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„Ehrlich! Jawohl, und geht mit einem Ochsenfuhrwerk durch! Uebrigens haben die Eingeborenen eine solch wahnsinnige Angst vor Pest und Cholera, daß auch her treueste Diener davor entflieht, ohne sich lange zu besinnen . . . Sehen Sie, dort drüben glimmt noch sein Feuer. Wahrscheinlich ist er ins Torf gegangen, um Oel und Mehl zu holen, und als er den Stand der Dinge merkte, ist er hierher zurückgekehrt und mit dem Fuhrwerk entflohen, ohne Ihnen ein Wort zu sagen. Daß er das Fuhrwerk mitgenommen hat, ist das allerschlimmste. Wie wollen Sie nun nach Dafsi kommen? Hier können Sie unmöglich bleiben."
„Allerdings, und doch kann ich auch nicht fort. Das ist wirklich entsetzlich!"
„Ich muß gesteben, es wundert wit&, daß Ihre Bekannten nicht Erkundigungen einzogen, ehe sie Sie diesen Weg einschlagen ließen."
„Ach, es waren die besten, gütigsten Menschen, die es geben kann", antwortete ich warm. „Mrs. Evans starb vor acht Tagen, und ihr Mann mußte nach England reisen, und trotz seines schweren Kummers dachte er an mich und gab mir seine Ajah, seine Tonga und seinen Kutscher zur Begleitung mit."
„Und nun h at die Ai ah, dieses arme Ding, die Pest! Wohnten Sie lange bei dieser Familie?"
„Zehn Monate. Die ganze Zeit, seit. . ." Errötend hielt ich inne.
„Seitdem ich Sie zuletzt sah", fuhr er unerschütterlich fort.
„Ich will Ihnen einen Vorschlag machen", erklärte ich plötzlich „Nehmen Sie mich mit in Ihr Lager und übertragen Sie mir den freigewordenen Posten der Krankenpflegerin."
„Ein mutiges Anerbieten, das muß ich sagen, aber natürlich vollständig unannehmbar."
„Warum denn unannehmbar? Jedenfalls verlange ich, daß man mich die Ajah pflegen läßt, denn sie ist meiner Obhut anvertraut. Uebrigens habe ich schon oft gehört und gelesen, daß Europäer nicht so leicht angesteckt werden, und. . ."
„Miß Smith war eine Europäerin", unterbrach er mich,; „eine Engländerin wie Sie."
„Der Blitz schlägt nicht zweimal auf dieselbe Stelle", antwortete ich zuversichtlich „Ich möchte sehr gern Miß Smiths Stelle einnehmen. Ich bin jung, gesund, willig und verstehe wenigstens etwas von der Krankenpflege."
„Und wenn Sie nun die Pest bekommen?" gab er finster zurück. „Nein, ich kann die Verantwortung nicht auf mich nebmen. Sie müssen unbedingt von hier fort." Seine Stimme nahm einen fast befehlenden Ton an.
„Andere bekommen die Pest doch auch nicht: Sie zum Beispiel", widersprach ich mit erzwungener Ruhe.
Nun wandte er sich mir plötzlich ganz zu und sah mich scharf an. „Miß Ferrars, Sie wissen nicht, was Sie verlangen. Sie haben nicht den leisesten Begriff von all dem Entsetzlichen, was Sie hier zu sehen bekämen, von der schweren Arbeit und der fortgesetzten Nervenspannung und Aufregung, der Sie ausgesetzt wären. Sie sind an solche schreckliche Bilder nicht gewöhnt. . . Nein, nein, davon kann keine Rede sein", schloß er entschieden ablehnend.
„Vor dem, was andere Leute aushalten müssen, scheue auch ich nicht zurück. Hier bietet sdch mir Gelegenheit, Gutes zu tun und mich nützlich zu machen; meine Gegenwart ist wünschenswert. . ."
„Sie werden aber nicht gewünscht", entgegnete er ungeduldig.
„Mcht von Mr. Thorold, aber von leidenden, unglück- ichen Menschen. Sie sagten ja vorhin selbst, daß es Ihnen o sehr an Personal mangele. Hier ist der richtige Platz ür mich, und ich werde ihn mir nicht rauben lassen."
„Wenn ich nun aber meine Einwilligung nicht gebe?" antwortete er kalt.
„Aus Ihr Gewissen hin frage ich Sie: haben Sie das Recht ,meine Dienste zurückzuweifen? Mcht Ihre persön- lichen Vorurteile dürfen hier in Betracht kommen, sondern die Bedürfnisse jener armen Geschöpfe."
„Nicht nur das Wohl der Kranken, sondern auch! das Ihrige habe ich zu bedenken. Miß Ferrars. Sie, ein Mädchen, das wohlbehütet im Hause seiner Verwandten in England aufgewachsen ist, verlangen von mir. daß ich Ihnen erlaube, Ihr junges Leben in die Grxuel und Gefahren eines
Pestlagers zu stürzen, aus dem Sie gealtert und traurigen, bedrückten Herzens wieder hervorgehen würden?"
