— 192
„Doll das ein Glicht sein? Es reimt sich ja gar nicht." Tas hat sie in Gedanken Laut vor sich hingesagt. Er fährt zusammen und steht sie fragend an:
„Sie meinen?"
„Ach", stottert sie verlegen, „ich — ich stenographiere nämlich auch, ja, ganz dieselbe Methode."
Er lächelt sie verträumt an.
„Sie stenographieren Ihre Dichtungen auch?'"
„Nein, nein", da muß sie doch wirklich lachen. „Dichten kann ich nicht, auch nicht die Spar, nur stenographieren."
„Ah so."
„Aber Sie, Sie sind ein Dichter, nicht wahr?" fragte sie beinahe ehrfurchtsvoll.
Einen Augenblick überlegte er,.
„Eigentlich — ja."
„Dichten Sie Viel?"
Sie ist etwas unsicher, sie weiß nicht so recht, wie man mit einem Dichter umzugehen hat.
„Ich bin oft in Stimmung und skizziere dann meine Empfindungen, aber ich führe wenig ans, dabei geht so viel Feines verloren. Die Skizze ist ja überhaupt das einzig Mahre, ebenso, wie in der Malerei."
Sie nickt eifrig mit dem Kopf — „man sollte eigentlich niemals über die Skizze hinausgehen, das Geleistete steht doch immer hinter dem Gewollten zurück, wenigstens bet Staturen, wie ich bin, die gleichsam ich weiß nicht, ob Sie mir da folgen können."--
„O, ich verstehe ganz gut, was Sie meinen, bei mir ist es auch so ähnlich, ich will mich natürlich nicht mit Ihnen vergleichen, aber — sehen Sie — in Gedanken da mal' ich immer die herrlichsten Bilder, und wenn's nachher .... Sie macht eine Handbewegung nach ihrer Baumgruppe hin. „Aber Wenns' auch nicht immer gleich was wird, man weiß doch, daß man es kann, daß es in einem ist und eines Tages schon zum Vorschein kommt, das Große, Herrliche, vor dem sich alle beugen müssen. Zu Haus nennen sie mich „das verkannte Genie", früher hab' ich mich schrecklich darüber geärgert, afber jetzt lach' ich nur in mich hinein und denke mir mein Teil. Die Hauptsache ist doch, daß man selbst an sich glaubt und sich auf seine Kraft verläßt; meinen Sie nicht auch?"
Er sieht sie ganz erstaunt an und vergißt, zu antworten. Sie hat eine verwandte Saite in seinem Innern berührt, denn, was die Kleine da in ihrer naiven Ausdrucksweise schildert, hat er auch alles gedacht, gefühlt und erfahren. Nennen sie chn daheim nicht auch „Goethe in Taschenausgabe" und heißt er bet den Kollegen nicht der „Unterdichter"? Ja, auch er wird verhöhnt, verspottet, und verkannt, und auch in seine Not hinein leuchtet das verheißungsvolle „eines Tages". Aber was weiß schließlich so ein junges Mädchen von wirklichen Kämpfen, wie er sie zu bestehen hat, und wogegen all das andere nur Nadelstiche sind. So am Seziertisch stehen in einer ekelhaften Atmosphäre, die Hände blutbefleckt, die Gedanken in leuchtender Ferne, und dann sich zusammennehmen, die Lunten Träume aus dem Gehirn jagen müssen, kühl überlegen, scharfdenken, aufmerken und Wissen einpumpen, damit die Maschine einmal selbständig durchs Leben laufen kann, durch den grämlich-grauen Alltag hin, bis zur Endstation des großen Nichts. So eine Dichterseele war für den Weg durch Leben eigentlich nur ein Ballast. — Gewiß, dichten durfte er schon, aber dann sollte er auch was ordentliches schreiben: nette, lustige Gedichte oder ulkige Prosa für Bierzeitungen und dergl., alles andere war Quark. Er hatte extra stenographieren gelernt, damit sie ihm nicht so ohne weiteres in sein Heiligstes hineintappten. Lieber alles in sich verschließen, den Most im Dunkeln sich in edlen Wein verwandeln lassen, unerkannt bleiben bis zu dem Tage---
Tas junge Mädchen an seiner Seite räuspert sich, er ieht sie an, sie schlägt errötend die Augen nieder. Was ie wohl hat? — Tas scheint auch so eine zarte Seele, >ie wrüde gewiß Verständnis für ihn haben. — Sie beißt auf ihrem Bleistift herum, und sieht den jungen Dichter mit einem fragend-bittenden Blicke an.
