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Die Eule sah die Agave tiefernst an, schüttelte den klugen Kopf, überlegte lange und ließ sich daun vernehmest: „Es gibt wohl ein Mittel, du kannst das Meer sehen, aber — es kostet dich das Leben. Wenn du blühst, so ist's,. als ob dir die Schwingen wüchsen, ein kräftiger Blütenstiel steigt aus deinem Herzen hoch empor und die weißen Blumen breiten sich daran na chrechts und links aus. Aber wenn die Blüte stirbt, stirbst at.ichj bu."
„Ich will blühen, ich! werde blühen!" jauchzte die Agave, „und tonnt ich zehnmal sterben müßte!"
Und als der Sommer kam, blühte sie. 'Ans ihrem Herzen stieg ein mächtiger Blütenschpft auf und erreichte die Oesfnuna der Mauer. Da sah sie das weite, blaue Meer, groß und still, und die jäh abfallende Küste, die sich rech!ts uitb links hinzog, und sie sah die Felsen aus dem Wasser ragen und die weißen Möwen darauf horsten. Und abends sah sie die Nixen und Meerfrauen in den Wellen sich wiegen und sah ihr flmkelnbes Geschmeide im Wasser leuchs- ten. — Ja, das war das Meer! Das war das Leben! O, wie schön war es! Und nun würde sie jauchzen in stürmischem Entzücken wie die Möwe, wenn sie durch die Welle fliegt! — Aber sie schaute und schaute selbstvergessen und es überkam sie eine unsägliche Traurigkeit, als ob ihr das Herz bräche. „Mchl", dachte sie, „davon hat mir die Möwe nichts gesagt, daß das Leben zum Sterben traurig ntacht. Ich wollte jauchzen, — und nun muß ich weinen, weinen! — Aber ich klage nicht!"
Als ihre Zeit um war, schlossen sich die tiefen Blütenaugen nach und ttach es wurde dunkel um sie her. „Nun konimt der Tod", dachte sie, und wartete still und gelassen. Die alte Eule setzte si chabends einmal in die Mauer- öffnung neben sie und sagte betrübt: „Mir ist's leid um' dich, aber ich habe di chgetoarnt; zürne mir nicht!"
„Ich danke dir", flüsterte die Agave; „mein Sehnen ß.st gestillt, i chhabe das Meer .gesehen. . . Wenn die weiße Möwe wiederkäme, die ich! getränkt habe — willst dn sie von mir grüßen?"
VernrldHter.
* Die großen Hände..der Engländerin. Unser Londoner Mitarbeiter plaudert: Micht geringes Aufsehen in der englischen Damenwelt rief die jüngste Indiskretion eines Londoner Handschuhmachers hervor, daß nämlich die Handschuhe für das schöne Geschlecht seit einigen Jahren vergrößert worden seien. Wohl trügen die Handschuhe noch immer die alten Nummern, aber nichtsdestoweniger seien sie breiter und länger als früher. Ein Handschuh „Nummer 6" sei viel größer als vor fünf Jahren, in Wirklichkeit sollte er die „Nummer 6V2" führen. Aber zur Einführung dieser Bezeichnung könnten sich die Fabrikanten nicht entschließen, da sie in diesem Falle bei der holden Weiblichkeit Anstoß erregen würden. Ein gleicher Vorgang sei z. V. bei der Veränderung der Bezeichnung für Damenfchnhe uOd Tamenstiefel beobachtet worden, und viele Verkäufer hätten darunter sehr zu leiden gehabt. Unser Gewährsmann führt das Wachstum der Hände und Füße der Engländerin auf übertriebene sportliche Genüsse im Kricket-, Golf- und Hockeyspiel sowie beim Gebrauche des Fahrrads zurück.
* Konservenindustrie und Vergiftungsfälle. Man erinnert sich, daß im vorigen Jahre einige Personen in Darmstadt durch den Genuß konservierter Bohnen vergiftet wurden. Welche Wirkung diese-, lokale Vorkommnis, an dem die Konservenindustrie als solche nicht die mindeste Schuld trug, auf das konsumierende Publikum ausübte, geht daraus hervor, daß nickt nur in Darmstadt und Umgegend, sondern ziemlich allgemein für längere Zeit ein starker Minderabsatz in Büchsen- \ gemüsen eintrat. Man würde eine derartige übertriebene und ; unbegründete Aengsilichkeit kaum für möglich halten, wenn nicht in den Berichten über den Konservenhandel dieser Rückwirkung des Darmstädter Falles auf den Konsum ausdrücklich gedacht würde. Im Bezirk Konstanz z. B. war die Wirkung so stark, daß im Winter 1903-04 das Konservengeschäft zum größten Teil ruiniert wurde. Tas Publikum wandte sich mehr dem Verbrauch von Dörrgemüsen zu, der namentlich in Bohnen eine ungemeine Steigerung erfuhr. Allerdings kamen außer der vorübergehenden Abneigung des Publikums gegen Büchsenbohnen noch andere Gründe hinzu, um den Konsum gedörrter Bohnen so ausnahmsweise stark wachsen zu lassen. Zunächst wirkte der russisch-japanische Feldzug, wenn auch nur relativ kleine Posten für die Proviantzwecke der russischen Armee ausZ>em Markte genommen wurden, anregend auf das Geschäft. Sodann aber war das Angebot in Schneidebohnen infolge der vorjährigen Fehlernte an sich nicht besonders groß, sodaß angesichts des erheblich wachsenden Verbrauchs der Handel sich genötigt sah, auf die noch aus früheren Jahren verschiedentlich vorhandenen
alten Reste zurückzugreifen. Jedenfalls aber wurde der Markt von gedörrten Schnittbohnen völlig entläßt. Inzwischen ist freilich der Darmstädter Fall längst vergessen, die momentane Äengst- lichkeit des Publikums längst wieder der altgewohnten Sorglosigkeit gewichen, und im Konservenhandel wird die nämliche Ware, die man vor Monaten als verdächtig zurückgewiesen hätte, ruhig verkauft, ohne daß die Konsumenten an ihr Schaden nehmen würden.
