben, der an der einen Seite das Bildnis des letzten Landgrafen Ferdinand und an der anderen das des Landgrafen Friedrichs II. trägt, der in der Schlacht bei Fehrbellin eine Nolle spielte. Das Denkmal wird im Park an einer überall hin sichtbaren Stelle am Anfang der Brunnenallee aufgestellt werwn.
Homburgs Kurfrequenz wies vor genau 70 Jahren die i ,ahl 155 aus. Seinen Aufschwung hat es den Gebrüdern Blanc zu danken, die vom Landgrafen Philipp die Konzession zur Errichtung einer Spielbank erhielten und den winzigen Badeort mit em em Komfort ausstatteten, der heute noch uicht verblichen ist.. Im ersten Blancschen „Amtsjahr", im Jahre 1841, hatte Homburg 1171, im letzten, im Jahre 1872. 21001 Badegäste; das Jc hr 1873 zeigte, welche Bedeutung die Spielbank für Homburg besaß; die Besuchsziffer ging von 21001 auf 9287 zurück. Gleich Wus- baden und Ems hat Homburg nach Aufhebung der Spielbank allmählich auf solider Grundlage einen wirtschaftlichen Aufschwung genommen, der wohltuend allen arbeitenden Klassen zugute kam. England hatte stets eine Vorliebe für das anmutige, elegante Tauunsbad, ilnd namentlich in jenen Tagen, in denen der heutige Köms von England hier nieilte, stand Homburg ganz im Zeichen Groß britanueus. Die Sympnthieen der Engländer sind diesein Fle«


