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ein Grundwort durch Zusatz eines anderen Stammes einen besonderen Sinn, eine Begriffsverdeutlichung. Bei der Ableitung Wird durch Uebertragung eines Sprachstammes von einer Wortklasse in die andere oder durch seine Erweiterung und Veränderung innerhalb derselben Wortklasse ein neues Wort gebildet. Die Zahl der möglichen Zusammensetzungen ist so ungeheuer, das sprachliche Leben auf diesem Gebiete, namentlich bei den Dichtem, ist so rege, .daß kein Wörterbuch sie alle ausweist. ES mag leicht sein, daß manches Wort, das hier als Neubildung angesprochen tmrd, bereits' früher im deutschen Schrifttum sich findet. Jedoch wir dürsten ziemlich sicher gehen, wenn wir annehmen, paß Liliencron solche als Neuerungen oder große Seltenheiten erscheinende Wörter nicht aus Wörterbüchern oder aus dem Gelesenen sich angeeignet, sondern der jedesmaligen dichterischen Notwendigkeit entsprechend aus sich heraus frei geschaffen hat. Somit können wir sie mit Fug und Recht zur Kennzeichnung seiner sprachbildenden Fähigkeit mit verwenden.
Verhältnismäßig selten sind neue Zusammensetzungen mit Zeitwörtern. Es sind ja da überhaupt eigentlich nur Verbindungen mit Präpositionen und den bekannten Vorsilben ge-, zer-, ent-, er-, ver-, be-, statthaft. Das einzige Zeitwort mit Hauptwort scheint bei L. .Verzierbauen zu sein: „der verzier» vaute Heimatsort" (NS 225), was als witzige Bildung gelten mag. Sonst finden sich: von Sonne überfreudet (NS 231); die Schwertlilie überhauptet das Rohr (KZ 219); das übersegnete Feld (KZ 181); Bord mit Bord Verbrücken (KZ 161); hundert.Schillerfarben haben sich in die Flügel des Käfers ein» Sankest (KZ 82); das Glück entsüßen (KSp 85); es entnebelt ein Strand (NS 28); die Klammer der Arme dem Nacken entlösen (KZ 159); erlechzter Trunk (KZ 73); der Fuchs er- sprang .sich einen Vogel.(KZ 120).
Eine besondere Stellung nehmen unter den von Zeitwörtern gebildeten Zusammensetzungen die Partizipien ein. Wenig häufig ;ind die aktiven Partizipien der Gegenwart, wovon nur acht anscheinend neue Zusammensetzungen sich bei L. finden. Drei zeigen das begründende Verhältnis der Glieder: krast- 103), .morgenschauernd (KSp 20), jagdgierzitternd (KZ 65); fünf das objektive: die vielarmausstreckende Büche (Ksp 63), schweißtrocknender Schatten (KSp 63), die heißen feind- suchenden Augen (Ksp 67), des Lebens trümmertragender Strom (KZ -3h. .horizontdurchlassend friert am Strand ein schmales Wäldchen (Ns 33). Bon Zusammensetzungen des passivischen Partizips fallen etwa 40 als neu oder sehr ungewöhnlich auf. Davon sind nur drei mit Adverbien gebildet: starkbetautes Spinnennetz. (KZ 119), rotdurchslochtene Mähne (NS 55), breitumkrempt (Ns 135), .alle anderen sind mit Substantiven gebildet. Nur wenige, die sich besonders durch Anschaulichkeit und sinnliche Kraft auszeichnen, seien hervorgehoben: sternenüberscheitelt (KSp 20), sonnübersponnm (KSp 135), goldnmhancht (KSp 172), wol- kengoldumzogen (KSp 180), die friedumhalste Sommernacht (KZ 41), hie glutdurchdrängte Nacht des Romeo (KZ 68), der linden- verwachsene, vögeldurchsungene Hain (KZ 178). Hübsch ist das marktgefüllte Körbchen (KZ 182), sehr gewaltsam die Bildung: blutfestgetrockneter Sporenritz (KSp 69).
