Ausgabe 
29.6.1904
 
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Waste noch auf dem Lesepult fest, die Mündung nach dem Fenster richtend, während Dieters Finger sich schon in den Nbzugsbngel klemmte.

,,^ch sehe alles alles... O so unbarmherzig klar sehe ich alles . . . Tirsell, die ganze elende Zukunft, das erbärmliche Dasein . . ."

Herr Lotz ach, Herr Lotz mein gutes, trautestes Herrchen!" entfuhr es dem Burschen. Er entsetzte sich über den Blick des Kranken, den unheimlich drohenden Ausdruck, der plötzlich seine Züge spannte.

Laß die Waffe los zum Geier Tirsell, willst Du etwa Vorsehung spielen?" Lotz lachte schrill aus.Vor­sehung spiele ich!"

Mein gutes, trautestes Herrchen!" flehte der zitternd;. Bursche noch einmal.

Der Kranke wandte solche Gewalt an, daß Tirsell los­lassen mußte.

Da krachte schon ein Schuß und noch einer . . .

Aber die blitzartigen Flammen jagten nicht aufs Fenster zu sie gingen direkt zur Herzgegend des im Stuhle sitzenden Schützen.

Tirsell schrie auf und sprang auf seinen Herrn los.

Der' Körper des Getroffenen sank zuerst zurück, zuckte, darauf fiel er nach vorn, mit dem Gesicht aufs Lesepult ausschlagend; der Arm sank seitwärts hinab und schwankte hin und her, sodaß der Lauf des Revolvers, den die Finger noch immer fest umklammerten, den Boden kratzte.

Dem jungen Burschen zitterten die Füße er tastete mit hilflosen Bewegungen über den zum letzten Male zuckenden Körper dann brachen ihm die Kniee ein; er wollte sofort wieder aufspringen, aber er hatte nicht die Kraft.

Letzt 'öffnete sich die Tür, und die Köchin stürzte herein, von den beiden Schüssen aufgeschreckt.

Unser Herr unser Herr!" Mehr vermochte der beim Stuhle Kauernde nicht bervorzubringen.

Die Magd kreischte säh auf, als sie den übers Lese­pult hinüberhängenden leblosen Körper sah.

O barmherziger Gott und Vater!" stammelte sie dann, die Hände fastend.

Als Lorenz, der von der Litauerin endlich herbeigerufen worden war, die Nachricht durchs Telephon an Stojentin weitergab, schickte der Buchhalter seine Frau zu den Nach­barn, ob vielst icht eines von Schmals ihm nach Satrrthen folgen möchte?

Schmal ließ sich sofort mit dem Amtsrichter verbinden. Auf Sakuthen sei ein Unglück geschehen Dieter Lotz sei tot, erschossen zwei Kugeln aus dem Revolver wahrscheinlich mitten durchs Herz!

Krappe selbst war nicht am Apparat, sondern seine Frau Sie sagte, vor kaum zehn Minuten habe sie den Sakuthener Wagen an der Fähre gesehen, rn dem Augen­blick, in dem Frau Lotz einstieg. Sie werde sogleich zu Herr:- Znpitza hinspringen, ihn aufs Werk schicken.

(Schluß folgt.)

Are Doffe.

Von Otto Stoeßl.

