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Zärtlichkeit ihres Gatten gegen sie selbst: Jutta hielt fest, daran, daß etwas zwischen den beiden sei. Und nicht gewöhnt, an sich zu halten, konnte sie das ihrem Mann aus den Kops sagen, geradezu, namenrlich, 'wenn sie sand, daß er von dem Reiten arg spät nach Hause kant, und ihr feines Rüschen etwas, ähnlich dem eigentümlich starken Parfüm Ellinors in ferner Nähe herumschnupperte. Harro geriet dann außer sich. Er wurde wütend, empört über solch solch einen Spürsinn am unrechten Ort. „Tu hast etwas mit der Greditz", beharrte jedoch Jutta in solchen Augenblicken, wie ein Kind, das sich nicht ablenken läßt. Und zum Schluß brach sie aus: „Gesteh' nur. Du warst bei ihr, Du liebst sie mehr als mich,," Und Harro mußte lügeu oder schweigen, wegen Ellinor, wegen seiner Frau. Und diese Lüge, das Schweigen, das nicht minder eine Lüge war, machten ihn noch wilder, empört gegen sich, gegen alle Welt. Diese Lüge, die in fein Leben gekommen, das ganze verlorene Leben, bedrückten ihn immer mehr. Er hatte Stunden, in denen er seine Leidenschaft gleich einem Verbrechen, einer Qual empfand; >— Stunden, in denen er eine Welt darum gegeben hätte, frei und in Ehren seinem Rittmeister, seinem jungen Weibe in die Augen zu sehen.
Wer Frau Ellinor hielt ihn in ihrem Bann. Sie hatte eme Art, ihm über die Stirn zu streichen mit der schlanken Hand, wenn er nach dem Reiten auf ein Stündchen hinauseilte oder sie sich sonst einmal unbeobachtet zusammen- sanden — eine Axt, über die Dinge zu philosophieren, zu kacheln — daß er sich 'vorkam, wie ein Ueberbleibsel aus der Rumpelkammer einer längst überwundenen Zeit. Sie verstand zu küssen, daß einem nur noch die Empfindung blreb, alles zu wagen für solche Lust. Und dann, wenn die beiden nach solchen flüchtig gestohlenen Minuten, oft nur Sekunden, die Gesellschaft wieder umgab mit ihrer Rücksicht und ihrem Zwang, und die Unterhaltung der weltgewandten Frau hier allen galt: Harro hörte es heraus aus jedem Scherz, jedem ernsten Wort, was davon allein Mr ihn bestimmt war, ob er auch jetzt eben abseits von ihr stand. Er hörte ihr girrendes Lachen, es erinnerte ihn an em Lachen, das noch viel süßer klang. Er sah das Neigen chres schlanken Kopfes, den bestrickenden Blick — es er- mnerte ihn, daß dieser schlanke, hohe Kops sich gegen! seme Must zu neigen liebte, — an den Blick, darinnen dre Taubenanmut zu lodernder FlamMe ward: Ihm, ihm ganz allein hatte sich diese nie ihre Fassung verlierende' ! mit allem spielende, alles meisternde Frau als ein in i —erdenjchaft aufgelöstes Weib geoffenbärt, dessen Glück wieder nur er allein bedeutete. Und er fühlte seine Adern schwelten, seine Nerven zittern in männlichem Stolz und männlicher Lust. Ja, Circe Ellinor hatte ihn gefangen, j er konnte nicht von ihr los. Wo blieben ihr gegenüber die öden Stunden seiner Häuslichkeit, die Misere feiner jungen ferje, die, unvermeidlichen tßte-a-Me mit seiner armen, klemen, süßen, doch so einfachen Frau.
Und doch, gerade, wenn er bewegt von dir Hochflut solcher Empfindungen, mit seiner Frau nach Hause kam und sie, jeden sGroll, jede Eifersiicht beiseite lassend, nur zärtlich, kindlich bat: ,Zarro, sei gut! Ich habe Dich lieb und bm Dein kleines, süßes Ding", ja, dann konnte es doch geschehen, daß ihn die Rührung übermannte und auch er freundlich und zärtlich ward. Merkwürdiger noch, daß es gerade dann mit wohltuendem Vergessen über seine Seele kam, ja, daß es ihn in die Arme feines Weibes triebf als gäbe es nur hier allein wieder Erlösung von einer Seligkeit, die er als Qual empfand, und Frieden für das, tooS er, trotz alledem, noch nicht ganz verwinden gelernt hatte. Und so kam es, daß Jutta, ob sie sich — nach eigenem Wortlaute, auch nicht beirren ließ, doch immer wieder I nuhige, freundliche, ja glückliche TaW sah, in denen sie I E Fatalitäten vergaß, harmlos und heiter erschien wie em Kind.
