Ausgabe 
30.1.1904
 
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Mas sagst Tu zu meinem letzten Parfüm? Es wird in Paris eigens für mich destilliert und darf nicht in den Handel kommen, was mir, en Parenthese, ein Vermögen kostet. Ich lasse den märchenhaften Tust nach einem alten Rezept herstellen, ivelches ein blutjunger Gelehrter, der so weise ist, Seine kleine unbedeutende Biviane sinn­verwirrend reizend zu finden, in der Vatikanischen Biblio­thek aufgestöbert hat. Es soll das Haarwasser der Luerezta Borgia geiuefen fein.

Ist das nicht pikant?

Tir jeden Tag meine bescheidene, aber wahrhaftige Konfession zu machen, ist mir hier auf dem Laude bereits so zur Gewohnheit geworden, wie dies in Rom meine tag­tägliche Korso fahrt war. Auch die Weltlichste von uns muß auf der Welt wenigstens einen einen Menschen haben, vor dem wir unsere Seele entkleiden können:

Hülle für Hülle, Schleier auf Schleier, bis wir zuletzt dastehen, nackt und bloß, ohne Schande und Scham, so schön oder so häßlich, wie der Himmel uns schuf.

Uebrigens möchte ich mich selbst in diesem tiefsten döshabillö nicht sehen.

Tenn trotz all' Deiner Moralpredigten ahnst Du nämlich noch immer nicht, was für ein ungeheuerliches winziges Mesen ich bin..

Es liegt etwas in mir!

Vielleicht etwas sehr Hohes und Herzliches könnte Vieser oder jener meinen, vielleicht etwas sehr Schlimmes und Schreckliches meine ich selbst.

Tenn ich selbst werde mir mehr und mehr bewußt, daß ich aus Neugierde etwa fähig wäre, irgend eine Untat zu verüben.

Ich will Dir von meiner Frivolität ein Beispiel geben. Stelle Tir vor: ich hätte einen Menschen unsinnig lieb; und dieser Mensch stürbe; und ich wäre bei seinem Be­gräbnis halb von Sinnen, ganz in Verzweiflung.

Und an der Leiche dieses beliebtesten aller Menschen fiele mir plötzlich etwas sehr Komisches ein.

Ich bin heilig überzeugt, daß ich laut auflachen würde.

Vielleicht nehme ich tags darauf Gift vielleicht!

Aber laut auflachen wurde ich trotzdem.

Ist das verbrecherisch, oder ist das einfach verrückt?

Ich wünschte, ich könnte Messen lesen lassen aus Dank­barkeit gegen den Himmel, weil ich keine Kinder habe und weil ich meinen Mann verachte.

Es möchte sonst einmal fürchterliche mit mir !cerben.

Vielleicht besitze ich gar kein Talent zur Liebe, oder zur Leidenschaft. Und Talent muß der Mensch zu allem haben selbst zum Glück... Es würde mich grausen, Entsetzen toüwe mich packen, sollte ich bei mir plötzliche ein Talent zu einer dieser merkwürdigen Empfindungen entdecken müssen: so, wie ich nun einmal bin!

uns

wie

Dir

Eben darum will ich nichts lieben, nichts glauben.

Ich will nicht!

Ich habe solche Angst, weil ich mich kenne und wiederum ganz und gar nicht kenne.

Es ist so unheimlich.

Ich fürchte mich vor mir selbst, als Ware ich mein eigenes Gespenst.

Tu- willstalles" über die Villa Taverna hören? . . .

Ich versichere Dich: immer!

Ich möchte mein Haus so einrichten, genau so, ich in meiner geheimsten Seele bin, die ich weit vor ausschließe soweit ich eben kann.

Ist es nicht vollständig einerlei, wo wir leben? Was bedeutet eine Wohmmg, wenn wir doch immer in selbst bleiben müssen?

Vermutlich würde es dann sonderbar bei mir aus­sehen; und meine strenge sittsame Madame Charme würde über so vielRaffinement" bedenklich ihr schönes Haupt schütteln.

Stosse müßten mich umschimmern, Farben mich um­lodern, die wie könnte ich's nur ausdrücken, damit Tu mich verstehst? ... Es müßte wie Musik sein, wie leise, süße, weiche, alle Sinne bestrickende, wollüstige Musik.

T »zwischen grelle Mißtöne, Seufzer, Schluchzen, ein schriller Jammerlaut

Alles um mich müßte sein wie der Tust einer exo­tischen Murner schwer, schwül, betäubend, berauschend, sinnverwirrend, eine brausende Symphonie giftiger Wohl­gerüche.

Um nun wieder in die Welt der Wirklichkeiten zuriick- zukehren, so höre hier einiges über die Villa Taverna- Borghese bei Frascati, zwölf Meilen von Rom.

