Ausgabe 
29.7.1904
 
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aus Glast (NS 38). Die Leckernis steht einmal für Leckerei (NS 110'. Der Ueberstrom wird gesagt von: überlaufenden Wasser (NS 221h die Ueberbürde für allzu große Bürde (NS 25), siehe überbürden. Die Laufbahn beim Rennen heißt bei ihm das Geläuf (RS 233). Von den gebildeten Adjektiven sind einige nur leise Veränderungen von vorhandenen: zaubersanr für zauberisch, Zauberhaft (KSp 68), undiensam für undienlich, un­brauchbar (KSp 111). »Schauderhaft ist die Wendung: ließ (den gefundenen Ring) wieder des Himmels anblicklich werden (KZ 87', das riecht nach alten Akten. Erträglicher .ist die gelispel­lose Flut (KSp 174), dem zur Seite steht scheulose Krähen (KZ 180), eine feine Ergänzung zu dreist. Hübsch ist das kurze unregbar für unbeweglich, regungslos (KZ 61, 78). Am kühnsten ist wohl die Bildung wirken für gewirkt, daswirkenc Hemd" (KSp 87).

Am häufigsten find neugebildete Zeitwörter, fünfzehn an Zahl, wobei Kraft und Kühnheit zu bewundern bleiben, wenn auch manche nicht mit Gliick gebildet sind. L. nimmt meist ein Substantiv her, von dem er ohne Zagen ein Zeitwort bildet.

Mühsal: .wo mühsalt das Streben? (KSp 89). Leib­web: an Gift verleibweht ein süßes Klärchen (KSp 89). Baß: O Isis, haßt der Rat (KSp 129) (vgl. Trompete trom­peten). Zorn: der Süd zornt die Welt an (KZ 116) (vgl. Kriegsnov. 69, Rauch und Flammen zornten zum Himmel auf.'. Zipfel: der Saum zipfelt hinter dem Baume (KZ 130). Tiger: tigern, Tatze: tatzen, Tigert er auf dich hinaus, Tatz ihn, wie die Katz die Maus (KZ 130). Würde: er würdet storchartig dem Kruge zu (NS 36). Stein: Verachtung steint und Menschenhaß ihni Antlitz und Gebärde (NS 147). Ufer: es slügelt mir ums Haupt (NS 38). Seltener hat Lilien- crou Zeitwörter von Adjektiven gebildet. So von stumm: die Sommernacht stummt überall (NS 86) und von öde: die Heide ödet so leer und dumpf (sonst nur transitiv) (KSp 53).

Manche unter den letzten Bildungen, wie verleibweht, tigern und tatzen sind sicherlich nicht ernst zu nehmen, sie sind aber auch .nicht ernst gemeint. Sie sind ein Spiel der Laune und können nur die ärgern, die .kernen Humor haben. Derartige Sachen finden sich bei L. in Menge, die sprachlich nicht muster­haft, aber urrgeheuer spaßhaft sind. So nennt er Hamburg den edlen Beefsteakhort (KSp 114), schilt auf den greulichen Strophen­kohl mancher Dichter (KSp 116), hält ein munteres Geplauder durch Zigarrendampfverfchwimnrung (KSp 116), das aber fern von jeder höheren Gesprächserklimmung bleibt (ebenda). Die Phi­lister nennt er edle Wackernasen (KZ 21) und Gewohnheitsünken- feelen (NS 166). Amor ist ihm der Herzensintrabbringer (KZ 167); er sieht mit seinem Liebchen die schornsteinrauchfriedliche Landschaft im Sechsrchrnachmittagssonnenscheine (KZ 168/9), er freut sich an ihrem Sofortbeiderhandsein und Fchgehmitdirdurch- l dickuuddünn (KZ 172); gegen einen eitlen Nebenbuhler schleudert 5 er das Beiwort siegesfett (KZ 182). .Bei der Kirmeß erfreut ihn ! der Spundlochkeilklang (NS 56) usw.

