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sie keinen Sonnenstrahl durchlassen, führt, dunkel wie ein Tunnel, durch einen Oelwald am Hause vorbei und in sanfter Steigung hinauf zur Villa Mondragone, einem steinernen Koloß, der über einen wahren Berg von Terrassen wie ein graues Ungetüm hingewälzt liegt. Ter Palast ist zu gewaltig, um schön sein zu können.
Schön ist unsere andere Nachbarin, die Villa Fal- conieri.
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Heute sollst Tu zur Strafe für Deinen Verdacht, daß ich nichts anderes als weltlich sein könnte, allerlei Häusliches erfahren.
Mr haben von unserem Riesentrain nur einen Teil mitgeschleppt, da der Prinz — es ist so geschmacklos, immerfort von seinem „Gatten" zu reden — viel häufiger in Rom als hier ist, und viel weniger ohne den Pariser Küchenchef existieren kann als ich, die ich nur esse, um nicht zu verhungern — wie mancher nur notgedrungen lebt, um nicht sterben zu müssen.
Leider kommen zum Lunch und zum afternoon-tea täglich Leute. Man ist nämlich so liebenswürdig, zu behaupten, daß ohne Deine blondhaarige, grauäugige, lilien- fchlanke, blütenweiße Viviane Rom nicht Rom sei.
Ich lese es Dir, meine süße Herrliche, vom Gesichte ab, wie sehr Tu Dich über mein „leider"'wunderst: „Leider kommen Leute . . ."
Auch ist Vs wunderlich! Nichts auf der Welt ist mir so gleichgiltig, so langweilig, so unbequem wie die Menschen; und ich könnte doch ohne sie nicht existieren. Ich finde die meisten Frauen der römischen Gesellschaft eitel und dumm, die meisten Männer eitel und brutal. Und bei fast allen kommt es schließlich auf das eine, einzige heraus: auf das Häßliche, das Trostlose, das Gemeine. . .
Tina, Tina! Ist es denn wirklich wahr, daß die beiden Geschlechter die Pole sind, um die die Erde sich dreht?
Also Tu siehst, wenn die Prinzessin von Sora nicht in die Welt geht, so geht die Welt zur Prinzessin von Sora. Und zwar kommt sie mit ihrem ganzen Klatsch, ihrer ganzen Erbärmlichkeit bis in die einsame, große, herrliche Eampagna zu mir heraus.
Ich weiß in der Villa Daverna genau, welche von den Damen der großen Welt ihren zeitweiligen Freund und welche von den Damen der Halbwelt ihren augenblicklichen Besitzer wechselte.
Ick versichere Dich: die römische Gesellschaft ist lediglich die Fortsetzung eines endlosen Romans von Zola.
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Ich bin wirklich ein gutmütiges Ding — bisweilen wenigstens. Meine Kammerfrau ist nämlich so geschmacklos, mich zu adoriereu; und bisweilen gestatte ich ihr, ihre Empfindungen auszudrücken
Gestern bei der Nachttoilette, als ich mein langes weißes Babykleid an hatte, löste sie mein Haar, wickelte mich darin ein, stellte aus der einen Seite eine von den Lilienvasen neben mich und aus der anderen eine hohe, brennende Wachskerze. Es war sündhaft; aber ich mußte zu dem Heiligenspielen dock lächeln, worüber meine Pariserin vollends in Entzückung geriet.
Ob ich wohl eitel,, sehr, sehr eitel bin?
Hand aufs Herz, kleine Viviane! . . . Ich bin überzeugt, Tu bist eitel, sehr> sehr eitel.
O, Madonna mia!
Und dann wiederum: Nein, nein!
Für wen sollte ich wohl eitel sein?
Etwa für den Prinzen?
Er besticht meine mich vergötternde Kammerfrau und läßt meine Toiletten für seine Maitressen nachmachen; und diese Damen kleiden sick einmal in ihrem Leben wie eine anständige Frau, anstatt daß wir eine von diesen Damen imitieren.
Oder wäre ich etwa eitel für andere Männer?
Ich bin seit meiner Heirat noch keinem Manne begegnet, der mir nicht — für einen Augenblick wenigstens — in irgend einer Weise widerwärtig erschienen wäre, saß ihm sein Frack auch noch so vorzüglich, sprach er ein auch noch so superbes Pariser Französische, und waren sonst seine Manieren die eines tout grand Seigneur.
Also bin ich eitel für mich selbst?
Ja, ja, und tausendmal ja!
Es gibt auf der Welt eines, was ich unsinnig liebe: Schönheit! Ich werde niemals unglücklich sein können, und
zwar aus keinem anderen Grunde, weil Unglück etwas Unschönes ist. Wenn ich mein kurzes irdisches Leben — und betrüge es nur die Spanne eines Jahres — mit der aller- höcksten Schönheit ausfüllen könnte, so würde ich bctfiV' meine ewige Seligkeit hingeben.
