Ausgabe 
29.10.1904
 
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langsam zu fetten Bonrgois wurden. Und nun sollen alle diese Herrlichkeiten ein (Silbe haben. Gemach, es wird nichts so heiß gegessen, als es gekocht wird! Etliche dieser Drunter- und Trüberbrettl haben sich schleunigst in Klubs mit geschlossenen Räumen und festen Mitgliedern verwandelt; andere haben die Konzession nachgesucht und in einem Falle auch schon erhalten. Man wird etwas zahmer werden, bis der Sturm sich gelegt hat, und alsbald vergnügt weiter mimen. Wer es aushält, kommt über den Berg!

Auch Gerhart Hauptmanns SchmerzenskindFlorian Geher", das vor acht Jahren im Deutschen Theater erbarmungslos nieder­gejohlt imirbc, hat beit Sturm überdauert, den damals gehässige Gegner inszenierten. Am vorigen Samstag konnte es bei Otto Brahm, der inzwischen ins Lessingtheater übergesiedclt ist, eine siegreiche Auserstehung feiern. Hauptmann ist freilich vorher mit tapferer Selbstkritik an sein Buch herangegangen, hat das Vorspiel geopfert und eine Reihe langatmiger Szenen gekürzt. Aus manchem Saulus ist mit der Zeit auch ein Paulus geworden. Seine Gemeinde ist ganz wesentlich gewachsen, da man endlich in den Mürchenschöpsungen vonHanneles Himmelfahrt" und derVer­sunkenen Glocke" den echten Poeten erkannt und den köstlichen Humor desBiberpelz" verstehen gelernt hat. Trotz aller Ova­tionen, die dem Dichter an diesem Abende zuteil wurden und ihm für den einstigen Tag der Schmach als Entschädigung wohl zu gönnen waren, istFlorian Geyer" aber doch immer noch nicht als ein gutes Bühnenwerk anzuerkennen, wenn es auch als großes und schönes Buch gelten darf. Einzelne Schönheiten treten in der spannungslosen Handlung auf der Bühne wohl lebendig zu tage. Ter Gesamteindruck bleibt künstlerisch uner­quicklich und nur der Hauptmannianer saus Phrase wird das nicht zugestehen wollen. Aber diese einseitigen Herren sind in ihrem Urteil ebenso belanglos, wie des Dichters geschworene Feinde. Rosenrote Gläser taugen für gesunde Augen genau so wenig, wie die rauchgrauen. A. R.

Theodor Fontane als Theaterplandercr

Fast zwei Jahrzehnte hindurch war Fontane ständiger Referent derVoss. Ztg." in Berlin für das Kgl. Schauspielhaus, in einem Amte, das ihni die Sorge um das tägliche Brot aufge­zwungen hatte, dem er dann aber mit ganzer Hingebung, mit all seiner Ursprünglichkeit und Gefühlstiefe, Geradheit und Wahr­heit, dem er mit rührender Pünktlichkeit oblag. Aus deut in vier dicken Folio-Aktenbündeln, deren Bogen mit altem, vergilbtem Zeitungspapier beklebt waren, aufgespeicherten Schatz seiner Kri­tiken hat nun bie pietätvolle Bemühung seiner Familie und litera­rischen Nachlaßverwlater ein Tritteil des Hervorragendsten und Charakteristischsten gewählt und jetzt in einem stattlichen Band von fünfthalbhundert Seiten unter dem TitelCauserieen über Theat er" (F. Fontane & Co., Berlin) gesammelt, ein prächtiges Zeugnisvon dem Wesen des Dichters, von seinem beweglichen Geist, seiner phantasievollen Beredsamkeit, seiner bildhaften Weisheit, seiner Art und Kuicht, seinem leuchtenden und wärmenden §itmor" nicht zuletzt. Mit ihm verklärte er auch den Tadel und bie Bedenken, die er schweren Herzens' denn er zweifelte an seinem Urteil immer wieder, und es schmerzte ihn, verletzen zu müssen gegen Werke und Persönlichkeiten aussprach. Seiner nichts verschweigenden, wenn auch vieles be­gütigenden Aufrichtigkeit war nichts mehr zuwider alsflaues Lob" oderstupider Enthusiasmus" So muß er sich denn bald nach Beginn seiner Kritikerlaufbahn gegen den Vorwurf der Voreingenommenheit verteidigen und klagen:Wenn man mir doch glauben wollte, daß ich lieber lobe als tadle. . . daß ich Ieitie_ Freunde und keine Feinde habe ,und daß mir lediglich die Sache am Herzen liegt! Man gebe niir Gutes, und ich werde nicht kritteln und nräkeln." Wenn aber das Maß von Fehlern voll sei, so müsse er es sagen.Ich bin nicht dazu da, öffent­liche Billetdoux zu schreiben, sondern die Wahrheit zu sagen."

Dennoch hält den französisch-ritterlichen Mann auch seine in tiefem Pflichtgefühl gefestigte Sachlichkeit nicht ab, solange irgend die Möglichkeit besteht, sich in den Grenzen der Höflichkeit zu bewegen, ward sie auch manchesmal von Blitzen des Sarkas­mus . durchzuckt. Wenn aber arrogantes Unvermögen ihn reizte, so lieft er seine ganze märkische Derbheit walten. Wer ihm gegen diesen Ton dann Einwendungen machte moderne, unehr­liche Zimperlichkeit hat dafür den KunstausdruckBerrohnng" beliebt, dem antwortete er, in einer Kritik der achtziger Jahre: Es ist furchtbar billig und bequem, immer von den Anstands­verpflichtungen der Kritik zu sprechen; zum Himmelwetter, er­füllt selber erst durch Eure Leistungen diese Verpflichtungen. Tas andere wird sich finden. Wie's in bett Walb hineinschallt, so schallt's 'wieder heraus!"

