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schweigen und ernst bleiben sollte, richtet Bestellungen an die ungeeignetste Adresse, vergisst das Notwendige und achtet sorgfältig auf das Überflüssige, er hat zwar kein Sacktuch bei sich, aber etwa ein Mikroskop, in dem Uebereifer seines Berufs ist er zu wirklicher Ruhe und Freiheit des Lebens, zu einfacher Geselligkeit unfähig, sucht sie aber auf, statt sie zu meiden. Daß die Ungeschicklichkeit, die Lebensunfähigkeit gar so innig belacht wird, bc- weist nicht, fciaß sie etwas Ungemeines, Außergewöhnliches ist, sondern bloß, daß man sie sich niemals wahrlich zu Herzen nimmt und eben als über eine allgemeine Eigenschaft über sie lacht, anstatt sie innerlich zu überwinden. In guter Gesellschaft würde die Ungeschicklichkeit des Einzelnen peinlich, nicht lächerlich empfunden, mit Stillschweigen oder tröstendem, nicht einmal spöttischem Lächeln angetan, würde dem Ungeschickten zartfühlend darüber hinweggeholsen werden. Tie Gesellschast der Posse ist aber zugleich die Possengesellschaft hcs heutigen Durchschnittslebens. Der Witz der unbequemen, stets in Verlegenheit setzenden, hindernden Körperlichkeit, der oben auf der Szene belacht wird, ist im Leben die gar nicht zureichend empfundene oder beschämt erkannte Unkultur des Körpers.
Diesem falschen und zuchtlosen Aeußern entspricht eine völlige Zuchtlosigkeit der Institute, ja deren völlige Verkennung und Verkehrung. Man wiehert vor Vergnügen, wenn auf der Bühne die traditionellen Schwiegermütter als überflüssige Personen erscheinen, über deren baldiges, zu erhoffendes Ableben man die deutlichsten Anspielungen macht und deren immer noch nicht unterdrückte Weibgefühle ein Gegenstand des Hohns sind. Dieser Gesellschaft mit ihrer häßlichen Konvention, mit ihrer verlogenen und dreisten Gruppierung, mit ihren Vorurteilen, Schönheits-, Tugend-, Takt- begriffen entspricht völlig das Benehmen der Schauspieler, der Figuren aus der Schwankbühne. Ebensowenig, wie es im Leben eine bestimmte, eingehaltene Tonhöhe des anständigen Sprechens gibt, oder bestimmte, ungeschriebene, aber unwillkürlich eingehaltene Gesetze des Gehens, Stehens, Sitzens, eine gewisse Schule des körperlichen Verhaltens, eine unbedingt geforderte Herrschaft über den Leib, welche die erste Bedingung zu einer wahren Schönheit ist und zu einer äußern Kultur der Nation führt, ebensowenig wie es einen allgemeinen Geschmack gibt, der gewisse Lügen des Mobiliars, des Hausbaues, der Surrogate und Imitationen genau so hart und unerbittlich als verächtlich empfindet, wie gewisse moralische Lügen der Gesellschaft, ebensowenig wie es ein Gesetz gibt: bade, turne täglich, wechsle deine Wäsche zur Zeit, benimm dich möglichst unauffällig, sicher, geschickt, ebensowenig gibt es überhaupt ein allgemeines ästhetisches und sittliches Bewußtsein.
Tas äußere Leben ist immer ein Gleichnis des innern. Es hesteht nun einmal keine allgemeine geistige Auffassung des Lebens, teilt künstlerischer, sittlicher, materieller Konsens, durch welchen ein wahrhaftes Leben der Nation zu einer solch hohen Einheit erhoben würde, daß sie äiuch die Bühne unfehlbar steigern und reinigen müßte, die nur dem Dasein des Volkes antwortet.