Wir dürfen indes diese.Betrachtung der Sprache Liliencrons nicht schließen, .ohne zu erwähnen, daß er ein überzeugter An­hänger der Sprachläuterung ist, welche der deutsche Sprachverein vertritt. In seinen Kriegsnovellen fallen mehrfach die Verdeutfch- ungcit angenehm auf, und in einer Anerkennung zu Seite 201 Spricht er ausdrücklich seine Ansicht hierüber aus. Er hat da »en Ausdruck grandioser Anblick gebraucht und entschuldigt sich deswegen in der Anmerkung:Ich muß das Fremdwort hier zu meinem Bedauern behalten, großartig deckt den Begriff nicht ganz." Im 2. Bande seiner Gedichte sagt er aus Bosheit Kon­ditorei, obwohl, .wie er hinzufügt, Zuckerbäckerei besser klänge (KZ 136). .Es finden sich sogar mehrere Wörter, die brauchbare oder wenigstens beachtenswerte V.rdentschungen von Fremd­wörtern darstellen. So sagt er statt Appetitlosigkeit: Hunger­mangel (KSp .109). . Die causerie kennzeichnet er gegenüber dem gutmütigen Geplauder als bas bissige Flachgespräch (KSp 124). Asyl: Sicherhafen (KSp 127).Bufett: Schenken- Kand (in Wirtshäusern richtig) (KSP 131).Monocle: Einglas (KSp 213). Station: Rastort (schöner als Haltestelle) (KZ 40), .auch Haltepunkt (KZ 166). Amoretten: Minnegöttchen (NS 188). , Sphärenharmonie: Weltmusik (NS 193). Ideal: Hochgedanke, nur zum Teil passend (KSp 183).

Wenn wir die sprachliche Leistung Detlev von Lilienrcons überblicken, soweit sie sich in seiner Lyrik offenbart, so dürfen Wik sagen, sie ist von hohem Wert. Manches, was er geprägt Hat, ist echtes Gold, fast alles ist kraftvoll und bedeuteno. In diesem Recken aus altem Normannenstamme chat die deutsche Sprache in den letzten Jahrzehnten des verflossenen Jahrhunderts vielleicht tim kräftigsten gelebt.

Literatur und Spickgans.

In Greifswald gibt es zurzeit eine Reuter-Ausstellung, am S- Juli war der 30. Gedenktag des Todes unseres unvergeßlichen Volksdichters: sollte da nicht eine kleine Reutererinnerung zeit- cemäß sein, besonders wenn sie sich mit einem unbekann- ett 39riefe Fritz Reuters 'schmücken kann?

Es handelt sich freilich um kein neu aufgefundenes Meister-

iverk, aber um eine Tatsache, .die bisher von der Reuter-Forsch- ung noch nicht genügend gewürdigt worden ist: um Reuters Vorliebe für geräucherte Gänsebrust. Wem dieser Leckerbissen nicht literarisch genug erscheint, der warte ab, bevor er die Nase rümpft; unser Reuter erhält zum Schluß der Anekdote einen Eideshelfer, gegen den selbst er ein Waisenknabe ist, und dessen Name noch ganz andere Dinge literaturfähig gemacht hat. Erst bleiben wir aber bei Reuter; und nach guter Philologensitte bringen wir zunächst ein paar Zitate bei, die beweisen, daß es so ist, wie es ist, .und daß wirunsere Lex" gut gelernt haben.

Ein paar Stellen in Reuters Werken weisen deutlich auf das Faktum der Spickgansverehrung hin. Ich erinnere an das kleine LauschenUmkihrt" (II, .32), wobei erste Spickgans, bei ut den Rok Heruler kamen beiht", burchLutschen" allmählich in nichts zergeht. Und in berUrgeschicht von Meckelnborg" kommt die Delikatesse noch zu größerer Ehre: sie paradiert am 7. No­vember auf Fritz Reuters Geburtstagstisch Beim dritten Glas fiel Lowising ihrem Mann um den Hals und rief:Fritz, ick wull Di be Freud' erst .hüt Wend maken, aewer.ick weit nid), int is so vergnäugt tau Sinn. . ." un bormit lev sei ut be Dör herut, kämm mit an verrökert Paket herin, läd bat vör mi up eit Teller:Mak't sülwen up! De irste Spickgans!" Es schließt sich daran ein poetischer Vergleich zwischen dem ersten Veilchen und der ersten Spickgans:Wenn sickdas erste Veilchen" ok vel finer anhürt, so smeckt de irste Spickgans doch beter."