Es ist ein altes, häßliches, kastenförmiges, jedochhisto­risches" Gebäude; denn irgend ein berühmter Kardinal aus dem sechzehnten Jahrhundert hat das Landhaus gebaut und irgend ein großer Papst aus der Familie Borghese hat es bewohnt. Es gibt, glaube ich, nur einen Borghese, der Papst war? Du weißt, wie ungebildet wir Römerinnen sind.

Tas Haus ist ein Durcheinander von Hallen, Zimmern, Sälen und Korridoren; und ein halbes Dutzend amerika­nischer Nabobs könnte sieb mit all dem antiquarischen Krims­krams seine Paläste ausstatten. Aus meinem Salon ließ ich alles hinauswerfen. Ich ließ den, Plafond von Eurem famosen Walter Craue ausmalen, die Wände mit nilgrünem Atlas tapezieren, darin in natürlicher Größe silberne Ma- rienlilien eingewirkt sind, und der abscheuliche Ziegelstein­boden wurde mit einem mattvioletteu Smyrnateppich und darüber ausgebreiteten weißen Bärenfellen bedeckt. Mein Divan besteht in einer mysteriösen Aufhäufung von allerlei Weichem und Warmem, Weißem und Schimmerndem, denn ich werde hier sicher noch im Mai frieren.

Bereits im Kloster waren, wie Tu weißt, die stillen bleichen Madonnenlilien meine Lieblingsblumen. Ich schrieb Tir wohl, daß mein Gatte so höflich war, in unserem Palais neben meinem Boudoir ein eigenes Lilienhaus erbauen zu lassen, damit ich den ganzen Winter über von den hohen, schlanken, frommen Blumen umblüht würde. Unser römischer Gärtner schickt täglich eine Sendung heraus; und ich lasse die Lilien in sehr schönen, alten Japaner Bronzen riitg§ um meine Polster aufstellen, sodaß Euer himmlischer Burne-Jones selbst Deine blasse, wnuderholde Biviane als Madonna unter Lilien" verewigen könnte. Dazu stelle Dir vor: ich kleide mich jetzt ausschließlich in Weiß; und zwar in einer Manier, die mir gestattet, von mir behaupten zu dürfen:La mode ceft moi \

Tu willst immer noch mehr über unser neues Frasca- taner Home hören?

Ich entdeckte hier bei mir einen neuen Sinn: den Sinn für Natur.

Lächle nur, boshafte Madame Charme!

Erinnere Dich übrigens, wie ich bereits in unserem Heiligtum über Form und Farbe einer Blume, über die Gluten des Abendrotes auf dem schwarzen Stamm einer Steineiche; oder wie unser bunter Klostergarten allmählich in Dämmerung und Nacht versank, geradezu in Ekstase ge­raten konnte. Und einmal beschrieb ich Dir ein Feld, blut­roter Anemonen unter silberhellen Oelbäumen so wunder­voll, daß Tu damals behauptetest: Deine eitle, rein äußer­liche, nur an Weltlichkeit denkende, nur für Weltlichkeit lebende Biviane wäre ein Stück atmender Poesie : nur ein Stücklein.

Im Ernst, Liebste! Ich sehe hier nicht allein die fromme Schönheit meiner Lilien; sondern auch die biblische Größe der römischen Landschaft.

Ich bin hier nämlich ganz umgeben von ^ihrer feier­lichen Pracht, darin eingehüllt gleich einer Kaiserin in Purpur.

Wenn ich auf meiner Schwanendecke unter meinen Blumen die Stunden verträume, so erblicke ich durch das breite Fenster in einem fast schwarzen Rahmen von Stein­eichenzweigen das Bild der weiten, weiten Steppe. Sie ruht so stolz unter mir wie ein mächtiger, toter Herrscher, und ist so einsam wie ein großer Mensch.

Wunderst Du Dich nicht, was für Gedanken mitunter durch mein Köpfchen gaukeln? Tenn was weiß ich kleine Dame aus der großen Welt von einsamen, großen Menschen.

Hinter der Billa erstreckt sich ein verwilderter Garten, darin ein Museum von Antiken aufgestellt ist. Ein langer, tiefschattiger Weg wird zu beiden Seiten von prachtvollen Sarkophagen besetzt, in denen jetzt Rhododendren und weiße Kamelien blühen. Eine Reihe von allerliebsten flut b er» särgleiu habe ich eigenhändig mit meinen lieben, blassen Lilien bepflanzt. Es ist wirklich wunderhübsche.

Ter Garten stößt an eine Pinienwiese, die jetzt dicht voll violetter Anemonen steht. Tie rotbraunen, schlanken Stämme der schönen Bäume erheben sich über dem bunten Teppich wie Porphyrfäulen. Eine Allee uralter Stein­eichen, deren Wipfel so ineinander verwachsen sind, daß