Eben nicht im Positiven, nicht in der Höhe, sondern nur in der Nichtigkeit und Unförmlichkeit des Lebens besteht leider ein Konsens, jener unsterbliche, traurige Konsens zur Gemeinheit, dessen tragischer Effekt unsere Posse ist. ,Ja, sie ist das unwillkürliche, darum nicht minder treue Bild unseres Lebens, dessen Sitten und Konventionen nicht aus Wahrheiten, sondern aus Lügen entstehen, die dann zu so komischen Situationen führen. Worin besteht denn der komische Effekt, wenn nicht darin, daß die Menschen auf der Szene das ernst nehmen, was niemand im Zuschauerraum ernst nimmt? Und doch wird auf der Szene nur das geübt, was im Leben allgemein ist. Ehen aus Lüge, Geldrücksichten, Spekulation erzeugen die albernsten Konsequenzen, gesundes Empfinden wird durch eine öde Begriffserziehnng verfälscht und zurückgedrängt, der Rest ist Schein, Schablonen wandeln durch das Leben und sind auf der Bühne so lächerlich, weil sie sich anmaßen, als Menschen gelten zu wollen. .Der Figur des „Backfischs" entspricht in der Gesellschast ein verbildetes, verkehrt erzogenes Geschöpf, dessen natürliche Anmut und holder Instinkt nur eben mit solcher Mühe über eine verfehlte Konvention siegt, daß das Wesen einer heranreifenden Wirklichkeit eben gerade komisch und grotesk rührend, statt ergreifend wirkt. Logisches, organisches, zwecksicheres Dasein ist uns fremd, darum ist ans der Bühne nichts logisch, organisch, zwecksicher, sondern ."eben alles gerade gut zum Gegenstand der Posse.
Ter vornehmere Geschmack, die echte Tradition ziehen sich ängstlich zurück, und die Parvenüs wälzen sich über die Bühne, wie durch das Leben. Es wächst kein Gras mehr, wo sie über den Boden stampfen. So pöbeln auch die Schauspieler mit ällerhellster Inbrunst und sind in ihrem Element. Und darin scheint der Hauptreiz der Posse zu bestehen, daß dort oben der Mensch endlich einmal seiner Gemeinheit überlassen bleibt, „sich gehen lassen" darf, was ebenso der Gegensatz zu „gehen" ist, wie Tier der Gegensatz zu Mensch.. Ter Zuschauer fühlt sich wenigstens im Bilde von seiner Konvention befreit. Aber es ist eine gröbste Täuschung, denn die Posse bedeutet eine sehr laxe Revolution, bei der am Ende die Konvention glänzend wieder hergestellt wird. Ihre Freiheit ist nichts als primitive Ungezogenheit. Das Publikum aber bejaht sich selbst durch sein Gelächter. Es wäre ein gerechter Anlaß, traurig zu sein.
Schwank auf Schwank geht hoffnungslos vorüber und zeigt das Bild eines schwanken, leeren, dreisten Lebens, eines wüsten Tobens und Grinsens, ,Und so dumpf ist das allgemeine Wesen, daß sich darüber ein schallendes Gelächter statt eines ungeheuren Grauens erhebt. .Wir haben immer das Leben, das wir wollen, und die Bühne, die wir verdienen. Wer die Kunst will, muß auch das wahre Leben wollen. Unser Publikum scheint aber bloß die Posse zu bejahen und ein Dasein gutzuheißen, das von der Posse grimassiert wird. ,Von Kunst ist nicht die Rede und auch vom wahren Leben nicht. ,Das große Drama wird als verehrungswert, aber langweilig empfunden.
Vermischte».