Die substantivischen Zusammensetzungen sind die wichtigsten, dre am leichtesten sich einstellen. Sie vor allem hat Jakob Grrmm im Auge, wenn er die Regel .aufstellt: „Die Komposition ist alsdann schön und vorteilhaft, wenn zwei verschiedene Begriffe kühn, gleichsam in ein Bild gebracht werden, Nicht aber, .wenn ein völlig gangbarer einfacher Begriff in zwei Wörter verschleppt wird." Diese Regel dürfen wir auf Listencrons neue substantivische Zusammensetzungen dreist an- wenden, nur _ wenige von ihnen werden vor ihr zuschanden werden. Wenige sind mit dem Ohr erfaßt wie das Abendwindwehen (NS 175), das Windgewinsel (KSp 106), die Windesstarre (KZ 163), Zischellaub (KZ 113), Blattgewisper (KZ 209), Gewehrgeschnatter (Ksp 106), Säuselfummgezwitscher (KZ 40). Andere verraten Sachkenntnis: Torfahrtlicht (KSp 192), Mittelpunkt- linde (NS 39), Solofänger (Jagdhund) (KZ 208), Bärenzeiger (KZ 19) (st. Bärenführer). .Die meisten sind scharfgeschaute Gestchtseindrücke, z. B. .Abendflut der Sonne (KSp 61), Sonnenscheidewink (KSp 38), Lcuchtstriche blinkender Fenster (KZ 57), Znielggerege (KSP 119), Givselmeer (KSp 144), .Nadelschwarz
135), Zitterhand (KSp 17), Zitterweiß eines Lichtscheins auf tett Wellen (NS 75), Frühlichterwellen (KSp 168), Sommer- wellgespiel (KSp 172), Wattenmeergerinsel (KSp 106), Nebellaken Msp 170), Donnerstuhl und Blitzeplatz (KZ 214), Schön ist das Wort der Kiesemjugeiid (KSp 188), das er, wie viele andere, der Jägersprache entnimmt.
,,, £ ,36ren Ursprung haben diese Zusammensetzungen in dem Gefühl dÄ Drchters, in seinem bald kraftvoll drängenden, bald rnnigen, fein sondernden Gefühl, hem die gewöhnliche Sprache mcht genugtut. Verächtlich ist die Empfindung, die sich in der Zusammensetzung.Nordseeteich (Ksp 155) äußert, sehr behaglich die in Schreibtischruh (KSp 187). Ueberans innig ist die Bildung: Glockenbangen beim Leichenzuge Wilhelm L, zugleich ton» malend (KSp 60); feines Naturgefühl verraten: Tiescinsamkeit (KZ 61), Hellmorgen (KZ 55), Goldtag (der Zukunft) (KZ 55), Mittfommersonnenschein (KSp 27). Am meisten ist er ans seinem Gebiet im Kampf und Krieg. Hier strömen ihm die kraftvollsten und wirksamsten Bildungen zu.. Einen Hengst bezeichnet
i er als Pflasterblitzer (KSp 187), das Reitergefecht als Säbel- I schnittgesaus (KSp 41), den Kürassierangriff als Stahlstrom (KSp 53), ein andermal den Angrisf als das Borwärtsfest (KSp 48), die fliehenden Feinde als Siegbesteller (KSp 122). Aus eine»: bittern Gefühl gegen Welt und Leben geht hervor: Weltklm . das Eiseswort (KZ 133), oder die Bezeichnung des Sarge als Schmerzerretter (KZ 64), des Todes als Schreckenserrette und Unrastglätter (NS 39).
Hervorzuheben ist, daß Liliencron eine große Neigung zi Zusammensetzungen mit jenen Substantiven zeigt, die von Zeit- Wörtern durch die Endung »er gebildet sind und den Handelnden bezeichnen. Er wendet sie, vom Reim oder Rhythmus veranlaßt, ost da an, wo wir einen verbalen Ausdruck erwarten, z. B. „Er schwang den Hut, den seltnen Lüftekreiser" (KSp 105). „Ich fühl's, ich bin Besitzergreifer" (KZ 158), Schiss- gleich Wellenschweifer (KSp 171). — Er hat ferner eine Vorliebe für die Zusammenschweißung des adjektivischen Beiworts mit dem Hauptwort, die uns in Blauauge, Weißbuche, Rotbuche u. a. ganz geläufig. ist, heute aber nicht mehr allzu leicht geschieht: Treugesicht (KSp 27), Blondgesell (KSp 28, KZ 191), Dunkelforst (KSp 37), Sicherhafen (KSp 127), Tiefeinsamkeit (KZ 61), ..Zartlicht (KZ 158), Graugefieder (NS '22), Froh- gedränge (KZ 161), Tiefstille (NS 199), Frohblick (NS 203), Schncllwort (sonst bin ich um ein Schnellwort nicht verlegen) (NS 112).
Eine hübsche Jmperativbildung ist das Angenauf, das einmal Erwachen (NS 151), das andere Mal Wachsamkeit bedeutet (KSp 90).
Auch ein Präpositionalausdruck wird einmal zum Snb- siautiv: „Höchstes Glück im Leben ist ein froh Amherde" (NS 69).
