Ausgabe 
27.7.1904
 
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Gott verhüts", verwahrte sich der Bauer gekrankten Tones,da würde uns der Herr Pfarrer schon kommen! Aber nach der heikigen Messe sind wir freilich gleich ins Wirtshaus gegangen, denn der Sonntag hat doch auch nur vicrundzwanzig Stunden, und da muß man sich schon dazuhalten!"

Ach richtig, gestern war ja Sonntag", erinnerte sich Erich.Nun, was habt Ihr denn am Sonnabend ge­macht?" fragte er ungeduldig.

Der Bauer glotzte ihn dumm an, dann sagte er:

Eh, Herr, verzeih, aber bei uns gibt es keinen Sonn­abend, da muß bei Euch im Ausland die Woche wohl einen

Tag mehr haben."

Ich meine Samstag", klärte ihn Erich auf.

»Ja so, Samstag! Eh, da haben wir garnichts gemacht, weit wir doch Freitag auf der Klisura fertig geworden sind und mit etwas neuem anzufangen, hätte es sich doch wegen des einzigen, lumpigen Tages gar nicht mehr gelohnt."

Erich biß sich in ohnmächtigem Zorn die Lippen wund. Selbst vermochte er keine Anordnungen zu treffen, da er ja den Stand der Arbeiten nicht kannte und auch tatsächlich nicht gewußt hätte, wie er die Leute bis zur Ankunft des Verwalters, der noch immer nicht zurückgekehrt war, beschäftigen sollte.

hoffentlich kommt dieser pflichtvergessene Kerl noch vor Papas Erwachen', wünschte er, ,damit wenigstens ihm dieser erneute Aerger erspart bleibt'. Dann ließ er sich Onkels Reitpferd satteln, gab Befehl, sofort dem Verwalter entgegen zu fahren, um ohne weiteren Verzug mit der Arbeit zu beginnen, und ritt dann denselben Weg entlang, auf welchem er den Grafen Stepenaz und Komtesse Ljubiza kennen gelernt hatte.

Goldiger Sonnenschein flutete über dem noch tau­benetzten Aehrenfelde, das sich, soweit der Blick reichte, wie ein leicht wogendes Meer dahinzog. Darüber spann sich im azurnen Blau der wolkenlose Himmel, und das laute Zirpen der munteren Grillen brachte erst recht die ringsum herrschende feierliche Stille zum Bewußtsein.

Hier, in Gottes freier, heiliger Natur, wich nach und nach der dumpfe Druck von Erichs Seele, sein Herz weitete sich im Dank gegen den Allmächtigen, der, trotz der Menschen Müßiggang, solch eine reiche Ernte spendete, und er leistete sich das feierliche Gelübde, in nie ermüdender Schaffensfreudigkeit auf der dereinst ihm gehörigen Scholle wirken zu wollen.

Das helle Wiehern eines Rosses entriß ihn seinen Gedanken, und als er nun aufsah, bemerkte er, keine hundert Schritte vor sich, Komtesse Ljubiza auf ihrem Schimmel. Ein eigentümlich verlegenes Glückgefühl schnürte ihm die Brust zusammen, dann gab er dem Pferd die Sporen und sprengte an ihre Seite.

Weiß Gott, ich bin ein Glückspilz, Komtesse", rief er freudig erregt,Sie als Erste in der neuen Heimat be­grüßen zu dürfen,"

Sie errötete leicht, gab ihm kameradschaftlich und ohne jede Prüderie die Hand und hieß ihn herzlich willkommen. Wieso kommt es denn, Herr von Höchstfeld", forschte sie dann mit versteckter Schelmerei,daß Sie sich nicht einmal den ersten Morgen und noch dazu nach solch einer an­strengenden Reise Ruhe gönnen?"

Es litt mich nicht mehr zwischen den vier Wänden, es trieb mich förmlich heraus."

Und ausgerechnet hierher ft'

Ein heißer Blutstrahl stieg ihm zu Gesicht, und am liebsten hätte er aufgejauchzt:Ich sehe Sie, mehr ver­lange ich nicht!" aber er bezwang sich und stammelte:

Es ist ein Zufall."

Erst glitt etwas wie Enttäuschung über ihr Gesicht, aber auch nur für einen Moment, denn sie hatte recht wohl beobachtet, daß er etwas anderes ganz etwas anderes hatte sagen wollen, darum schaute sie ihm jetzt fest in die Augen und sagte mit der ungeniertesten Offen­heit:^Wissen Sie, daß Sie nicht sehr galant sind, Herr von Höchstfeld?"

Wieso, Komtesse ft' fragte er noch verlegener.

Nun, Sie hätten doch, um mir eine Freude zu be­reiten, eine kleine Notlüge riskieren können. Oder" und sie sah ihn dabei mit spitzbübischen Augen inquisitorisch an:wäre es Ihnen wirklich so schwer gefallen, zu sagen, daß Sie mich hier zu treffen hofften?"