Gerade in solchen Kernsätzen prägt sich die Phantasiestärke, die Drastik seiner Anschauung, die Originalität seiner saftigen Sprache am besten aus; wenn er z. B. denOberhof" der Birch- Pfeiffer ein Vorstadtstück nennt, dessen Linien wie mit einem Regenschirm in den Sand gezeichnet seien. Sein Kolorit sei das eines Bilderbogens, wo sich das Vaumgrün über die Köpfe und das Grasgrün über die Stiefel ergießt. Prachtvoll wird ein

geschichtliches Trauerspiel" Rud. v. Gottschalls' mit folgender Parodie abgefertigt:Tas ganze Stück ist eine dramatisierte Turn- und Sängerfahrt mit aufgelegtem Fäßchen und Redepro­gramm. Erste Nummer (Festrede):Gott schuf den Deutschen und freute sich". Zweite Nummer:Sie sollen ihn nicht haben." Trittens:O Straßburg." Viertens:Die deutsche Maid." (Deklamation unter gütiger Mitwirkung einer Blondine.) Fünftens : Wiederholung der Festrede. Zu gütiger Beachtung: Rückfahrt 9y3, der Zug halt bei Station Finkenkrug" (einem beliebten Ans- flugsort bei Berlin). lieber einen Schauspieler wird bemerkt, er kenne nicht vollkommene Abrundung und innerlichste Trangabe, kein Rechnen, Abwägen und Distanzieren;er setzt einfach donnernd seine Kugel auf und wartet ruhig ab, ob der Kegeljunge (die Kritik)alle Nenne" oder blosSandhase" ruft." Immer ist Fontane bemüht, über die bloße kritische Redensart hinaus' etwas zu sagen, was der Leser mit einer bestimmten Vorstellung begleiten kann. Tas machte seine Kritiken demAltberliner", dessen Lieblingsblatt dieVoß" war, wert; wie wertvoll sie als ein Ganzes betrachtet waren, das sah wohl keiner als der im gefälligen Ton der Causerie gegebene Ausdruck um­fassender Welt- und Menschenkenntnis, reifer Künstlerschast, edler Lebensanschanung; das macht erst die nun erfolgte Gesamtausgabe mit ihrer glücklichen Wahl und Anordnung eindringlich. Dem getreuen Eckehart des Kgl. Schauspielhauses, mit dessen Leben und Traditionen Fontane sich verwachsen fühlte tote wenige, wird dieser Band derCauserien" manch neuen Bewunderer zuführen; der Freunde viele, die sein Geist,-sein Herz, sein Witz immer neu erfreut. (Münch. Neueste Nachr.)

* Geistesarbeit und Schlaf. Wie sehr die geistige Leistungsfähigkeit durch die Dauer des Schlafes beeinflußt wird, läßt sich aus Versuchen eines Würzburger Forschers, Tr. Wey- gandt, ersehen deren Ergebnisse die Münchener nteb. Wochen­schrift nach einem Vortrage Wehgandts niitteilt. Es wurde vor oem Einschlafen, also im Zustande geistiger Ermüdung, dann während des Schlafes in gewissen Abständen, und zwar eine halbe Stunde, eine ganze Stunde, zwei, drei bis sechs Stunden nach dem Einschlafen und schließlich am Morgen nach dem vollständigen Erwachen eine geistige Arbeit geleistet. Dabei ergab sich, daß für eine leichte Arbeit, wie das Addieren einstelliger Zahlen, auch nach kurzer Schlafzeit die vorherige Ermüdung einfach ver­schwunden schien, so daß hier der 'erste Schlaf von einer halben oder einer ganzen Stunde schon hinreichend erholend gewirkt hatte, während für eine schwierigere Aufgabe. wie sie durch die Merkfähigkeitsprüfung des Auswendiglernens von zwölfstelli­gen Zahlengruppen repräfentiert war, nur allmählich im Laufe der Nacht sich die nötige Erholung einstellte. Im wesentlichen scheint die Erholung der Tauer des Schlafes zu entsprechen, so daß selbst nach sechs st ündigemSchlase immernoch nicht .so viel geleistet werden konnte wie nach einer vollständig, etwa acht Stunden durchschla­fenen Nacht.

Neue Wüchek.

Frauenkalender für das Jahr 1905. Hrsg, vom Verein Frauenerwerb. (172 S.) Köln, Karl Fulde. 50 Pfg.

Tabak- und Zigarreen-Kalender 1905. (215, 29 S.) Hamm, Th. Otto Weber, geb. 1.20 Mk.

d e F o e, Toniel, Robinson Crusoe. Bearb. von Otto Zimmer­mann. (212 S. mit Bildern von F. H. Nicholson und Umschlag­zeichnung. Leipzig, Otto Spamer. geb.

Fontane, Theodor, (Sauferien über Theater. Herausgeber Paul Schleuthvr. (XX, 451 S.) Berlin, F. Fontane & Co.

Leonhardt, Mathilde, Papier-Blumen. Tie Herstellung künstlicher Blumen. (43 S. mit vielen Abbildungen und Tafeln.) Ravensburg, Otto Maier. 1.80 Mk.

Logogriph.

(Nachdruck verboten.)

Es ist darin ein Pärchen I Wie klingt es doch so sein, Mit Melodien fchineichelt Es in das Ohr sich ein.

Ist drin ein andres Pärchen, O welch ein grimmer Streit I Bald bringts ein Protokoll nur, Bald blutges Herzeleid.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Silbenrätsels in vor. Nr.r

Was vergangen, kehrt nicht wieder, Aber ging es leuchtend nieder, Leuchtet's lange noch zurück.

Redaktion: August Goetz. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchenUniversitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.