Wir sind wohl alle darüber einig, daß unser Schwank und unsere Posse von allen dramatischen Erzeugnissen am tiefsten stehen, zugleich aber, nach der Zahl ihrer Aufführungen, von der breiten Masse des Publikums am höchsten geschätzt werden. Mit dieser recht bedauerlichen Tatsache beginnt Otto Stoeßl im ersten Juni­heft desK u n st w a r t" eine Abhandlung über eine oft beklagte, aber nicht oft genug zu beklagende Zeiterscheinung und gibt damit zugleich einen interessanten Beitrag zur Psychologie unseres Theaterpublikums. Indem er im Erfolg der Posse einen Be­weis dafür sieht, daß sie einem Bedürfnis entgegenkommt, geht er nicht so sehr auf das Produkt selbst als eben auf dieses Be­dürfnis naher ein, geht also den Dingen auf den Grund und gibt damit einen Beitrag zum richtigen Verstehen 'dieser Zeit- erscheinung> das allein einem Kampfe gegen die Verrohung des Theaters Erfolg verheißt. Alle Schärfe der Kritik richtet nichts aus; die sorgfältige Erziehung der Menschen zur wahren Freiheit, die subtilste Sache der Gesellschaft, ist das einzige Mittel, im Volke den Geschmack an Geschmacklosigkeiten zu verderben und den Sinn für das große Drama zu wecken. Die Wertung der wahren dramatischen Meisterwerke unserer Literatur, setzt Stoeßl seine Ausführungen fort, ist bei der Masse eine nur platonische, wenn man indes bloß jene Wertung, mit.einiger Bitternis allerdings aber notgedrungen, als praktische gelten läßt, die sich in mate­rieller Opferfreudigkeit ausdrückt, so muß man bekennen, daß eben

das Publikum für den Theaterbesuch sein Geld hergibt, der ihm diellnterhaltung" durch eine Posse verspricht. Für Kunstwerke des dramatischen Schaffens hat es eine mehr ideale Bewunderung, als halte es sich selbst- nickt für würdig, dem Allerheiligsten zu nahen. »Und darin liegt allerdings eine gewisse gerechte Selbst­einschätzung. Die Theaterleute schließen aus der Beliebtheit der Schwänke denn auch auf die Unentbehrlichkeit solcherharmlosen" Erzeugnisse und wollen ohne sie nicht auskommen. Woher aber diese unleugbare Vorliebe für das Schlechteste und Gemeinste stamme, und warum gerade Schwank und Posse nicht nur auf dem Gebiet der niederen Komik verweilen, was ihnen nm Ende niemand ernstlich verübeln dürfte, nein, warum sie das Niedrig- Komische mit einer so außerordentlichen Albernheit, Geschmack­losigkeit, Erfindungsarmut, Reizlosigkeit und völligen Barbarei behandeln, das scheint nicht genau genug betrachtet zu werden. Tenn die Erkenntnis von den Ursachen Weser Erscheinung könnte vielleicht einen Schluß auf den allgemeinen Stand unserer Schau­bühne, auf ihre Stellung in der Gegenwart und Zukunst des deutschen Lebens ermöglichen.

Der Erfolg und mächtige Zulauf der Possen beweist zunächst unbedingt, daß sie auf einer breiten Basis des allgemeinen Em­pfindens beruhen, daß sie nicht bloß geschmacklos, schlecht, dumm sind, sondern mag dies anzweifeln, wer es wagt, daß sie wahr sind.

Betrachten wir nun Milieu, Motive, Art ihrer Behandlung, Personen und Sitte der Posse und ihre Darstellung eben auf diese Wahrheit hin.

Das Milieu. ,Jm weitesten Sinne das Milieu des Bürger­tums, wie denn unsere Schaubühne wohl noch für lange Zeit als die des Bürgertums schlechtweg bezeichnet werden kann. Das Bürgerhaus. Es ist immer charakterisiert durch eine typische, bei allen Schwänken wiederkehrende Dekoration: geschmacklose, über­ladene Möbel, jeder Raum zu allem möglichen eingerichtet, aber nicht etwa in bescheidener, den Verhältnissen angepaßter Dürftig­keit oder Dienlichkeit, sondern mit arroganter, unangenehmer Großtuerei. »Portieren, Gipsfiguren, Makartbuketts, .alldeutsche Schnitzereien, außen angeleimt, Stühle mit Ledernachahmüng in Pappe, ausgeklebte Lehnen, überall der gleich« Dünkel, scheinen zu wollen, was man nicht ist, für einen einfachen Bürger eine historische Persönlichkeit vortäuschen zu wollen. In diesem Zimmer wird nicht eins oder das andere ehrlich getan, sondern alles zu­gleich unehrlich. Hier ißt, badet, schläft man, macht Liebeserklär­ungen, empfängt Besuche, stolpert über Dinge, die stets im Wege stehen, findet Säuglinge in Schränken und ein kaltes Bad hinter einer spanischen Wand. Alle komischen Möglichkeiten leiten sich aus dem Schauplatze her, der nicht durch einen rückständigen Geschmack des Fundus, sondern durch den Stand des tatsächlichen Lebens auf der Bühne aufgerichtet wird.