Es bedarf .nun eigentlich keines weiteren Beweises. Aber wir haben noch einen solchen bei ber Hand: in Gestalt bes erwähnten unveröffentlichten Briefes Yon Reuter. Lebte da in Neubrandenburg, wo des Dichters schönste Werke entstauben sind, ein alter Bekannter namens Kapheim. Und mit ihm entspann sich ein lustiger Austausch: Reuter widmete ihm seine köstlichen Werke, und als Gegenleistung erhielt er in Eisenach eine nicht minder köstlich« Spickgans. Wenigstens zu Weihnachten 1863. Fritz Reuter ließ dann .folgendes Dankschreiben vom Stapel:

Prosit Neujahr!

Aber mein lieber, alter, langjähriger Freund, was machen Sie fürStückschens"? Aus einem. fjingetoorfenen Scherz machen Sie gleich bitteren Ernst? Doch nein! So bitter war dieser Ernst nicht, dazu schmeckt er zu gut. Ein Hol­steiner, ber Schriftsteller Lubwig Walesrobe unb ein Mecklen­burger, unser alter Ludwig Reinhard, haben ben Vogel mit verzehren helfen, .

Und als wir so saßen

Und aßen,

Da hti'n wir den Geber hochlebeu lassen

In gutem Wein,

Und die Frau unb bas frennbliche Töchterlein, Die schlossen wir in das Hoch mit ein;

Die Spickgans kam zur guten Stund'

Und sie bekam uns auch gesund;

Der: Einfall war ein sehr gescheuter

Mit vielem Dank, .Ihr Freund Fritz Reuter." Eisenach, den 6. Januar 1864.

Dasfreundliche Töchterlein" ist die noch lebende Gattin des Kaufmanns Theodor Laak in Neubrandenburg, unb von bort hab ich den Brief durch freundliche Vermittelung des Reuter- Rezitators' Ludwig Sternberg erhalten.

Uebrigens (und nun kommen wir in die Literaturgeschichte!) gelten die Spickgänse auch int Reiche der Klassiker als Suvas Erlesenes und Ansprechendes. .Und die Vorliebe für sie teilt mit unserem Humoristen kein Geringerer als Goethe. In der jüngsten Schrift der Goethe-Gesellschaft (8. Band, 1904) finden wir eine Epistel des.Dichterfürsten an Marianne v. Eybenberg, die allo anhebt:Soeben schließen wir einen Brief an die gute Schwester nach Berlin, in welchem. . . von den schönsten Leckerbissen die Rede ist, von Kaviar, Dorschen, Sandern, Schell- fischeu, besonders aber Spickgänsen, .welche uns aus einer grauen, Pommerscheit Ferne gar freundlich entgegenleuchten."

Kann matt sich da über Reuter wundern, dem die Spickgänse noch obendrein als Grüße ans der mecklenburgischen Heimat dop­pelt lieb erscheinen mochten?

Zahlenrätsel.

(Nachdruck verboten.)

123466

2 6 3 2

3 2 4 1

4 6 3 5

5 15 6

6 2 3 2

Altbiblifcher Name. Weiblicher Vorname. Vielverfolgtes kleines Tier. Baum.

Haustier.

Amerikanisches Tier.

(Auflösung in nächster Nummer.)

Auflösung des Tauschräisels in vor. Nr..

Zange, Gold, Born, Wein, Feder, Messe, Eier, Wc.ud, Feder, Teer, Roie, Reh, Rum, Welle, Angel, Zinn, Schiss, 9)laße, Bei«, Egel Zornes Ende Reue Anfang.

Redaktion: Anglist ® ob. Rotationsdruck und Verlaa der Brübl'schcn Universitäts-Dnch- und Stcindruckerei. R. Lange, Gießen,