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Tiefblau liegt das Meer da und groß und Ml, aber die felsige Stifte, die sich ihm entgegenstellt, fühlt die Kraft, die litt seiner Tiefe wohnt. Wenn die weichen Schwingungen der weiten Fläche die steile Felswand erreichen, dann bannet sich plötzlich das Wasser aus, steigt und prallt gegen die Felsen, daß der Schaum zum Himmel spritzt. Horch wie das Meer braust.
Dicht am Rande der jäh abfallenden Küste liegt ver- gllenes Gemäuer, die Ruine eines alten Klosters. Einige ände mit leeren Fensterhöhlen stehen noch aufrecht, aber sie tragen kein schützendes Dach mehr. Eulen und Fleder- Mänse nisten in den dunklen Ritzen der dicken Mauern und großblättriger Efeu webt ungestört sein grünes Kleid nm das Gestein. In dieser Ruine, dicht an der verwitterten Mauer, die von steiler Höhe hinabsieht auf das Meer, stand eine Agave. Sie war kräftig gebaut und hatte schöne helle Streifen an den Rändern der grünen stacheligen Blätter. Ringsum, wohin sie auch! blickte, umgab sie totes Gestein; über sich sah sie ein Stückchen blauen Himmels und unter sich sah sie grünes Gras aus den Ritzen des steinernen Fußbodens wachsen und fWEji ausbreiten-. Es war eine tiefe, tiefe Einsamkeit. Erst abends, wenn die Agave einschlief, wurde es in dem Eulennefte lebendig, das eine Oeffnung in der Mauer barg.
Die Agave stand regungslos; sie wuchs so langsam, daß sie es selbst gar nicht merkte; traumverloren blickte sie in die blaue Luft hinein, ohne Wünsch und ohne Klage ; sie wußte nicht einmal, daß sie lebte, so träumerisch war sie.
Da kam der Winter. Es stürmte tn der einen Nacht, daß das alte Gemäuer krachte, Steingeröll polternd herabfiel und die Quaderwand, an der die Agave ftiaiify schwankte. Kein Stern war an dem bewölkten Himmel zu sehen. Die Agave hörte den Sturm zum erstenmal; sie war erschrocken, geängstigt, und doch war ihr wonnevoll zumute. Und wenn der Sturm schwieg, dann >— was war das nur? — dann vernahm sie ein dumpfes Brausen, das aus der Ferne heranzog, immer lauter wurde und endlich! ganz in der Nähe zu donnerähnlichem Getöse anschwoll. Was war das? Die Agave lauschte abwechselnd dem sSturme und dem donnernden Getose, bis der Morgen graute; dann legte sich der Wind. Da sah sie plötzlich einen Schatten über sich was huschte durch die Luft? — da noch einmal — jetzt sah sie es deutlich: es war ein großer, schneeweißer Bogel, der sich in die Fensteröffnung in der Maner zu Häupten der Agave setzte. Er ließ die Flügel hängen und schloß die Augen, als sei er todesmatt. Die Agave beobachtete ihn Unverwandt, ob er auch nicht wieder fortflöge; aber er blieb sitzen, öffnete nach einer Weile die Augen und sah zu ihr hinunter. „Bitte, fliege nicht weg", rief sie angstvoll zu ihm hinauf, „bleibe hier, ich bitte dich sehr."
Der weiße Bogel ließ sich! auf einen vorspringenden Stein gerade neben der Agave nieder. „Ich kann nicht fliegen", flüsterte er, „ich bin xrschöpft und werde wohl sterben, denn ich bin zu matt, um Nahrung zu suchen."
„Nein, nein!" rief die Agave erregt, „du darfst nicht sterben und du darfst nicht fort, ritze mit deinem Schnabel meine frischen jungen Blätter auf und trinke den Saft, nur fliege noch! nicht fort!" Der weiße Bogel tat, wie die Agave ihm sagte, und wunderte fitst wie weich und voll- saftig die Blätter waren, die so unwirtlich hart und stachelig aussahen. Der bittere Saft stärkte ihn, er fühlte, wie nette Kraft ihn durchdrang, schüttelte sein Gefieder, glättete es Mit dem Schnabel und sah sich nm. Die Agave war ganz in seinen Anblick versunken.
„Woher kommst du?" rief sie endlich „Ich bin eine Möve", war die Antwort, „und komme weit her übers Meer.; Der Sturm hat mich gefaßt und hierher gehetzt. Es war eine gefährliche Reise."
Die Agave durchschauerte es. „Ach, erzähle mir davon", bat sie; aber die Möve überhörte ihre Bitte und fuhr fort: -Mtrd dir die Zeit nicht lang in dieser Gruft? Du stehst ja hier wie in einem Gefängnis."
„Rein", Meinte nachdenklich die Agave, „ich gebe nicht acht auf die Zeit, ich; habe iniMer hier gestanden und entbehre nichts; ist es nicht schön hier?"
