Ausgabe 
27.12.1904
 
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Na, das würde mich« nicht gerade so sehr wundern. Täs Sonderbare aber an der Sache ist, daß sich ein Mann seines Aussehens allerdings ein Billet nach Newyork löste, nach Aussage der Zugschaffner jedoch den Zug nach Newyork nicht benützte. Er muß also plötzlich seinen Entschluß ge­ändert haben. Dagegen erfuhr ich von einem Schaffner des fünf Minuten später nach Norden abgehenden Zuges, daß, als der Zug sich eben in Bewegung setzte, ein Herr, aus den Meine Beschreibung genau Paßt, noch schnell angelaufen kam und in den Zug sprang. Ter Schaffner sah ihn später Mit tief in das Gesicht herabgezo!gengem Hut in einer Ecke des Rauchwagens sitzen."

Tas kann doch nur Carrol gewesen sein!" rief Whitney lebhaft.

Oder ein anderer", entgegnete der Detektiv trocken. Ja, mein Lieber, an Problemen fehlt es uns nicht. Lösen Sie doch nur einmal das eine: Sie sind überzeugt, daß Brown den Kasten und den Revolver in den See warf. Ich sage: kann sein, kann nicht sein. Ich frage: wer war der Mann, den Brown kurz vor drei Uhr morgens am See stehen sah? Browns Beschreibung paßt ebensogut auf Carrol wie auf Carruthers. Welcher von beiden war es? Warf der Mann etwas in den See? Und wenn was

war es?"

Whitney wiegte laNgsaNi den Kopf. Dann sagte er:

Merrick, alle Achtung vor Ihrem Scharfsinn und Ihrer skrupulösen Detailarbeit, in eine solche kann ich mich aber sticht einlassen; darin habe ich zu wenig Erfahrung. Ich Muß mich von den Hauptpunkten des Falles leiten lassen."

Nun gut, so wollen wir einmal die Hauptpunkte be­leuchten. Also, welche Gründe haben Sie, Frau La Grange und Hobson mit dem Morde ut Verbindung zu bringen, die nicht ebensogut aus gewisse andere Leute anwendbar wären?"

Welchen Grund? Wer Merrick! Haben wir denn nicht jeden Grund, dieses Weib für die Anstifterin des ganzen Unheiles zu halten? Ist es nicht seit siebzehn oder achtzehn Jahren ihr einziges Bestreben gewesen, Hugh Maini- warings Vermögen für sich und Ihren Sohn zu er­langen, weil sie ein Recht darauf zu haben glaubt undi"

,Halt!" unterbrach der Detektiv.Sehen Sie, das ist eben der springende Punkt. Sie glauben an die Schuld der Frau, weil sie, ohne den geringsten rechtlichen Anspruch daraus zu haben, durchaus Erbin werden wollte. Haben Sie denn aber niemals daran gedacht, daß es auch noch, gndere Menschen geben kann, deren Interesse an dem Tode des reichen Mannes ein viel größeres war, weil sie recht­mäßige Erben sind?"

Tas ist mir allerdings nocf), nicht in den Sinn ge­kommen", erwiderte der Rechtsanwalt erstaunt.

Aus verschiedenen zuverlässigen Quellen habe ich er­fahren", fuhr der Detektiv fort,daß Ralph Mainivaring einen jüngeren Bruder, Harold, besitzt, der auch das Geld sehr liebt, aber kein Geschäftsmann, sondern ein indolenter, Nur seinen Passionen- lebender, grundsatzloser Mensch ist, der sein Vermögen durchgebracht hat. Gleich seinem Bruder soll auch er schon lange nach der fetten amerikanischen Erbschaft gespäht haben. Gestern wurde mir gekabelt, daß er seit der Abreise seines Bruders verschwunden ist. Seine Wubgenossen in nondon nehmen an, daß er Mit deMmächstest Mmerikadampser abgefahren ist, um seine eigenen Erban- fprüche geltend zu machen."

Und Sie denken", fiel der Anwalt fast atemlos ein, xdaß

Der Detektiv! schüttelte den Kopf und sprach werter:

Ich bin bei meinen Nachforschungen auch hinter das Geheimnis Hugh Mainwarings gekommen, auf Grund Hessen Hobson seine Erpressungen verübte, und habe dabei ent» deckt, daß er die Hauptsache gar nicht kennt. Da Sie ein intimer Freund MastnvarrngS wärest, enthalte ich! mich näherer Mitteilungen darüber. So viel aber möchte ich Ihnen sagen: Es existieren, wahrscheinlich gar nicht weit von hier. Erben, deren Ansprüche nicht nur der Familie Ralph Mainwaring voranstehen, sondern auch seinerzeit dem Erbrechte Hugh Mainwarings vorangestanden haben."'

(Fortsetzung folgt.)

Sintfluten.

Ter biblische Bericht von der großen Flut (Sink gleich Kroß), aus der man dann «ine Sündflut gemacht hat, ist sticht

Seen" die Veranlassung zu den betreffenden Traditionen gi achen haben, so bei den Muyscas (Chibchas) in Kolumbien, od«

Weit größeren Schaden an Menschen und Besch, als Ge­witter, Erdbeben und Vulkanausbrüche, pflegen unter den Natur­völkern die Ueberschwemmungeu hervorzurufen, namentlich dre- jenigen, die durch unvorhergesehene Ereignisse verursacht sind, wie Erdbebenfluten oder Wirbelstürme, Seendurchbrüche u. dgl.; und darum haben sich auch bei vielen Naturvölkern und alterest Kulturvölkern noch deutliche Erinnerungen au große Fluten er­halten, während allerdings auch in weiten Gebieten, so in fast ganz Afrika, die Erinnerung an derartige Naturereignisse völlig fehlt Gewöhnliche Ueberschwemmungeu durch angeschwollene Flüsse oder Wolkenbrüche können kaum je Veranlassung zu lang­lebigen Ueberlieferungm werden, weil sie von den Naturvölkern unmittelbar als leicht verständliche Ereignisse erkannt werden und weil die Anwohner der betreffenden Ueberschwemmungs- gebiete sich meist schon, durch die Wahl des Siedelungsplatzes vor Ueberraschungen schützest.

