Ausgabe 
28.5.1904
 
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M dem Guy vv Ma.upasscmt mit seinem köstlichen Rontanl Tie Erbschaft"^ Gevatter gestanden fyat, behandelt in Wer- aus komischer Weise die Hoffnungen und Befürchtungen einer jungen schönen Witwe und ihres spekulativen An­hangs, das große Vermögen ihres gestorbenen Gatten zu erben oder zu verlieren, je nachdem sich die Frage einer direkten Nachkommenschaft in den gesetzlichen 300 Tagen löst. Richard Alexander, der einen profitgierigen alten Kuppler zu spielen hat, trägt mit seiner drolligen Mimik, seinen halbverschluckten, in ein vielsagendes Mur­meln auslaufenden Sätzen wie immer an dieser Stätte das Hauptverdienst der durchschlagenden Wirkung. Er ist aber auch über alle Maßen komisch, dieser Architekt Croche, der der jungen Witwe ihr Vermögen erhalten möchte, und deshalb ihrem künftigen zweiten Gatten durch die halbe Welt nachjagen läßt, um das gesetzliche Ziel zu erreichen. Als er ihn endlich zur Stelle hat, andere Hindernisse schlau aus dem Wege räumt, und nun aus eigener Machtvoll­kommenheit eine Art Ziviltrauung vornimmt, das ist von zwerchfellerschütternder Kraft, und man kann es einem alten sturm- und wetterfesten Kumpan nicht verdenken, daß er sich diese lustige Geschichte ansieht, die immer an den Grenzen des Erlaubten hinstreift, so stark hinstreift, daß man manchmal glaubt, die argen Geschichten von der strengen Berliner Zensur seien nichts wie eilt böswillig erfundenes Ammenmärchen. Ter alte Leiter dieser Schwank­bühne, Siegmund Lautenburg, der Mann mit dem charak­teristischen Gemisch von Deutsch-Französisch und anderem in seiner Sprache, ist vom Schauplatze abgetreten und hat seiner Hauptkraft, Herrn Richard Alexander, der eigentlich Alexander Krähahn heißt, das Direktionsszepter über­lassen. Ein körperliches Leiden und plötzliche wieder er­wachte literarische Ambitionen haben den Grund dafür ab­gegeben. Und da er viele Jahre hindurch brillante Kassen- erfolge zu verzeichnen hatte, so wird ihm der Rücktritt nicht gerade ein Opfer gewesen sein. Lautenburg^ der als Mensch einen leisen Stich ins unfreiwillig Komische hatte, weil er sich selbst eigentlich immer als ungarischer Magnat betrachtete, hat als Bühnenleiter nicht fortzuleugnende Ver­dienste. Ein Stück unter seiner Leitung einstudiert, stand wie eine egyptische Pyramide so fest. Er war unermüdlich in Proben und ruhte nicht, bis auch die nebensächlichste Szene in voller Treffsicherheit zur Erscheinung kam. Das eleganteste Spiel von allen Berliner Theatern sieht man daher noch immer auf der Bühne in der Blumenstraße, und ich glaube nicht, daß es unter seinem Nachfolger Alexander anders werden wird. Auch das Lessingtheater, das mit BeyerleinsZapfenstreich" zuguterletzt noch einen riesigen Kassenmagneten gewann und dadurch die schlechten Einnahmen des Vorjahres glänzend wett machte, verliert seinen Leiter demnächst. Otto Neumann-Hofer macht Herrn Otto Brahm vom Deutschen Theater Platz und siedelt nach Frankfurt a. M. über, um dort ein neues Deutsches Schau­spielhaus ä la Hamburg zu eröffnen. Brahms Nachfolger wird bekanntlich Paul Lindau, der bis vor zwei Fahren das Berliner Theater leitete, das im nächsten Jahre in die Hände Ferdinand Bonns übergeht, der sich momentan noch aus Amerika Lorbeern und Dollars holt. So wird eine ziemliche Verschiebung der Richtungen in den alten Stätten eintreten, und da jeder zunächst bemüht sein muß, sich für das neue Haus sein Publikum zu sichern, werden wir in der kormnenden Saison aller Wahrscheinlichkeit nach wieder besseres zu sehen bekommen, als das in den letzten Jahren der Fall war. Auch an einem unserer Volkstheater ist vor kurzem ein Wechsel eingetreten. Karl Weiß, nach dem sein Theater auch den Namen führte, hat einer jüngeren Kraft mit solideren Tendenzen Platz gemacht, und dort, wo man Jahre lang die grob zugehauenen Sensa- tionsrvmane desLokal-Anzeigers" dramatisiert genießen konnte, wo alle Zeitereignisse von starkem Nervenreiz über Nacht zu einem vier- oder fünsaktigen Ragout zusammen­gehackt, gepfeffert und gebacken wurden, befleißigt man sich zunächst unter der FirmaBürgerliches Schauspielhaus" den alten braven Bendix und seine Nachfolger wieder zu Ehren zu bringen. Karl Weiß war übrigens ein überzeugter Anhänger der fpiritistischen Lehre und stand vielfach, mit abgeschiedenen Geistern im Verkehr, die ihm über den Erfolg seiner Novitäten verschiedentlich Auskunft gäben und mit wertvollen Fingerzeigen für die Ausgestaltung

