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mrr cm Deinen Pferden", unterbrach Ellinor schnell schlagfertig, boshaft, «Der scharf. „Demnach ist die kleine Frau Sei Mr, wenn nicht auf den Hund, so doch auf den Gaul gekommen. Gratuliere!" Und nun wieder mit girrendem Lachen, einer ganz besonders liebenswürdigen Neigung des schlanken Kopses, hob sie die Tafel auf. „Darum keine Kind- Mast, nicht. Mein Liebling? Ich bin nicht eifersüchtig,"
Abermals hatte sich Ellinor, und zwar mit dem letzten Worte, auch heute behauptet. Trotzdem blickte ihr der Rittmeister befriedigt nach. Er hätte doch keinen passenderen Gefährten für seine Stellungen und seine Bequemlichkeiten finden können, glich keinen passenderen Partner in den kleinen Reibereien, den einzigen amüsanten Zerstreuungen in der Oede seiner konventionellen Ehe.
Am anderen Nachmittag dann teilte der Rittmeister Harro mit, daß er und seine Frau sich so gern das !Ver- gnügen gegeben Hätten, Frau von Uran zu den Rennen mitzunehmen, daß aber seine Frau heute morgen tritt einer kranken Freundin nach Dresden gefahren sei, und daß sie beide nun als Strohwitwer gleich zusammen nach Berlin dampfen konnten. Me Nachricht traf Harro ähnlich einem Schlag. Mit Hilfe des gewohnten konventionellen Drilles jedoch murmelte er sofort etwas wie von Dank für große Liebenswürdigkeit, Bedauern usw., ganz, wie es am Platze war. Tie Reife nach Bierlin hatte die Erinnerungen an den Aufenthalt des letzten Jahres hier neu erstehen lassem Seme schließlich überreizte Leidenschaft hatte ihm Wünsche und Hoffnungen vor die Sinne gegaukelt, die in Kaltenburg unverwirklicht blieben. An der Betäubung, mit der ihn jetzt diese Täuschung niederdrückte, merkte er erst, wie groß seine Sehnsucht, sein Verlangen geworden, endlich einmal wieder, und wäre es auf eine Stunde nur, in ungestörter Sicherheit mit — Ellinor zu sein. Dann aber Mit einem Male richtete er sich in die Höhe, reckte alle Glieder. Ihm war, als fiele etwas von ihm ab'; er atmete leicht — immer leichter. Und mit leichterem Herzen als lange, wie Befreit von einem Druck, nahm er am andern Morgen einen beinahe zärtlichen Abschied von seiner jungen Frau. Im Wagenabteil saß er seinem Rittmeister gegenüber bei der Fahrt in die Hauptstadt, frei, fröhlich, wie lange nicht. Ist auch ein netter Kerl, mein Leutnant und Herrenreiter, dachte der Rittmeister mehr Benn einmal während sie dann durch die blühenden Lande flogen, ein heiter Wort das andere gab — ein netter, lieber Kerl, just, wie seine kleine Frau.
Damit war Jutta also wieder einmal allein. Doch Frau v. Greditz war diesmal nicht mit von der Parties Das ließ sie die Sache leichter nehmen. Wahrscheinlich wäre sie auch 'wieder ganz vergnügt geworden, hätte die einsamen Tage ganz heiter verbracht, wie jetzt manchmal schon, wenn nicht die lieben Freundinnen gewesen wären. Die aber stellten sich 'ein, um der armen, verlassenen Frau die Einsamkeit weniger einsam zu machen. Und nun gab mcuich ent erstauntes „Aha", ein bedauerndes „Oh", eine kleine, diskrete, harmlose Bemerkung leider nur zu geschickt tm Ausdruck: gleich dem Stäubchen in der Sonne, das in der Atmosphäre der Kaltenburger Gesellschaft herum- tanzte. Jutta wurde bald wieder ärgerlich, krittelig, unruhig, nufgtergt und nervös. Aber auch Harro war unruhig und nervös, als er wiederkam, und hätte doch alle Ursache gehabt, befriedigt zu fein, denn der Kommandeur und die Hexe waren beide als Erste durchs Ziel gegangen. Da nun die Kränze von Eichenlaub, Blumen und Napfkuchen, indem er öfter zum Rennen ging und Jutta dafür nicht immer tn Stimmung war, nicht länger zu seinem Empfänge in Szene gesetzt wurden, so hielt sich auch Harro nicht veranlaßt, eine große Wiedersehensfieude oder besondere Zärtlichkeit an den Tag zu eigen. Die arme junge Frau fühlte sich daher ganz geknickt. Noch aber verhielt sie sich still, denn sie fürchtete sich — sie wußte selbst nicht warum — ein wenig vor ihm. Sie meinte, er sei doch noch nie so scheußlich wechselnd in Stimmung und Laune gewesen. Dafür gab sie schärfer acht auf alles, was er tat, und Begann für sich zu spintisieren.
_ Es war am zweiten Tage nach Harros Wiederkehr. Ersaß neuen feiner Frau; doch seine Gedanken — Jutta merkte es wohl — schweiften weit ab. Natürlich, die Zeit war vorüber, wo ihr all sein Denken gehörte. Zuweilen nahm er einen Anlauf, als wolle er etwas sagen, brach jedoch immer wieder ab. Nasitrlich, seine kleine Frau, die ihm ihr ganzes Leben geopfert, zu unterhalten, das lohnte
sich nicht, toaHte es bitter in Jutta auf. Mehr als einmal war Harro heute zum Schreibtisch gegangen, hatte er eine Feder zur Hand genommen und wieder hingelegt. „Kommt denn heute keine Post?" fragte er endlich. Und sie werden doch nicht schreiben, zuckte es sofort durch Juttas Köpfchen. „Tu erwartest wohl ganz besondere Neuigkeiten?" fragte sie spitz. „Warum?" Eine lichte Lohe flog über sein junges, schönes Gesicht. „Hm, meinst Du, ich merke nicht, wie Du auf etwas wartest?" „Man wartet immer auf etwas", gab, er finster, doch vollständig kühl zurück. Wieder ward es eine Weile still. „Ich werde gehen", erklärte er da kurz. „Du — und die Greditz war doch in Berlin", fuhr Jutta dazwischen. Das Spintisieren hatte seine Wirkung vollendet.
