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„Nein, ich danke; ich kann sehr gut gehen", antwortete ich kurz.
„Mas Ihr Gepäck anbelangt", fuhr er, sich um- schauend, fort, „so werde ich die kleineren Stücke nachher holen lassen. Tie großen Koffer können hier bleiben; sie stehen hier vollständig sicher, da niemand dieses Haus betritt, seitdem der letzte Hausverwalter gestorben ist. Kommen Sie jetzt, bitte."
Und indem er mit der einen Hand sein Pferd führte und mit der anderen die Laterne trug, machten wir uns, den Krankenträgern folgend, auf den Weg.
Es sah aus, als gingen wir in einem Leichenzuge. Ter Mond schien nicht, dagegen war der violette Himmel mit Sternen übersäet. „Mein Stern ist jedenfalls jetzt nicht im Steigen", sagte ich zu mir selbst, als ich vom tankelnden Firmament auf den rauhen Pfad niederschaute. Ta befand ich mich nun in der Gesellschaft gerade des Mannes, dem ich vor allen andern aus dem Wege zu geben wünschte, und folgte ihm in Ermangelung eines andern Obdaches in ein Pestlager!
Hin und wieder nur unterbrach er unser Schweigen mit einer kurzen Bemerkung oder Frage.
„Es ist ein unangenehmes Gehen hier im Tunkeln, und wie unwirtlich wird Ihnen erst dort alles erscheinen". Er zeigte auf die in Sicht kommenden dunkeln Umrisse niedriger Hütten. „Mrs. Manuel, die Frauenärztin, wird sich Ihrer annehmen, auch können Sie die Mahlzeiten zusammen einnehmen. Sie ist eine Eurasierin, denn ihre Mutter war eine Jndierin. Tas wird Ihnen hoffentlich Nicht unangenehm sein?"
„Richt im geringsten".
„Sie ist eine kluge, gewandte Frau. Ta sie jedoch von kleiner und unscheinbarer Gestalt ist, so hat sie wenig Autorität über ihre Untergebenen, während diese an einer Engländerin stets emporsehen. Sie werden also die Autorität, jene die Erfahrung für sich haben. Sie müssen eben sehen, wie Sie sich am besten miteinander zurechtfinden."
„Ich werde mein Möglichstes tun. Ist sie der einzige Arzt in diesem großen Lager?" Tenn beim Näherkommen sah ich, daß es die Ausdehnung einer Stadt hatte. Lichter schimmerten, Stimmen wurden laut, und die Luft war vom Geruch scharfer Tesinfektionsmittel erfüllt.
„O nein, wir haben einen vorzüglichen indischen Arzt, der jedoch die Jrauenabteilung nicht zu betreten wagt; überdies hat er schon alle Hände voll zu tun. Tagegen ist bei den Frauen ein Apotheker, namens Erasmus, der dort die Ordnung aufrecht erhält. Sehen Sie, dort, wo die Tragbahre niedergestellt wird, ist sein Reiche Wenn es nach meinem Willen gegangen wäre und ich wenigstens ein Paar dürre Ochsen und einen elenden Karren hätte auftreiben können, so würde Ihr Fuß Yellagode niemals betreten haben.
Mittlerweile waren wir vor eine offene Türe gekommen, aus der ein Lichtstrahl fiel und auf deren Schwelle ein wohlbeleibter, grauhaariger Eurasier in Mütze und' Hemdärmeln stand. Er war augenscheinlich bei seiner Mahlzeit gestört worden, denn mit noch vollem Munde schrie er in erregtem Tone heraus:
„Ist die Krankenschwester aus Bombay gekommen?"
„Nein, Erasmus, es ist eine freiwillige Pflegerin", antwortete mein Führer. „Ihre Ajah ist oben im Postbungalow erkrankt; dort wird sie eben gebracht." Er zeigte aus die Tragbahre. „Miß Ferrars aber hat ihre Tienste bet der Pflege der Frauen und Kinder angetragen."
„Hm, hm." Noch^ ganz von seiner Enttäuschung erfüllt, musterte er mich so mißtrauisch-, daß ich meines ganzen Mutes bedurfte, um seinen scharfen Blicken standzuhalten. „Haben Sie Erfahrung?" fragte er barsch.
„Nein, aber den besten Willen."
„Verschiedene Leute wünschen Sie zu sprechen, Mr. Tho- rold", fuhr Erasmus fort. „Lauter dringende Angelegenheiten."
„Gut, gut, dann überlasse ich diese Tame also jetzt Ihrer Obhut. Sie muß sofort geimpft werden und etwas zu essen bekommen. Brtten Sie Mrs. Manuel, daß sie sich ihrer annimmt. Gute Nacht, Miß Ferrars. Ihre Sachen werde ich sogleich hierherbringen lassen."
Mr. Thorold zog die Mütze und eilte Hinweg.
(Fortsetzung folgt.)
Verkannte Genies-
Von Josepha Metz.
