251
Gerade fuhren wir unter lautem Gerassel Wer die Zugbrücke und durch den Tunnel ins Fort ein, und so ging der Schluß ihres Satzes für mich verloren.
Ehe ich Madras verließ, traf ich Frau Rosario einmal im Bazar. Voll Verzweiflung erzählte sie mir, daß Zo- casta sich als durchaus unbrauchbar erwiesen habe. Sie stehle und nasche und Hetze die Dienstboten aus einander, das Essen sei nie zur Zeit fertig und entsetzlich schlecht. Neulich sei abends nicht einmal Oel in der Lampe gewesen und am Morgen kein Zucker im Haus. Tränen standen der guten Frau in den Augen, als sie mir diese Ungeheuerlichkeiten erzählte. Unter diesen Umständen konnte es mich allerdings nicht wundern, daß Friedrich Augustus vor Zorn wüte, und daß er, sowie die van Lede gekündigt hätten und nun alle miteinander in ein benachbartes Kosthaus übersiedeln wollten. Welche Demütigung für die arme Frau Rosario!
„Was soll ich da machen?" rief sie fast weinend.
„Suchen Sie Jocasta sobald als möglich loszuwerden und nehmen Sie selbst die Zügel in die Hano", lautete der zweifelhafte Trost, womit ich mich von ihr trennen mußte.
*
Endlich schlug die Stunde meiner Abbeise. Eines Morgens vor Tagesanbruch verließ ich Madras, um nach dem siebzig Meilen entfernten Royapetta zu reisen. Die Fahrt ging äußerst langsam von statten; nur zwölf Meilen wurden in der Stunde zurückgelegt. Kein Wunder, daß mir die Zeit langsam vorkam, während wir gemächlich zwischen den endlosen Kaktushecken und smaragdgrünen Reisfeldern hindampsten. Auch die Pagodentenrp-el und riesigen steinernen Götzenbilder vermochten mein Interesse nicht mehr zu wecken.
Es war zwölf Uhr, als ich auf der im Reiche Seiner Hoheit des Radschah von Royapetta gelegenen Eisenbahnstation anlangte. Meine Ankunft 'war dem indischen Stationsvorstand offenbar mitgeteilt worden, denn er empfing mich mit unterwürfiger Ehrerbietung, während ein stattlicher Diener in gelb und schwarzer Dienstkleidung mir das Handgepäck abn-ahm. Vor dem Stationsgebäude wartete ein wappengeschmückter, mit zwei Rassepferden bespannter europäischer Landauer mit feinen gelben Lederpolstern und vergoldetem Beschlag, zu dem freilich das abgenützte, mit Stricken zusammengeflickte Pferdegeschirr und das nach indischer Sitte hinten aufgebündene Heubündel nur schlecht paßte. *■
Bald lag die Station hinter uns. IN eine weiße Staubwolke eingehüllt, fuhren wir in halsbrecherischem Lause einer entfernten Hügelkette zu. Fuhrwerke, Fußgänger und Lasttiere aller Art eilten uns hastig aus dem Wege, und ich fragte mich mit einer gewissen Besorgnis, was wohl aus mir werden würde stvenn das geflickte Geschirr plötzlich risse. Die Gegend schien reich und fruchtbar zu sein. Ueppige Baumwoll- und Reisfelder begrenzten die Straße, und auch an Götzentempeln war kein Mangel *— ich befand mich ja jetzt in einem Hindustaate.
Nach mehr als einstündigem tollem Dahinjagen erreichten wir Royapetta. Es war eine große, weit ausgedehnte Stadt mit unzähligen Tempeln, engen, durch Fuhrwerke und „heilige" Kühe oft versperrten Straßen und lebhaften Bazaren. Halbversumpfte Cisternen lagen an der Straße. Die Häuser hatten flache Dächer und waren von hohen, von Palmen und Bananen überragten Mauern üm- geben.
Endlich kamen wir an eine besonders hohe Mauer, bogen dann in einen großen Torweg ein, wo zwei Schildwachen vor uns salutierten, und im nächsten Augenblick rasselten wir durch den Schloßhos. Ich nahm wenigstens an, daß das vor uns liegende Gebäude der Palast sein müsse, obwohl es höchstens wegen seines ungeheuren Umfanges auf diese Bezeichnung Anspruch machen konnte. Hoch oben in der Mauer befanden fich Reihen von vergitterten Fenstern, an den Ecken waren Balkone, Türmchen und Minarets angebracht, und hier und da erhob sich am Ende eines flachen Daches eine Art Pavillon.
Bor einer der Einfahrt gegenüberliegenden Türe wurde mir bedeutet, auszusteigen, der Wägen mit den schaumbedeckten Pferden entfernte sich, und da stand ich nun mit meinem prächtigen Diener allein und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Welche Stille nach dem Wagengerassel und dem lärmenden Stadtgetriebe! Man hätte sich eher in der Umgebung eines Klosters oder auf einem
Friedhöfe wähnen können, als vor einem Hmbupalast mit Hunderten von Bewohnern.
(Fortsetzung folgt.)