* Zigarre nasche a l s We r t g e g e n st a n d. Wenn ein Rancher die von ihm an einem Tag produzierte Zigarrenasche in einem Behälter sammelt, so wird er bemerken, wie groß die Menge ist; schon bei einem ganz mäßigen Verbrauch von etwa fünf Zigarren täglich wird die Asche zu einem ziemlich stattlichen Häuslein anfchwellen. In der Tat beträgt der Gehalt des Tabakblatts an Mineralstoffen häufig den fünften Teil seines Gesamt- e'chts. Danach würde eine Tonne von Tabakblättern 4 Zentner
e ergeben. Wenn man nun bedenkt, daß diese ganze Masse ans wertvollen Mineralien besteht, die dem Erdboden durch die Tabakpflanze entzogen worden sind und ihm entsprechend wieder zugeführt werden sollten, io muß man sich eigentlich darüber wundern, daß noch niemand darauf gekommen ist, die Zigarrenasche zu sammeln und zu verwerten. Man hat berechnet, daß die Herstellung .einer Tonne Tabak etwa fünf Viertel Zentner Mineralstoffe aus einem halben Hektar Land zieht. Nehmen wir den Tabakverbrauch in Deutschland zu 3 Pfund jährlich auf den Kopf der Bevölkerung an, so erhalten wir eine Gesamtziffer von rund 170 Millionen Pfund oder 85 000 Tonnen. Daraus würde sich nach der obigen Feststellung ergeben, daß in Deutschland jährlich 17 000 Tonnen (ä 2000 Pfund) an Zigärrenasche den Winden überliefert oder auf irgend einem anderen Wege verstreut werden. Das bedeutet nun aber eine ganz ungeheure Verschwendung, denn die Zigarrenasche besteht zu »/» aus Calcium- und Kalisalzen, zu 15 Proz. aus Magnesia- und Natronsalzen und zu fast 5 Pröz. aus dem wichtigsten Baumaterial aller Pflanzen aus Phosphorsäure. Angesichts dieser Tatsache sollte man wohl glauben, daß det Erfinder eines wirklich geeigneten Mittels zur Sammlung der Tabakasche ein wohlhabender Mann dadurch sollte werden können. Ein gewisser Teil der Zigarrenasche wird wohl freilich wieder in den Erdboden zurückkommen, aber es besteht keine Gewähr, überhaupt wenig .Wahrscheinlichkeit dafür, daß sie an die richtige Stelle gelangt. Es ist sicher sehr bedauerlich, daß eine verhältnismäßig große Menge eines so wertvollen Stoffs dem Ackerboden für immer verloren gehen soll, ohne daß auch nur ein Versuch gemacht wird, ihn den Feldern wieder zuzuführen. Die Tabakplantagen müssen selbstverständlich mit großer Sorgfalt und erheblichen Kosten gebilligt werden, weil sonst bald gar nichts mehr darauf wachsen würde. Auch im allgemeinen ist die Asche in neuerer Zeit in der Wertschätzung gesunken. Früher bildete sie einen beträchtlichen Handelsartikel und wurde in ganzen Schiffsladungen verfrachtet, wie noch das Vorhandensein von „Aschhäfen" in Kanchen deutschen Hafenplätzen beweist, die jetzt aber fast .durchweg zu anderen Zwecken benutzt werden. Die Düngung des Ackerbodens spielt heute eine so ungeheure Rolle in der Landwirtschaft, daß es sich kaum verstehen läßt, wie man an der völligen Verschwendung .der wertvollen Tabakasche achtlos vorübergeht. Es ist vielleicht auch nur eine Frage der Zeit, daß ein Verfahren zu ihrer Nutzbarmachung gefunden und in Anwendung gebracht wird. Man sollte daran denken, daß die Ernährung einer so gewaltigen Menschenmenge, wie sie sich in China entwickelt hat, nur durch die äußerste Ausnutzung aller Düngstoffe zur Kräftigung .des Ackerbodens erzielt werden kann. Bei uns wird noch immer viel verschwendet, indem beispielsweise die Abwässer der Hafenstädte gewöhnlich ins Meer geleitet werden. Allerdings hat man Nachzuweisen versucht, daß dadurch den Fischen eine Menge von Nährstoffen geliefert und somit deren Vermehrung und Wachstum begünstigt wird. Ein solcher Zusammenhang bleibt aber doch etwas zweifelhaft, und darum sollte man sich auch nicht darauf verlassen, daß die verstreute Zigarrenasche wirklich an Stellen gelangt, wo sie von seihst irgend einen Nutzen im Sinn der Befriedigung dieses oder jenes menschlichen Bedürfnisses findet.
Silbenrätsel.
(Nachdruck verboten).
1—8 heißt die Wirtin hier, Schau, sie geht nach der 2—4. Sie bringt euch ein gut Glas Bier, Für die Damen 1—2—3—4.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Logogriphs in vor. Nrr. Wind, Wand.
Redaktion! August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schcn lluidersltäts-Buch- und Cteindrnckerci. N. Lange, Gießen,


