Ausgabe 
29.7.1904
 
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In dieser Stimmung kam sie am Pfarrhof ast.

Ach Gott, Komteßchen, gut, daß Sie da sind", wurde ie von der Wirtschafterin empfangen.Gehen Sie nur chnell zum Herrn Pfarrer hinein, vielleicht können Sie hu zur Vernunft bringen!"

Mas ist denn geschehen?" erkundigte sich Ljubiza.

Weiß ich es! Gibt er mir denn eine Antwort!" be­klagte sich die alte Dienerin jammernd.Fuchsteufels­wild ist er nach der Frühmesse nach Hanse gekommen Nicht einmal sein schönes Frühsttick hat er angerührt und nun rennt er drinn' auf und ab, raucht schon die so und so vielte Pfeife und verräuchert mir die ganzen Vorhänge, die ich doch erst zu Palmarum aufgehängt habe. Ach ja, ach ja", seufzte sie,man hat sein Kreuz mit ihm, uitb Wenns nicht der Herr Pfarrer wäre, so könnte man rein glauben, daß ihn unser Herrgott verlassen habe, denn ein vernünftiger Christentnensch läßt doch nicht sein Frühstück stehen und nährt sich von Tabak!"

Na, beruhigen Sie sich nur, Frau Mara, ich will gleich einmal 'hineingehen", versprach ihr Ljubiza,,vielleicht ge­lingt es mir, ihn zu besänftigen."

Ach ja, tun Sie's, bat diese,aber sehen Sie, gnädiges Komteßchen, es tut mir doch Weh, gar kein Vertrauen zu genießen. Seit dem Tode des armen Fräuleins führe ich ihm nun die Wirtschaft, aber glauben Sie, daß ich ihm auch nur das geringste, raten darf?! Nichts, rein gar nichts! Und wenü ich einmal, so wie heute, frage: ,Ma, wo drückt es denn, Herr Pfarrer?' da heißt es nur: ,Das verstehen. Sie ja doch nicht, Frau Mara. Sorgen Sie nur für Küche und Keller und halten Sie mir meinen leiblichen Menschen zusammen, mit dem seelischen werde ich schon allein fertig werden.' Und wenn ich dann seufze und von Undank rede, dann kann er fluchen, nur Ihnen vertraue ich es an", beteuerte sie,aber fluchen kann er wie ein Heide!"

Ljubiza verbiß ein Lächeln.Nun, ich will es einmal versuchen, ob er auch mich! hinausgrault", sagte sie und klopfte gleich darauf am Allerheiligsten an.

Da sich auch auf ein zweites und drittes Anklopsen Nichts hören ließ, so flinkto sie resolut auf und ttat ein. Wütend drehte sich der Pfarrer um und woflte sich der­gleichen Störungen ein für allemal verbitten, als er' aber durch den dichten Tabaksqualm seinen Liebling erkannte, da glitt es wie ein Sonnenstrahl über sein Gesicht und ihr die Hand zum Gruße reichend, sagte er:

Du kommst wie gerufen, mein, liebes Kind. Dem alten Adame Mbbeln wieder einmal die Mäuschen im Gehirn herum, und da ist es ganz gut, wenn sich so ein Schmeichel­kätzchen vors Loch setzt und sie fein im Zaum hält."

Und was hat denn die Mäuschen so rebellisch ge­macht?" fragte sie herzlich.

Gedanken aus alten Zeiten, die mit der Ankunft der Höchstseldfchen Herrschaften wieder ihre Auferstehung feierten", entgegnete er seufzend,aber das verstehst Du nicht, mein Mud, und es ist auch nicht gut, die bösen Erinnerungen aufzufrischen. Wollen nicht mehr davon reden."

Sie schob ihm seinen Großvaterstuhl zurecht, zwang ihn, seinen Dauerlauf aufzugeben und sich zu setzen, machte dann beide Fenster auf, um ftische Luft hereinzulassen und kauerte sich schließlich zu seinen Füßen nieder.

Vater Adame, was glauben Sie, woher ich jetzt komme?" fragte sie dabei spitzbübisch.

Eh, mein liebes Kind", meinte er kopffchüttelnd,wenn Du schon so fragst, dann muß ich schon auf das Aller­schlimmste raten, um der Wahrheit Halbwegs nahe zu kommen. Du wirst wohl wieder mit Deinen Brüdern irgend einen Lummen Schabernack ausgeführt haben. Na, wenn es auf meine Kosten geschehen sein sollte, so sei Dir im voraus verziehen, denn zu etwas bösem gibt sich mein Herzblatt ja doch nicht her."

Ich banke Ihnen für die gute Meinung, Vater Adame", sagte sie mit glücklichem Lächeln,ich habe Ihnen überhaupt so vieles zu verdankend

Na, na, na", wehrte er.

Doch", beharrte sie,schon von fleinauf waren Sie Mein Schutzengel Und . . ."