seiner schnell zu fabrizierenden aktuellen Dramen zur Seite staWen. So kam es vor, daß er auf solche Geisterunter­haltung hin Stücke plötzlich äbfetzte oder alte aus der Ver­senkung holte und die Gründe dafür manchmal seinem Personal mit tiefsinnigem Ernst auseinandersetzte. Wer da es die Welt nun einmal liebt, das Strahlende zu schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehen, so kam es vor, daß unter der stummlauschenden Mimen-lLo- rona manchmal ein Mchtsnutz anstauchte, der das Lachen nicht lassen konnte oder gar seinem Unglauben spöttisch Ausdruck verlieh. Eines Tages, als der Direktor ein ganz kräftig anziehendes Spektakelftück ohne weiteres vom Spiel­plan strich, weil er erklärte, einen Brief über diese An­gelegenheit vom heiligen Augustinus oder war es ein noch einflußreicherer überirdischer Geist? erhalten zu haben, trat so ein räudiges Schaf an ihn heran und bat trocken und ohne eine Miene zu verziehen, um die Brief­marke für seine Sammlung. Kann man es nach solchen Erfahrungen jemandem verdenken, wenn er nicht mehr will und weder den Mont Pele spucken, noch die Buren glor­reichen Heldentod sterben läßt? A. R.

*Die Anziehung desLichts fürNachtsch mette r- ling e ist von dem Zoologen Josef Perraud in einer der Pariser Akademie der Wissenschaften vorgelegten Arbeit untersucht worden. Die Forschungen haben zu folgenden Schlüssen geführt: Die Nachtschmetterlinge sind imstande, sämtliche Lichtstrahlen wahr­zunehmen, werden aber von den verschiedenen Teilen des Spek­trums in verschiedenem Grade beeinflußt. Das weiße Licht übt die stärkste Anziehungskraft auf diese Insekten aus. Merkwürdiger­weise werden sie ferner durch zerstreutes Licht mehr angelockt, als durch grelles. Bekanntlich hat man die früh festgestellte Tat­sache, daß die Nachtschmetterlinge nach einem Licht fliegen, auch zu verwerten gesucht durch Herrichtung von eigenartigen Fallen, die inmitten der Felder angebracht werden. Perraud gibt an, daß es für solche Lichtfallen zweckmäßig ist, die Stärke des Lichtes abzudämpfen, und ihm gleichzeitig durch geeignete Blende ein möglichst großes Strahlungsfeld zu geben. Besonders wird darauf Rücksicht zu nehmen sein, daß die Lichtstrahlen auch für die am Boden fliegenden Schmetterlinge noch wahrnehmbar sind. Perraud beschreibt eine solche Lichtfalle, die etwa 10 Kerzenstärken be­sitzt und mit Schirmen zur Zerstreuung der Lichtstrahlen versehen ist. Nach seinen Versuchen wird mit einer solchen die Jagd auf die Nachtschmetterlinge am ergiebigsten sein, allerdings müssen die Fallen in Abständen von etwa 25 Metern, also in ziemlich großer Zahl angewandt werden, wenn ein wirklich bedeutender Erfolg durch ihre Aufstellung erzielt werden soll.

Lrterarrsehss.

VonMeyers Volksbüchern" (pro Buch 10 Pfg.) ist soeben eine neue Serie erschienen (Nr. 13591374). Wie es stets das anerkennenswerte Bestreben der in Haus und Schule, bei jung und alt beliebten Sammlung ist, diejenigen Literatur­werke, deren Neudruck das Urhebergesetz nach Ablaus der dreißig­jährigen Schutzfrist gestattet, dem Publikum möglichst bald in guten und billigen Ausgaben darzubieten, so ist auch die neue Serie zwei Autoren gewidmet, die in diesem Jahrefrei" ge­worden sind: Franz Grillparzer und Friedrich Ger- stäcker. Von den Meisterwerken des ersteren enthält sie die TrauerspieleEin treuer Diener seines Herrn" (Nr. 1362/63), Des Meeres und der Liebe Wellen" (1364/65),König Ottokars Glück und Ende" (1369/70),Die Jüdin von Toledo (1371) undEin Bruderzwist in Habsburg (1372/73), ferner die groß­artige TrilogieDas Goldene Pstes" (1366/68) und die fein­sinnige NovlleDer arme Spielmann" (1374). Gerstäcker aber, der gewandte Reiseschriststeller, heute noch ein Liebling der deut­schen Familie und vor allem der reiferen Jugend, ist mit einer Auswahl aus denMississippi-Bildern" (1359/61) vertreten, die aus dieser berühmten Sammlung anregender Schilderungen und spannender Novellen das ästhetisch Schönste und inhaltlich Inter­essanteste heraushebt. -

Scherzrätsel.

(Nachdruck Berboten.)

Es dienet fleißig dir und mir So lang wir wandeln auf Erden hier. Doch kommt ein halber Kerl hinein, Gleich wird es eine Hauptstadt sein.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nrr Ende gut, alles gut.

Redaktion: August Götz. Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schen Universitäts-Buch- und Eteindruckerei. R. Lange, Gießen«