Ausgabe 
28.5.1904
 
Einzelbild herunterladen

310

Gelähmten einen Gruß zuzurufen. Es gab ein lebhaftes Winken und Hüteschwenken. Das kleine Dampfboot neigte sich dabei aber so bedenklich auf die Seite, daß die Damen kreischend wieder zurückfuhren.

Lotz hatte den Hut vom Kopf genommen.Ich halte hier Parade ab, meine Herrschaften!" rief er lachend, indem er einen Versuch machte, sich militärisch straffe Haltung zu geben.

Man hörte den Vorschlag, ihn samt seinen! Rollstuhl an Bord zu nehmen. Aber im Ernst war ja daran nicht zu denken.

Endlich war die Verbindung mit dem Laude hergestellt, und der kleine Trupp Nachzügler setzte sich bis auf Frau Franze, die noch zögerte, in Bewegung.

Zupitza beobachtete sie. Sie sprach eifrig mit den: Kut­scher, der fortgesetzt gutmütig nickte, gab ihm wohl noch allerlei Verhaltungsmaßregeln. Damit drückte sie ihrem Mann wieder die Hand und wandte sich abermals an Tirsell; sie war aufgeregter als soust, dabei von den Zurufen sicht­lich verwirrt.

Nee, da muß man mit Dampf dazwischen fahren", sagte Herr von Gamering endlich, setzte an Land und bot Frau Fränze unter einer tiefen Verbeugung den Arm. Als ob er einen Raub davonschleppte, so eilig zog er die junge Frau mit sich fort.

Sein Eifer und ihre Bestürzung wirkten so komisch, daß ttlle an Bord lachten.

Ein Paar Dutzend Hände streckten sich dann Frau Lotz entgegen. Man hieß sie lustig und wortreich, dabei mit wirklicher Herzlichkeit willkommen.

Als der Dampfer abstieß, scharte sich am Heck alles um fit. Die Taschentücher flatterten, fröhliche Abschiedsgrüße schwirrten hin und her, die Hüte wurden wieder geschwenkt, weißer Gischt spritzte bei den Rädern auf, und die sechs Mann starke Musikkapelle aus Usditten setzte mit einem Marsch ein.

Viele, die den Sakuthener längere Zeit nicht mehr gesehen, hatten doch mit ziemlichem Schreck wahrgenom­men, wie sehr er zusammengefallen war. Sein schmales Gesicht zeugte von überstandenen Schmerzen, sein mattes Auge sprach von schlaflosen Nächten. Es kam hinzu, daß sein aschblondes Haar in dem hellen Sonnenlicht fast wie weiß wirkte. Noch nie zuvor war der Gegensatz der beiden Gatten Zupitza so schroff, so unbarmherzig ausgefallen.

Solange der Dampfer ruhig den Karpaßstrom hin­unterglitt und die ganze Gesellschaft in fröhlichem Ge­plauder zusammen faß, kam Zupitza nur zu einer flüch­tigen Begrüßung mit der jungen Frau. Erst als man aufs Haff gelangte und Gamering sie zur Kommandobrücke emporgeleitete, wo bereits der Pastor, der Apotheker, Behr, Schmal und noch ein paar andere seefeste Herren Aus­stellung genommen hatten, konnte er sich ihr wieder nähern.

In seiner schwadronierenden Art gab sich der Ritt­meister redliche Mühe, sie zum Lacher: zu bringen. Es gelang ihm aber nicht. ®in eigenartiger Feiertags friede hatte sie hier oben erfaßt: es lag ein so seltsam rnelcm- Mlischer Reiz über dem Marinebild.

Als endloser Wall zog sich knapp am Horizont die schmale Nehrung hin, deren kümmerliche Dünenlulturen von hier aus gesehen nur wie schwarze kleine Eilande in­mitten einer tristen Sandwüste wirkten. Das grünlichblaue Hasfwasser war trotz des klaren Himmels ziemlich bewegt. In kurzen, wuchtigen Sätzen schlugen die Wellen von halb­links her gegen das Boot, nahmen es auf den Rücken, ließen es in langem Bogen niedertauchen und stöhnend sich wieder aufrichten.

Frau Fränze hatte sich ihr blaues Düsfelcape bringen lassen. Sie zog die rotgesütterte spitze Kazuze über den Kops und hüllte sich fest ein. Ihre hellen, großen strah­lenden Augen nahmen das Mld des bewegten Wassers mit lebhaftem Behagen in sich aus. Sie hatte jetzt in weiter Ferne eine Senkung des Landstreifeus entdeckt, über die hintveg man die offene See erspähte.

Das Meer!" rief sie in fast kindlicher Freude.

Thalatta, Thalatta!" echote mit tönender Stimme Herr von Gamering, der beim kleinen Steward bereits mehrere Glas Grog bestellt hatte.Unser Lehrer auf dem Pennal unterließ aber nie, hinzuKusetzen:Man kann auch Tha- lassa sagen!"

Ulken Sie doch nicht immer, Mttmeisterchen!" grollte Schmal.Das ist doch zu schön hier!"

