Ausgabe 
27.12.1904
 
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,,5Bro!tm scheinen Sie hierbei gar nicht in Rechnung zu ziehen?"

Bis gestern, nach seinem plötzlichen Verschwinden, hielt ihn keiner von uns direkt an der Sache beteiligt, jetzt aber bin ich doch geneigt, ihn alsMitschuldigen nach der Tat" zu betrachten. Ich halte es für sehr wahrscheinlich,, daß die La Grange ihn nach, dem Morde benützt hat, einzelne, mit dem Verbrechen in Verbindung gestanden« Gegenstände beiseite zu schassen, und deshalb erscheint mir die Absuchung des Sees so wichtig. Seiner Aussage nach ist er ja zur Stunde des Mordes noch in der Stadt ge­wesen."

Ja, nach seiner Aussage; tatsächlich ist er aber in jener Nacht uebrhaupt nicht in der Stadt gewesen. Um Mitternacht wurde er in der Nachbarschaft mit einigen verdächtig aussehenden Kerlen gesehen."

Wann haben Sie denn das erfahrend

O, das wußte ich schon, als Brown vom Coroner vernommen wurde."

Und da lassen Sie den Menschen entwischen? Nehmen Sie's mir nicht übel, aber das verstehe ich nicht."

Ter Detektiv lächelte. Jsch will Sie beruhigen. Brown ist in guter Obhut. Ich kann ihn jeden Augenblick haben. Einer meiner Leute bewohnt mit ihm ein Zimmer in einem obskuren Wirtshaus und behält ihn! Tag und Nacht int Auge."

Alle Achtung, Merrick, da haben Sie vortrefflich vor­gesorgt. Aber sagen Sie, wenn Sie doch nun Ihr Wild cm Garn haben, warum stecken Sie es nicht lieber in den Sack?"

Soll mir als Lockvogel dienen für edleres Wild. Wie weit Brown auch in die Sache verwickelt sein mag, er ist doch nur ein Werkzeug in den Händen erfahrenerer und gefährlicherer Schurken gewesen. Ich habe da verschiedene Kleinigkeiten, die mich zu dieser Annahme berechtigen. Sehen Sie", Merrick erhob sich plötzlich und holte von einem Tisch einen in Papier verpackten Gegenstand, den er seiner Hülle entkleidet!«.Sehen Sie zum Beispiel her! Was halten Sie von diesem rostigen Kasten?".

Herr Whitney sprang voller Erregung auf.Heiliges Donnerwetter, Mann! Ist es Möglich! Sie haben die Ju­welen gesunden?"

Bis jetzt leider nur den leeren Kasten", war die ruhige Antwort.

Und wo in aller Welt haben Sie ihn gesunden?" Im See!"

Ah! Wann denn?".

Heute, nach! Sonnenaufgang, während Sie noch schnarchten."

Hören Sie, Merrick, Sie sind doch! ein Teufelskerl. Ich glaubte, man könnte eher ein Wiesel im Schlafe fangen, als Sie einmal im Bette finden. Uebrigens scheint mir Ihr Fund eine starke Bestätigung meiner Ansicht, daß die La Grange die Juwelen geraubt und sich oen Beistand Browns erkauft hat. Finden Sie das nicht auch?"

Ohne etwas zu erwidern, zog Merrick jetzt den auf­gefischten Revolver hervor und reichte ihm dem Anwalt. Was meinen Sie zu dem Stücks"

Wo haben Sie denn das rostige Ting her? Auch aus oem <Bee?"

Jawohl. Auch aus dem See."

Ter Anwalt betrachtete eine Weile die Waffe von allen Seiten mit sichtlicher Verlegenheit, dann sagte er:

Hm wissen Sie, eigentlich verstehe ich nicht recht, wie oieser Revolver zu dem Morde in Beziehung stehen Ioll, da bei dem Verhör doch festgestellt worden rst, daß ier Schuß aus Hugh Mainwarings Revolver abgeseuert wurde."

Verzeihen Sie! Es ist nur sestgestellt worden, daß der neben dem Toten gefundene Revolver sein eigener war. Die Kugel kam aus dem Revolver, den Sie in Händen halten. Ich fand sie kurze Zeit nach der Leichenschau. Hier" er griff in seine Tascheist sie und auch der Revolver Mainwarings. Nun vergleichen Sie einmal die Kugel mit den beiden Kalibern. Sie patzt genau in den ausgefischten Revolver, für das Kaliber des anderen ist sie viel zst groß."

Ter Rechtsanwalt machte die Probe; völlig verblüfft antwortete er:

Sie haben recht; es stimmt. Wie aber soll man sich

nun erklären, daß Hugh Mainwarings Revolver bei der Lage liegt?"