Wie hätte ich das wagen dürfen!" wich er aus.

Sie lachte über diese Antwort hell auf, ein glockenreines, heiteres Lachen, bei dem es ihm ganz heiß ums Herz wurde.

Eine Galanterie darf man stets wagen, das nimmt eine Dame nie übel", belehrte sie ihn in harmloser, un­schuldiger Koketterie,unsere junge Herrenwelt ist in dieser Beziehung weit unternehmender, da werden Sie noch viel lernen müssen."

Schmunzelnd strich er sein Bärtchen zurecht.

Es soll mir fortan zur Richtschnur dienen", sagte er keck.Jedenfalls bin ich der erste deutsche Leutnant, dem Schüchternheit vorgeworfen wurde und no-ch dazu von einer Dame!"

Ihre Augenbrauen zogen sich bei der Nasenwurzel dicht zusammen, ein Zeichen, daß ihr dieser Ton doch nicht so ganz gefiel:

Er bemerkte es, wußte aber nicht, wie es im Moment gutzumachen und fragte, um die Pause nicht peinlicher werden zu lassen:

Wie lange haben Sie, gnädigste Komtesse, von Ste- penavze bis hierher zu reiten?"

Obwohl ihr jede übertriebene Etikette in den Tod zuwider war, tat es ihr doch wohl, sich diesmalgnädigste Komtesse" angeredet zu hören, da es ihr als Beweis galt, daß er eingesehen habe, etwas zu weit gegangen zu sein. Sie machte auch gleich wieder ein freundliches Gesicht und erwiderte:

Eine gute Stunde."

Ist dies Ihr täglicher Morgenritt?" fragte er weiter. Nun war es an ihr, verlegen zu werden.

Ja das heißt nein" verbesserte sie sich und dann, sich stramm und trotzig in die Höhe richtend, sagte sie burschikos: ,,Ach was, ich sehe nicht ein, warum ich mit der Wahrheit hinter dem Berge halten sollte. Ich bin hierher gekommen, weil ich eine unbestimmte Ahnung hatte. Sie hier zu treffen."

Wie glühenoe Lava strömte es durch 'Erichs Adern.

Komtesse, Sie spielen mit mir", stammelte er.Sie wollen mich für meine Unart strafen."

Um ihre Mundwinkel zuckte es verräterisch, aber mit der unschuldigsten Miene und als ob sie ihn absolut nicht verstände und sich gar nicht bewußt sei, daß ihre Worte eine andere Auslegung zuließen, fragte sie:

Was haben Sie denn nur? Es war doch ganz logisch gedacht, daß Sie die Orte, welche Sie bereits kannten, zuerst aufsuchen würden und von wem sonst hätte ich die schnellste Auskunft bekommen sollen, wie den Ihrigen- speziell Ihrer lieben Frau Mama und Ihrer lieben Schwester die strapaziöse Reise bekommen ist? Wenn man in solch menschenleerer Wildnis lebt, wie wir, ist es doch nur zu erklärlich, daß man sich auf eine neue, angenehme Nach­barschaft freut. Meine lieben Eltern werden die Ihren gewiß mit Freuden in die Arme schließen und wir, meine Brüder und ich auch das heißt figürlich- Herr von Höchstfeld."

Wie schade", seufzte er.

Sie drohte ihm leise mit der Reitgerte.

Artig sein!"

Inna er", versprach er.

So ist's recht", belobte sie ihn,Sie dürfen mich dafür auch nach Marianee begleiten vorausgesetzt, daß Sie nichts besseres zu tun haebn."

In Ihrer Gesellschaft weilen zu dürfen . . ."

Halt, halt!" rief sie,nur keine solche abgedroschenen, faden Komplimente, die sind mir in den Tod zuwider. Ein Mann, wissen Sie, ich meine ein wirklicher Mann, nicht nur der, der zufälligerweise als Männchen zur Welt kam, müßte von selbst auf dergleichen Gemeinplätze verzichten."

Er sah sie verblüfft an. Diese Offenheit war ihm neu und wenn nicht ihre vornehme Sicherheit gewesen wäre, die jeden derartigen Gedanken schon im Entstehen ver­scheuchte, so hätte er wirklich glauben können, daß sie ihm Avancen machen wolle,

Und nicht wahr, Komtesse", fragte er unsicher,Sie halten mich doch für einen wirklichen Mann oder doch wenigstens für einen, der es werden könnte?"

Woraus schließen Sie das?"

,Meil Sie mir so ausrichtig Ihre Meinung sagten"

Sie sah ihn fest an und erwiderte:

//Ja, Herr von Höchstfeld, ich halte Sie dafür, und wissen Sie auch warum?"