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Plötzlich siehst Tu einen, irgend einen! Und dieser tine, einzige —
Aber das läßt sich nicht sagen. Es ist auch so traurig. So traurig und so kurz. Kaum ei« scheuer Blick Äug' in Auge; kaum ein leises bebendes Wort. Es genügt, um Dir ein Erschauern durch Deine ganze Seele zu geben, Dich in einen Taumel, einen Rausch zu versetzen. Dir einen Anfall von Tollheit zuzuziehen. Doch alles ist sogleich wieder vorbei — alles!
Und das für zeitlebens. . .
Gegen Ende Deiner ersten Saison bist Du bereits verlobt — natürlich mit einem andern, vielleicht mit dem ersten besten. Tu kennst diesen Mann, dessen Weib Du werden sollst, so gut wie garnicht.
Es ist Dir auch einerlei.
Und das ist von allem das Traurigste.
Glückwünsche, Visiten: als „glückliche Braut". Ter Trousseau. Tas ist wundervoll! An der Stickerei des Brautschleiers arbeitet ein halbes Tutzend armer bleicher Mädchen. Wenn die Herrlicheit fertig ist, wird sie im Palais ausgestellt, und die Zeitungen bringen eine genaue Schilderung. Man beneidet Tich. Wie glücklich Du sein viuht!
Tie Hochzeit. Die Hochzeit mit einem Fremden.
Häßlich, so häßlich !
Tie Ehe. Die Ehe mit einem ungeliebten Manne.
Trostlos, so trostlos 1
Und Tu hast noch immer Deine junge törichte unersättliche, unsinnige Sehnsucht.
Und dann?
Eine Oede, eine Leere, ein Nichts.
Und dann schiltst Tu mich „eine unverbesserliche Mondaine"! Wenn man versucht, die Leere mit etwas auszufüllen: mit irgend etwas!
Ta Du einmal leben sollst, mußt Du wenigstens leben können.
O, Madame Charme! Du unverständig-weise, böseliebe Madame Charme! (Fortsetzung folgt.)
3>ie Kerero.
Mit Genehmigung der Verlagshandlung bringen wir aus dem bekannten Werke „Ratzel, Völkerkunde"*) nach^ stehende Schilderungen über des Leben der Herero, welche durch den Aufstand in Teutsch-Südwestafrika gegenwärtig unsere besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
lieber das gemütliche Leben der Ovaherero (Mehrzahl von Herero) sind in Zeiten der Armut und Erniedrigung vorschnell ungünstige Urteile nach dem äußeren Schein gefällt worden. Tie Mutter trägt die Kinder in einem um Hals und Hüften geschlungenen Fell oder Leder, salbt sie fleißig und streckt und richtet ihre Glieder morgens und abends, um sie gerade zu machen. Benannt werden die Kinder nach wichtigen Ereignissen innerhalb ihres Stammes; wenn sich solche Gelegenheiten in ihrer Jugend wiederholten, tragen manche mehrere Namen. Tie Knaben werden alle der Beschneidung unterworfen, in der Regel zwischen ihrem sechsten und achten Lebensjahre; mehrere werden zugleich beschnitten, die dann ihr ganzes Leben hindurch oma-kura, d. h. Genossen, Gesellen, sind. Tie festliche Verzehrung mehrerer Ochsen und Schafe verherrlichte dieses Ereignis. Tas Ausfeilen der oberen Schneidezähne in Form eines Schwalbenschwanzes und das Ausschlagen der drei oder vier unteren findet bei beiden Geschlechtern im Alter von 12—16 Jahren statt, bei den Mädchen etwas früher als bei den Burschen; und zwar werden zuerst die oberen ausgefeilt und später die unteren ausgeschlagen, ebenfalls unter festlichen Schmäusen. Dazu gehört auch das Umbinden der Schienbeine mit ledernen Riemen, deren Enden vorn wie Troddeln herunterhängen. Ein Mädchen, das zur Frau begehrt ist, legt den dreiohrigen Kopfputz an und verhüllt eine Zeitlang das Gesicht mit einem an dem Stirnrande befestigten Stückchen Leder wie mit einem Schleier. Von Häuptlingsweibern gilt eins, vom Manne dazu erwählt, als das Hauptweib, dessen erster Sohn zum Nachfolger in der Würde seines Vaters bestimmt ist. Tie Stellung
*) Völkerkunde. Von ProfessorTr. Friedrich Ratzel. Zweite, aänzlich neu bearbeitete Auflage. Mit 1103 Textbildern, 6 Karten und 66 Tafeln in Holzschnitt und Farbendruck. 2 Bände in Halbleder gebunden zu je 16 Mark. (Verlag des Bibliographischen Instituts in Leipzig u. Men.)
des Weibes nimmt in vielen Fällen den Anschein einer besonders schweren Gedrücktheit an, da die elenden Lebensverhältnisse vieler Herero von selbst eine größere Last auf die Schultern he Weibes legen. Mer dieses übertrifft nicht selten den Mann an Entschlossenheit. „Sie tun oft höchst verzweifelte Dinge im Kriege und auf der Jagd, um ihre Männer zu ermutigen oder zu beschämen." (Chap- man.) Josaphat Hahn erzählt, daß in einem der ersten großen Zusammenstöße mit den Namaqua in den zwanziger Jahren nur durch Eingreifen der zuschauenden und im entscheidenden Moment ihren Männern zu Hilfe eilende« Hereroweiber und -Jungfrauen der Sieg gewonnen ward.
