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Sattelchen!"
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da hat es ihm der alte Collenberg noch ausgeredet — ausgclacht hat er ihn!"
„Ja/ hat denn jetzt noch irgend jemand daran gezweifelt?" fragte Erich V. Gamering ziemlich betroffen.
„Woran gezweifelt? Zupitza sagte doch noch um Ostern herum in meiner Gegenwart zu Lotz: übers Jahr werde er sicher wieder marschieren! . . . Warum siehst Du mich denn so komisch an, Jungchen?"
„Und Ihr habt es geglaubt? Alle? Und der Kranke etwa auch?"
„Zum Henker, wenn zwei Doktors es nacheinander sterf und fest behaupten. — Heute hat er freilich viel klem- mütiger gesprochen als sonst, der gute Lotz, ja, das fällt mir eben nachträglich auch noch aus. — Hm. Von dem Moment an, wo Du das lateinische Wort gesagt hast."
Erich v. Gamering war äußerst anfgeregr — am liebsten wäre er umgekehrt und hätte noch einmal mit dem Kranken gesprochen.
„Unsinn", polterte der Rittmeister, „wirst Dich da am Ende 'ner Sache aussetzen. Inzwischen kommt seine Frau nach Hause. Uebrigens glaube ich, er versteht gar kein Latein. Russisch und Italienisch kann er, tja, aber lateinisch nicht. Nee, da mach Dir man bloß keine Sorge. Und überhaupt: ist das etwa Deine Schuld, wenn Deine Vorgangs: nicht herausbekommen haben, was Du auf den er।ter Blick siehst?" .
Der Vetter war so leicht nicht zu beschwichtigen. „Kerne Frage, daß sie das wußten. Bloß — sie wollten es ihm vietleicht nicht direkt sagen."
„Na, dann hätte es aber doch seine Frau wenigstens von ihnen erfahren! — Oder etwa nicht?" Gamering zündete sich eine Papyros an und lächelte psisfig vor sich hin. „Jungchen, Jungchen, wenn Du diesem unausstehlichen Großmogul da, diesem Herrn Zupitza, einen Lapsus nachweisen könntest — einen so horrenden Lapsus — ich sage Dir, Du säßest dann hier mit einem einzigen Sprung im
Solange der Besuch da war, hätte Tirsell in nicht geringer Sorge draußen aus der Diele dararis gewartet, daß man ihn nach dem Keller schicken werde. Gamermg wußte unter den Sakuthener Vorräten verschiedene Lieblingsmarken, und wenn er so erst hinter einem der grüngelackten Fläschchen saß, dann hatte er meistens Pech an den Hosen.
Tirsel atmete erleichtert aus, als die Herren sich verabschiedeten, ohne daß etwas „Tropfbarflüssiges" — wie sein ehemaliger Duzbruder sich auszudrücken pflegte — befohlen worden war.
Uebrigens schien der Besuch den Kranken angeregt zu haben. In der Stunde der Dämmerung verfiel Dieter sonst immer in trübseliges Schwergen, manchmal saß er neuerdings wie in eurer Ohnmacht da und ermunterte sich erst, wemi seine Frau sich einen freien Augenblick abstahl und aus dem Bureau herüberkam, um ihn ins Gespräch übers Geschäft zu ziehen, ihm irgend etwas vorzuplaudern.
.Heute war er kaum wiederzuerkennen. Tirsell mußte noch rasch ins Bureau lausen, wo gerade Feierabend gemacht werden sollte, und sich von Stojentin ein paar Lexikonbände geben lassen. (Frau Frünze hatte im vorigen Sommer viele Bücher, namentlich Nachschlagwerke, aus der Krankenstube entfernt, teils weil es Staubfänger seien, teils auch weil sie sie selbst oft dringend brauchte. So sagte sie wenigstens.)
Mit seinen recht unsicher gewordenen Händen blätterte der Kranke in den großen, dicken Büchern, die ihm Tirsell aufs Lesepult aufsetzen mußte.
Gut eine halbe Stunde las und blätterte und las er.
Tirsell ging auf den Frrßspitzen hin und her. Er wußte, daß die gnädige Frau sich freuen würde, wenn er ihr hernach berichtete, wie interessiert sich der Kranke in ihrer Abwesenheit beschäftigt hatte.
Schließlich wollte Lotz auch Bleifeder und Papier, um sich ein paar Notizen zu machen.
Er sah dann zu, wie sein Herr schrieb. Die Hand zitterte ja, aber es ging doch ganz leidlich, wenn er die Bleifeder mit der bollen Faust packte. Lateinische Buchstaben konnte Tirsell nicht entziffern. Bei der gewissen Vertraulichkeit, die sich mit der Zeit zwischen Pfleger und Kranken herausgebildet, hätte er's sonst sicher gelesen.
