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heimatlos in diesem Lande befindet und darauf angewiesen ist, ihr Brot zu verdienen."
Wieder nahm die alte Teufelin die Huka aus dem Munde und machte daun ohne Zweifel irgend eine boshafte Bemerkung, denn die junge Raui lachte belustigt auf.
„Ihre Hoheit, die Raui Sundaram fragt, ob Mr. Tho- rold Ihr Liebhaber sei?"
Diese alte Frau hier war also die gefürchtete Raui! „Nein" — ich errötete tief — „ich habe keinen Liebhaber. Mr. Thorold ist nur ein Bekannter von mir."
„Sie dürfen den Scherz der alten Rani nicht übel nehmen, sie meinte es nicht böse. Ihr Gesicht gefällt ihr und ebenso auch mir. Wie ich höre, spielen Sie vor- trefflich Klavier, unterrichten in Englisch und Französisch, im Sticken und (8-uitarrcspielen?"
„Ja, Hoheit", antwortete ich kurz, denn derartige fürstliche Scherze waren durchaus nicht nach meinem Geschmack.
„Sie sind also wirklich erst zweiundzwanzig Jahre alt und noch nicht verheiratet? Wie auffallend!"
Wie viel mehr erstaunt wäre sie gewesen, wenn sie gar meine Verlobungsgeschichte gekannt hätte!
„Ich verheiratete mich schon mit acht Jahren", fuhr die Rani Gindia fort, und darauf überschüttete sie mich mit einer Menge Fragen, während eine Dienerin einen riesigen Fächer aus Pfauenfedern über ihr bewegte und ich wohl ein halbes Dutzend Augen neugierig zur Tür hereinschauen sah.
„Möchten Sie jetzt vielleicht die Kinder sehen?" fragte sie plötzlich.
„Ja, mit großem Vergnügen."
„Hoffentlich werden sie Ihnen nicht allzu viel Mühe machen. Etwas Englisch haben sie schon gelernt."
Und nnn begann sie über die Welt draußen zu plaudern, wobei eine ausgesprochene Vorliebe für alles Wunderbare und Aufregende zutage trat. Welche seltsamen, verzerrten Beschreibungen des europäischen Lebens waren ihr zu Ohren gekommen!
Dann erschienen die Kinder. Sie hatten zarte Gesichtchen mit ziemlich heller Farbe, und es war schwer, den Bruder von den Schwestern zu unterscheiden, da alle die gleichen Atlashofen und mit einem Gürtel festgehaltenen Jäckchen sowie Mützen trugen. Sie starrten mich neugierig an und betrachteten mit fast rührender Aufmerksamkeit meinen Hut und meine Handschuhe. Dann schmiegten sie sich, um Süßigkeiten bettelnd, an ihre Mutter. Allmählich kamen nun noch eine ganze Menge reich gekleideter Damen des Hofes herein, alle anscheinend von dem Wunsche getrieben, mich zu sehen.
Plötzlich wurde die Gesellschaft durch den Ruf: „Purdah! Purdah!" aufgeschreckt, worauf die gauze Schar schwatzender, kichernder Frauenzimmer hastig nach ihren Schleiern griff und durch den Purdah, den Vorhang, entfloh. Die kleine Rani jedoch zog ihren Schleier nur halb' über das Gesicht, während die alte Frau unbeweglich sitzen blieb und weiterrauchte.
Nach mehrmaliger zeremonieller Meldung erschienen drei Herren, ein alter Mann, der der Rani Sundaram auffallend ähnlich sah, aber noch magerer, kleiner und so runzelig war, daß man ihn für eine Mumie — oder auch für einen „Hexenmeister" hätte halten können. Leben verrieten nur seine Augen, die wie zwei Flammen blitzten. Er trug einen weißen Turban und ein eng und faltenlos den Körper umschließendes, langes, schwarzes Sammet- gewand, sowie einen goldenen, mit schlecht geschliffenen, flachen Rubinen besetzten Gürtel. Der jüngere Mann war groß, hübsch, stattlich und hatte einen freundlichen Ausdruck. Seine Kleidung bestand aus einer kurzen, purpurroten, goldgestickten Tunika und gelbem Turban. Der dritte, ein noch ganz junger Mensch, anscheinend ein Sekretär, folgte als Begleiter. Die älteren Herren waren der Großonkel und der Onkel des Radjah; der „Hexenmeister" oder vielmehr Durigodana, war der Bruder der Rani Sundaram, der wohlbeleibte, lächelrede Herr derjenige der jungen Rani; er hieß Shumsha-Lal. Beide hatten sich zu meiner Besichtigung hierher verfügt.
„Ah, Sie sind also Miß Ferrars?" sagte der Jüngere in freundlichem Tone. „Die englische Dame mit den glänzenden Zeugnissen?"
Ich verbeugte mich schweichend, denn die Zunge war mir wie gelähmt. Wie sie mich aber auch alle anstarrten!
