Wr. 95,
1904
Mittwoch den 29 Juni
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(Nachdruck verboten.)
Irühlingsstürme.
Roman von Paul Oskar Höcker.
(Fortsetzung.)
Das anfangs etwas steife Gespräch ward allmählich lebhafter, wenn attch durchaus nicht so ungezwungen, tote der Rittmeister es gern angeregt hätte. Der junge Ga- mering beobachtete den Kranken mit wachsendem Interesse. Dieter Lotz aber, der es merkte, ward davon mehr und mehr beunruhigt. Sein Augenübel ermöglichte es ihm neuerdings nicht, ein Ziel längere Zeit festzuhalten, sein Blick wanderte mehrmals in die Irre, immer aber kehrte er wieder zurück, tote magnetisch angezogen, schließlich nahm er etwas Stieres an, während die Augäpfel weit hervor- tratett.
„Ich stelle eine besondere Spezies vor, wie?" fragte Dreter Lotz plötzlich, indem er das Gespräch mit Gamering unterbrach und dem Fremden ein unsicheres Lächeln zuwarf.
Gamering junior hielt es daraufhin für angebracht, ein paar ärztliche Fragen zu stellen, die der Kranke erst Schlag auf Schlag, dann immer zögernder, schließlich mit lauerndem Ausdruck beantwortete.
„Sie fragen so — als ob Sie glaubten", sagte er fast atemros, „daß in meiner Behandlung — etwas versehen sei?"
„Durchaus nicht", verwahrte sich Doktor v. Gamering sofoll. „Was sich in dem Falle tun läßr, hat der laerr Kollege zweifellos getan." Er zuckte die Achsel, teiluabms- voil bedauernd. „Es ist ja leider Gottes herzlich wenig."
„Ja — allerdings", sagte Lotz gedehnt, „es ist herzlich wenig."
„Höchstens — daß er Sie nicht doch lieber in ein Bad geschickt hat, , zum Beispiel Rehme oder Wildbad oder Gastein. Vielleicht hätte es Ihnen immerhin zeitweise Erleichterung verschafft."
„So, so! Glauben Sie?"
„Wenigstens, was diese — diese Nebenerscheinungen" — ec zögerte, weil der Kranke ihn mit so seltsam lauerndem Blick ansrarrte, und ließ dattn auch den lateinischeit Ausdruck ohne jede Betonung fallen — „was die Arthro- pathia tabidorum betrifft."
Denr Rittmeister wollte es so Vorkommen, als ob es wie in plötzlichem Haß aus Dieters großen, starren Augen sprühte. Er war den letzten paar Sätzen nicht so recht gefolgt. Es freute ihn zwar, daß der Vetter sofort in schneidiger Weise auf den Krankheitsfall einzugehen verstand, aber im Grunde langweilte ihn alle Fachsimpelei. Nun hob er verwundert den roten Kopf — er wollte mit etwas schwerer Zunge sich ins Gespräch mischen — aber er kant nicht zu Wort. Dieter sprach mit. seltener Lebhaftigkeit «uf den jungen Arzt ein, der erwiderte, c tfangs
ebenso lebhaft, dann mehr und mehr gedehnt, schließlich sehr zögernd und vorsichtig. Denn im Gesichtsausdruck des Kranken war wiederum eine seltsame Wandlung eingetreten: sein Blick war noch ebenso starr ttnd unbewegt, aber um seine schmalen Lippen spielte ein sarkastisches Lächeln.
„°'Ct, denken Sie, Herr Doktor", sagte er in eigentümlich gepreßtem Ton, „Ihr Herr Vorgänger hat mir doch — lauge, lange Zeit hindurch — nie so recht zngeben wollen, daß es — daß es wirklich diese Krankheit ist. . ." Ein Zucken lief über ihn hin. Als der junge Gamering sich hastig erhob, schüttelte er den Kopf. „Nein, lassen Sie, lassen Sie. Ich bitt jetzt schon längst an den — an den Gedanken gewöhnt."
„Was denn, was denn", siel der Rittmeister verwirrt ein, „Menschenskind, was machen Sie denn für Augen, ums Himmels willen?"
Dieter Lotz hatte den Kopf erhoben, so hoch er konnte, er stützte sich links und rechts auf die Lehne seines Stuhts und rang nach Luft. „Was soll denn sein?" stieß er in dünnem, heißerem Tone aus. „Gar nichts ist. Dagegen —■ kann man doch nicht an — wenn man mal so auf dem letzten Loche pfeift wie test."
„Na, teurer Freund, das Sprechen strengt Sie heute an, das sieht ja ein Blinder", suchte der Rittmeister zu beschwichtigen. „Ich wollte Ihnen den Vetter auch bloß so in Freiheit dresstert vorsühren. — Morgen kommst Du mal alleine her, Erich, wie? — Tja."
Dem jungen Arzt wollte die verstörte Art des Kranken durchaus nicht behagen; es wurmte ihn auch, daß Lotz sie ziehen ließ, ohne irgend ein Wort über die künftigen Beziehungen fallen zu lassen. Denn der Kranke hatte auf den Vorschlag Gamertngs, daß sein Vetter ihn morgen aufsnchen sollte, nicht reagiert.
Zugeknöpft und förmlich verabschiedete er sich vom Hausherrn. Er bereute es, der Laune des Rittmeisters nachgegeben zu haben, indem er mit hergekommen war.
Als sie wieder draußen im Wagen saßen und davonkutschierten, sagte er es dem Vetter.
Gamering hatte dasselbe Gefühl: er ärgerte sich über den offenbaren Abfall nicht minder. Aber zugeben wollte er es natürlich nicht.
„Große Kunststücke hat Dein Vorgänger da jedenfalls nicht zuwege gebracht", sagte er spöttisch, „denn ich finde, es ist voir Tag zu Tag miserabler mit dem guten Lotz geworden."
. Sein Begleiter zuckte die Achsel. „Da läßt sich doch auch nichts mehr helfen."
„Nee, Jungchen, ■— das wäre!"
„Rückenmarksschwindsucht. Ich gebe ihm kein Jahr mehr, allerhöchstens zwei!"
„Richt möglich! Aber höre — es hieß doch immer — na, das nehme mir niemand übel. . . Siehst Du, Pratje, der hat es schon tut vorletzten Mn ter mal aesagt, aber