Anders freilich ist es bei den außergewöhnlichen Natur­ereignissen, die nicht borauszusehen waren, und gegen dre also auch keine Vorsichtsmaßregeln getroffen sein konnten Traber sind sicherlich oft große Menschenmengen vom Verderben ereilt worden, und gar manchesmal durften von einzelnen Stämmen nur wenige Personen durch besonders glückliche Umstände gerettet worden sein. Wir brauchen nur an die ungeheuren Verluste von Menschenleben zu denkest, die etwa bei dem Erdbeben von Lissabon 1765 oder bei dem Ausbruch 'des Krakatau rm Jahre 1883, oder bei manchen indischen Zyklonen den außerordentlichen Flutwellen des Meeres zum Opfer fielen, um ine Erzählungen von der Vernichtung ganzer Stämme ohne weiteres erklärlich zu finden. In der Tat sind, wie Richard Andree m fernenFlut­sagen" überzeugend nachgewiesen hat, erne ganze Anzahl von Sintflutberichten amerikanischer Stämme, von den Eskimos der Prinz-Wales-Halbinsel an bis zu den Araukanern hm, dmttlrch auf Erdbebenfluten zurückzuführen. und die Tradition der Arau­kaner weiß außer der Flut auch noch von vulkanischen Ausbrüchen zu berichten, in denen wir wohl dre Ursache der Flut, zu suchen berechtigt sind.

Bei bimrenländischen Sisttflutberichten mögen Durchbrüche von Ni- den betreffenden Tradrtronen ge­

willkürlich erdichtet. Er steht in engstem Zusammenhänge mit tatsächlichen Vorkommnissen, über die Prof. Tr. Sapper in dem populär-wissenschaftlichen WerkeW eltall und M ens chheit" (Deutsche Verlagsanstalt Bong u. Co., Berlin, 5 Bande je 15 Mk.) ehr interessant und in fesselnder Darstellung, die rn, dem Pracht­werke durch zahlreiche Abbildungen unterstützt wird, sich, tote folgt.

geben haben, so bei den Muyscas (Chibchas) in Kolumbien, oder bet den Einwohnern von Tibet und Kaschmir In wieder anderen Fällen mögen die Funde versteinerter Fische, Korallen, und Muscheln, die von den unbefangenen Naturmenschen richtig er­kannt worden waren, in letzter Linie einzelne Flutberichte her­vorgerufen haben, so bei den Samoanern, Gesellschaftsmsulanern und Zentraleskimos. In wieder anderen Fällen sind Wirbelstürme für sich allein, oder aber in der grauenhaften Verbindung mit Erdbeben, die Ursachen der verhängst^ vollsten und ver­heerendsten Fluten gewesen, die danst in dem. Gedächtnis der Völker ftr lange Zeiten fortgelebt haben. Zu dieser Klasse von Ereig­nissen gehört nach Eduard Süß' lichtvollen Untersuchungen auch die gewaltige Sturmflut, die in Verbindung mit Erdbeben einst­mals das untere Stromgebiet des Euphrat und Tigris hermmchte und zu dem biblischen, wie auch dem älteren babylonischen Smt- flutbertchte die Veranlassung gegeben M,

Es würde zu weit führen, au alle diese Flutlagen näher einzugehen; jedoch mag hier eine ganz eigenartige Sage noch näher betrachtet werden, da sie an andere Voraussetzungen und 'Ereignisse anknüpft, als wir sonst bei Sintflutsagen zu beob­achten gewohnt find; es ist das die Flutsage der Quicha-^ndianer von Guatemala Sie ist uns in dem indianisch geschricoenen Popol Vuh erhalten geblieben und behandelt den Untergang der ersten Menschen, die ihres Herrn und Schöpfers sticht dankend gedenken wollten und daher dem Verderben geweiht wurdest Der Bericht lautet also:

Es erhob sich eine große Flut, die über sie kam; von Korkholz war das Fleisch der Männer, und die Weiber waren aus Rohrmark gebildet. Ta sie ihres Schöpfers nicht gedachtm, und ihm für ihre Erschaffung sticht dankten, so toniben sie getötet und ersäuft. Es fiel viel Harz und Pech vonnHuumel, und ein Vogel, genannt Xecotcobuch, kam und riß ihnen di« Augen heraus; und ein anderes Tier, genannt Cotzbalam, verzehrte ihr Fleisch, und der Tecumbalam zerbrach ihre Knochen und Nerven und machte Mehl daraus, und das geschah als Strafe und Züchtigung, weil sie ihrer Mutter und ihrem Vater, ihrem Herrn, dem Herzen des Himmels, genannt Huracan, Nicht Dank sagten. Es verdunkelte sich das Antlitz der Erde, und es begann ein Rieselregen bei Nacht und bei Tag, undes kamen Tiere aller Art, kleine und große, und es kamen die Baume und die Felsen und schlugen ihnen ins Gesicht und beschlmpsien sie, und alle sprachen, die Mahlsteine, die Röstteller, die Teller/ die Gefäße und die Töpfe, die Hunde; alle beschimpften sie und sprachen:Sehr schlecht habt Ihr uns behandelt, Ihr, habt uns gebissen, und ebenso werden wir Mn Euch beißen , sagtest