„Gar so sehr altern werde ich in den paar Monaten doch wohl nicht", widersprach ich fast spöttisch.
„Und wie ist es mit Ihrer Stellung in Punah? Glauben Sie, daß einer Dame viel daran liegen -wird, eine Gesellschafterin bei sich aufzunehmen, die aus einem Pestkranren- hause kommt?"
„Es ist ja gewiß sehr freundlich von Ihnen, sich um meine Angelegenheiten zu bekümmern, warum machen Sie aber mit mir, der Ihnen gänzlich Fremden, so viele Umstände?"
„Weil es meine Pflicyt ist und . . . weil ich nicht anders kann", lautete oie freimütige Antwort.
„Nein, Sie können allerdings nicht anders!" entgegnete ich triumphierend. „Sie müssen mich ins Lager aufnehmen und mir für eine Beschäftigung sorgen". Ich schwieg einen Augenblick, dann fuhr ich immer eindringlicher fort: „Sie haben wirklich kein Recht, mein Anerbieten abzulehnen. Fortschicken können Sie mich nicht, und ebensowenig mich hier allein bei den Ratten und ohne Nahrung zurücklassen. Sie müssen doch selbst einsehen, mir bleibt nichts anderes übrig als das Lager."
„Ja, ich sehe ein, daß mit Ihnen nicht zu rechten ist, und daß Sie entschlossen sind, Ihren Willen durchzusetzen! Folgen Sie also Ihrem Kopfe. Sie müssen sich dann aber impfen lassen . . ."
„Natürlich! Sechsmal, wenn Sie wollen", lautete meine kühne Antwort.
„Sie werden im Frauenspital angestellt werden. Tas Essen ist derb und einfach, die Arbeitsstunden sind lang und schwer. Zudem werden Sie die Tyrannei unseres Apothekers zu fühlen bekommen."
„Es ist gut, daß Sie mir dies alles sagen, Jin übrigen erwarte ich natürlich keinen Luxus; ich bin auf alles gefaßt."
„Auch die Pest können Sie bekommen und sterben."
„Menn das der Fall sein sollte, so sterbe ich wenigstens für eine gute Sache!" entgegnete ich stolz. „Ich stehe allein aus der Welt. Mein Leben hat für niemand Mert; ich habe weder Eltern noch nahe Verwandte. Niemand würde mich betrauern, und überdies bin ich alt genug, einen selbständigen Entschluß zu fassen. Ich habe mich nur vor meinem eigenen Gewissen zu verantworten."
„Sie sind in der Tat eine selbständige, entschlossene, junge Dame. Wenn aber aucb sonst niemand etwas daran liegen sollte, mir wenigstens ist es nicht gleichgiltig, ob Sie sterben oder nicht."
Hochmütig sah ich ihn an. Sollte er es wagen, unter diesen ernsten Umständen mit mir zu scherzen? Endlich sagte ich:
„Bitte, suchen Sie nicht mit Gewalt Schwierigkeiten hervor, da es nun doch einmal mein Wunsch ist, mich nützlich zu machen. Ich bin kräftig und habe den besten Millen. Während der letzten Monate habe ich häufig meine Freundin, Mrs. Evans, gepflegt; die Ajah könnte für mich sprechen."
„Tas kann sie jetzt nicht einmal für sich selbst. Es ist ein ernster Fall. Wenn Sie eine Geschwulst hinter den Ohren entdecken, so ist das stets ein schlimmes Zeichen"
„Und was für Mittel wenden Sie an?"
„Frische Luft, gute Nahrung, Wärme und Wasseranwendungen und sorgfältigste Pflege. Mehr können wir nicht tun. Tie Eingeborenen freilich glauben die Krankheit mit nächtlichen Prozessionen oder einem wütenden Ritt auf einem Büffel zu besiegen. . . Doch hier kommt endlich die Tragbahre", fügte er hinzu, als wir ein Licht sahen und gedämpfte Stimmen in der Nähe vernahmen.
Noch hatte er kaum zu Ende gesprochen, als die Tragbahre ins Zimmer gebracht und auf den Boden niedergestellt wurde, worauf die Träger und Mr. Thorold die Ajah in die Höhe hoben, während ich die Kissen und Decken in Ordnung brachte und ihr versicherte, daß ich sie nicht verlassen werde. Sie lag jedoch in tiefer Betäubung und verstand meine Worte wohl kaum.
Nachdem die Männer dann mit ihrer Last in der Tunkelheit verschwunden waren, wandte sich Mr. Thorold wieder zu mir. „Tas Lager ist zwei Meilen von hier entsernt. Können Sie so weit zu Fuß gehen, oder wollen Sie sich! auf mein Pferd setzen; W ist müde und ganz sicher."