Ganz einfach. Tas vom Mörder bis ins kleinste über­legte Verbrechen sollte als Selbstmord erscheinen. Zu der Ansicht gelangte ich gleich, nachdem ich die Wunde unter­sucht und die Schußwaffe besehen hatte. Das Keine Ge­schoß stand in keinem Verhältnis zu der Wunde. 8lm Faden oieser Entdeckung meine Nachforschungen fortsetzend, sieh mir bald die nur sehr unbedeutende Blutlache auf. Hier­mit fast gleichzeitig bemerkte ich an dem Haare der Schläfen einen abgegrenzten Eindruck, wie ihn eine Bandage zurück­zulassen pflegt. Ich suchte weiter und fand zunächst einen kleinen Blutfleck auf dem Teppiche der Bibliothek und später dort auch die Kugel. Ties bewies, daß der Mord in der Bibliothek verübt, die Leiche in das Turmzimmer getragen und dort in der Stellung niedergelegt worden war, di« ihr den Anschein des Selbstmordes geben sollte. Für das mir bis hierher rätselhaft gebliebene Fehlen jeder weiterest Blutspur erhielt ich erst heute mit Aufsinden des Juwelen- kastens die Lösung. Da ist sie", fuhr er fort, indem er das als Binde zusammengelegte blutige Taschentuch einem Papierumschlag entnahm und in die Höhe hielt.Das ist die Bandage, deren Spur ich am Kopfe des Toten entdeckte und die bas Blut der Wunde stillte. Sie und hier diese beiden Privatschlüssel Hugh Mainwarings zu den! Kunstschlössern der Bibliothek und südlichen Halle wärest mit dem Kasten zusammen im See geborgen. Trauen Sie Frau La Grange oder Hobson die Fähigkeit zu, einen der­artig raffinierten Mord zu ersinnen und auszuführen?"'

Whitney, der mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört uud bis jetzt schweigend die beiden ihm zuletzt vorgelegtest Beweisstücke betrachtet hatte, erwiderte:

Merrick, ich bekenne mich vollständig geschlagen. Sie haben mir eine gute Lehre erteilt. Und wenn Sie mich fragen, ob ich der La Grange oder Hobson die Tat zu­traue, so kann ich! nur sagen, ich weiß nicht mehr, was ich denken soll. Von Hobson ist mir nichts weiter bekannt, als, was ich in den letzten Tagen von ihm hörte, von der Grange aber glaube ich!, daß sie fähig ist, einen solchest Plan auszubrüten."

Mag s ein", entgegnete Merrick,meine Erfahrung aber lehrt mich, daß wir es hier mit keiner Stümper-, keiner Pfuscharbeit eines Neulings, sondern mit der eines ganz abgefeimten, gewiegten Verbrechers zu tun haben. Was Hobson anbelangt, so unterliegt es keinem' Zweifel, daß! ihm irgend ein Geheimnis eine große Gewalt über Hugh Mainwaring verlieh. Würde dieser sonst gewagt habens ihn einen Lügner und Betrüger zu nennen? Ich kann mit das nicht denken, daß er zu jemandem sprach den! er nicht fürchtete."

Aha ich, verstehe", fiel der RechtsaNwat ein.Sie haben den Genossen Hobsons, der: großen Mastn mit der dunklen Brille, im Sinn."

Merrick lächelte.Sie halten also diesen Henry Car­ruthers, der nachmittags da war, identisch mit jenem soge­nannten Jack Carrol, in dessen Begleitung Hobson asst Abend bei Frau Lq Grange erschien?"!

Jawohl und -ganz mit Recht. Moses hat ja beide gesehen und als eine ustd dieselbe Pers ost erkannt."

Gewiß, das hat er, wie er sagt, und die äußere Aehst- lichkeit scheint auch groß gewesen zu sein, aber ihr Wesest und Benehmen war durchaus verschieden. Carruthers kam ohne jede. Heimlichkeit an und trat vornehm und bestimmt auf, Carrol jedoch scheute offenbar das Licht. Keiner vost allen Zeugen hat sein Gesicht beschreibest können, weil ebest keiner es genau gesehen hatte. Er hielt sich stets isst Dunkeln.

Alles, was Sie sagest, sttm'mt. Es könnest zwei Ver­schiedene Personen gewesen sein. Wenn das so war stndj Carrol den Mord beging, so spricht dies entschieden für meine Annahme,, daß die La Grange und Hobson den Plast schmiedeten und er nur das Werkzeug in ihrer Hand ge­wesen ist."'

Nun, man kann darüber denken, wie Man will, jedest- falls bin ich mir Über die Rolle, die Carrol bei der Sache spielte, durchaus noch nicht klar."

Und dieser Herr ^Carruthers, wenn er nicht Carrol war, gibt auch zu denken", fügte Whitney bei.Warum fuhr er plötzlich mit dem Mvrgenzug stach der Stadt zurück, da er doch, dem Sekretär gesagt hatte, er würde zwei bis drei Tage tot Arlington-Hotel bleiben?" 1