Ausgabe 
29.4.1904
 
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»eben ihr einnäym uttü den Zurückbleibenden, die alle m- einer Reihe auf der Veranda standen, zuwinkte. Selbst jen Koch, den Wäschemann und die Chinna Ajah sah ich m dem Nebenhause stehen, als ich zum letztenmal aus rem Rosarioschen Bungalow hinausfuhr.

14.

Major Dalrymples Wohnung lag im Fort mit der Aus­sicht aus die See. Es war ein seltsames, uraltes, kühles und luftiges Gebäude mit bombenfesten Mauern und steinernen Treppen und Gängen, jedoch mit einem Geschmack und einer Eleganz eingerichtet, wie man es eher in einer modernen Stadtwohnung vermutet hätte, als in dem kurz­dauernden Heim einer Dame, die das veränderungsreiche Los eines Linienregiments teilt. Die ganze Einrichtung war neu und hübsch, und so viele Insassen diese alter­tümlichen Räume während der letzten zwei Jahrhunderte auch gehabt hatten, so waren sie sicherlich niemals so ge­schmackvoll ausgestattet gewesen als jetzt.

Für mich war der plötzliche Uebergang von der Crun- dallstraße zum Sankt Georgssort säst wie die Versetzung aus einen anderen Planeten. Hier herrschte militärisch leb­haftes Treiben, Tätigkeit, Ordnung, Pünktlichkeit Horn- signale ertönten, Soldaten exerzierten, Musikkapellen spielten. Säbelrasselnd und sporenklirrend eilte Major Dalrymple die Gänge auf und ab; Ordonnanzen, Tele­graphenboten und Diener kamen und gingen. Dort in der Crundallstraße dagegen herrschten Müßiggang, Erschlaff­ung, Vergnügungssucht unb Staub. Und welcher Unter­schied zwischen der mich bedienenden reizenden, in schnee­weiße, goldumsäumte Gewänder gehüllten Ajah mit dem kurzärmeligen seidenen Jäckchen, den goldenen Ohrringen und goldener Halskette, und Frau Rosarios schmutziger Chinna Ajah!

Die zehn Tage, die ich bei Mrs. Dalrymple verbrachte, vergingen mir wie im Fluge. Noch nie in meinem ganzen Leben hatte ich nfich so von Grund aus heiter und glück­lich gefühlt. Gleich vom ersten Augenblick an faßte ich eine herzlicke Zuneigung zu meiner heiteren, lebhaften, ver­ständigen Gastgeberin, mit der zu plaudern mir einen hohen Genuß gewährte. Schon ihr Anblick in ihren frischen weißen Kleidern, mit dem hochaufgesteckten braunen Haar war eine Freude. Sie bezauberte durch ihre liebenswürdigen Eigen- schasten ihre ganze Umgebung; alle ihre Bekannten, die Eingeborenen, wer immer in ihre Nähe kam, bis herab zu den Hunden, sie alle erlagen dem Reize ihrer Persön­lichkeit.

Mrs. Dalrymple war aber auch praktisch veranlagt. Mit liebenswürdigem Eifer half sie mir meine sauer er­worbenen Rupien in hübschen indischen Seidenstoffen und weißem Musselin und Stickereien anlegen. Sie ließ sechs im Kleidermachen erfahrene Männer kommen, die unter Leitung ihres eigenen Schneiders, eines bärtigen, turban­geschmückten alten Indiers, Tage lang auf dem Boden hockten und mir meine Neider nach Mrs. Dalrymples Modellen anfertigten. Auch zu Gartenfesten, Tennispar- tieen und Konzerten mußte ich sie begletten.

Einmal kam Mr. Thorold zu uns ins Fort und blieb zwei Tage, wahrend deren wir beide die bisher zwischen uns übliche geschäftlich-ernste Haltung ausgaben und einen leichten Gesellschaftston anschlugen. Wir plauderten, scherz­ten und lachten miteinander, stritten und versöhnten uns wieder. Zwei kleinere Essen wurden ihm zu Ehren ge­geben, und eines Abends machten wir in seiner Begleitung eine wundervolle Fahrt am brausenden Meeresgestade entlang.

Ganz ohne geschäftliche Unterredungen ging es dabei nicht ab. Verschiedene mit meiner neuen Stellung ver­knüpfte Förmlichkeiten waren zu erledigen. Ich mußte eine durch den Draht von England verschaffte Beglaubigung meiner Person unterschreiben, die in München erhaltenen Diplome vorlegen und eine Photographie einschicken. Ich verpflichtete mich aus zwei Jahre, wenn auch mit der Ein­schränkung, daß mir int Krankheitsfalle ein früherer Aus­tritt bewilligt werden sollte. Nachdem dies alles erledigt war, fuhr Mr. Thorold nach Rayopetta, um dort das Nötige zu meinem Empfang vorzubereiten.

