1904

Areitag den 29. Januar

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(Nachdruck verboten.)

Wlla Jakconieri.

Von Richard Voß.

Zweiter Band.

(Fortsetzung.)

Die Prinzessin von Sora an die

Herzogin Vere deVere

Bere-House, London, England.

Frascati, Provincia di Roma, Villa Taverna-Borghese, am 1. März 1892.

Aber, Madame Charme, herrliche Madame Charme! Mas hat Seine allerliebste unwiderstehliche süße Viviaue Tir zuleide getan, daß Tu so schrecklich böse auf sie bist? Mit der strengsten Richtermiene Deines platonisch schönen Angesichts schiltst Tu sie eineunverbesserliche Mondaine"; und sie ist doch nur ein armes kleines Ting, ein recht armes kleines Ting!

Uebrigens hast Tu gut schelten. Tu sitzest in Deinem prächtigen Vere-House; und wenn Tu in London bist, so ist in London die Season. Tu hast einen himmlischen Mann, der Tich vergöttert, hast zwei engelhafte Kinder, die Tu anbetest; Du wirst verehrt, bewundert, gefeiert; Du wirst gefürchtet, gehaßt, geliebt; Tu bist unheimlich geist­reich, erstaunlich tugendhaft; und vor allem bist Tu vom Scheitel bis zur Sohle Madame Charme!

Und ich Mas habe ich?

Einen Gatten, den ich, wie ich beschwören kann, nie­mals auch nur für eine Sekunde adorierte, und keine Kinder Gott sei Tank, keine Kinder! Gott sei inbrün­stiger Tank mein Leben lang . . . Für diesen Mangel an allem Glück besitze ich allerdings Smaragden, die fast noch größer sind, als der berühmte Schmuck unserer schönen Königin.

Mas bin ich?

Ein Kind von zweiundzwanzig Jahren, das sich selbst leidlich hübsch findet, mitunter ziemlich liebenswürdig sein kann; das nicht gerade dumm, aber unausstehlich kapriziös ist. Tabei sehr elegant, wirklich wundervoll elegant! Mesums: Viviaue, Prinzessin von Sora, ist ein kleines süßes Ting; ist ein wunderliches tolles Geschöpf; ist ganz und gar grande beinte; ist durch und durch eine herz- bestrickende, jedoch vollkommen herzlose Törin; ist halb Sphinx, halb Sirene, bald Engel, bald Teufel; ist nehmt alles in allem" vom Scheitel bis zur Sohle ein Weib!

Und mit so vielen weltlichen Eigenschaften ausgestattet, soll ich, wie Tu mir vorwirfst, eine absolut unverbesserliche Mondaine sein?

Weshalb sollte ich mich bessern?

Nur desivegeu, iveil ich bin, was ich bin?

Ich besitze nicht nur meine echte Evanatur; ich habe auch den Mut, meine Natur aller Welt zu zeigen:

Voilä uue femme!"

Und deswegen sollte meine Natur nicht von A bis Z mondaine sein, da ich es sicher bereits im Mutterleib war?

Wurde ich denn für etwas anderes erzogen, für irgend etwas anderes?

Kam ich etwa zu einem andern Zweck überhaupt auf die Welt?

Laß uus doch um Himmels willen nicht empfind­lich fein!

Ter einzige Zweck meiner ganzen irdischen Existenz ist: nach Möglichkeit weltlich zu sein. Und einer Frau ist vieles möglich.

Bist Tu entsetzt?

Madame Charme, philiströse wunderliche kluge Madame Charme denke doch!

Meine Eltern steckten mich freilich ins Kloster. Dort war es schön; denn dort warst Tu!

Madonna mia, wie unschuldig glücklich wir warenI Begreifst Tu heute, daß ein Mensch, so unschuldig und so glücklich sein kann? Wie ein junges niedliches Tier . . . Welche Träume wir nicht hatten, wonach wir uns nicht .sehnten, worauf nicht hofften? Auf Wunderdinge. Unter diesen befand sich auch ein gewisser junger distinguierter Manu von angenehmem Aeußern, von dem wir rasend ge­liebt wurden, "den wir rasend wieder liebten. Zu dumm!

Wir hatten Ideale. . . O Gott!

Endlich fort von dem Kloster, fort von den frommen, guten einfältigen Schwestern. Mar das eine Seligkeit!

Tie große Welt, die ganz große Welt! . . . Zugleich die Welt Ivie sie ist; und nicht, wie sie zu sein scheint: die un­erbittlich grausame Welt der Wirklichkeiten.

Eine gute Realistin steckt übrigens zum Glück in mir; Evviva la Realitä!

*

Wundervolle Realitäten waren auch die ersten Toilette» von Worth, war die erste Cour, die Vorstellung bei den Majestäten, die gnädige Anrede der Königin. Tann Visiten, Körsofahrteu. Folgten Oper, französisches Schauspiel, Bälle, Routs. Folgten die Wettrennen in der Campagna und die Feste int Quirinal, die heiligen Funktionen in der Sixtini­schen Kapelle. Und überall und immer Schmeichelei, Heu­chelei, Lüge die freche hckßliche ekelerregende Lüge der Gesellschaft.

Sie war auch eine absolute Wirklichkeit. . .

Sehr frühzeitig dann die Entdeckung: Tu bist schönt Zugleich die Ahnung von allem, was eine schöne Frau be­deutet und vermag was überhaupt die Frau ist.

Damit Erkenntnis.

Und mit der Erkenntnis keine Unschuld mehr, keine« Glauben mehr, keine Illusionen mehr, kein Glück.