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den Jungen natürlich eine große Freude, wenn man herantritt und sich für den landesüblichen Preis von 5 Cents ein Getränk servieren läßt. , „
Die Jugend ist also hier wirklich selbständig. Aber daß die dreihundert reiniguugsbegeisterten Jünglinge einen großen Erfolg erzielen werden, ist höchst unwahrscheinlich. Von einer Straßenkultur, wie wir sie in Deutschland kennen, kann hier noch keine Rede sein. Es ist ja schon bewundernswert, daß man in dieser knappen Spanne Zeit eine so große und ausgedehnte Stadt überhaupt bauen konnte; zu einer besonderen Verfeinerung der öffentlichen Einrichtungen war noch keine Zeit. Vor allen Dingen tragen die vielen Hunderte von Fabriken Schuld an der herrschenden Unsauberkeit, da sie ihre Maschinen mit Braunkohle heizen und einen beständigen Regen von Ruß über die Stadt niedergehen lassen. Aber auch das Pflaster wahrt seine persönliche Freiheit und sträubt sich mit bestem Erfolge gegen jede Gleichmacherei. Es ist sich anscheinend klar darüber, daß die schlechtesten Steine immer noch eine Wohltat sind gegen das unergründliche Lehmmeer, dessen Zuflüsse man in der Weltausstellung ans nicht erkennbaren Gründen als Wege bezeichnet. Sie find tief und unerforschlich, und es ist nur zu gut zu begreifen, daß Präsident Roosevelt nicht zur Eröffnung Herkommen wird, denn es gibt keine Möglichkeit, ihm hier „die Wege zu ebnen".
Die Bewohner von St. Louis hatlen freilich diese Zustände, deren Anfechtbarkeit ja eigentlich durch die „I will Help-Ligue" genügend dokumentiert ist, offenbar für den von der Natur gegebenen Zustand, denn ein poetischer Journalist schreibt wörtlich in einer hiesigen Zeitung: „Ein frischer Odem, wie aus Hochwäldern und von Firnhöhen kommend, schwellt hier die Herzen der Männer, ein Leuchten, reiner noch und inniger, als das der ersten Liebe, verklärt hier den Blick. Die Menschen fühlen sich angesichts der Errungenschaften der neu erstandenen Welt unwillkürlich über sich selbst erhoben, hoch hinweg über ihr kleines egoistisches Ich, fühlen sich unwillkürlich dem Dunstkreis gemeiner Berechnungen und selbstsüchtiger Wünsche entrückt und emporgetragen in die Aetherhöhen, lvo die großen Gefühle, die erlösenden Gedanken und die befreienden Taten gedeihen! In dieser Phrasensammlung äußert sich ein hervorstechender Charakterzug der Amerikaner: ihre Freude, sich an schönen Worten zu berauschen. Sie wissen zwar ganz gut, daß in diesem Satz jedes Wort eine Lüge ist, aber sie hören ihn gern, denn er klingt sehr schwungvoll. Dasselbe gilt von dem Worte „Freiheit", das man hier beständig im Munde führt. In Wirklichkeit ist der Amerikaner weder politisch noch moralisch auch nur annähernd so frei, wie der Bürger der europäischen Kulturnationen.
Als kürzlich Richard Strauß sich von einem großen und bekannten Geschäft in Newyork für zwei Konzerte in dessen Räumen engagieren ließ, bemächtigte sich der dortigen Gesellschaft die höchste Entrüstung, und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß sich Strauß damit sehr geschadet hat. .In Europa würde ein solches Unternehmen zwar auch nicht allgemein gebilligt worden sein, aber es wäre sicher nicht entfernt so engherzig beurteilt worden. Hier wird man auf Schritt und Tritt von gesellschaftlichen Vorurteilen und kleinlichem Gesetzeskram verfolgt. In keiner etrropäischen Großstadt würde eine Dame, die nicht genau nach der dort herrschenden Mode gekleidet ist, soviel Aufsehen und Verwunderung, soviel kleinlichen törichten Spott erregen wie hier. — In Paris und Berlin und vielen anderen Metropolen kümmert sich niemand darum, wenn eine Dame nach dem Essen in einem großen Restaurant eine Zigarette raucht; wenn das eine Lady im berühmten Waldorf-Astoria-Hotcl im freien Newyork wagte, würde man sie einfach hinausweisen.
