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Sonderbarerweise aber war kein Mensch in der Nühe dieses Gasthauses zu sehen, und auch der Verwalter kam nicht wie sonst zu unserm Empfang herbei. Vergebens riesen wir in den flehentlichsten Tönen: „Khansamah Jee I O Khansamah Jee!" Keine Antwort erfolgte.
„Gr wird wohl im Bazar sein", sagte unser Ochsenlenker, worauf wir ausstiegen, und unser Gepäck aus die Veranda bringen ließen. Nachdem dies geschehen war, nahm unser Führer — er war einer von Mr. Mans' Tienern — den Ochsen das Joch ab, lockerte ihr« Zügel und schickte sich an, ein Feuer anzuzünden, um sich sein einfaches Mahl zuzubereiten. Ta ine AM fortwährend über Kopfweh und Fieber klagte, machte ich ihr mit einigen Decken «in Lager zurecht und begab mich dann auf die Suche nach der Dienerschaft.
Tas Gasthaus erwies sich als vollständig verödet, und so schlug ich einen schmalen Fußpfad ein, der mich, wie ich hoffte, rum Bazar führen sollte, denn ein solcher Kaufladen ist ein notwendiges Anhängsel nicht nur jeder Stadt und jedes Dorfes, sondern auch jedes Gasthauses. Bald entdeckte ich ein ziemlich großes Dors, das indes ebenfalls ausgestorben zu sein schien. Tie doppelt« Reihe von Läden und Wohnhäusern stand leer und an den meisten fehlte das Tach Manche hatten sogar große, in die Mauer gehauene Löcher, und aus allen drang der scharfe Geruch eines starken Desinfektionsmittels. Keine Menschensecle, ja nicht einmal ein Tier war zu sehen.
Schon bei unserer Ankunft vor dem einfachen Gast- Hause hatte die Sonne sich angeschickt, hinter einem Meer von rötlichem Golde zu versinken. Nun schimmerte von all dem Glanze der indischen Abendbeleuchtung nur noch ein dunkelroter Streifen im Westen. Während ich wie versteinert am Rande eines Brunnens stand und staunend aus die seltsame Umgebung starrte, sentte sich, wie stets in Indien, die Dämmerung so rasche wie ein niedergehender Vorhang herab, und nun wurde es mir plötzlich bewußt, daß ich mich allein in dem gespensterbaften Torfe und im Dunkeln befand. Rasch suchte ich denselben Weg zu gewinnen, den ich gekommen war, allein es dauerte doch ziemlich lange, brs ich wieder auf den Fußpfad gelangte. Als ich dann die Bambusallee nahezu erreicht hatte, hörte idj! plötzlich eilige Aufschläge, die mir folgten.
Sofort blieb ich stehen und wartete. Nach wenigen Augenblicken tauchte die Gestalt eines Retters aus dem Dunkel aus, und kühn stellte ich mich ihm in den Weg.
„Wo sind die Bewohner dieses Bungalows und jenes Torfes dort, o Mann?"' rief ich ihm auf hindostanisch zu. „Mas ist mit ihnen geschehen?"
Und aus der Finsternis heraus antwortete eine Stimme auf englisch:
tDiifßt hiß $Rpft"
,"D-ie Pest!" stammelte ich als Antwort auf diese schreckliche Kunde.
Jetzt war es mir plötzlich klar, warum es in dieser ganzen Gegend so wenig Ochsen gab, warum wir während der letzten zehn Meilen kaum einer menschlichen Seele begegnet waren Md warum die Strohhütten alle verlassen standen.
„Ich sah Ihre Tonga heranfahren", fuhr der Fremde fort, indem er vom Pferde stieg, „und ritt so rasch, als ich konnte, hierher, um Sie vor der Gefahr zu warnen."
„Es war sehr freundlich von Ihnen, sich zu bemühen, und ich! wäre Ihnen für Rat und Hilfe dankbar", erwiderte ich, während wir dem aus der Dunkelheit uns nur matt entgegenschimmernden weißen Bungalow zugingen. „Meine Ajah und ich sind aus dem Wege nach der Station Tassi und hatten die Absicht, die Nacht hier zuzubringen, allein das Haus ist wie ausgestorben. Ich! habe gerufen und alles durchsucht; es ist niemand da."
„Ta wären wir nun", sagte mein Begleiter, als wir die ersten Stufen der Veranda erreicht hatten.
Außer dem jammervollen Stöhnen der Ajah war kein Laut ringsumher zu hören.
„Ten ganzen Tag über hat sie schon über Kopfweh {geklagt", erklärte ich, während wir die Stufen Hinauftiegen. „Ich glaube, sie hat Fieber."
Ein Schauder lief mir dabei über den Rücken, denn eine angstvolle Stimme in mir flüsterte: Sollte es die Pest sein?
„Gut, ich werde sogleich Licht machen", erklärte der Fremde, dessen ganze Sprechweise den gebildeten Mann verriet.
