Ausgabe 
29.7.1904
 
Einzelbild herunterladen

19(14

p

FpJla iiiiD sHMEMi

U

Gin angenehmes Gröe.

Humoristischer Roman.

Von Victor von Reisner.

(Nachdruck verboten.)

Erich verscheuchte mit der Reitgerte einige lästige Fliegen vom Halse seines Tieress schaute noch' eine Weile düster vor sich hin und sagte dann leise:

Daß Sie sich seiner so warm, ich. möchte fast sagen, so leidenschaftlich annehmen, spricht jedenfalls für die Lauterkeit seines Charakters, Reich nein, Komtesse", wehrte er, als sie ihm ins Wort fallen wollte,das soll keine Schmeichelei sein, ich fühle vielmehr ganz deutlich/ daß Sie Ihre innerste Ueberzeugung so zu sprechen zwang, und daß Sie es nicht getan hätten, wenn sich je in Ihnen ein Zweifel geregt hätte."

Bei Gott, ich hätte es nicht getan!" beteuerte sie und reichte ihm die Hand hinüber.

Mit Entzücken fühlte er deren energischen Druck, es war sozusagen die Ergänzung des gesprochenen Wortes, und es sprach, aus ihm die kraftstrotzende Sicherheit der siegesgewissen Wahrheit.

Wenn er nur seinem Herzen hätte folgen dürfen, dann würde ihm vielleicht der Instinkt dieses keuschen Natur- kindes genügt haben, altem, verjährtem Unrecht nicht weiter nachzusorschen und darüber den Schleier des Ver­gessens zu breiten. Hier lag aber die Sache anders und deshalb sagte er mit niedergeschlagener Stimme:Ich wollte, die Entscheidung läge bei mir aber nicht ichj, sondern mein Vater ist der Chef der Familie, und wenn nicht er die volle Ueberzeugung von der Schuldlosigkeit des Pfarrers gewinnt, dann wird ivohl schtverlich je eine Versöhnung stattfinden."

Aber das ist ja eine Halsstarrigkeit sondergleichen", rief Ljubiza empört und ließ die Gerte durch die Luft sausen, sodaß der Schimmel erschreckt einen Seitensprung tat. Sie aber hatte das Tier in sicherer Gewalt, blieb im festen Sitz und beruhigte es streichelndna, na, Mi, es hat ja nicht Dir gegolten."

Erichs Äuge leuchtete bewundernd auf, als. er sie bei dem doch ganz unvermuteten Seitensprung, wie festgegossen im Sattel sitzen sah, aber die eigentümlichen Worte, die sie zu dem noch immer zitternden Tier sprach, ernüchterten ihn schnell, und vorwurfsvoll sagte er:Halsstarrigkeit im Guten ist Größe! Nur derjenige, der sich mit Absicht der Wahrheit verschließt, verdient diesen Vorwurf im bösen Sinne. Noch kann dies niemand von meinem Vater be­haupten. Bis heute kennt er nur die Warnung vor dem Pfarrer, und da er keine Ursache hat, an dem Worte seines Vetters zu zweifeln und auch die Familientradition hoch­hält, die einen für den anderen einstehen heißt, so ist es doch 'nur selbstverständlich, daß er ihm . . . doch, nein, Kom­

tesse", unterbrach er sich,ist es nicht eine Sünde, unU unser erstes Zusammensein durch ein solch, peinliches' Thema zu vergällen?"

Ich fürchte, ich fürchte", entgegnete sie bedrückt,daß dieses Thema in unseren Familien noch 'zu langen und wahrscheinlich sehr peinlichen Erörterungen führen wird, Aber wie es auch sei, Herr von Höchstfeld, versprechen Sie mir eines", bat sie,prüfen Sie in Ruhe und ohne Leiden­schaft, und wenn' meine Ueberzeugung auch, die Ihre ist, dann lassen Sie uns Hand in Hand an der endgiltigen! Aussöhnung unserer Väter arbeiten, denn ihre Charakter scheinen sich zu gleichen und meine Furcht, daß es zu zeit­weiligen Störungen des nachbarlichen Einverständnisses' kommen könnte, ist deshalb wohl nicht ganz unbegründet."

Er gab ihr die Hand und ganz unbeabsichtigt ent­schlüpfte es ihm:

Sie sind ein kluges, tüchtiges Mädchen."

Da blitzte es in ihren Augen auf und seine Hand in der ihren festhaltend^ sagte sie:

Sehen Sie, bannt haben Sie mir eine wirkliche Freude gemacht. Ich danke Ihnen dafür. Und nün lassen Sie uns Abschied nehmen, die Ihrigen werden Sie schon er­warten. Grüßen Sie Ihre kleine Schwester, aus die ich Mich sehr freue und - .

Ich dachte, Sie nach Mariance begleiten zu dürfen . . ."

Nein, nein, damit ist es nichts mehr", entgegnete sie, und als sie sein erstauntes Gesicht sah, beugte sie sich lachend zu ihm hinüber und gestand:Ich hatte so eine kleine Ueberraschungskomödre vor und wollte Sie, ohne daß Sie es ahnten, zu unserem alten Vater Adame führen, Nun wir uns aber so ehrlich ausgesprochen haben, sehe ich ein, daß dies eine Torheit wäre, die Ihren Herrn Papa nur noch mißtrauischer machen könnte. Mr wollen also dem Zufall freien Lauf lassen, und nur ein ganz klein wenig dre Fäden dabei lenken" und dazu lachte sie so schelmisch/ daß er gar nicht anders konnte, als allem beizupflichten.

Dann machte sie ihm mit der Gerte die Ehrenbezeug­ung, schnalzte mit der Zunge und sauste im Galopp davom Er sah ihr so lange nach- bis sie an der Stelle, wo der Weg im stumpfen Winkel abbog und der junge Eichwald sich in den Seekreis schob, seinen Blicken entschwand! Dort zügelte sie ihr Pferd und ritt nun im Schritt weiter. Es war ihr so eigentümlich, so ganz seltsam zu Milte, so, als ob ihr eine unerklärliche Bangigkeit dje Brust zusammen- schnürte und den Atem beengte, und doch empfand sie dabei nicht Angst, sondern ein wonnig ermattendes Gefühl, ein Sehnen nach irgend etwas Befreiendem, das sich in erklärendem Glück für alle auflöfen sollte. Ach ja, glücklich, wollte sie alle sehen/ die ganze Welt hätte sie in ihre Arme schließen mögen und sogar den Brüdern sollte groß­mütig verziehen sein, dje ihr heute morgen aus 'UeberMut das Zimmer zugeriegelt hatten, sodaß sie gezwungen war, zum Fenster hinauszuspringen.