Kugerr Wolfs Bismarck Krirmerungelr-
Jn der Aprilnummer von „Velhagen und Klasings Monatsheften" wird die Veröffentlichung der Tagebuchblätter von Eugen Wolf, in denen vom Fürsten Bismarck und seinem Hause erzählt wird, zu Ende geführt. Wir greisen aus den interessanten Aufzeichnungen, die aus dem Jahre 1893 bis 1898 datiert sind, noch einige besonders bemerkenswerte Mitteilungen heraus. Als Wolf zum 19. März 1894 zu einem Frühstück nach Friedrichsruh geladen war, kam das Gespräch aus Bismarcks Besuch in Berlin, auf den Empfang bei bent Kaiser, auf die Prinzen, auf das Men im Schloß und auf den Grwiderungsbesuch des Kaisers in Friedrichsruh. „Es sind alles Dinge, die man der Oefsentlichkeit ruhig mitteilen kann", bemerkte die Fürstin, „Politik ist überhaupt nicht berührt worden." „Die Masche Wein", warf der Fürst ein, „war 62er Steinberger Kabinett. Der Kaiser hatte mir sagen lassen, ich möchte jeden Tag ein Likörgläschen davon trinken, aber er kennt mein Maß nicht. Wenn ich einmal ansetze, dann trinke ich aus. Ich Habe die Flasche nicht mit dem Kaiser, sondern en Petit comitä (im Keinen Kreise) ausgetrunken. In Berlin ist mir der Weg Trepp auf, Trepp ab und im Fahrstuhl bis zur Kaiserin lang geworden: die beiden Prinzen stellten sich mir in Uniform vor; ich wurde in ein einfenstriges Zimmer geführt, hinter mir ging alsbald die Tür auf, und nun kam der Kaiser in liebenswürdigster Forin auf mich zu und ernannte mich zum Regimentsinhaber. Tas meiste, was die Zeitungen über meinen Aufenthalt im Schloß gebracht, war unrichtig,"
Im weiteren Verlauf der Unterhaltung kam man auf Champagner zu sprechen. Aus Wolfs Bemerkung, daß die deutsche Champagnerindustrie große Fortschritte mache, wie er sich krüzlich in Schaumweinkellern am Rhein zu überzeugen Gelegenheit gehabt habe, ^erwiderte der Fürst: „Deutscher Chainpagner bekommt mir nicht. Da ist mir in Berlin folgendes passiert: Beim jetzigen Kaiser«,wurde einmal bei Tisch deutscher Champagner eingeschenkt, ich konnte das Etikett nicht sehen, weil die Flasche mit einer Serviette umwickelt war, aber ich schmeckte es sogleich und stellte das Glas vor mich hin, worauf der Käiser mich ftug, weshalb ich nicht trinke. Auf meine Antwort, daß ich deutschen Champagner nicht vertrage, sagte der Kaiser: „Erstens trinke Ich ihn aus Sparsamkeitsrückfichten, denn ich habe eine große Familie zu ernähren, auch will ich meinen Offizieren ein gutes Beispiel geben; zweitens tue ich es aus patriotischen Gründen", worauf ich entgegnete: „Majestät, der Patriotismus geht bei mir nur bis an den Magen." Bei einen: anderen Gespräch Wer Weine erzählte Bismarck folgende hübsche Anekdote: „Früher, als der Mein noch billig war, konnten die Menschen viel mehr trinken und vertragen. Ich erinnere mich der Geschichte zweier Rheinländer; sie kamen beim Frühschoppen^sammen, da fagte der eine nach dem ersten Mas: „De Mngg ist jut." Gegen Dämmerung standen sie aus und heim letzten Glas erwiderte der andere: „litt bekömmlich is he ooch."
Während einer Unterhaltung im Jahre 1896 gedachte Bismarck seiner Verdienste um die Billenkolonie Grünewald bei Berlin: „Wenn mir die Berliner ein Denkmal setzen wollen, so wünsche ich es mir nur dahin. Bon der Politik und der Geschichte als meinem eigensten Werk will ich nicht reden. Da waren andere Einflüsse int Spiel. Aber eines kann ich für mich in Anspruch nehmen, daß ich den Berlinern Lust verschafft habe. Den Kurfürsterrdanun und die Billenkolonie Grünewald, die damit zusarmnenhängt, habe ich ganz allein durchgekämpft. Ich habe bei denk hvchseligen König eine Kabinettsordre erwirkt, den Kur- fürstendamM als Zufahrt nach dem Grünewald durchzuführen, trotzdem ich das Polizeipräfidinm gegen mich hatte, das JNtriguen gegen mich spann. Denn einige des Herren, die ein anderes Projekt patronifierten und m der Aussicht auf dessen Verwirklichung fich bereits in Terrainspekulationen einließen, hatten Mud bekommen und ver- fuchten, mir Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Ich kann wohl sagen, daß mir in dieser Sache mehr Schwierigkeiten bereitet mürben, als es durch sämtliche Diplomaten Europas je geschehen ist, Aber ich hatte das Mrtrauen


