Ausgabe 
30.4.1904
 
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Samstag den 30. April

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1904. Hlr. 64.

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(Nachdruck verboten.)

Zm Fakak der Aajah.

Roman von B. M. Croker.

Genehmigte Uebertragnng von A. Vischer.

(Fortsetzung.)

Drückende Hitze herrschte; es Mar etwa ein Uhr: offenbar die Stunde Mo alle lebenden Wesen in tiefem Schlafe lagen. Schüchtern irrte mein Blick über das riesige graue Gebäude, das mir plötzlich den Eindruck eines fürchterlichen, im Schlummer versunkenen wilden Meres machte.

Endlich öffnete sich die eisenbeschlagene Türe und eine große ältliche Frau in dunklen Gewändern erschien. Sie hatte stechende schwarze Augen, mit denen sie mich ver­schlingen zu wollen schien, dann aber verneigte sie sich tief und sagte auf englisch:Bitte, kommen Sie mit mir."

Laut dröhnend siel die große Tür hinter mir ins Schloß ausgesperrt war der Sonnenschein, und abgeschnitten von der Außenwelt befand ich mich im Innern des riesigen Palastes, wo ich eine Welt für sich finden sollte, eine Welt voll Jntriguen und Tyrannei.

Der luftige Raum, den wir betraten, gehörte offenbar zu den Prunkgemächern. Der Boden war vollständig mit dem weißen Baumwolltuch Dosutt ausgelegt, ungeheure Kronleuchter aus geschliffenem Glas hingen von der Decke herab, und dazwischen baumelten zwecklos eine Menge bunter Krystallkugeln. Die Wände waren mit den roh gemalten Bildnissen der Vorfahren des jetzigen Radschah bedeckt: meist reichgekleidete Reitcrgestalten, deren Pferde edelsteinbesetzte Staatsgeschirre trugen. Eine Garnitur ver­goldeter, mit gelbem Atlas bezogener Polstermöbel bildete die Haupteinrichtung, und, möglichst ins Auge fallend, war ein massiv silberner Tisch aufgestellt. Allein trotz aller Pracht machte der Raum selbst in dem matten Lichte, das von den hoch oben in der Wand angebrachten Fenstern herabfiel, doch einen unsauberen, verwahrlosten Ein­druck.

Immer weiter folgte ich der großen, schlanken Frau, deren Füße so lautlos über den Boden hinglitten, daß ich das Gefühl hatte, als würde ich von einem Gespenst ge­führt. So kamen wir noch durch drei ähnliche, in mattem Glanze fchimmernde Zimmer, und schließlich in einen, un­geheuer großen Saal mit Marmorfußboden und riesigen, in eine altertümliche, bunt schillernde Stuckarbeit einge­lassenen Spiegeln.

Der Audienzsaal", murmelte meine Führerin in leicht herablassendem Tone, während sie mich eilig hindurch­geleitete.

Bisher hatte ich nirgends auch nur das leiseste Zeichen von Leben zu entdecken vermocht; es war, als schritten wir durch Dornröschens schlafversunkenes Schloß. Endlich gelangten wir in einen langen, von schmalen Fenstern er­leuchteten Gang, stiegen eine breite, ebenfalls mit tveißem

Baumwolltuch belegte Treppe hinauf und kamen auf einen Vorplatz, auf den eine Menge Zimmer mündeten. Ich warf einen Blick in eines derselben und bemerkte ganze Haufen von Kissen und Matten darin. Wer noch immer ging es weiter im schwachen Dämmerlicht über Gänge, Treppen und durch ganze Reihen leerer Räume, bis ich plötzlich aufgefordert wurde, in ein Eckzimmer von anfehnlicher Größe und Höhe einzutreten, dessen Fußboden prächtige; Teppiche bedeckten. Dort ruhte auf einem gelben Atlas- kissen eine hübsche, jugendliche Gestalt, die mir grüßend mit der Hand zuwinkte und auf einen schäbigen Rohrstuhl deutete, der offenbar zu meinem Gebrauch hereingestellt worden war.

Sie stehen vor der Rani Gindia, der Mutter ©einer Hoheit", klärte mich meine Führerin in vortrefflichem Eng­lisch auf, und zu der Rani sagte sie:Hier ist die Frau."

Ihre Hoheit war ein hübsches Geschöpf ungefähr meines Alters mit sanftem, teilnahmlosem Ausdruck und schmach­tenden Augen; Zähne und Augenlider hatte sie nach Landes- sitte gefärbt. Trotz ihres Witwenstandes trug sie ein leuch­tend rotseidenes Gewand, Perlenschnüre um den Hals und ein überreich mit kostbaren Steinen besticktes Jäckchen. Den Leib umschloß ein mit Smaragden besetzter Gürtel, und viele Reifen von hohem Wert klirrten an ihren schönen Armen. Freundlich lächelte sie mir zu, während ich mich niederließ nnd das Gefühl hatte, daß ich von Rani Gindia nichts zu fürchten habe.

Allein sie war nicht das einzige hier anwesende weib­liche Wesen. In einiger Entfernung saß, vom Kopf bis zu den Füßen in weiße Gewänder gehüllt, ein hexenartig aussehendes altes Weib, das in finsterem Schweigen aus einer langen, edelsteinbesetzten Huka türkische Pfeife rauchte. Plötzlich wandte sie das Gesicht mir zu. Es hatte mehr das Aussehen eines gefangenen, irgend etwas Bos­haftes im Schilde führenden Raubvogels, als das eines menschlichen Wesens. Die Nase war stark gebogen, der Mnnd eingefallen, dabei hatte sie tiefschwarze Augenbrauen, während die Haare schneeweiß waren. Die Haut glich, gelbem Pergament, und die Augen mit dem heimtückischen Basiliskenblick erschreckten mich bis in den Grnnd meiner Seele. Diese entsetzliche alte Frau brach als erste das Schweigen, indem sie einige leise Bemerkungen in einer mir unverständlichen Sprache machte und daun . ,ernb den langen Schlauch ihrer Pfeife wieder aufnahm, als fei ich überhaupt nicht anwesend.

Sie sind also die englische Erzieherin?" fragte die junge Rani mit sanfter, leiser Stimme.Und Mr. Thorold, der Resident, wünscht, daß Sie den Unterricht Seiner Hoheit und seiner Schwestern übernehmen?"

Ja, Hoheit."

Er hat viel Schönes von Ihnen zu sagen gewußt. Sie seien klug, aus guter Familie, jung und tugendhaft, auch zuverlässig. Eigentümlich aber ist es immerhin, daß eine Dame Ihres Standes und von Ihrer Schönheit sich