Ja, ich empfinde es auch jedesmal wieder", sagte der Pfarrer aufatmend,es ist erhaben."

Nee, Herrschaften, mir is es zu viel Wasser. Noch 'n lütten Schuß Rum her, Korl, 'so heißt's doch beim alten Reuter. Tja, Kiuuiugs, fein bißchen klassische Bildung hat man doch auch weg!" Gr lachte und balanzierte sich und sein Grogglas vorsichtig über die schmale Treppe wieder an Deck.

Lange Zeit herrschte darauf Schweigen unter den Zu­rückbleibenden.

Die junge Fran hatte die nnbehandschuhten Hände auf das Geländer der kleinen Kommandobrücke gelegt. Ihre Brust hob und senkte sich in tiefen Atemzügen. Die kalte, frische Luft drang von: Wasser her voll auf sie ein, fuhr ihr in die Kapuze oder preßte das blane, lose, in Prinzeß­form gearbeitete Kleid prall gegen ihre schlanke, geschmei­dige Gestalt. Wenn der Seewind ihren Rocksaum flattern machte und jäh au ihrem warmer: Körper emporstreifte, sodaß sie das kältende Gefühl auf der gauzeu Haut fühlte, bis zum Nacken und zu den Armen, dann schauerte sie leicht zusammen. Aber man merkte ihr au, wie behaglich ihr die Abhärtung war.

Hier und da benannte der Schiffsführer, ein einfacher, alter Seebär, der ein fast unverständliches Platt sprach, irgend einen Punkt in der Ferne, er wies auf bei: Schilwer Leuchtturm, zeigte die paar Feerboote, die Boje::, dann ganz in der Ferne auf der Nehrung inmitten von schwar­zem Kiefern gehölz eine winzige Ortschaft. Der gleich­mäßige Ton bildete einen seltsamen Gegensatz zu der lusti- geu Musik der Kapelle und den: Gelächter und Gekreisch, das ans der Kajüte empordrang. Sicherlich war G.imering da unten bei den jungen Damen als Spaßmacher tätig.

Einmal wandte sich Frau Fränze dem Doktor zu, nickte freundlich und strahlend und sagte:Ich freue mich doch sehr, sehr!"

Er nickte wieder.Daß Sie mitgekommen sind, nicht wahr?"

Ja, es ist wunderschön. Der Pastor hat recht, da muß man andächtig werden." Leise, fast schelmisch setzte sie hinzn:Die Andacht ist sogar noch unmittelbarer als in der Kirche. Und es ist auch mehr Phantasie dabei."

Meder versank sie in Schauen und Sinnen.

Um Ihre großen Seereisen könnte ich Sie fast be­neiden", nahm sie bann nach einer Weile wieber auf.Ich möchte einmal einen Sturm erleben unb bie Elemente entfesselt sehen so alles in Leidenschaft unb mitten briu stehen im Ringen, im Kämpfen!"

Ihre Augen blitzten, sie hatte bie Lippen geöffnet und trank die Seeluft.

Zupitza mußte sie immerzu ansehen. Nun stand nichts mehr von Resignation in ihren Zügen. Ohne daß er's wollte, legte feine Empfindung ihren Worten einen allge­meinen Sinn unter.

Ja, eine Kämpfernatur sind Sie, das glaube ich wohl", sagte er nachdenklich.

(Fortsetzung folgt.)

WelfaussteLungsßriefe.

Von Paul Gartmann.

1. Vor der Eröffnung.

St. Louis, Ende April.

Eine Jugend-Liga. Vom Urzustand des Ausstellungsterrains. Amerikanische Phrasen. St. Louiö einst und heute. Die Ausstellungshallen. DasDeutsche Haus". Ali-Si. Louis.

Vor kurzem hat sich hier eine sehr eigenartige Liga gebildet. Sie wendet sich an die Jugend und bezweckt nicht etwa die Stärkung irgend welcher Ideale, sondern die Reinigung der Stadt. Bisher haben sich etwa 300 Knaben für dieses Lebensziel begeistert. Sie haben Abzeichen erhalten mit der Bezeichnung I will Help" (Ich will helfen) und werden nun bald ihr feier­liches dreitägiges Scheuermeeting beginnen. Diese Erziehung der Jugend zur Selbständigkeit ist zweifellos einer der sym-- pathischsten Züge im amerikanischen Nationalcharakter. Es ist hier ganz selbstverständlich, daß sich die Heranwachsenden Knaben in den Schulferien eine nützliche Beschäftigung suchen. Viele von ihnen tragen während der heißen Zeit einen Tisch auf die Straße und etablieren hier in aller Form einen Limonaden-Ausschank. Häufig stndet man die Söhne einer sehr angesehenen und begüter­ten Familie, bei der man wenige Tage vorher zu einem großen Diner geladen war, auf der Straße an einem Mahagonitisch stehen, den sie ihrer Mutter entführt haben, und hier mit Hilfe kostbarer Kristallgläser ihrGeschäft" Betreiben. Man macht