Die adjektivischen Neuzusammensetzungen sind nicht Fen zahlreich, ungefähr 50. .Nach der Grammatik soll das Bestimmungswort entweder eine Beziehung oder einen Grund oder einen Vergleich, enthalten. Beziehungen finden wir ausgedrückt in: kronenbreit (Buche) (Ksp 63), slügelfchwer (Krähenschwarm) (KZ 14), das radachfenheiße Gespann (KZ .25), schimngenstill schwebt der Geier ^(NS 87), freudarm (KSp 132), .schweigselig (nach .redselig) (NS 244). -— Aufmerksamkeit fordern die vergleichenden Komposita, weil sich darin die dichterische Anschauung offenbart: fischwohl (Ksp 187), steinstarr '(KSp 202), tod- stifl (KZ 14), groschengroße Tropfen (KZ 151), dvlchspitzes Säilf (KZ 219), rutenbiegsam (NS 27), ozeanfinster (NS 65), Beine: n» blaß ,(NS 147). Die Zusammensetzungen, deren erstes Wirt das zweite begründet, vertiefen Gedanken und Empfindung: tränenschwerer Sarg (KSp GO), schattensatte Marmorhallen (KSp 136), überraschungsfroh (KZ 108), regenblanke Felder (KZ 153 , die winterstumme Heide (KZ 15).
Eine ganze Anzahl Zusammensetzungen passen aber «ich ‘ unter die obige Einteilung in beziehentliM, vergleichende, bo gründende, sie geben entweder eine enge Mischung van Eigew schasten an, wie braungolden (KSp 94), der srechhübsche Knabe (Ksp 102), die rohfrische Natur (KSp.103), hie jungwilde Un- gezähmtheit (KZ 21), die dunkelschwere Nacht (NS 149), das engwarme Nest (NS 155), mein altliebes Nst (NS 225), Ker sie enthalten schlechthin einen beschreibenden Zusatz, gleichviel welcher Wortart: sichelreifes Korn (KSp 27), trostivehmütig (KSp 96), punktfest aufs Ziel halten (KZ .54), berstvolle Taschen! (KZ 85), .reichbreite Treppen (KZ 171), der dünndämmerige Morgenhimmel (NS 73), der letztklare Abendhimmel (Anschauung! NS 170); niedlich ist das lockenlustige Mädel (NS 208).
Adverbien setzt L. mit großer Kühnheit, wenn auch nicht häufig, zusammen: stiruhoch durch Busch und Heiden (erstarrter Akkusativ) (KSp.59), Hektor links, Hektor rechts (KSp 94), weg- ancr (KZ 44), vgl. mähueuquer bei Falke (Mynheer d. Tod 3); flußüberher singt eine Nachtigall (NS 100), mit Augen wolken- auf (NS 110).
Wir wenden uns der Bildung neuer Wörter zu, die man nicht als Zusammensetzungen bezeichnen kann, bei denen nicht ein allgemeiner Begriff durch einen Zusatzbegriss näher bestimmt wird. Herder führt bekanntlich den Ursprung der Sprache auf die Lautmalerei zurück. Hiernach müßte L. zur Wortschafftmg große Begabung zeigen. Denn das prachtvolle Gedicht „Die Musik kommt", das wohl fein bekanntestes ist, .zeigt ihn als einen Meister der Lautmalerei, Das Klingling bumbnm und tschingdada, flinglingtschingtsching und Paukenkrach, Brumbrum das große.Bombardon mit dem endlichen Verhallen ist unübertrefflich. Einige seiner Neuwörter sind in der Tat so entstanden, z. B. die Grete wippwappt daher (KZ 134) und „die Sense sirrt") (Ns 38). Indes erstens ist die Herdersche Ansicht nur in sehr beschränktem Maße richtig, zum andern sind wir aus den Zeiten der Wurzelbildungen heraus und auf Ableitungen und Aehnlich- keitsbildungen aus dem vorhandenen Sprachgut angewiesen, auf welche I. Grimm zum Ersatz von Fremdwörterten so großes Gewicht legt. Derart sind auch Lilienerons Wortschöpfungen. Er sagt Wehtum (verlassen fm Wehtume) (KSp 5), offenbar, weil es länger und eindringlicher ist, als das kurze Weh. Gute kräftige Bildungen sind Ziviestand für zwiespältiger Zustand: Nicht länger trag ich diesen Ziviestand (NS 34) und Znhling (von zäh), womit er (Kriegsnovellen 180) die treu aushaltenden Marketender bezeichnet. Glasier ist mit Glitzer rusammengestellp


