Ausgabe 
29.1.1904
 
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LS

Tie Kleidung der Ovaherero besteht, wie es in einem Wolke von Viehzüchtern geziemt, fast ganz aus Leder und ähnelt, mit Ausnahme des seltsamen Kopfputzes der Frauen, der der Namaqua. Absolute Nacktheit ist ihnen bei Er­wachsenen ein Greuel. Eine ihrer Sagen erzählt von einigen Weibern, die das Mißgeschick traf, daß ihre Lendenschürzen vom Flusse mitgerissen wurden, sodaß sie nackt nach Hause zurückkehren mußten: noch heute heißt er davon Nacktsluß. Männer und Weiber tragen als Hauptkleidungsstncke ein oder zwei Schaf- oder Ziegenfelle um die Lenden. Die Weiber haben darunter eine Schmuckschürze aus zahllosen Lederstreifen, worauf Stückchen von Straußeneierschalen oder bei den Wohlhabenderen auch Perlen aufgereiht sind, während die Männer endlose dünne Lederstreisen in Form eines lockeren Gurtes um die Lenden schlingen, worin der Kirri und unter Umständen auch andere Gegenstände ge­tragen werden. Die Länge dieses Lederstreifens deutet die Wohlhabenheit des Besitzers an. Diese Felle sind, wie die Herero selbst, meist mit dicken Massen von rotem Ocker und Fett beschmiert; eigentliche Bemalung oder Tätowierung ist aber nicht gebräuchlichMan kann", sagt Josephat Hahn, dies Beschmieren mit Fett und Ocker, so seltsam und un­sauber es auch erscheinen mag, nicht als eine üble An­gewohnheit bezeichnen, sondern es ist für jenes Klima not­wendig. Tie Haut bleibt dadurch fortwährend geschmeidig und wird vom Staube nicht irritiert, was sonst häßliche und nicht ungefährliche Hautkrankheiten, Ausschläge und dergleichen, nach sich zöge. Ferner wird man hierdurch vor plötzlicher Abkühlung des Schweißes bewahrt." Als Kopfbedeckung tragen die Männer nur bei schlechtem Wetter ein Stück Fell, dem sie die verschiedensten Gestalten geben können, außerdem Muscheln im Haar; aber die Frauen bieten in ihrer gewöhnlichen Kopfbedeckung eins der ori­ginellsten Stücke der südafrikanischen Trachten. Sie tragen von der Verheiratung an einen helmartigen ledernen Auf­putz, mit Perl- und Muschelschnüren geschmückt, von dessen hinteren Teil drei eselsohrartige Zipfel steif in die Höhe ragen. Schnüre von Elfenbein- oder Eisenperlen bis zu 10 Kgr. schwer hängen hinten bis auf die Fersen herab. Verheiratete Frauen sieht man fast nie ohne diesen Kopfputz. Große Ledermäntel, die den Rücken bedecken, werden vor­zugsweise von den Frauen getragen. Ten Männern eigen­tümlich sind Lederbänder dicht unterhalb des Knies, von denen Lederstreifen bis auf den Fuß herabhängen. Lederne Sandalen, die zu Hause getragen und nach orienralischxr Sitte vor dem Betreten eines fremden Hanfes abgelegt werden, vervollständigen den Anzug. Tie Weiber zeichnen sich durch eine große Zahl kupferner und eiserner Ringe um Unterarm und Unterschenkel aus. Perlenschnüre (Eisen­perlen am liebsten) tragen beide Geschlechter um den Hals und lassen die verschiedensten Gegenstände: Eisenstücke, Muscheln und anderes auf die Brust herabbaumeln. Galton erzählt von einem Herero, der eine Schnur glatt gearbeiteter Elfenbeinperlen von der Billardkugel bis zur Haselnuß hinab auf die Fersen herabhängen ließ. Auf Gold oder Messing, legen die Ovaherero keinen Wert. Ten Körper salben sie mit Fett, dem roter Eisenstein beigemengt ist, und diese Farbe sowie das stark riechende Bnchupulver der Hottentotten streuen sie auch in ihr Haar. Dieses tragen sie in steif herabhängenden, zusammengefettetcn Strähnen. Tie Weiber flechten Lederstreifcn und Pflanzenfasern darein. Ter Kopf männlicher Kinder wird öfters ganz geschoren, während aus dem der weiblichen ein Schopf am Wirbel stehen bleibt. Schmuck ist auch die Behandlung der Zähne, indem sie die unteren vier Vorderzähne ganz ausschlagen und die zwei oberen mittleren schwalbenschwanzförmig zu­seilen. Gefeilt wird nur mit scharfen Steinen. Ihre Kriegs­gefangenen und Sklavenzeichnen" sie gleichfalls durch Ausschlagen einiger Zähne. Als Grund dieser Verstümmel­ung, die beim Eintritt der Mannbarkeit vorgenommen wird, haben sie auf die Fragen einzelner Reisenden die Erleich­terung des von ihrer Sprache erforderten leisen Lispelns angegeben. Der wahre Grund ist ihnen aber wohl selbst verborgen. Ein Berg des Tamaralandes,, Jschuameno, hat seinen Namen von dem Feste der Zahnverstümmelnng, das in glücklichen Tagen dort gefeiert ward.

