1904.
WMD
W
Bffli uüji
(Nachdruck verboten.)
Arühtingsßürme.
Roman von Paul Oskar Höcker.
(Fortsetzung.)
„Ich? O nein! Es ist nur jetzt so ein bißchen Ekstase. Um möglich viel davon zu genießen. Ich stelle mir bloß vor, wie es wäre. — Ich denke ja, es wäre schön." Sie lächelte. „Wer ich glaube nicht einmal, daß ich seefest genug wäre. Wenigstens stark genug für einen wirklichen Sturm."
„Wer weiß das von sich?"
„Wie Sie das sagen, Herr Doktor." Ein trüber Ausdruck huschte über ihr Antlitz, als wäre ihr der Doppelsinn feiner Bemerkung aufgegangen. Dann nahm sie in plötzlicher Lebhaftigkeit auf: „Sie müssen mir einmal erzählen, Herr Doktor. Von Ihren Fahrten. „Ja, wollen Sie?"
„Gern, gnädige Frau."
„Aber dann dürfen Sie mich jetzt nicht beobachten."
„Warum nicht?"
„Wenn Sie etwa sehen, daß ich schon hier auf dem armseligen Haff die Mässen strecke, dann lachen Sie als befahrener Seemann mich hinterher aus."
Er schüttelte den Kopf. Biel reden wollte er nicht, er verstand ihre wechselnde Stimmung aber wohl.
Wieder schwiegen sie, in Schauen versunken nebeneinander stehend. Der Wind warf ihr plötzlich die Kapuze zurück und zauste an ihren Haaren. Nun breitete sie impulsiv die Arme aus- „Wie schön das ist — wie wunderschön !" Sic sang ein paar helle, klare Töne, in denen ein jauchzender Jubel, aber auch etwas Stürmisches, Herausforderndes lag.
Es war, als würde ihr vom Mnd jeder Laut von den Lippen gerissen — sie brach gleich wieder ab.
Die andern, die inzwischen drüben eine lebhafte Unterhaltung über allerlei nautische Dinge begonnen hatten, waren aufmerksam geworden.
„Ei, das klang ja ordentlich, kriegerisch!" versetzte Ostischkeit.
Frau Fränze wollte das nicht wahrhaben. Es sei bloß eine Schulmädelserinnerung gewesen, sagte sie. Sie ließ dabei offen, ob sie das Motiv oder die Stimmung meinte.
Gleich darauf hatte man die erste Leuchtboje, die die Fahrstraße im Schutz der Nehrung bezeichnete, erreicht. Nun flaute der Wind rasch ab. Inzwischen hatten sich auch die ängstlicheren Gemüter beruhigt. Seekrank war niemand geworden, trotzdem man in der Kajüte von nichts anderem gesprochen hatte. Ein paar Minuten lang roch es auf Deck stark nach Pfefferminz: Frau Krappe, die immer Unmengen davon bei sich führte, hatte ihre Pastillendose reihum angeboten.
Auf dem Wässer schaukelten ein paar Segelboote, die bNnt bewimpelt waren. Der Darup., r stoppte. Man hielt
ein paar Hundert Meter vor dem Lande. Von hier mußte abgebootet werden, da eine Landungsbrücke nicht vorhanden war.
Die Einwohner von Zaraningken — meist litauische und kurische Lachs- und Neunaugenfischer — hatten sich ziemlich vollzählig eingefunden, um die Nachbarn vom Festland zu begrüßen. Im Freien vor dem hölzernen kleinen Gasthaus, dessen Front dem Haff zugekehrt war, gruppiert^ man sich an den langen Tafeln und sprach ziemlich ausgehungert dem Kaffee und den stattlichen Kuchenmengeu zu, denen ein paar Unverbesserliche rasch wieder einen halb verstohlenen Grog folgen ließen. Dann ging es zu allerlei Spielen in den kleinen Wald. Mt und jung tfe* teiligte sich daran.
Zupitza war überrascht von dem seltsamen.Landschafts- bild, das sich bot, sobald man die letzten Hütten des Dörfchens hinter sich hatte. Ueber die hellgelben hohen Dünen, die nur die allerersten Kulturversuche in der kümmerlichen Anlage von Kieferngehölz aufwiesen, gelangte man zuM kahlen Scheitel der Nehrung. In den tiefen Einschnitten zu beiden Seiten des Stegs entfaltete sich aber eine um so üppigere Vegetation. Es waren hier durch bas Wandern der Dünen wirkliche Schluchten entstanden. Das Hinunter- und Heraufklettern, das Sichjagen und Sichhaschen in diesen dichtbewaldeten Einschnitten war für die jüngsten Ausflügler eine Quelle fortgesetzten Entzückens. Frau Lotz hatte sich der ^Leitung des Spieles angenommen. Es zwang Zupitza immer wieder, sie zu beobachten. Sie hatte die Kinder in zwei Schlachtreihen einander gegenüber ausgestellt. Unter jauchzendem Hallo setzten sich die beiden Ketten auf ihren Kriegsruf hin in Bewegung, es wurde mutig in die Schlucht hinuntergestürmt, Gefangene wurden gemacht, und dann ging es unter Krähen und Lachen auf der anderen Seite wieder ernpor. Fränze selbst war mit wahrer Leidenschaft dabei.
„Es ist zu nett, sie kann noch so kindlich sein, die Franziska", sagte eine der ihr befreundeten Damen wohlwollend.
Zupitza fand sie nicht kindlich, sondern mütterlich. Ja — eine instinktive, naive Mütterlichkeit strömte ihr ganzes! Wiesen heute aus. Als sie mit der kleinen Gesellschaft dann zum Strand hinunterzog, um die Kinder Muscheln suchen zu lassen, folgten seine Blicke ihr noch, lange.
Ein paarmal versteckte sie sich hinter einem Baumstamm, oder sie sprang plötzlich in eine der Sandgruben, drückte? sich in den Winkel einer Schlucht — rufend strichen ihre kleinen Verfolger hinter ihr drein — wie ein fernes Echo klang ihre Stimme bald von hier, bald von dort. Und der Jubel, wenn sie entdeckt war und die ganze Schar sich lachend, jauchzend über sie warf: so viel Uebermut, so viel Lebenskraft und Frohsinn steckte in ihr !
Als die Dämmerung niedersank, ging's zum gemeinsamen Wendbrot, bei dem die Musik aufspielte und eite vaar humoristische Reden gehalten wurden. Dann begann