Harro zuckte zusammen. „Wie kommst Du dazu, so etwas zu behaupten", donnerte er die junge Frau an. Sie erschrak über sich selbst. Und noch einmal !var es eine Weile still, man hörte nur den Atem in beider Brust. „Hast Du vielleicht Schulden?!'" wagte Jutta endlich, weniger folgerichtig für den Augenblick als für ihre Gedanken, die nach einer Erklärung für des Gatten Erregung und .Verstimmung suchten. „Du weißt ja, daß ich jetzt immer bei Kasse bin." Er lachte Bitter auf. Sie neigte das Köpfchen: „Ach, ich wollte Mich gern mit wenigem Begnügen, wenn Du nicht mehr reiten wolltest, sondern Bei mir blieBest." Nun lachte er aBer Bitterer noch. „Du — früher hast Du anders gedacht. Du--" Er brach aB, dann mit plötzlichem Auf
flammen: „Nee, und das ist ja auch noch das einzige, was einem die Oede des Ledens erträglich macht." Er nahm bie Mütze von dem Kleiderhalter und stürmte fort Und wieder geknickt, Bis in den Tod Betrübt und beleidigt faß die arme junge Frau da.
. (Fortsetzung folgt.)
Plaudereien aus der Kaiferstadt.
(Nachdruck verboten.)
Neue Denkmäler. — Zur Schließung der Cabarets. — Haupt- manns Schmerzenskind.
Seit einigen Tagen ist Berlin wiederum um zwei Denkmäler reicher, wenn nicht inzivischen auf irgend einem noch unbesetzten Platz etliche andere Bildhauerwerke enthüllt worden sind. Tenn in dieser Richtung sind wir überaus leistungsfähig an der Spree. Tas Standbild Albrecht von Roons, der als Heeresorganisator des alten Kaisers unsterblich geworden ist, zog schon seit einem halben Jahre die Blicke der Tiergartenspaziergänger auf sich. Monatelang war nämlich die untere Partie der Figur unverhüllt zu sehen und nur der Kopf erschien mit unförmlichen Tüchern umwunden. Tann plötzlich umbaute man das Denkmal mit einem Zaun; dafür aber ragte nun der jetzt von seinen Hüllen Befreite Kopf über die Planken, wie ein dräuendes Schutzmannshaupt . auf der Suche nach Ungesetzlichkeiten. Geschmackvoll war das nicht. Tas Denkmal ist eine Schöpfung Harro Magnnssens und gibt die Züge des Feldmarschalls in sehr lebendiger Weise iuieber. Tie Körperhaltung hat leider etwas Posiertes und entspricht nicht den Vorstellungen des Volkes von diesem schlichten Helden mit dem kernigen Wappenspruch: „Echt und recht in Rat und Tat!" Tas zweite Denkmal ist ein Reiterbild Kaiser Friedrichs, das bei der Einweihung des. Kaiser-Friedrich-Museums enthüllt wurde. Es steht vor dem Museum und ist von Rudolf . Maison modelliert. Brütt, der das Standbild* Kaiser Friedrichs im Tiergarten geschaffen, hat es vollenden müssen, da der Tod den Münchener Meister inzwischen abgerufen. Auch dieses Denkmal wird nicht zu den Kunstwerken ersten Ranges gezählt werden dürfen. Weder das Roß, das seltsamerweise im Paßgang cinher- 'chreitet, noch die Figur des Kaisers sind glücklich aufgefaßt. Ter Oberkörper ist entschieden zu gedrungen; der Gesichtsausdruck läßt die alle Herzen bezwingende, leuchtende Güte des edlen Fürsten vermissen. Tie Haltung ist schablonenhaft. Mau hat den Eindruck, als ob der geniale Maison in dieser Schöpfung allzn- ehr von fremdem Willen geleitet worden fei und daher seiner .lrsprünglichkeit weniger Raum geben konnte. Es fehlt denn auch , nicht an _ der allzeit mobilen Kritik der lieben Berliner. Freilich, hat die Polizei jene Statten, an denen dem herrschenden Geschmack auf den Gebieten der Kunst am unverfrorensten mitgespielt wurde, mit wenigen Ausnahmen geschlossen. Tie Berliner Kabarets, jene plumpen Nachahmungen des graziösen Parisertmns, sind durch einen Ukas des Polizeipräsidenten von der Bildfläche verschwunden. Es waren nach und nach in die 70 solcher Jnstitutchen entstanden, die statt der Eintrittsgelder einen Garderobenobulns von 1—2 Mark erhoben, um dem Konzessions- Paragraphen auf diesem Wege zu entschlüpfen. Ter Unternehmer bekam gewöhnlich außerdem Prozente vom Weinumsatz des Wirtes; denn Bier wurde in diesen allen Eindeutigkeiten gewidmeten Hallen nicht ausgeschenkt. Bier schafft keine Simmnngt und — kein Geld. Tas Geschäft blühte in manchen dieser Kabarets derart, dak bte unternehmenden Literatur- und Bühnenzigeuner