„Das fragst du, weil dn das Meer nicht kennst!" rief lebhaft die Möve. „-Ich konfine eben über das große Wasser her, ich. kenne es! Hier ist alles stunfin und starr itnb öde und gleichförmig züin Ersticken; immer siehst du das graue Gemäuer und dasselbe Strick Himmel und dasselbe Gras,
— das ist ja ein Grab' hier, das' ist der Tod! Mer das Meer ist das Leben, unerschöpflich unergründlich, unfaßlich, ewig wechselnd, ewig schön. Jetzt ist der Sturm vorbei; aber das Meer tobt no»ch fort, die Wellen türmen sich ans und kommen heran, der obere Rand hebt sich kräuselt sich — nun schlägt er im weiten Bogen vornüber, ich aber fliege unter dem Bogen jauchzend durch die Woge hindurch ohne daß sie mich verschlingt. Da gilt's, atemlos acht zu geben, denn alles kommt auf den rechten Augenblick an. Ich sage dir, es ist wunderbar, jauchzend zwischen Leben und Tod zu schweben! Faßt mich die Wloge, so bin ich verloren. Dann geht's erst! in Hie gurgelnde Tiefe und dann gegen die felsige Mstje. Das Wasser prallt dagegen, zischt und leckt hinaus, so weit es kann. Aber immer muß es wieder zurück, woher es kam. Hörst dn, wie das Meer braust?"
„Ich höre."
„Das i st die Brandung, sprühender weißer Schaum, der hoch gen HimMel spritzt. Schwade, daß du nicht groß genug bist, um durch die Maueröffnung hinauszusehen! Aber das Meer ist auch schön, wenn es still ist; dann liegt es da >vie ein glänzender Spickgel, in dem Sonne, Mond und Sterne sich besehen. Wo dann ein Felsen aus dem Wasser ragt, den die Sonne wärmt, da sammeln wir uns und erzählen von unseren Reisen, und dann kommen die Delphine unb die Nixen und Meersrauen unb hören zu. Ich kann ans dem Meeresgründe die Korallenschlösser sehen, in denen sie wohnen unb ihr rotes Gold imib ihr Geschmeide bergen. Menn die Nacht sinkt, schmücken sie sich, kommen herauf und tanzen ihre Reigen, — und daNn leuch tet das Meer, und das Geschmeide blitzt, als sprühten die Wellen Funken."
Die Möwe schwieg plötzlich und reckte den Hals, als horche sie auf. — „Mtte, fahre fort", bat zitternd vor Erregung die Agave; aber da flogen drei weiße Böget laut kreischend über das Gemäuer. ■— „Ich komme!" rief die Möwe, „ich komme!" breitete ihre schimmernden Flügel aus und war verschwunden.
Die Agave hätte sich am liebsten mit einem Ruck losgerissen und wäre mit der Möve hinausgeflogen über das Meer; aber mit allen Würzeln war sie in der Stein gruft festgewachsen; und da blieb sie stehen. Alles war und blieb, wie es immer gewesen. Der blaue Himmel lachte in die Ruine hinein, das griine Gras sproßte zwischen den! Ritzen der Steinplatten, und großblättriger Efeu wob sein grünes Kleid weiter um das verfallene Gemäuer. Alles war wie sonst, und doch ersch-ien der Agave alles verändert. Das Gras dünkte sie fahl, das Stück Himmel über ihr klein, das Gemäuer eine Gruft. Nur der Stein, auf dem die Möwe gesessen hktte, war ihr lieb. „Wahrlich!, ich bin hie« in einem Gefängnis", seufzte sie, „die Möwe hatte recht, ja, ich bin lebendig begraben; , . . ach uuWpranßen wogt; unb brandet das Meer, die kühnen, freien Möwen fliegen! durch die Wellen und schweben jauchzend zwischen Leben und Tod! Horch da höre ich die mächtigen Wasser To in nt en, sie bannten ft chauf und jetzt . . . jetzt Prallen sie gegen die Felsenwände, daß der Weiße Schaum gen Himmel spritzt. Wie das Meer braust ! Unb ich bin hier vergessen und verloren, bin tot, ohne gelebt zu haben!"
So härmte und grämte sich bte Agave, bis ihre yell- geränderten Blätter schlaff zu Boden Hingen. Sie schlief nicht mehr, sondern horchte im Wachen Traum ans die Meeresbrandnug und wiederholte si chdie Erzählung der Möwe. „Wie könnte ich's nur ansangen, durch die Oeffnung in der Maner zn sehen?" Das war dann stets ihr letzter Gedanke. Unb eines Abends, als die alte Eule ausflog, faßte die Agave Mut und rief ihr zu: „Wckiser Bogel, hilf mir mit deiner Erfahrung, rate mir! Ich verzehre mich hier in der Gruft, — wie fange ich's au, daß ich bis zu der Oeffnimg hiuauswachse und das Meer sehe?"
Die Eule schloß die Augen, zog einen Fuß hinaus und dachte nacht „Du dauerst mich", sprach sie endlich; „muß es denn sein?"
„Ich, verstehe dich nicht", klagte die Agave.
„Ich will sagen, mußt du denn das Meer sehen? Kannst dU nicht so weiter leben wie bisher? Mares nicht schön?-"
„Ich weiß es nicht." — Die Mgave sagte es so tonlos und traurig, daß die Eule Mitleid fühlte. „Ich weiß nur, daß ich tot bin, ohne gelebt zu haben. Hilf mir, weise Enle, hilf mir, daß ich das Meer sehe, oder retße meine Wurzeln aus dem Boden, daß ich vertrockne!"


