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aus der offenen Holzveranda des kleinen Gasthauses der Tanz.
Zupitza, der das Lob eines flotten Tänzers geerntet hatte, verließ endlich, ziemlich heiß geworden, die luftige, mit bunten Lampions geschmückte Veranda. Die Musik ließ dem Kehraus noch einen flotten Marsch folgen, einige der jüngeren Herren und Damen trällerten mit, dazwischen klang Schwatzen und Lachen, und irgendwo hörte mau Gamering schwadronieren.
Als Zupitza einen Blick nach dem Haff warf, entdeckte er in einiger Entfernung Frau Lotz. Er erkannte sie bloß an de/ Kapuze ihres Umhangs, denn sie stand außerhalb des Lichtkreises.
Zögernd näherte er sich ihr.
Sie war ganz dicht aus Wasser getreten. Mit den Knien lehnte sie sich gegen das niedrige Holzgeländer eines Stegs, die Arme hatte sie übereiuandergeschlagen, den Kopf hielt sie gesenkt. Es lag in ihrer ganzen Haltung eine solche Erschöpfung und Hinfälligkeit, daß Zupitza erschrak. Nun bemerkte er auch, daß ihre Schultern zuckten. Er glaubte, sie habe sich beim Hernmtollen mit den Kindern zu stark erhitzt uud der Frost schüttle sie in der kalten Luft am Wasser. Wer als er ihr Vorstellungen machte und sie angstvoll uud verwirrt aufblickte, sah er, daß in ihren Augen die Tränen standen.
„Ach, es ist nichts, wirklich. Bloß einen Augenblick lang — da war mir so traurig. . ."
Sic versuchte zu lächeln. Allein wieder ging das Zucken durch ihre Gestalt, und sie preßte das Gesicht in ihren Umhang.
Nun trat er neben sie und sprach ihr zu. Sie sei doch mitgckommen, um sich zu erholen, zu erfrischen. Wenigstens für die paar Stunden solle sie doch vergessen,.
Heftig schüttelte sie den Kopf. „Nein, nein, das ist es wirklich nicht. Ich loar ja ganz lustig und seelenvergnügt, die ganze Zeit."
„Das sah ich- Frau Lotz. Und ich hatte mich herzlich über Sie gefreut."
Sie fuhr sich über die Augen und sah sich hastig und etwas ängstlich um. „Sagen Sie auch nichts den andern darüber. Nein? Bitte. Das soll niemand wissen^ niemand. Sehen Sie, ich bin schon wieder ganz ruhig." Sie lächelte matt. „Ganz normal."
Ohne daß sie sich einigten, überhaupt darüber sprachen, gingen sie nebeneinander am Ufer weiter. Die grollende Brandung machte! in -iIhrer Schwärze einen ziemlich unheimlichen Eindruck. Gespenstisch hoben sich die dunklen Umrisse des Dampfers von der Flut ab. Der Nachthimmel war klar. Wer Mondschein hatte man nicht. Um so lichter wirkten die Sterne. Es war gerade die Zeit der Sternschnuppenfälle. Als sie beide ein paar Schritt weit gegangen waren, sahen sie's plötzlich hoch über dem Haff aufflammen und in langem Zug niedergleiten. Es nahm sich aus wie ein Komet. Unwillkürlich blieben sie stehen.
Sie wollte etwas sagen, hielt aber sogleich wieder inne.
„Haben Sie sich etwas gewünscht", fragte sie lächelnd.
„Früher immer. Ich war darin rein kindisch." „Und jetzt haben Sie das Wünschen verlernt?" Sie nickte traurig.
Wieder schwiegen sie. Suchend schweiften ihre Blicke über den lvciten, schwarzblauen Horizont. Noch einmal blitzte es auf — sie wandten hastig den Kopf in die Richtung — aber es war kein Sternfall, es war nur das Blinkfeuer vom Schilwer Lcuchtturm.
„Frau Lotz", begann er endlich, die Stimme dämpfend, „warum haben Sie geweint?"
Ihre Brauen zogen sich zusammen, ihr Ausdruck ward saft finster. Abwehrend schüttelte sie den Kopf.
„Wenn Sie's bloß für Neugierde halten, sollen Sie mir nicht antworten", fuhr er fort. „Ich sah Sie in solcher Ausgelassenheit — das wirkte so erfrischend — und drum tut mir's so leid, daß Sie sich nun gleich 'wieder in Ihr häusliches Leid versenken wollen." Er sah sie forschend an. „Tenn das war's doch. Nicht wahr. Sie haben sich Vorwürfe gemacht, daß Sie lustig waren? Stimmt's?"
Ihre Gesichtszüge hatten den abweisenden Zug verlöre», nur Trauer lag letzt darin. „Sie meinen es gut", Ke sie, „o das empfinde ich wohl, ich glaube auch gern, es nicht bloße Neugierde ist wie bei Gamering und den andern. Aber verstehen — können Sic mich nicht."