Findest Tu das sehr frivol?
(Fortsetzung folgt.)
Plaudereien aus der Kaissrstadt.
(Nachdruck verboten.) Leopold in Berlin. — La bella Olero im Wintergarten. — Die „schöne Helena" tut Opernhaus des Westens. — Vom „Lustigen Blatter "-Ball. — Bahnhofskrähwinkeleien in Berlin.
Unter den Ehrengästen des Kaisers an seinem 45. Geburtstage, der infolge der überstandenen Halserkrankung des Herrschers auch in den verschiedensten Kreisen der Hauptstadt einige Grade lebhafter gefeiert wurde, befanden sich neben dem überaus sympathisch begrüßten Großherzoglich Waden'scken Fürstenpaare, dem Könige von Sachsen, auch der König der Belgier, Leopold, oder wie ihn der Volkswitz wegen seiner Pariser Beziehungen getauft hat: Cleopold. Ich weiß nicht, ob es in Europa irgend ein Land gibt, in dem sich dieser König jener Beliebtheit erfreut, die das Volk hohen Persönlichkeiten von Verdienst oder Charme gern entgegen zu bringen pflegt. Jedenfalls ist er in Berlin nichts weniger als populär, und die „lebhaften Hochrufe" bei seinem Entpsange auf Bahnhof Friedrichstraße sind auf Hallucinationen überreizter Reporter-Ohren zurückzuführen. Das Publikuin war still und drückte dadurch auf gemessene Art die allgemeine Stimmung gegen einen Monarchen aus, dessen Charakterbild so stark von den Vorstellungen äbweicht, die deutsche Köpfe von einem Fürsten nun einmal hegen. Die beinah vollen fiebert Jahrzehnte sieht man dem Belgier übrigens kaum an. Freilich so jung hält er sich nicht, wie die schöne Cleo mit den halb überkämmten Ohren, die zu einer richtigen europäischen Mode geworden waren, und auch nicht wie deren ebenso schlanke wie vorurteilslose Rivalin: la belle Otöro, die just im Wintergarten wieder ihre Reize und ihre Diamanten zeigt. Der Reklame-Apparat dieser Brettl-Diva, der ihr jeweiliges Auftreten mit tausend Tamtamschlügen begleitet, ist so ziemlich das Aufdringlichste, was sich aus diesem Gebiete leisten läßt. Ganze Feuilletons über ihre Triumphe, ihre Geschmeide usw. werden in verschiedenen Zeitungen inseriert und nach Möglichf- keit so zu plazieren gesucht, daß der gutgläubige Leser an eine Publikation der Redaktion denken soll. Es fehlt nur noch, daß an jedem Ringe, jeder funkelnden Agraffe, jedem Blitze sprühenden Armband erzählt wird, welcher tolle Großfürst oder spleenige Millionär sie ihr als Tribut dereinst geliefert haben. Es gibt boshafte Menschen, die behaupten, ihr Landsmann Ton Juan sei ein rechter Waisenknabe gegen sie. Jedenfalls zeugt es nicht für die Höhe des Berliner Geschmacks, daß eine „Künstlerin" dieses Rufes noch immer als Zugkraft ersten Ranges für unsere beste Varietsbühne gelten kann. Freilich deckt sich der Berliner Geschmack da durchaus mit dem Pariser. Aber es ist doch nur ein schlechter Trost! — Wie sich die Pariser Offenbach's übermütige „schöne Helena" vorführen lassen, hat uns in vergangener Woche das „Theater des Westens" gezeigt. Direktor Prasch hatte die gesamte Ausstattung dazu von einer großen Pariser Bühne erworben, und brachte nun diese Operetteuperle mit ihrer berauschenden Musik in einer für Berlin ganz unerhörten Pracht auf die Bretter. Tas Publikum bereitete der mit so viel Opfern und verständnisinnigem Fleiß einstudierten „schönen Helena" die günstigste Aufnahme, und wird, da dieses Theater bekanntlich als Berlins feuersicherstes gilt, diese Vorstellung sicher zu einer hohen Wiederholungsziffer konimen lassen. Ein paar kräftige aktuelle Schlager darin wären freilich nicht vom Nebel; aber „aktuell" ist momentan verpönt, und mitten in den Beyerlein'scheni „Zapfenstreich" hinein wird von besorgten Korpsvätern das Signal zum Sammeln geblasen. Schlimme Taugenichtse, die sich aus solchen warnenden Zeichen der Zeit nichts machen, sind die Maler der „Lustigen Blätter", die auf dem Ball der „Lustigen Blätter", der diesmal im Zeichen des „Familienbades" stand, allerlei boshafte Anspielungen verbrochen hatten. Man sah da nicht nur die