Bei jedem Todesfall erhebt die ganze Bevölkerung eines Dorfes ein großes Wehgeschrei, und die Weiber weine« über dem Körper so viele Tränen wie möglich; denn je mehr Tränen auf den Leichnam fallen, um so besser für den Toten; Tränen sind günstige Zeichen. Chapmann beschreibt den Tod eines feiner Damarabegleiter als herzzerreißend. „Tie Weiber hatten ihn zum Sterben aus der Hütte ins Gebüsch getragen und kauerten alle um ihn her, indem sie unter einem schmerzvollen melancholischen Geheul seine Hände badeten und rieben; sein Kopf lag im Schoße seines Weibes. Oft bringt dieses laute Heulen den Halbtote« wieder zu sich; aber es scheint nicht so sehr diesen Zweck als eine Beziehung zu der entfliehenden Seele zu haben." T>er Leichnam wird in Häute gebunden beigesetzt, und auf das Grab werden Steine gewälzt. HäuptlWgsgräber werden noch durch eine Dornhecke geschützt und durch einen Baum oder Pfahl bezeichnet, woran einige Waffen des Verstorbene« samt den Schädeln der zum Leichenschmaus geschlachtete« Tiere aufgehüngi werden. Andersson berichtet, daß ei« Häuptling auf seinen Wunsch gar nicht begraben, sonder« auf einer Erhöhung in der Mitte seiner Hütte in zurückgelehnter Stellung beigeseck wurde, worauf die Hmter- bliebeuen eilten starken Palissadenzaun darum zogen. Sind sie fern von der Heimat, so fetzen sie die Leichname aus Furcht, daß ihnen ihre Geister folgen, nicht bei, sondern werfe« sie den wilden Tieren vor. Früher herrschte der Gebrauch, dem eben Gestorbenen das Rückgrat zu durch- hauen, um den darin sitzenden Wurm Otjirura zu töten, der nach dem Tode ein böses Gespenst werden kann. (Brinker.) Sicher ist, daß für einige Zeit das Dorf, wo ein Häuptling gestorben, nach einem anderen Orte versetzt wird. Nach Jahren kehrt es aber wieder zurück, und der Häuptling kniet am Grabe eines Vorgängers nieder, erzählt flüsternd, daß er mit den Seinigen und mit den hinterlassenen Herden wiedergekomme« sei, und bittet um langes Leben und Vervielfältigung seiner Herden. Nachdem diese Psticht erfüllt ist, baut sich d'as Dorf auf demselben Flecke wieder an, und es werden womöglich selbst die alten Hüttenplätze von jeder Familie wieder eingenommen. Bemerkenswert ist die Sitte der jahrelangen Wiederholung der Toteuklage bei der Wiederkehr des Todestages. Diese Pietät ist keine hohle Form. Wenn der Hausvater alt und schwach wird, so ist es nur natürlich, daß die Herrschaft und die Verwaltung der Herden in die Hände der kräftigen Söhne übergehen. Nichts- destowemger wird der Alte als der eigentliche Herr angesehen, und so lange er noch nicht völlig stumpf geworden ist, werden noch immer bie Milchgefaße und Fleischstücke zu ihm gebracht, damit er sie durch seine Worte weihen möge. Je mehr E.ben erwartungsvoll auf ihn b icken, desto höher steigt die allgemeine Verehrung. Daß die Herero den Segen eigentlich nur als vom Vater auf dem Sterbebett erteilt kennen, spricht für ihre Familienpietät. Diese Verehrung für den Alten des Stammes hört auch mit seinem Tode nicht auf. Das Grab bleibt heilig. Wenn nicht der Alte selbst durch ein Orakel verlangt, das Brüllen der Rinder wieder bei seinem Grabe zu hören, dürfen die Kinder nicht in der Nähe des Grabes wohnen. Mir voll Scheu und mit dem Opfer in der Hand naht der Erbe dem Grabe, um die Zukunft zu erfahren oder Hilfe in großen Nöten zu et bitten.
Die Ovaherero stehen an Höhe und Kraft des Wuchses nicht hinter ihren kriegerische« Stammverwandten an der Südostküste, den Kafsern im engeren Sinne, zurück, während in ihrer Gesichtsbildung von dem etwas enthusiastische« Josephat Hahn ein „auffallend kaukasischer Zug" gefunden wird. Kritischere Betrachter geben wenigstens zu, „daß eine Annäherung an den kaukasische« Typus bei den Herero häufiger sein mag als bei den meisten anderen Südafrikanern, die Amasulu nicht ausgenommen"