„Sie werden die Stellung gewiß aufs btzste ausfüllen.
Glaubst Du nicht auch?" Der stattliche Herr wandte sich zu seinem Begleiter. Durigodana aber brummte nur etwas Unverständliches.
„Hoffentlich fühlen Sie sich bald behaglich hier, ich habe die nötigen Befehle gegeben. Begur ist dafür verantwortlich, daß es Ihnen an nichts mangelt."
Er sprach geläufig englisch und versicherte mir lächelnd, daß Thorold ein samoser Kerl und glänzender Polospieler sei; jedermann freue sich über seine Anwesenheit in der Stadt."
Ob die Rani Sundaram und ihr Bruder diese Behauptung wohl bestätigen würden, wenn sie sie verstanden hätten?
Verschiedene feierlich angemeldete, reich gekleidete Gäste erschienen jetzt, und so wurde ich entlassen, worauf Begur, meine Führerin, mich ein zweites Mal durch das endlose Gewirr von Gängen und Treppen des Palastes führte. Ich war fest überzeugt, daß ich niemals allein meinen Weg hierher finden würde. Als wir dann endlich vor den mir angewiesenen Räumen anlangten, schien es mir, als seien wir wohl eine Meile weit gegangen. Meine Wohnung bestand aus einem großen Zimmer, an dem dicht unter dem Dache eine vergitterte Galerie hinlief. Eine spanische Wand trennte es in zwei Teile; die eine Hälfte enthielt eine Punkah/ ein Pianino, Tische, Stühle, Lampen, Porzellan und Nippsachen, die andere ein Bett, Schränke und Waschtisch. Daneben befand sich das Badezimmer. Sogleich wurde mir auch meine Bedienung vorgestellt: sie bestand aus Munasawmh, einem der niedrigsten Kaste angehörenden Hindu, und der Ragee Ajah, die etwa von der gleichen Abstammung wie die Chinna Ajah sein mochte.
Mein Gepäck werde gleich gebracht, versicherte mir Begur; auch möchte ich befehlen, was ich zu essen wünsche, und am nächsten Morgen um zehn Uhr kämen die fürstlichen Kinder zu ihren Stunden. Kaum war sie in ihrer geräuschlosen Weise verschwunden, so bestellte ich Tee, der bemt auch nach einiger Zeit erschien, sich aber als derart ungenießbar erwies, daß ich voll Dankbarkeit die mir von Mrs. Dalrymple aufgedrungene Spiritusmaschine hervorholte und mir selbst ein vortreffliches Getränk braute, das wirklich den Namen Tee verdiente und mich sehr erfrischte. Hierauf beschäftigte ich mich mit Auspacken und Ordnen meiner Sachen, ohne mich durch das von der Galerie heruntertönende Zischeln und Flüstern stören zu lassen.
Wie viel Augen mochten mich wohl von dort oben belauschen? Auch in meinem Zimmer befanden sich die Fenster hoch oben in der Wand. Ich konnte also weder in den Hof hinuntersehen, noch ein Streifchen blauen Himmels oder die Gipfel der grünen Palmen entdecken. Ich war von Sonne, Luft und allem, was sich in der Außenwelt befand, abgesperrt. Würde ich ein solches Dasein auf die Dauer ertragen können? fragte ich mich während des Auspackens. Nein und ja, antwortete ich mir. Nein, wenn ich mir die Augen der alten Rani, das Grunzen des „Hexenmeisters" und die Schar der neugierigen Weiber vorstellte — ja, wenn ich an das Gehalt, an der kleinen Rani Gindia freundliches Gesicht und an Mr. Thorolds ermutigenden Zuspruch dachte.
Plötzlich entdeckte ich unter meinen Koffern auch einen großen Pack neuer Bücher, und stürmisch klopfte mir das Herz, als ich Mr. Thorolds kräftige Handschrift erkannte. Nim lautete meine Antwort entschieden „ja".
15.
Meine drei Schüler, der Radjah Kodappa und seine Schwestern Lucksmi und Varuna, waren recht gelehrige kleine Geschöpfe und durchaus nicht so schwer zu lenken, wie ich gefürchtet hatte. Ihre anfängliche Zurückhaltung wurde bald von der Meugierde besiegt, näheres über mich, mein früheres Leben und die vielen, ihnen neuen Dinge, die mich umgaben, zu erfahren. Es war nicht leicht, den Strom ihrer Fragen von meinen Händen, Schuhen und meiner Schreibmappe abzulenken. Eine Füllfeder und vor allem meine Guitarre erregten ihr besonderes Entzücken, und nur durch das Versprechen, ihnen später darauf Vorspielen zu wollen, konnte ich einige Unterrichtsstunden zu stände bringen.
Das älteste Mädchen war klug, lebhaft und von scharfer Beobachtungsgabe, aber zugleich ein naseweises Zier- äffchen. Die fünf Jahre alte sanfte, aber etwas schläfrige Varuna versprach einmal eine Schönheit zu werden, wäh-


