Samstag den 30. Januar
-M
(Nachdruck verboten.)
Wlla Jalconreri.
Von Richard Voß.
Zweiter Band.
(Fortsetzung.)
Ist das nicht artig von Deiner niedlichen Viviane, daß sie alle ihre Sünden zu Dir trägt?
Ich sage Dir: meine Sünden werden einstmals Legion sein. Doch Du bist ein Meer von Erbarmen.
Ich will sündigen, damit Tu Dich üben kannst, barmherzig zu sein.
*
Uebrigens hat Deine „Unverbesserliche"" nicht einmal mit den Wimpern gezuckt, als wir schon jetzt, beinahe mitten im Winter, in Villeggiatur gingen: „aus Rücksichten für meine stark angegriffene Gesundheit". Ich huste nämlich seit Ende des Karnevals und färbte mitunter das Taschentuch mit einem höchst interessanten Rot. Mein tief besorgter Gatte bestand darauf, mich in meine ländliche Verbannung zu begleiten.
Tu siehst, wir können auch ritterlich sein.
Zum Glück liegt die Villa Taverna nur eine Viertelstunde von Frascati; und Frascati mit der Bahn nur fünfundvierzig Minuten von Rom. Mein tief besorgter Gatte kann also bequem in einem gewissen, entzückend möblierten Villino vor der Porta Pia soupieren und sich am nächsten Tage beim Lunch nach meinem Befinden erkundigen.
Auch beginnt schon im April, gleich nach den Rennen bei den Capannelle, die Wachteljagd.
Mas mich betrifft, so will meine Kammerfrau, für die ich — trotzdem sie eine echte Pariserin ist — beinahe eine Heldin bin, einige neue Frisuren probieren.
Also ist hier draußen auch für meine Zerstreuung hinreichend gesorgt.
*
Ob ich lese?
O ja!
Mas ich lese?
Natürlich Romane! Französische Romane — natürlich! Könnte eine Mondaine überhaupt etwas anderes lesen?
Ich habe bei meiner Lektüre eine interessante Entdeckung gemacht:
Mir Ehefrauen der großen Welt sind lediglich deshalb verheiratet worden, um früher oder später die Ehe zu brechen.
Es kommt nur darauf an, mit wem? Und das ergibt gewöhnlich ein Zufall.
Sollten wir jedoch das Unglück haben, plötzlich unser Herz zu entdecken und einen andern Mann von ganzem Herzen zu lieben — was sage ich? Einen andern Mann
anzubeten, für ihn zu verderben und zu sterben, so nützt uns — jetzt gib wohl acht! — so nützt uns, damit wir wieder geliebt werden und womöglich wieder geliebt bleiben, weder unsere Schönheit, nocb unsere Güte; weder unsere Empfindung, noch unsere Liebesgewalt. Nicht das allergeringste nützen sie uns!
Tenn dergleichen sind für den modernen Mann Empfindsamkeiten, Geschmacklosigkeiten, Unbequemlichkeiten.
Aber — Tu gibst doch gut acht? — der von uns geliebte Mann wird uns wieder lieben, wird uns „ewig" lieben, uns endlos begehrenswert finden, wenn — wir die Kunst, zu lieben, verstehen: l'art de l'amour! Ich muß es wirklich französisch sagen . . . Auf unsere Kaprizen kommt es an, auf unsere Koketterien, auf unsere kleinen und großen Raffinements. Lediglich darauf!
Nicht unsere Anmut und unser Geist sind maßgebend; sondern der Esprit, mit dem wir Konversation machen, die Grazie, mit der wir in unserem Salon empfangen. Bist Tu nichts anderes, als eine liebenswürdige und dabei anständige Frau, so wirst Tu in diesem Liebeskampfe rettungslos verloren sein; siegen darin wirst Tu mit Hilfe Teiner exquisiten Parfüms, Deiner faszinierenden Negliges, Deines ganzen perfekten — oder perversen Chic."
Ob wir eine schwarze oder blaßrote Corsage tragen, kann unser Schicksal entscheiden; und die Art, mit der wir durch einen Salon schreiten, unsere Handschuhe knöpfen, unseren Fächer hinlegen, uns in einen Fauteuil schmiegen, kann uns unter Umständen den Geliebten erhalten, oder uns um ihn bringen.
Glaubst Tu mir nicht, so frage bei den Franzosen an: sie wissen Bescheid. Sie kennen die Männer und — helas! — sie kennen uns Frauen.
Kennen sie uns wirklich?
Tina, ach Dina! Wenn sie uns wirklich kennen sollten, wenn wir wirklich so sind, wie sie uns schildern — so müssen sie uns verachten.
Wir werden es nicht besser verdienen.
*
Gestrenge holdselige Beichtmutter — jeden Tag mache ich Tir meine kleine herzige Konfession; und am Ende der Woche packe ich meine ganze irdische Sündhafigkeit fein säuberlich zusammen, kuvertiere und adressiere sie zierlich, drücke mein wunderhübsches Siegel darauf und schicke den ganzen reizenden Pack Weltlichkeit, als kostbares Gut rekommandiert, der Herzogin Vere de Vere nach London. Und ist der dicke, dicke Brief glücklich auf der Post, fühle ich mich aller Sünden los und ledig; denn:
Tu absolvierst mich gewiß!
Gefällt Tir mein neues breites Schreibpapier: couleur mauve, mit der Lebensdevise in mattem Taubengrau: „Nichts lieben — nichts glauben!"
Und findest Tu die Idee der Kamee auf meinem Siegelring: „Amor mit einem Totenschädel spielend", nicht geradezu allerliebst?!