Ein etwas korpulenter Engel", warf er schmunzelnd dazwischen.

Und wenn Ljubiza irgendwo etwas angestellt hatte".

fuhr sie unbeirrt fort,da haben Sie durch Ihre Mir- bitte die Strafe von ihr abzuwenden gewußr."

Das war ein großes Unrecht von mir", meinte er, denn Du warst ein Tollkopf und hast die züchtigende Hand des Vaters redlich verdient,. KreuzdonNerwetter, wenn ich denke, wie Du Deine Brüder, die armen, unschuldigen Zivillinge, die noch kaum aus der Welt waren, in den Sumpf schlepptest, wo sie beinahe elendiglich umgekommen wären?"

Und wer war daran schuld?" fragte sie keck.

Er schaute sie verdutzt an.

Ja, wer denn sonst als Du?"

Ihr", widersprach sie,hättet Ihr mir nicht erzählt, daß sie der Storch gebracht hat, so wäre ich doch nie aus den Gedanken verfallen, aufzupassen, ob er sie auch wieder forttragen würde.. Jedenfalls werde ich meinen Mit- dern keine derartig gefährlichen Märchen erzählen."

Was hätte man denn einer Pute von fünf Jahren ssgen sollen?"

Daß sie ein Geschenk Gottes seien", antwortete sie in vollem Ernst,damit wäre alle weiteren wißbegierigen Fragen ein Riegel vorgeschoben gewesen, aber so bleiben selbst die vernünftigsten Eltern bei dieser Ammenerfindung, an die selbst das sorgsamst gehütete Kind nicht lange glaubt."

Na, weißt Du!"

,,Gewiß, ich rede aus Erfahrung", ereiferte sie sich, ich erinnere mich auch ganz deutlich/ daß mir damals, als ich meiner Ueberzeugung nach ganz ungerechtfertigter­weise gestraft wurde, gar seltsame Zweifel aufstiegen."

,,,Möglich, daß Du recht hast", sagte er nach einer Weile des Ueberlegens, aber Du warst von jeher eist Sausewind, vor dessen tollen Streichen man nie sicher war.^

Und doch haben Sie mich immer lieb gehabt, Vater Adame?" fragte sie schmeichlerisch^.

Vielleicht gerade, deshalb", meinte der nachdenklich!, ich war nie ein Freund der Duckmäuserei. Lieber ein und bas andere Mal eine gehörige Dummheit angestellt, als kopfhängerisch durch die Welt kriechen und glauben, daß man damit Gott besonders wohlgefällig lebt! Unsinn, unser Herrgott hat uns zum freudigen Genießen erschaffen, und solange man nicht zu sehr über die Stränge schlägt und sich dabei ein reines Herze bewahrt, kann ich darin keine Sünde finden."

Siehst Du, mein Herzenskind", fuhr er dann nach kurzer. Pause fort,ich müßte lügen, wenn ich behaupten wollte, daß mir alles an Dir- gefällt. Du bist oft in Deinem Wesen zu frei und Fremde, die Dich nicht kennen, kommen dadurch, leicht zu ganz irrigen Schlüssen, aber . . ."

Erschrocken fuhr sie aus und sah ihn sprachlos an. Er aber legte begütigend seine Hände auf ihren Scheitel und beruhigte sie:

Nein, nein, bleibe nur so wie Du bist, sonst verlierst Du Deine ruhige Sicherheit. Dein weibliches Gefühl wird Dich schon selbst vor unrein denkenden Menschen warnen. Und nun beichte, was Du heute angestellt hast."

Ihr war durch diese Ermahnung, die ihr so viel zu denken gab, ganz bange geworden und recht kleinmütig entgegnete sie:

zAtztzt traue ich. mich es kaum noch zu sagen,"

Nun, den Kopf wird es ja nicht kosten", ermunterte er sie freundlich,

Ich habe eben wieder eine Taktlosigkeit be­gangen", begann sie stockend,ich bin einem jungen Manne aus halbem Wege entgegengekommen."

Er stutzte.

(Fortsetzung folgt.)

Detlev von ^ifi ncron a.s Sprachö ldner.

Im 25. Hefte derWissenschaftlichen Beihefte zur Zeitschrift des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins" (Berlin, Verlag des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins F. Berggold) behandelt der Braun-chweiger Oberlehrer Franz Hahne Detlev von Lilien- cron ausschließlich als Sprachbildner.*) Franz Hahne schreibt unter anderm:

Die Wortbildung geschieht heute, wo neue Stämme nicht mehr geschaffen werden, ausschließlich auf dem Wege der Zu- sammensetzung .oder Ableitung. Bei der Zusammensetzung erfährt

*1 Seinen Untersuchungen liegen die drei Gedichtbände der Gesamt-Ausgabe von Liliencrons Werken zugrunde: Kampf und Spiele (KSp.), Kämpfe und Ziele (KZ.), Nebel und Sonne (NS.).