Tie Waffen der Herero sind Assageien, Kirri, Bogen und Pfeile. Am wirksamsten von allen ist jedenfalls der Kirri,, dieses bei allen Kaffernstämmen verbreitete Mittel­ding von Wurf- oder Schlagstock und Keule. Im Wurfe töten sie mit großer Sicherheit damit kleinere Tiere, während

ein wohlgezielter Schlag auch einen kräftigen ManU nieder­streckt. Jeder Herero führt in seinem Schnurgurt einige davon. Tie Assageien machen mehr den Eindruck vost Schauwaffen und werden hauptsächlich als Messer benutzt, die Klinge aus weichem Eisen ist deshalb breit und lang ihre Politur und Schärfung gehört zu den regelmäßigen Beschäftigungen des Herero. Der Schaft ist aus starkem Holz, oft sogar aus Eisen, und trägt in der Mitte oder! am Ende einen buschigen Rinderschweif. Die Breite der Klinge erschwert ihre Benutzung zum Stechen und die Schwere des Schaftes das Wersen. Ter Dolch, den fast jeder Herero in lederner Scheide an den Lenden trägt, ist Hauptwerkzeug beim Schneiden, beim Schlachten des Viehes usw. u nd wird als Waffe selten gebraucht. Bogen und Pfeile trugen sie früher beständig mit sich, ohne indessen je eine große Sicherheit in ihrem Gebrauch zu erwerben. Nach Andersson schießen sie bannt gut nur auf 1012 Schritt. Dagegen sind sie auffallender Weise gar keine schlechten Ge- webrschützen, was andeutet, daß ihre schon äußerlich recht hohen Bogen keine gute Konstruktion hatten. Für das Pulverhorn führten sie eine den Buren nachgeahmte Form ein. Mit der Zahl der Gewehre ist ihr früher tief gesunkener kriegerischer Geist beträchtlich gestiegen, und sie gehören jetzt zu den besser Bewaffneten jener Regionen. Nicht zur Bewaffnung, Wohl aber zur Ausrüstung gehört der Grabstock, den der Tamara häufig wie der Buschmann bei den Pfeilen im Köcher trägt.Heutzutage", schrieb Büttner 1882,sieht man einen Mann außerhalb seiner Werste nur sehr selten ohne Gewehr. Tnrch die Jagd erhält sich die Waffenübung. Die Beteiligung am Kriege ist rein freiwillig; und da die Herero immer nur nach praktischen und nie nach ideellen Grundsätzen handeln, so wird niemand zu den Waffen greifen, der nicht seinen direkten Vorteil dabei sieht. Wenn nun ein Fürst die ©einigen zu einem Rache- und Raubzuge rüstet, so werden zunächst die jüngeren Brüder, die Haus­söhne, und wer sonst waffenfähig unter den nächsten Ver­wandten ist, zu dem Zuge aufgeboten. Je mächtiger und reicher nun der Feind ist, desto mehr ist Beute zu hoffen; es werden sich also bald auch noch viele andere Leute finden, die sich gern anschließen, um auch etwas von der Beute zu profitieren; und der Unternehmer des Kriegszuges wird diese Mitziehenden gern mit Waffen und Munition aus­rüsten. Je weniger Gefahr bei der Expedition zu fürchten ist, desto mehr wird der Heerhaufe anschwellen. Die Leute im Zuge ordnen sich nach den Schwägerschaften und Frenrrd- schaften, die vornehmsten jungen Leute übernehmen die Führung der einzelnen Haufen und sind die Vorkämp er. So lange nun dre eigentlich bei der Sache interessierten tapfer auf den Feind losgehen, iuirb der helle Haufe auch gut nachdrängen, um möglichst rasch an die Beute heranzu- kommen; fallen aber die Vorkämpfer beim Angriff, so löst sich auch sofort der Kriegszug ans, und jeder denkt nur daran, sein Leben zu salvieren." Ganz anders geht es zu, wenn der Feind an greift. Zwar werden auch dann die Besitzer und seine nächsten Verwandten bereit sein, ihr Hab und Gut zu verteidigen; aber die große Masse der Knechte, denen das Vieh nicht eigentümlich gehört, wird mit der größten Ruhe znsehen, wie das Gefecht abläuft. Und wenn der Sie-ger den ganzen Herdenreichtum des Ueberwundcnen heimtreiben läßt, so bleiben die Knechte natürlich bei den Milchtöpfen nnd ziehen willig mit den geraubten Kühen mit. Alles hängt an den Herden. Ist die Aussicht auf Sieg gering, so werden selbst die Herren sich und die Herden willig den Fremden übergeben, um, wenn auch als Knechte, die Herden ihrer Väter weiter zu hüten. Das Schicksal des Nationalhelden Kahitschene zeigt deutliche, wie vor der Zeit der Gewehre die Kriegsführung war. In dem Namakriege der vierziger Jähre wurden in ein und derselben Nacht seine sämtlichen Dörfer heimlich überfallen. Kahitschene, der auf Okahandja von Jonker Afrikaner umzingelt und angegriffen wurde, wagte allein, sich mit einer kleinen Schar in die Reihen der Feinde zu stürzen, und ivar der einzige, dem es gelang, sich Bahn zu brechen. Er ahnte nicht, daß in derselben Nacht sein ganzer Stamm vernichtet war, und daß sich Frau und Kinder in der Gefangenschaft befanden. Als er hiervon Nachricht erhielt, raffte er sein« letzten Mannschaften auf und griff mit der kleinen Schar die Feinde an. Während des Kampfes verließen ihn aber seine Krieger, und er selbst fiel mit seinem tapferen Sohne nach heldenmütiger Gegenwehr. Damit war das Schicksal der Ovaherero bis zum Auftreten Kamahereros entschiede^.