„Ach, würden Sie nicht so freundlich! sein, — ich meine — ich interessiere mich nämlich so furchtbar für Poesie — wenn es nicht so unbescheiden wäre, — so möchte ich gern wissen, was Sie da geschrieben haben", kommt sie seinen geheimsten Wünschen entgegen. Er kann es kaum fassen.
also wirklich ein Miensch verlangt Nach seinen Geistes- werken. Beglückt lächelt er sie an, zieht aber dann gleich darauf weltschmerzlich die Mundwinkel wieder herab, wie sich das für einen modernen Lyriker geziemt.
„Eigentlich lese ich meine Stimmnngsstudien nie tior# wenn es Ihnen jedoch Freude macht — ich bemerke aber im voraus, daß es eben nur Andeutungen, nur--
„O, das macht nichts, bitte, bitte, lesen Sie."
Ta kann er natürlich nicht widerstehen. Er hustet ein paarmal, hohl und dumpf, gleichsam zur Staffage, macht nervös die große Geberde nach der fehlenden Stirnlocke hin^ preßt die Ham> gegen das klopfende Herz und beginnt mit müde schleppender Stimme:
Sonnengeflirr, zitternder Schatten Tanz — Hinweggenißt vom goldenen Strahlenmund
Tas mächt'ge Schwarz, des Dämmers ödes Gran ? Zn meiner Seele wächst ein Frühlingsbaum;
Zn seinen blühenden Zweigen
Frohlocken tausend Vogelkehlen — . . $
Um mich träumt Morgenstille.
Von blauen Augen leuchtend durchwacht r-- Sonnenfunken spielen kosend
In braunen, duftenden Haarwellen —
Ter Wind wiegt die Bäume,
Sie neigen sich „Ihrer" jungen Herrlichkeit, t—
Und ich?--- '
Tie tausend jauchzenden Vogellieder
Aus den Zweigen meines Frühlingsbaumes
Quellen über meine Lippen
Und durchklingen die leuchtende Weite —
Ich aber trinke den Tau köstlicher Rosen,
Tie purpurn mir entgegen glühn —
Meine Arme breite ich weit, weit
Das ewige All an meine Brust zu drücken.--
Seine Wangen glühen, die Augen strahlen, und die Stimme, die den müden Ton fallen gelassen hatte, erklang znm Schluß jugendlich begeistert, denn er hat sich an seiner eigenen Schöpfung berauscht. Jetzt sieht er verlegen seine Gefährtin an.
Sie ist ein wenig verwirrt, verstanden hat sie das alles wohl, und gefallen hat es ihr auch, außerordentlich gut sogar, aber — nun, er hat es ja vorhergesagt. — Die blauen Augen und die duftenden, braunen Haarwellen bezogen sich natürlich auf sie, doch ob die roten Rosen das wäre eigentlich ein bischen — nein, dazu hat er kein Recht, dieser fremde, junge Mann — aber schön war's doch, so zart und poetisch, wenngleich es sich nicht reimte. Er hat ohne Zweifel riesig viel Talent. — „
„Ich danke Ihnen", sagt sie herzlich und greift schüchtern nach seiner Hand, „es war wundervoll."
Er ist wie im Traum. Ein Mensch, der ihm für seine Verse dankt, sie wundervoll nennt. — Das ist kein kleines Mädchen, kein halbes Kind mehr, es ist ein tief empfindendes Weib, das, wie er, den göttlichen Funken in der Brust trägt. Auch sie wird den Weg hinauffinden, wenn ihre Bäume auch heute noch nicht ganz gerade stehen; sie wird sich durchringen, durchkämpfen, das liest er in ihren leuchtenden Augen, hört es aus dem Klang ihrer hellen Stimme. Und dann werden sie sich vielleicht eines Tages wiederfinden, dort oben an den singenden Quellen unter den Lorbeerbäumen. _.L_: ............i ■
Festrittsel.
Nachdruck verboten.
Du Glanz von Himmelshöhen, Weckst neue Hoffnungslust.
Auch hab' ich Dich gesehen Auf mancher Menschenbrust.
Davor, was sie entringet, Dem Mund in Lust und Leid.
Das holde Ganze bringet Uns weihevolle Zeit
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Merkrätsels in vor. Nr.r Karfreitag.
Redaktion; August Göb. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu llniversttiitS-Buch- und Cteindrnckerei. R. Lange, Gießen


