Ausgabe 
28.5.1904
 
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(Nachdruck verboten.)

Irühlingsstürme.

Roman von Paul Oskar Höcker.

(Fortsetzung.)

Als die Kasinogesellschaft von Gill, der so ziemlich alles angehörte, was von Stand und Namen war, Anfang September einen gemeinsamen Dampserausflug nach der Nehrung beschloß, steckte sich der Rittmeister hinter den Rechtsanwalt und Notar Pratje, den Vetter des vor zwei Jahren verstorbenen gleichnamigen Kompagnons von Lotz: es sei geradezu empörend, daß Frau Franze seit einiger Zeit immer und ewig im Geschäfte stecke, fast unausgesetzt zu Hause hocke, und die ganze Kasinogesellschaft sage ihr Ur­fehde an, wenn sie ihr für die Sonntagspartie wiederum einen Korb gebe!

Und abermals debattierte man dann über die ganz seltsame Wandlung, die mit der jungen Frau vor sich gegangen sei.

Als Zupitza das nächste Mal nach Sakuthen kam und Frau Lotz zufällig allein im Garten sprach, sagte er ihr in gewissermaßen warnendem Tone:Man beobachtet Sie nun einmal, gnädige Frau. Wenn Sie nicht wollen, daß man Verdacht schöpft, dann müssen Sie sich mehr in der Gewalt haben."

Sie war ganz verstört, zu vernehmen, daß schon Frem­den eine Aenderung in ihrem Wesen ausgefallen war.

Ich weiß, wie schwer die Aufgabe ist, die Sie sich da gestellt haben, gnädige Frau. Bor allem, wie groß die Anforderungen sind, die Sie Ihren Nerven zumuten. Die müssen Sie sich darum in erster Linie gesund zu erhalten trachten."

Ach ich!" sagte sie abwehrend.Was kommt's darauf an!"

Mitten auf dem Wege blieb er stehen.Das ist doch nicht Ihr Ernst, gnädige Frau!"

Sie sah ihn nicht an, ihr Blick schweifte übers Wasser SU, der in der Herb-stsonne bräunliche gewordenen weiten Heide. Es lag eine unendliche Schwermut in ihrem Ausdruck.

Ihre eigene Gesundheit mag Ihnen an sich unwesent­lich erscheinen", fuhr er fort.Wer zur Durchführung Ihres Planes ist sie dringend erforderlich, Wenn Sie selbst krank würden, wäre Ihr Mann völlig hilflos. Haben Sie das bedacht? Und Sie wollen, ihm doch in all dem Grau­samen, das ihn erwartet, eine Stütze sein, nicht wahr?"

Sie nickte.Ja, ich. muß stark sein. Ich will und muß stark und gewappnet sein. Wenigstens so lange." Ein tiefer Atemzug hob ihre Brust.Mein Leben soll ja nur noch der einen Pflicht gehören, ihm zu dienen, ihm zu helfen. Bis alles ein Ende hat."

Ihre Refignation ergriff ihn. Erschütternd berührte ihn ihr wunder Ton, der zu der jungen«. schürren Gestalt, den

kampffrohen Augen, den nervösen, lebensdurstigen Lippen so gar nicht recht passen wollte.

Wer was konnte er ihr zum Trost sagen?

Immerhin schien seine Mahnung etwas genutzt zu haben, denn am folgenden Wend konstatierte Gamering mit sichtlicher Genugtuung die Zusage von Frau Lotz.

Ganz Gill versammelte sich am Sonntag um drei Uhr am Landungsplatz neben der Fähre. Es war ein klarer, schöner Septembertag. Das Gesellfchaftsbild, das sich her­nach an Bord des kleinen Dampfers entwickelte, war bunt und fröhlich. Ms Zupitza eintraf, befand sich etwa ein halbes hundert Personen an Bord. Krappe plazierte ihn gleich dem jungen Referendar Leiktchat gegenüber mitten unter den jungen Damen. Die hübschesten waren die Behr- schen Töchter, die sich auch besonders flott und geschmack­voll zu kleiden verstanden. Zupitza fiel es sofort auf: das war hier ein ganz anderer Schlag als der der zierlichen- meist überkoketten Damen von Göttingen. Volle, große Mädchengestalten sah- man hier, gesund und warmblütig, offene Gesichter mit Hellem Blick, mit lustigen Plauder- lippen.

Wer das charakteristische Profil, die kluge Stirn mit dem originellen Lockenscheitel, die seltsam Hellen und doch tiefen Augen von Frau Lotz vermißte er. Gr wollte gerade seine Nachbarin, mit der er bälder als er selbst erwarte^, in eine flotte Unterhaltung geraten war, nach ihr fragen, als das Damptboot stoppte.

Mann über Bord!" scherzte Herr von Gamering, der im Kreise einiger Backfische wie gewöhnlich den Schwerenöter spielte.

Der Amtsrichter beruhigte sofort seine Frau, die keine Aufregung vertrug: man lege bloß in Sakuthen an, um Frau Lotz und deren Nachbarn, die Familie Schmal, an Bord zu nehmen.

Vorsichtig mußte sich der Dampfer zwischen den un­zähligen Flößen seine Bahn suchen. Dann näherte er sich langsam der Anlegestelle. Man sah den Stätteplatz mit seinen haushohen Stapeln, dahinter das Dampfsägewerk mit dem unendlichen Schornstein und dem seltsamen Räder­werk über dem Dtaschinenhaus, das dazu diente, das aus dem Werk abfallende Sägemehl auf pneumatischem Wege zum Heizraum zu befördern, hinter den Obstbäumen und Ziersträuchern tauchte das Lotzsche Wohnhaus auf, dessen weitüberragenden Holzgiebel nach norwegischem Muster zwei sich kreuzende Drachenköpfe schmückten.

Mein Göttchen!" hörte man plötzlich den Amtsrichter in seinem breiten Ostpreußisch gerührt ausrufen,da ist ja auch der Dieter! Guten Tag, Lotzchen! Mein Himmel, aber ist das eine Herzensfreude, daß man das trauteste Männchen 'mal wieder zu sehen kriegt!"

Inmitten der kleinen Gruppe von Ausflüglern be­fand fich der von Tirsell gelenkte Rollstuhl mit Dieter Lotz.

Mle Fahrgäste liefen nach der Steuerbordseite, um denk