(Nachdruck verboten:) (Schluß,)
Wie köstlich der feuchtwarme, herbe Erdgeruch und die goldene Sonne. Wie eine Mutter schlägt sie den warmen Strahlenmantel um ihr Erdenkind, daß es aufjauchzt in schimmernden Blüten. Das Mädchen wirft den Kopf in den Nacken und atmet' tief auf. Wie die Vögelchen trillern und dann wieder so heimlich zwitschern, als hätten sie sich, wer weiß was für große Geheimnisse anzuvertrauen. Und gar erst die Kinder, wie die auf dem Spielplatz lachen, man kann es kaum aushalten. Wenn es einem nicht wirklich o ernst wäre mit der Kunst und einem das abscheulich chwere Zeichnen nicht wirklrch, so viel Freude machte — o einmal auf den Kinderspielplatz hinüberlaufeu und chnell mal das süße, blonde Zwillingspaar abküssen, das eben Morgen da spielt. — Aber so was tut man ebech nicht, die Kunst fordert Opfer und man kann sich nicht früh genug tat Entsagen üben, wenn man den dornenvollen Weg zur Höhe hinauf will. — Herrlich- sich so durchs- zukämpfen und dann dort oben zu stehen, königlich-huldvoll Rosen und Lorbeer entgegenzunehmen von der Welt, die einen so lange verkannt hat. — Ach- wenn nur erst die langweilige Handelsschule mit der doppelten Buchführung und all den uninteressanten Dingen überwunden wäre, das hemmt sie alles nur in ihrem sreien Aufstieg. — Hätte gi doch wenigstens Kindergärtnerin werden dürfen, aber Utter meint, die Kinder würden niemals Respekt vor ihr haben, Respest, bei dem Worte muß sie immer an etwas langes, ödes, graues denken. Respekt, — als ob der nötig wäre; mit Liebe kann man viel mehr erreichen. — Liebe. — Ob sie wohl je tat Leben die richtige Liebe kennen'lernt? Hübsch ist sie, das weiß sie wohl, hat es oft genug gehört; wenn sie nur nicht so klein wäre. Immer hetßt es: „Hüb- cher Käfer, niedliches Mädel, wenn das mal ausgewachsen ft" — und, ausgewachsen ist sie nun bald. Ein Martyrium t diese Kleinheit, wenn man dabei eine Natur hat, wie te. Keiner nimmt sie ernst, alle denken, sie sei noch; ein Kind. Wer das nicht kennt, kann sich gar nicht vorstellen, wie schrecklich das ist — Die Schwestern sind alle so groß. Else wird sich wohl nun mit Herrn Kühl verloben, er hat eine gute Stellung, aber sonst — sie würde ihn nicht nehmen, so einen Mann, der für nichts Interesse hat, er ist noch nicht einmal in der Nationalgalerie gewesen. Für Mutter ist es gut, die wird dann eine los; blieben zwar immer noch genug: Lotte, Mieze, Lilly und sie selbst. Ach, bis die Liebe zu ihr kommt, kann sie noch manches Hauptbuch vollschreiben. Das heißt — die Liebe könnte ja auch "ial außer der Reihe gehen, vielleicht kommt sie eher zu. als zu Lotte, Mieze. — Ach, dann würden die andern doch nur lachen, und so über alles erstaunt sagen: „Was, das Kind wollen Sie heiraten, Herr so und so?" — Wenn sie zu Hause wenigstens ihre künstlerische Begabung anerkennen wollten, ccher die ließen sie gar nicht gelten. Sie durfte sich nur heimlich mit ihrer Kunst befassen, wie ein Kind mit einem verbotenen Spielzeug. Doch nur nicht den Mut verlieren, ihr Talent wird sich schon Bahn brechen, und dann ist es noch viel schöner, wenn sie sich alles elbst zu verdanken hat. „Self made-Künstlerin" steht dann päter in ihrer Biographie, und: „Sie opferte ihren Morgcn- chlaf, um sich früh, bevor sie zur Handelsschule ging, in >en Tiergarten zu schleichen und dort nach ber Natur zu zeichnen. Ohne Unterricht ist sie weit hinauf nein, hat sie sich so weit empor — na, das ist ja Sache -ihres Bw- graphen. — Himmel, wie sehen ihre Bäume aus, die sind nur noch windschiefer geworden, das kommt davon, wenn man in den hellen Tag hineinträumt. —
Sie läßt das Skizzenbuch sinken, fährt mit o.a Hand über die glühende Stirn, stretcht ein Löckchen, das über dem Ohr herabhängt, zurück und seufzt tief auf. Mitten int Seufzen hält sie erschreckt inne und blinzelt zu dem Dichter hinüber, den sie beinahe vergessen hätte. Dieser blickt so selig lächelnd auf ein vom Spielplatz verirrtes Butterbrotpapier herab, als ob es zum mindesten das große Los wäre. Ten Schreibblock hält er so, daß sie ein Paar Zeile; entziffern kann r
----purpurn mir winken
E-: — — Arme breite ich weit, weit
tr--- — ew'ge All au meine Brust zu dtüchen. —