Bald darauf hörte ich ihn im Nebenzimmer hantieren und ein Streichholz anzünden. Im nächsten Augenblick erschien er mit einer Laterne, die er auf einen zwischen uns stehenden Tisch niederstellte. Tann sahen wir uns Beide an — und das Herz drohte mir vor Schreck stillzustehen: der Herr mir gegenüber war Mr. Thorold!
(Fortsetzung folgt.)
Verkannte Genies.
Von Josepha Metz.
(Nachdruck verboten.)
Wie ärgerlich! Nun ist ihre Bank besetzt. Was braucht sich der lange Jüngling da gerade auf ihre Bank zu setzen. Er scheint übrigens auch zu zeichnen; er hält Block und Stift in der Hand und schaut immerfort in die Höhe. Da oben sitzt ihm gewiß ein Vogel Modell, denn sonst gibt's da doch nichts weiter als Blattgewirr und kleine Stückchen blauen Himmel. Na, sie wird sich nicht stören lassen. — Entschlossen geht sie auf die Bank zu, klappt ihr Skizzenbuch auf und beginnt zu zeichnen. Der junge Mann hat garnicht einmal aufgesehen, desto besser. Er scheint überhaupt ein Faultier; so verträumt, wie der in die Luft steht, und gezeichnet hat er noch keinen Strich Da, jetzt fängt er an, gerade, als ob ihre Gedanken ihm den Anstoß gegeben. Wenn sie nur wüßte, was er — na, es wird sich ja nachher schon Herausstellen. Jetzt muß sie arbeiten.
Sie radiert ein bischen an der angefangenen Baumgruppe herum, dann sieht sie wieder zu dem Nachbar hinüber. Sie ist doch neugierig — ach, er zeichnet ja garnicht, er schreibt nur. O weh, die Handschrift! Ist das etwa russisch, oder — Sie sieht schärfer hin, nein, wahrhaftig, er stenographiert und genau nach derselben Methode wie sie, so ein Glück, nun kann sie es doch lesen. Wie schade, jetzt läßt er die Hand mit dem Block sinken und starrt wieder in die Luft. Was er wohl hat! Ob er — natürlich — er dichtet; wie interessant; wer weih, vielleicht entsteht da dicht neben ihr ein unsterbliches Werk. Sie rückt ein wenig näher. Keinesfalls wird sie ihn stören, an ihr soll es nicht liegen, wenn es der Mitwelt etwa doch vorenthalten bleibt. Ob er einer von den bekannteren Dichtern ist! Sie überlegt. Nein, er sieht keiner der Berühmtheiten, die sie dem Ansehen nach kennt, ähnlich. Eigentlich sieht er überhaupt nicht aus wie ein Dichter. Seine Haare sind fast rasiert und die Ohren die ihm weit vom Kopfe abstehen, groß, wie Eßlöffel. lieber der linken Backe hat er sogar einen Schmiß; er sieht eigentlich mehr aus wie ein Student, nur in den Augen liegt so was, und um den Mund Herum, da, wo der Schnurrbart fehlt. — Aber er wird gewiß nervös durch ihr Anstarren, er macht so eine heftige Bewegung nach dem Kops hin, als ob er sich durch die Locken fahren will, es fällt ihm über noch rechtzeitig ein, daß er keine hat. — So, und jetzt arbeitet sie. — Wie schwer diese Bäume sind, all die verschlungenen Aeste, totquälen kann man sich an ihnen. — Dichten, ja das ist etwas anderes, da braucht man nur gute Einfälle zu haben und sie aufzuschreiben. Das heißt, zu einem Gedicht gehören auch Reime, und die sind gewiß schwer zu finden; es will eben alles gelernt sein, jede Kunst hat ihre Schattenseiten. — Ob er wohl ein Gedicht macht, oder vielleicht einen Roman oder gar ein Drama? Tas Herz klopft ihr ordentlich bei dem Gedanken. O, sie wird ihn nicht stören.
Arbeiten, arbeiten.
Sie schiebt die Zungenspitze durch die Lippen, wie bi« kleinen Schulkinder es machen, wenn sie ihr erstes Wc auf die Schiefertafel schreiben und mit dem Griffel dabei so fest aufdrücken, daß er quitscht.
„Hach, das ist schwer!"
„Gott, ach Gott, nun hat sie ihn doch gestört, er sieht nach ihr hin. Sie wird glühend rot und läßt den Bleistift fallen. ---
„O."
Sie Lücken sich beide danach und stoßen mit den Köpfen zusammen.
„Au!" „O pardon."
Ein paar gehörige Dickköpfe — es hat ordentlich! geknackt und tut weh.
„Hier, bitte sehr." Er überreicht ihr den Bleistift.
„Danke vielmals."
Sie rechen sich beide die schmerzende Stelle am Kopf, das sieht zu komisch Ms, wie auf Kommando fangen sie