Allgemein bekannt ist ja, daß in vielen amerikanischen Städten am Sonntag kein Tropfen Bier oder Wein in öffentlichen Lokalen ausgeschenkt werden darf. Man kann wohl behaupten, daß der Versuch der Einführung einer derartigen die persönliche Freiheit antastenden Maßregel in Deutschland einen Entrüstungssturm Hervorrufen würde. Hier zu Land aber gibt es unzählige derartige Verbote. So ist unter anderem auch unser gut deutsches, harmloses Kegelspiel gesetzlich verpönt, was jedoch nicht hindert, daß im hiesigen deutschen Künstlerverein wacker die Kugeln rollen. Man hat nämlich das Gesetz, daß das „Neun- Kegelspiel" verbietet, peinlich genau beobachtet und — zehn Kegel auf gestellt. Im freien Amerika! Alle zehne!
Daß im politischen Leben hier eine beispiellose Korruption herrscht, wird wenigstens offen zugegeben. Die Beamten sind stets Kostgänger der augenblicklich herrschenden Partei und da sie wissen, daß, falls bei der nächsten Wahl ein Wechsel des Systems eintritt, ihre Beamtenlaufbahn sofort zu Gunsten der Anhänger der neuen Partei vernichtet ist, so versuchen sie, soviel wie irgend möglich schleunigst herauszuschlagen. Jedes Mitglied einer gesetzgebenden Körperschaft muß sich bei den Agitatoren, die ihm Stimmen verschafft haben, durch Zuwendung von Aemtern oder Lieferungen erkenntlich zeigen; sonst lassen sie ihn fallen, und seine politische Laufbahn ist zn Ende. Dazu kommt noch, daß auch die Verfassung argen Mißständen Tür und Tor öffnet, worüber sich der angesehene episkopale Bischof Grafton derb und deutlich äußert: „Wir Amerikaner prahlen mit unserer ,Freiheit'. Wir haben ja die Phrasen von einer Regierung des Volkes für das Volk und durch das Volk. Aber
das ist einfach Unsinn, und wir wissen ganz gut, daß es nicht wahr ist. Wir werden von professionellen Politikern im Bunde mit einer Klasse Großkapitalisten regiert, hauptsächlich durch die Senatoren, die das Volk nicht erwählt hat und die das Volk nicht repräsentieren.
Also unbefangen betrachtet liegt durchaus kein Grund vor, die amerikanische Zivilisation vorläufig sonderlich zu bewundern. Freilich muß man sich immer bewußt bleiben, daß die Kultur in Amerika und insbesondere in St. Louis noch überaus jung ist. Das wird sehr treffend durch die Darstellung „Alt-St. Louis" illustriert, die der Vergnügungsteil der Ausstellung aufweist. Dort ist das kleine Dörfchen zu sehen, das sich vor etwa hundert Jahren in tiefster Wildnis an der Stelle befand, wo heute eine Riesenstadt mit fast dreiviertel Millionen Einwohnern steht. In einer verblüffend kurzen Zeit hat man den Urwald niedergeschlagen, Hügel und Täler ungefähr gleich gemacht, Straßen geschaffen, Häuser gebaut, kurz, eine Stadt „angelegt", die unseren int Laufe der Jahrhunderte durch eine vielgestaltige historische Entwicklung entstandenen Städten wenigstens äußerlich ähnelt. Hieraus ergibt sich der für die Betrachtung der Weltausstellung einzunehmende Standpunkt.
