Ausgabe 
28.9.1904
 
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ober fiel sich einfach jubelnd in die Mine. Dann eilten sie hinunter, er in die Herren-, sie in die Damengarderobe, uitt sich für die Reise anzukleiden. Kurze Zeit nur, und Harro erschien in leichtern Zivil grauer Rock, graue Bein- Neider, weiße Weste und weißer Schlips bei seiner Frau, die gleichfalls die Brauttoilette mit einem Reisekostüm von dunkellila Tuch vertauscht hatte. Wieder saheu fte sich an, als entdecke eines au dem anderen ein neues Wunder für neues Entzücken, und küßten sich

Frau von Stammen, die ihrem Töchterchen bei seiner letzten jungfräulichen Toilette geholfen hatte, weidete sicheln paar Augenblicke stumm an dem jungen Paare. Dann griff sie in die Tasche ihres Samtkleides und zog einen schjmalem länglichen Gegenstand hervor.Hier, lieber Harro", sagte sie, dem jungen Ghemanue diesen Gegenstand überreichend, Euer Reiseportemonnaie." Es war eine prächtige Arbeit in Juchten, zwei größere Taschen, verschiedene Fächer, sogar eine Notiztafel in dem Leder hier eingeschlossen.Prak­tisch Alles, was inan brauch,t. Bor allem, es ist auch etwas drinn." Lächelnd totes Frau von Stuntmen auf das Geld, das in den einzelnen Fächern blinkte, die Scheine, die in einer noch einmal separat' verschlossenen Tasche zu­sammengedrückt logen.Tausend Mark gebe ich Euch heute mit. Wenn sie alle ftnd> schreibt an den Bankier. Laßt Euch nichts abgehen. Man ist nur einmal jung. Und Ihr sollt glücklich sein!"Muttchen, Muttchen, Du bist doch das beste aller Muttchens." Jubelnd umschlang Jutta die Mutter. ; Auch Harro machte keine Einwendungen gegen die Erklärung seiner Frau und küßte der besten aller Schwiegermütter zärtlich, dankbar die Hand.Sei gut mit ihr!" nickte die dem jungen Manne dafür zu.Muttchen, ich liebe ja meine Frau über alles!" Nun war es aber doch Zeit. Lächelnd und weinend zugleichs schob die zärtlichste der Mutter die Kinder zur Tür hinaus. Ja, sie waren glücklich!" In überwallendem Gefühl, getragen von dem Bewußtsein eines unerschöpflichen Portemonnaies, gab Harro seinen Empfindungen zuerst hier Ausdruck, indem er Bachmann einige Goldstücke in die Hand drückte, als der ihm in den Ueberrock half. Jutta küßte ihre lang­jährige Schneiderin, die es sich nicht hatte, nehmen lassen, der gnädigen Frau den Mantel umzuhängen.Ich bin so glücklich, Fräulein Bellmeier", jubelte sie dabei. Es sollte wohl eine Erklärung sein für dies Tun.

Wenige Schritte von der Treppe entfernt, von einem Pfeiler, gedeckt, stand eine Dame. Sie war über hie erste Blüte hinaus, doch darum erst eigentlich, in ihrer besten Zeit. Sie war nicht gerade hübsch aber sie hatte gutgeschnittene Züge, die jedoch nicht recht zur Geltung kamen, denn sie war unkleidsam frisiert. Ebenso trug sie ein schlechtsitzendes Kleid.Daß man so glücklich sein kann!" flüsterte sie jetzt und schlug die Hände vor das Gesicht, Auch die Hande waren weder zierlich noch zart, doch, von edlen Formen; mütterliche Hände, Hände, die fassen, halten, stützen, sorgen und wohltun können. Aber auch diese ihre eigen­artige Schönheit kam nicht zur Geltung, denn, tote die ganze Erscheinung des Mädchens, waren auch ihre Hände un­gepflegt. Die Haut war spröde und rauh au den Finger­spitzen, die Nägel schlecht geschnitten.Daß man so glück­lich sein kann!" flüsterte das Mädchen noch einmal. Es klang wie ein Seufzer. Sie hatte den Saal verlassen, war hinuntergeeilt, it|in dem Neuvermählten Paare noch einmal ihre besten Wünsche für die Reise, die Ehe mitzugeben, war sich aber dann damit sehr überflüssig erschienen und darum hinter dem Treppenpfeiler stehen geblieben, sodaß niemand etwas von ihrer Person oder von ihrem Vorhaben, gemerkt hatte.Daß man so glücklich sein kann!" Hilde­gard von Lindstedt nahm die Hände wieder von dem Gesicht. Es war recht blaß geivorden, doch des Mädchens Haltung hatte sich gefestigt; sie wußte, ihr 'Lebten würde ein Kampf werden und Entsagen bleiben immerdar. Und sie würde sich so gern verziehen und verhätscheln lassen : sich von dem! Glück in den starken Arm nehmen lassen, so wie Harrn eben in jubelndem Entzücken fein junges WIeib in den Wagen trug.