15. Kapitel.
So war der Winter vergangen, der Frühling kam ins Land, dre Rennen in Hoppegarten standen bevor. Kommandeur und Hexe, Herrenreiter Leutnant Freiherr v. Urem, toaren längst dafür angemeldet worden. Selbstverständlich gmgen mich Greditzens nach Berlin. Ob es nun auch ganz selbstverständlich erscheint, daß eine Frau Rittmeister auf freundschaftlichem Fuße Mit ihres Gatten Leutnant steht, dwser in Höflichkeit gegen die Vorgesetzte exelliert, ob' es durchaus nicht Ungewöhnlich ist, daß sich zwei Herren im |
I Sport zufammentün und dann auch ihre Frauen sich miteinander befreunden, sodaß man, wie es die Welt nennt, immer zusammensteckt; ja, ob auch niemand etwas bemerkt hatte: die Sonne bringt es an den Tag, sagt das Sprich- wort. Es gibt Ahnungen, Empfindungen, die gleich dest Stäubchen in der Luft herumfliegen, und wie diese in dex Sonne erst dem Auge erkennbar werden, erst durch einen! Zufall in das Bewußtsein treten. Um sich so gleichsam unter dieser Sonne zu Meinungen und Gedanken zu verdichten. Ob der Rittmeister doch wieder etwas skeptischer gegen seine Frau geworden war, ob er nur einer liebenswürdigen! Absicht folgte? „Elly", begann er eben, da er, wie üblich, mit seiner Frau nach ihrem guten, kleinen Diner beim Mokka saß. „Wir sollten Frau v. Urem einladen, mit uns zu reifen." Frau v. Greditz legte ganz gegen ihren gewohnten Schick den kleinen Wappenlösfel so schnell auf die zierliche Untertasse, daß dessel Gold und das Meißener Porzellan zusammenklangen.
Der Rittmeister knipste die Zigarre ab — dann, ivährendl er die Augen auf den kleinen Fingernagel seiner linken Hand gerichtet hielt, als gäbe es momentan für ihn nichts interessanteres, als diese Modeblüte — blickte er unter den gesenkten Lidern nach seiner Frau und erklärte weiter: ,^Ja, es war eigentlich nicht freundlich, daß wir Frau! v. Uran noch kein Mal mitgebeten haben — bitte, hole das also jetzt nach." Ellinors Augen erschienen eben dunkel, wie eine Nacht ohne jeden Stern. Sie ward blaß, ganz blaß, bis in die Lippen. Glücklicherweise machte da des Rittmeisters Windspiel Kittchen Miene, seine Siesta auf den Falten ihrer Schleppe zu halten. Es war nur natürlich, daß sie sich gegen eine solche Verwendung des heliotrop- farbenen Samtkleides wenden mußte und sich wehrend zil dem zierlichen Tier hinunterbeugte. Als sie den Kopf wieder hob, zeigte ihr Gesicht nur seine natürliche Blässe, hatte die gewandte Frau ihren Entschluß gefaßt: „Ja-, Haus- Joachim, ich weiß aber selbst noch nicht, " ob ich gehen werde —" „Wa—as — nicht möglich!" entfuhr es dem! Rittmeister erftannt. „Ja, habe ich denn noch nicht mit Dir darüber geredet? Pardon —" Wie sich besinnend, Mhr die weltgewandte Frau mit der Hand über die Stirn. „Mrs. Blakers wird in diesen Tagen in Dresden sein. Sie will dort einen Arzt, den berühmten — wie heißt er doch gleich — er kuriert die Menschen nur durch seine Unterhaltung. Merkwürdig, nicht? — Mrs. Blaker also hat mich gebeten, yerüberzukoMmen. Wir sind Jugendfteundinnen und haben uns in Ewigkeit nicht gesehen — ich muß — ja, ich muß ihr wohl den Gefallen tun —" „Hm", machte der Rittmeister, meinte aber doch, trotz dem girrenden Ton, mit dem feine Frau alles das erläuterte, bemerkt zu haben, daß ihr etwas gegen den Strich gegangen sei.
Fran Ellinor jedoch hatte wiederum Glück. Eben brachte die Post ein Telegramm, in dem ihr Mrs. Blaker mitteilte, daß sie, um die Freundin wenigstens 'einmal zu sehen, nunmehr nach Dresden über Kaltenburg fahren und hier ein paar Stunden bleiben wolle. Die Depesche war englisch abgefaßt. Des Rittmeisters Sprachkenntnisse reichten jedoch 'nicht viel weiter, als etwa den Stammbaum eines berühmten Pferdes zu entziffern oder die Bezeichnungen des Sports zu verstehen. So übersetzte denn Ellinor die englischen Hiroglyphen dahin, daß Mrs'. Blaker un- ttöstlich wäre, wenn sie, Ellinor, nicht mit ihr zusammen sein würde, und daß sie morgen über Kaltenburg fahren würde, um die Freundin mit sich zu nehmen. „Hm", machte abermals der Rittmeister. „Hätte gern der kleinen Urau solch 'nen Spaß gegönnt. Lieber, netter Kerl, die kleine Frau!" Ellinor hätte sonst wohl ein Achselzucken für diese Worte ihres Gatten gehabt. Eben aber war sie doch zu ärgerlich auf die kleine Frau, welche Schuld daran trug/ daß sie der Freundschaft ein Opfer bringen wollte, an welches sie sonst nicht gedacht haben würde. Denn ein Zusammensein mit Jutta in Berlin — das hätte ja erst recht alle Hofsnungen, die sie mit dem Aufenthalte dort verknüpft — unerfüllbar machen müssen. „Möchte wissen/ ivas Ihr an der Frau habt", fuhr sie aus, „kleine, dumme Pute. Höchstens, daß sie —" Doch das Prädikat, das Ellinor auf jeden Fall der armen, kleinen Frau lassen mußte, ließ sie, selbst dem Gatten gegenüber, länger schon keiner Dame mehr. Um so vergnügter lachte der da auf: „Daß sie jung ist, wolltest Du sagen. Ha, ha, ha! Ja, jung, ohne Kunst, ohne Berechnung, ohne Trick. Das macht's. Sie gibt sich, wie sie ist, gibt, was sie hat." „Das rühmst Du doch sonst