Ein kluger Mensch tvar sein Herr doch auf alle Fälle.
Wie seine Augen heute blitzten! O — durch diesen gescheiten Kopf mochten manchmal allerhand kluge und besondere Gedanken gehen — wenn er auch auf den Schultern eines halb Gelähmten saß!
Nun fiel Dieter Lotz aber plötzlich in sich zusammen.
Erschrocken sprang Tirsell ihm bei.
Ob er sich mcht überanstrengt habe? Der Doktor habe ihn doch gewarnt, in der Dämmerung zu lesen!
Dieter hatte den Anfall schnell überwunden.
„Es ist ja noch ganz hell, was willst Du, mein Junge? Mach mal das Fenster auf. So. Und nun die Vorhänge zurück."
Blutrot ging die Sonne drüben hinter Gill unter. Der Holzturm der Kirche hob sich scharf vom Abendhimmel ab.
In den Augen des Kranken leuchtete es auf. Er zeigte mit seiner etwas zitternden Hand in den Garten.
„Ich sehe heute so klar, Ede Tirsell, aber so klar . nein, das ist ganz wunderlich!"
Tirsell nickte ihm freudig bewegt zu. Das werde dre gnädige Frau gern hören. Sie bange sich doch immer so sehr um ihn.
„Ja, das tut sie, ich weiß wohl, das tut sie!" Er preßte die Hände krampfhaft ineinander, ein Schauer durchrieselte ihn. „Die arme Fränze — die arme Franze!" flüsterte er Vor sich hin.
„Ov er jetzt nicht lieber das Fenster schließen solle , fragte der Diener besorgt.
„Nein, nein, noch nicht schließen, ich — ich will mal eine Probe machen." Er starrte angestrengt durch den Fensterrahmen. „Siehst Du da draußen im Garten den Rosenstock, Ede?"
Verwundert blickte Tirsell durchs Fenster. Jin vorigen Jahr war dort eine hochstämmige Rose gestanden, die war aber eingegangen. Ob der Herr nicht das junge Kirschen- bänmchen meinte, das weiter nach dem Stätteplatz zu am Staket stand?
„Ja, gewiß, das meine ich."
So weit hatte der Kranke seit dem letzten Wnter nicht Mehr sehen können. Das sei dann sicher das Zeichen einer großen Besserung, meinte Tirsell.
„O, was denkst Du, Alterchen", sagte Lotz seltsam lachend, „ich treffe Dir heute mit dem Tefchin genau den Stamm, haarscharf — aber mitten ins Herz!"
Darüber lachte Tirsell nun doch. Wie sollte sein Herr die Waffe anlegen können, wo er den linken Arm doch gar nicht über Schulterhöhe brachte?
„Oder mit dem Revolver, ja meinetwegen auch mit dem Revolver", sagte Lotz bastig. „Hol ihn doch mal aus deut Bureau. Weißt Du — womit Stojentin neulich dre beiden Karniael geschossen hat. Die er zuerst für Füchse hielt. Weißt Du noch?"
Tirsell zögerte. Am Ende besaß der Kranke doch Nicht die Kraft mehr, der Schuß ging nicht durchs Fenster, wo die Bretterioand am Gartenzaun drüben jeden Schaden verhütete, sondern er traf den Spiegel, sonst was, und hernach gab man ihm die Schuld.
Aber der Herr ward ordentlich böse. Er sei doch kein Kind, dem man ein Spielzeug verweigern müsie, es ha> die sich nm mehr, viel mehr, er müsse eine Probe anstellen, die für den Doktor von großer Wichtigkeit sei — der neue Doktor, der vorhin da war, der habe es von ihm verlangt. • , „ ,
Wenn wenigstens die gnädige Frau dabei wäre! Ob er nicht fo lange warten wolle?
„Tirsell, — alter Esel — in zehn Minuten ist es doch finster und dann — dann ist es vorbei. Tirsell, wer ist liier der Herr?!"
Er sprach so drohend, daß der Diener schließlich gehorchte.
Tirsell verstand mit Waffen umzugehen, früher als seine Herrschaft noch zur Entenjagd ging, hatte er immer die Flinten geputzt: auch den Revolver, der nun für kleines Raubzeug, das sich im Muter manchmal auf den Hof verirrte, im Bureau hing, hielt er in Stand.
„Nun also, nun also", sagte Dieter, als' die Waffe dann endlich geladen war. „Bist doch immer ein braver, tüchtiger, lieber Kerl gewesen, Ede. Gib acht, wenn — wenn ich mal tot bin, Ede, dann wird meine Frau — ja, die wird für Dein Weiterkommen schon sorgen!"
Aber jetzt könne der gnädige Herr doch unmöglich mehr den Obstbaum sehen? Zögernd und ängstlich hielt er die