Ich mtnß indes gestehen, daß ich mich gar nicht danach sehnte, meine neue Stellung anzutreten, denn das Leb'en in meiner jetzigen Umgebung gefiel mir gar zu gut Wie schön war das bischen Faulenzen! Aucü das für mich so

neue, bunte militärische Treiben hatte einen großen Reiz für mich, und mit Mr. Dalrymple, einem schlanken, dunklen Mann mit lustigen Augen und frischem Wesen, der in seine Frau überaus verliebt war, stand ich bald auf freund­schaftlichem Fuße.

Als wir eines Abends von einer Spazierfahrt zurück­kehrten, erzählte Mrs. Dalrymple mir von ihrer ersten Begegnung mit ihm. Es war bei einem Cricketwettspiel der jungen Offiziere.Da kam der nette, hübsche Mann zu mir und blieb den ganzen Nachnnttag mit verschobene.- Krawatte mir zu Füßen sitzen, sodaß natürlich jedermann sofort behauptete, ich hätte ihm den Kopf verdreht. Zehn Tage später hielt er um meine Hand an."

Das nennt man kurzen Prozeß machen!" ries ich.

Ja, ja, wir besannen uns nicht lange. Meiner Ansicht auch sollte das Sprichwort heißen: Schnell gefreit, hat noch keinen gereut."

So glauben Sie Wohl auch an eine Liebe auf den ersten Blick?"

,D ja, gewiß. Sie natürlich nicht; Sie sind Viel zu sittsam und gesetzt zu einer solchen Tollheit."

,Z'ch habe aber doch auch schon manche Tollheit be­gangen."

Allerdings, und sich dadurch in die Klemme gebracht. Wenn ich damals mit meinem Rat in Ihrer Nähe gewesen wäre, hätten die Dinge einen besseren Verlauf genommen. So würde ich Sie zum Beispiel ohne weiteres mit Lady Elisabeth 'wach England geschickt haben. Die alte Dame hätte Sie sicherlich lieb gewonnen und zu ihrer Erbin eingesetzt."

Ich will aber niemandes Erbin sein."

Das sieht Ihnen wieder so recht ähnlich. Memand wollen Sie sich verpflichtet fühlen. Sie zogen es vor, in Blacktown Sklavendienste zu verrichten, und wer hatte den Vorteil davon?"

Frau Rosario", antwortete ich lachend. Jetzt konnte ich ja Wohl über das Vergangene scherzen!

Uebrrgens versichere ich Ihnen, daß es recht ange­nehm ist, eine reiche Erbin zu sein. Sie dürfen nicht so verächtlich über diese armen Geschöpfe urteilen; denn ich bin selbst eine . Das war übrigens nicht die einzige Ge­legenheit, die sich Ihnen bot, nach England zurückzu­kommen!" fügte sie bÄeutnngsvoll hinzu.Max erzählt mir nämlich alles. Er und Arthur stehen sich so nah wie Brüder, und somit bin ich seine Schwester. Er ist ein offener und zuverlässiger Charakter, der das Leben bei allem jugendlichen Frohsinn stets ernst genommen hat. Unserem Geschlecht ist er von jeher aus dem Wege gegangen, und deshalb erscheint es mir etwas hart, daß man einen ganzen Palast voll Weiber seiner Obhut unterstellt hat. Er ist Pate von unserem Jungen."

Ich fühlte, wie mir das Blut in die Wangen stieg. Ob Max Thorold ihr wirklich alles gesagt hatte? Ob er in jener peinlichen Angelegenheit wohl selbst alles wußte?

Anfangs dachte ich, Sie hätten doch lieber nach Eng­land zurückkehren sollen, nun aber glaube auch ich, daß Ihr Hierbleiben das Richtige war. *'

Warum? Was wollen Sie damit sagen?"

Sie zögerte einen Augenblick, dann antwortete sie in etwas gezwungenem Tone:Ich kann das nicht so recht erklären, allein ich bin nun auch überzeugt, daß Sie sich hier glücklich fühlen werden. Ihr Leben wird freilich etwas einförmig und die Umgebung ungewohnt sein, auch können Sie sich nicht frei machen, wenn Sie es wünschen."

Allerdings, aber dafür werde ich ja auch gut be­zahlt."

Hu! Sind Sie so sehr aufs Geld aus?' fragte sie lachend.

Als mich nur noch sechzig Rupien vom Hungertode trennten, da lernte ich allerdings den Wert des Geldes schätzen, aber mein Herz hängt nicht daran."

Auch das meinige nicht, obwohl das Geld mir die Wege im Leben geebnet hat. Mein alter Großvater, der liebte es vielleicht allzu sehr, und ich genieße nun die Früchte. Es kommt selten ein Europäer dorthin, höchstens ein Arzt oder Ingenieur und hin und wieder ein Regierungs­beamter."

Ich werde zu sehr beschäftigt sein, um mich einsam zu fühlen."

Das mag wohl sein, und manchmal werden Sie ja auch Max. . ."