Doch das brauchte niemand zu wissen. Hildegards. Züge sahen toieber so gewöhnlich gleichmütig, um nicht zu sagen gleichgültig aus, als sie in den Saal zurückkehrte, daß niemand auch nur zu ahnen vermocht hätte, welch eine Welt von Empfindungen des Mädchens Seele in sich, barg. Sind denn die Urans und die Stammens in der Tat eine io vornehme Familie?" fragte eben die Gemahlin von

Harros Rittmeister ihre Nachharin, eine Exzellenz a. Di, Baronin von Weiden.Hm, sie werden bereits im elften! Jahrhundert im Gefolge unserer Fürsten erwähnt. Ich Sie wissen natürlich nichts davon."Nein, wir stammest aus der Mark"Das heißt, Ihr Herr Gemahl", korri-, gierte die Baronin tm Vollgefühl der eigenen Ahnenreihe, die Rittmeisterin, deren Vater, wie man erzählte, seine Dollars aus Petroleumfässern schöpfte. Elliuor biß sich ans die Lippen. Dann aber gleichmütig bei der Sachte bleibend, meinte sie gefällig:Da können ja die jungen! Leute lachen."Können sie auch freilich!"Freilich?" fragte Elliuor interessiert, was denn da trotzdem für eine Beschränkung kommen könne.Leutnant von Uran ist doch spendid. Und die Liebe der beiden scheint mir gleichen Schritt mit der Beräucherung ihrer Familien zu halten", erklärte sie laut.Jaa. Mon der Liebe und der Beräucherung, viel mehr wird es nicht sein." Damit wurde die Baronin! plötzlich ganz zutraulich:Die reine Unvernunft, diese Heirat. Ansprüche und Ansprüche. Und die Jutta von Haushalt keine Spur. Wenn meine Mädchen"

Mit der freundlichsten Miene, ahnungslos) wie man sich hier mit ihrer Jutta beschäftigte, trat eben die Brauit- mutter zu den beiden Damen, als liebenswürdige Wirtin für das Wohl ihrer Gäste besorgt. So wurde die Exeellenz verhindert, eines weiteren über ihre Töchter zu berichten, lebt man aber nicht", fiel jetzt die Exeellenz. aus.Die Leute sind doch reich"Reich Kommiß, das heißt, die Lizzie, Otth und Berty auf der Reihe nicht mehr vom Leben und auch vom Haushalt verstanden, als Jutta und es wahrscheinlich ganz gerade so gemacht haben würden, wie diese beste Freundin. Nur daß sie nicht ein­mal über ib'en Kommiß verfügten, und sich bis jetzt noch keiner gefunden hatte, der sie ohne dies notwendige Uebel hätte heimführen können oder wollen. Ellinor von Greditz aber empfand momentan ein versöhnliches Gefühl gegen! die Petroleumfässer ihres Vaters, über welche sie sich trotz alledem schon ost geärgert hatte. Nichtsdestoweniger fühlte sie auch den kleinen Stachel, der sich in ihr Herz gebohrtt da sie heute den Leutnant in all his glory of manlineß and beauty am Arme der reizenden Jutta erblickte. Sw meinte eben wieder, wie manchmal in der letzten Zeit, ob! sie Ellinor Blaker sich nicht etwa zu billig fortgegeben habe, und wenn sie die Sach nochmal zu machen hättei Aber freilich, ohne ihren Mann wäre sie ja nicht in diese Gesellschaft gekommen, hätte sie Wohl gar Harro von Uran nie kennen gelernt. Und wieder, wenn der Rittmeister sich nicht hätte rangieren müssen, ihre Millionen nur zu gut gebraucht hätte bann. Denn hochmütig blieb ja bis Bande einmal immer doch.Meine gnädige grau, ich habe den Contre" Graf Herzberg verbeugte sich vor der Ritt- meifterin. So wurde die amerikanische Millionärin weiterest Grübeleien enthoben. Sie freute sich eben lieber, daß ihr ein Prinz gegenüber tanzte und das ganze Karree blauest' Blut auswies; freute sich, wie in dem Meer von Licht der Atlas ihres Kleides so golden schimmerte, die großen Steine; leuchteten an den schwanken, festen Armen, ihrem Halch in dem nachtschwarzen Haar, freute sich an dem Bildes, das die Spiegel der Wände drüben zurückstrahlten. Alles! in allem machte sie doch eine gute Figur, war am Platz, unb der Platz war nicht schlecht.

(Fortsetzung folgt.)

Are Agave,*)

Bon Elisabeth Gnauck-Kühue.

Sieh, tote glänzt das Meer . . . !

Tiefblau liegt es da unter dein! hohen, wolkenlosen. Himmel, an dem die Sonne in glänzender Pracht strahlt. Die Luft ist still und warm, nur hin und wieder streicht eist kühler Hauch vom Wasser über die hohe felsige Küste in das Land hinein; bann zittern die empfindlichen Zweige der grau-grünen OlivenbauMe und erglänzen wie flüssiges Sil-, ber; unb die Weinreben, bie sich von einem. Baum zum andern ziehen und schläfrig herunterhängen, wachen auf unb werden lebendig.

*) Entnommen mit Erlaubnis der Verlagsbuchhandlung G. A. ,v. Halem in Bremen, aus dem soeben erschienenen Buche: Goldene Früchte aus Märchenland", Märchen für jung und alt, von Elisabeth Gnauck-Kühne. Das mit 46 Illustrationen von Franz Stassen geschmückte Buch ist zum Preise von 2,80 Mk. ckamtt kartoniert durch alle Buchhandlungen zu beziehen.