„Ich denke doch, Frau Lotz."
„Nein, nein." Nach einer kleinen Pause setzte sie hinzu; „Einfach nicht, weil Sie Mann sind." Sinnend spähte sie in die Nacht hinaus. Ms es nun wieder in feuriger Bahn schräg am Horizont entlang glitt — diesmal war's der richtige Sternfchnuppenfall — fuhr sie mit einem wehmütigen Lächeln fort: „Ich hab' heute aus purem Egoismus geweint. An zu Hause hab' ich fast gar nicht gedacht.
Nein, wirklich, den ganzen Tag nicht. Ich wollte es abi- sichtlich nicht. Sie wissen ja: weil ich mir Frische und Kraft hier draußen holen wollte. Wer da packte mich mit einem Male das andere. Was ich mir bisher noch gar nicht so recht klar gemacht hatte." Ihre Stimine zitterte. „Daß der liebste, der heiligste Wünsch — und der weiblichste — lür mich erloschen ift1"
Er sann ihren Worten lange nach, Dann fragte er, seiner Sache noch nicht ganz gewiß: „Ms Sie mit den Kindern spielten?"
„Ja, als ich mit den Kindern spielte."
Es rann langsam aus ihren sehnsüchtigen Augen nieder. Eine. Träne blieb auf ihrer Wange stehen Sie wischte sie nicht weg.
In diesem Augenblick rief man nach ihr, und sie wandte sich von ihm ab. Die Gesellschaft brach auf.
Wie wunderlich es ihm vom Herzen emporstieg, während er ihrer schlanken Gestalt nachsah. Eine Sekunde laug durchglühte ihn eine sinnliche Anwandlung. Aber nur eine Sekunde. Dann überlies ihn ein eigener Schauer. Sie hatte ihm das Zarteste und zugleich Mächtigste verraten, was in ihrer Seele kämpfte: das Mütterliche in ihr hatte sich ihm offenbart.
„Sie können mich nicht verstehen, weil Sie Mann sind!" — so oder ähnlich hatte sie ihm vorhin gesagt.
Verstand er sie wirklich nicht? Konnte er als Mann die mystische, gewaltige Sehnsucht des Weibes nicht anders als mit groben Sinnen erfassen?
Er stand lange still und versunken da.
So rein, so naiv, so erschütternd war ihre Trauer, daß ihre Fugend verging, ohne daß sie Mutter werden sollte.
Tiefes, inniges Mitleid regte sich in ihm.
Was war das Leiden des armen Dieter Lotz gegen das ihre? Ihm war das Todesurteil gesprochen — aber sie, die Gesunde, die noch vor der Erfüllung ihrer Weibbestimmung stand, sie traf es mit.
Auf der Heimfahrt bekam er sie nicht mehr allein zu sprechen.
Aber als der Dampfer in Saknthen anlegte, verabschiedete sie sich von ihm mit einem festen Händedruck.
Sic fühlten es dabei beide, daß sie heute Freunde geworden waren.
Viertes Kapitel.
Die Erinnerung an das seltsame Gespräch mit der jungen Frau ließ ihn den ganzen nächsten Tag nicht los. Die Broschüren und medizinischen Zeitschriften, die er auf seinen einsamen Landfahrten mitführte, vermochten ihn nicht zu fesseln. Immer wieder schweiften seine Gedanken von der Lektüre ab. Da seine Tour Montags und Donnerstags ins Karguller Moor ging, konnte er an diesen beiden Tagen Sakuthen nicht besuchen. Es fehlte ihm heute aber geradezu.
Als er abends nach Gill zurückkehrte, gerädert von dem schlecht federnden Wägen, drängte ?s ihn, sich noch draußen tüchtig Bewegung zu machen, die Glieder zu rühren — und dabei wieder Ordnung in seine Gedanken zu bringen. Es war ihm, als begänne das Schicksal der Sakuthener nachgerade einen viel zu breiten Raum in seiner Vorstellungs- und Ei>rpfindungswelt einzunehnien.
So marschierte er denn, am ,^Löwen" sich vorbeischlagend, aufs Geratewohl aus Gill hinaus. Es dimkelte schon und die Lust war kalt. Ein herbstlicher Wind trieb seitlich vom Haff her. Er schlug den Kragen hoch, steckte die Hände in die Paletottaschen und stapfte vorwärts, ohne sich umzublicken.
Mer seine Gedanken kehrten immer wieder, er mochte tvollen oder nicht, zu den beiden Unglücklichen zurück — zu Frau Fränze, die das Schicksal so erbarmungslos an einen todgeweihten Mann geschmiedet hatte!
Wie trostlos die Wende aus Sakuthen sein mochten die langen Abende, wenn die Tagesarbeit vorbei war,