Eine Stadt, die kein einziges architektonisch bemerkenswertes Gebäude auszuweisen hat, die eine Kunstpflege irgendwelcher Art noch in keiner Beziehung kennt, die sogar in den primitivsten kommunalen Einrichtungen, wie etwa Droschkenwesen, Wasserleitung, Briefpost und vielen anderen so weit hinter beut Durchschnitt zurückbleibt, der in europäischen Großstädten mit ähnlicher Einwohnerzahl üblich ist, wird selbstverständlich auch keine Weltausstellung in dem Sinne schaffen können, wie wir das etwa von dem alten Kulturzentrum Paris gewöhnt sind. Dafür hat hier der gewaltige Umfang der ganzen Anlage etwas Imposantes. Wenn man vor der großen Festhalle steht und ben übersichtlichen und klaren Grundriß der Ausstellung überblickt, hat mait trotz der Nüchternheit der Gebäude einen starken Eindruck. Links sind die vier gewaltigen Hallen für Transportwesen, Maschinen, verschiedene Industrien und Elektrizität, und in dieser zuletzt genannten bereitet Amerika selbst eine Schaustellung vor, wie sie eben nur von dem Lande der größten Erfindungen auf diesent Gebiete geleistet werden kann. Zur Rechten sieht man die vier Gebäude für die Textilindustrie, die freien Künste, das Minenwesen und Sozialökonomie und Erziehung. Hier wird unsere deutsche, höchst bemerkenswerte Darstellung des Schul- und Erziehungswesens allen anderen Nationen dartnn, worin der Erfolg begründet ist, den Deutschland auch auf dieser Ausstellung wieder erringen wird. Schon jetzt wird von allen Seiten anerkannt, daß unsere Darbietungen am sorgfältigsten vorbereitet, um geschicktesten zusammengestellt und am eindrucksvollsten dargeboten sind. Auch das „Deutsche Haus" hat einen besseren Platz als die Gebäude aller anderert Nationen. Von jeder Seite sichtbar, gewährt es einen freien Blick, der nach rechts bis zu den Repräsentationsbauten der einzelnen amerikanischen Staaten und nach links bis zit den Hanpt- hallen reicht.
Auch ein Stückchen Deutschland stellen die den Vergnügungspark einleitenden „Deutsch-Tiroler Alpen" dar, deren Kulissen man sich freilich etwas mehr in den Hintergrund gerückt wünscht. Hier wird bei Jodeln und Juchzen der Bergbewohner ein großes deutsches Restaurant betrieben. Daneben kommt dann ein „Irisches Dors" mit demselben edlen Zweck, und hierauf folgt Hageubecks Riesenmenagerie, der sich wieder ein „Japanisches Dorf" anschließt. Den Hauptanziehungspunkt erblickt man hier aber in der schon erwähnten Darstellung von „Alt-St. Louis". Mit echt amerikanischer Freude an bewegter Handlung wird man hier nicht nur eine Nachbildung der ersten Blockhütte zeigen, die der sehr ehrenwerte Herr N. Baugenon errichtete, sondern man wird auch täglich den Besuchern mit genauer historischer Treue gegen alle beobachteten Zeremonien die erste Trauung vorführeu, die int Jahre 1776 in dieser Hütte vollzogen wurde und bei der Fräulein Marie Josefa Baugenon Herrn Toussaint Hunaut die Hand fürs Leben reichte.
Man hat zwei schauspielerisch gewandte Personen engagiert, die sich täglich in die Arme sinken sollen, wie einst Biarie Josefa Baugenon und Toussaint Hunaut. Wenn man sich täglich verheiraten muß, wird das auf die Dauer zweifellos lästig. Wenn man sich aber täglich mit demselben verheiraten muß, so. kann man wohl bald zu dem Wunsche gelangen, daß die einstige Heldentat von Marie Josefa Baugenon besser nicht gerade in der Stadt vor sich gegangen wäre, die anderthalb Jahrhunderte später die Notwendigkeit verspürte, eine Weltausstellung zu veranstalten.
Maudereien aus der Kaiferstadl.
(Nachdruck verboten.) Die 300 Tage im Residenztheater. — Lanteubiirg's Verdienste. — Gehende unb kommende Bnhnenherrscher.
In Berlin O, wo die heitere französische Muse ihr Hauptquartier aufgeschlagen hat, bildet gegenwärtig ein amüsanter Schwank von fsZaul Gavault und Robert Charvey die Anziehungskraft für junge und alte Lebemänner aus Berlin und anderswoher. Dieser Schwank „Die 300 Tage",