* Edisons Zigarren. Eine niedliche Geschichte von Edisons Zigarren erzählen jetzt amerikanische Zeitungen. Danach beklagte sich der berühmte Erfinder einst einem Freunde gegenüber, daß die guten Zigarren, die er auf seinem Schreibtisch ttt fernem Bureau stehen habe, immer so außerordentlich schnell verschwänden, und daß seine Freigebigkeit auch von seinen Freunden so furchtbar mißbraucht werde. Ter Freund meinte, dagegen gebe es ein sehr einfaches Mittel, er wolle eine Kiste ungenieß? barer Zigarren schieren, die besonders aus Kohltlättern gedreht werden sollten. Wenn die Freunde Mr. Edisons diese erst zu rauchen bekommen hätten, meinte der Freund, dann würden sie vorläufig genug davon haben. Mr. Edison imponierte der Vorschlag außerordentlich und er versprach, das Experiment sofort einrnal zu versuchten. Nachher vergaß er aber die Sache wieder vollkommen und erinnerte sich erst wieder an dieselbe, als er den Freund eines Tages wiedersah. Er erinnerte diesen an sein Versprechen und sprach sein Bedauern darüber aus, daß er bisher vergessen habe, die kostbaren Zigarren zu schicken. Höchst erstaunt wandte der Freund ein, daß er die Kiste mit Zigarren bereits vor mefyrereit Wochen geschickt habe, sie sei dem Sekretär abgegeben worden. Der Mann wurde gerufen und erfragt, ob er wisse, was aus den Zigarren geworden wäre. Gewiß, sagte er zn seinem Herrn, ich Habe Ihnen die Zigarren neulich in Ihren Koffer gepackt, als Sie nach Pennsylvanien reisten.
Literarisches.
— Hermione von Preus chen's bedauerlicher Unfall tu den Tiroler Bergen hat ihre zahlreichen Freunde und die gesamte literarische Welt lebhaft erregt und von neuem das Auge auf die Persönlichkeit der Tichtermalerin gelenkt. Tie Leidende wird es auf ihrem Schmerzenslager als einen freundlichen Gruß aus der Heimat empfinden, wenn ihr Tr. Ella Mensch in der illustrierten Wochenschrift „Frauen- Rundschau" einen eingehenden, mit einem Porträt gezierten Essay widmet. Allerdings beweist schon der Titel des Essays, „Die Mänade im deutschen Tichterwald", daß dte Verfasserin ihr Auge auch den Einseitigkeitett und Auswüchsen in dem Schaffen Hermiones von Preu'schen nicht verschlossen hat. Dasselbe Heft bringt einige sehr beachtenswerte soziale Artikel über die Themata „Polengefahr und Frauenpfltcht", -Soziale Frauenarbeit in Berlin" und, im Anschluß an den neuesten Berliner Lustmord, einen warui geschriebenen Ausruf „-schütz und Aufklärung für die Töchter des arbeitenden Volkes von Berlin . Tie Vorschläge in diesem Aufruf sind so treffend und Praktisch gehalten, daß wir ihre Beachtung Stiern und Erziehern nur dringend empfehlen können.
Sehnsucht.
Sehnsucht glüht in meinem Herzen, Füllet meine Seele ganz;
Sehnsucht ist nicht stummes Klagen, Sie ist alten Glückes Glanz.
Sehnsucht gleicht der Abendröte, Tie in sanftem Schimmer strahlt Und des Tages traute Bilder Zauberisch von neuem malt.
Wie es wogt in meinem Innern!
Alte Freuden werden jung. Schenken mir mit holde Lächelmn Neuer Lust Beseligung.
Und so sinne ich und träume, Rufe alles mir zurück;
Ich verlor nicht, was ich liebte: Sehnsucht, du bist stilles Glückt
A. Ammaniu
Sprichwort-Scherz-Riitsel.
Nachdruck verboten.
uessimrevslameinsB alnessiwdnudnatsrev
Wie erhält man atis vorstehenden Buchstaben ein Sprichwort, ohne die Reihenfolge dieser zu verändern?
Ailflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Rätsels in vor. Nr.r
Alm Alma Arm alt.
Redaktion: Auaust Goetz. — Rotationsdruck und Verlag der Brüh l'icken Universitäts-Buch- und Steindrnckerei, R. Lange, Gießen.