Damit sind schon auch die anderen Bedingungen gegeben; Motive, Personen, Sitten. Allgemein gefaßt bleiben ja die Mo­tive der derben Komik ungefähr gleich, so lange die Konfiguration des sozialen Lebens wunahernd die gleiche bleibt. Erst in den Personen und Sitten, in der zeitlichen Kostümierung differenziert sich die heutige Posse. Mit beneidenswerter Beharrlichkeit zwingt man uns, daran zu glauben: unser Dasein ist von unangenehmen Schwiegermüttern, lebenslustigen Schwiegervätern, auf Abenteuer ausgehenden Provinzialen, von radebrechenden Fremdlingen, von Leuten mit Zungensehlern, oder von Tauben, von hossnungslos Ungeschickten, von taktlos Vordringlichen oder von Tumm-Schüch- ternen erfüllt. Die Posse der allgemeinen Lebensunfähigkeit, der herrschenden schlechten Erziehung, der üblichen geistigen Dürftig­keit, gemütlosen Schadenfreude, der Interesselosigkeit für Geistiges, übelangebrachter Sucht nach dem Versagten wird uns vorgefpiest und findet den Beifall, den sie wegen ihrer inneren Begründung verdient. Dem Ungeeignetsten als dem wahrhaft zum Possen- schicksal Verdammten wird denn auch der Prozeß gemacht, darin be­ruht ja auch der Sinn der Posse. Sie enthält eine komische $er< urteiluug, wie die Tragödie eine tragische. Die Aufl-Hmmg des Einzelnen gegen die Gesamtheit führt hier zum komischen, wie dort zum tragischen Ende. Nur daß in unserer Posse die siegende Gesamtheit keine innere Berechtigung bewahrt, das Ganze ist ein närrischer Kampf aller gegen alle. Zuin Schluffe eröffnet eine mit wahrhafter Kupplergeschicklichkeit vorbereitete, durch alle künst­lichen Hindernisse geschickt hindurchgelotste Verlobung möglichst vieler, möglichst komischer Paare die erfreuliche Aussicht auf den Fortbestand einer Possenmenschheit. In der Tragödie siegt der Held, trotzdem er,untergeht. Dichter und Publikum sind darüber einig, daß es etwas Großes sei und etwas Nötiges, im Heldentum gegen alle zu stehen; gerade das Unterliegen des Helden setzt ökumenische Ziele durch. We gemeine Menge wird gelehrt, das Ungemeine zu bewundern. In der Posse darf sie darüber vergnügt und beruhigt sein, daß das Gemeine nicht nur siegt, sondern recht behält. Gerade jene Figuren, die in der Posse gar so arg mit­genommen werden, repräsentieren oft genug eine gewisse, zum komischen Untergang verurteilte Idealität: zerstreute Gelehrte, leicht erregte Träumer, schüchterne Jünglinge, schwärmerische Frauenzimmer u .dgl. Alle Effekte hängen an der üblichen Un­tauglichkeit der Menschen zum ruhigen, natürlich-sittlichen Zu­sammenleben. , Beispiel: die Ungeschicklichkeit. Einer macht alles verkehrt, tut alles zur unrechten Zeit, aber aus innerer Unfähig­keit und tiesernster Ueberzeugung, platzt mit Lachen heraus, wo «r