Ausgabe 
27.2.1904
 
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einem Gewitter zusammen, das über der Rheinebene stand, fast unter mir; seine Blitze zuckten bis in die Berge hinüber, der Tonner klang mir wie ein Jauchzen des Uebermutes in der Natur Regenschauer wechselten mit Sonnenblicken. Es kam so etwas wie Schöpferfreude über mich denn war nicht diese Großartigkeit und Pracht für mich da? war ich nicht dazu berufen, sie zu sehen? Stille Anbetung und fröhliches Jubeln erfüllten meine Seele und hätte ich Worte gefunden, so wäre mein Gesang ein Psalm gewesen. Man muß freilich jung sein, um dies Wonnegefühl, dies Herrschergefühl so ganz zu verstehen aber ich habe es noch gar stark in der Erinnerung, und so schäme ich auch gar nicht meiner damaligen Hochgeniutheit so allein aus dem Berge, gleichsam mit den Blitzen spielend. Tas Gewitter verzog sich, ein prächtiger Nachmittag begleitete mich ins Tal hinunter an den Bächen, durch die blumigen Wiesen entlang an den Schwarzwaldhänsern vorbei. Ta man sich nun nicht allzulange auf dem Standpunkt einer erhabenen Stimmung festhalten kann, so wurde mir wieder menschlich zu Mute, ich wurde fröhlichen Herzens und so grüßte ich alle mir Begegnenden. Nun muß ich aber ein Bekenntnis ablegen: es kam eine Art von Eitelkeit über mich es war mir, als ob mein Angesicht glänzte, so daß die Menschen es mir gleich ansehen müßten, daß ich etwas Extras sei so einer, der noch Taten zu verrichten hat einVorzugsmensch", wie ich seitdem Künstler sich nennen hörte. Zwei Stunden von Bernau, nm mich zum neuen und letzten Anstieg auf den Berg zu stärken, kehrte ich im Hirschen" ein.

Tie Wirtin, eine behäbige Bauersfrau, brachte mir dasSchöpplein vom Besten", das ick ein wenig groß­tuerisch bestellt hatte nun kamen, wie ich es wohl erwartete, die gebräuchlichen Fragen, im Verlauf derer ich vorhatte, der Wirtin so nach und nach beizubringen, was für eine Art von Menschenkind sie vor sich habe.

Woher die Reis'?" Bon Karlsruhe, sagte ich.So, so, von Karlsrui, des isch wit her! Wo goht jez d' Reis hin?" Ich will jetzt noch nach Bernau hinauf.So, so, sind Sie von Bernau?" Ja, aber wohne jetzt schon längere Zeit in Karlsruhe! Nun sollte die erwartete Frage kommen, was ich sei, aber ruhig sah die Frau mich an und sagte:So, so, Sie sind gewiß en Schnei­der !" Tas sagte sie treuherzig ohne allen ironischen Hintergrund, daß ich allen Mut dazu verlor, noch weiter mit meiner Wichtigkeit imponieren zu wollen, mein Schöpp­lein zahlte und den Berg hinanstieg ich gestehe es, ein wenig geduckt doch mußte ich bald über mich selbst und die ganze Situation herzlich lachen. Ties Geduckt­werden war aber auch ganz gut zwei Stunden vorher, ehe ich in unser armes Schwarzwaldstüble wieder einkehrte. Arm war die Heimat, aber reich durch unerschöpfliche Mutterliebe, die mid) hier wieder umfing die mich gleich umfangen haben würde, ob ich als großer Künstler, als Schneider oder sogar als Vagabund heimgekehrt wäre. Hier Ivar ich unbestritten derVorzugsmensch".

Literarisches.

Maxim Gorkr. lieber den so rasch zur Welt­berühmtheit gelangten russischen Erzähler und Tramatiker ist bereits eine ganze Literatur zusammengeschrieben worden. Aber wenig davon ist geeignet, uns ein wahres Bild von dem Wesen und der Bedeutung dieser merkwürdigen Er­scheinung zu geben, die nur aus tieferer Kenntnis der russi­schen Volksseele, der sozialen und literarischen Verhältnisse Rußlands, der eigentümlichen Beziehungen, die dort zwischen Kunst und Leben herrschen, heraus völlig begriffen und gewürdigt werden kann. In dieser Beziehung wird vieles in dem Aufsatz, den Hans Ostwald über Maxim Gorki int Märzheft vonNord und Süd" (Breslau, Schlesische Ver­lagsanstalt von S. Schottlaender) veröffentlicht hat, wie eine Offenbarung wirken. Ter Verfasser sieht durchaus mit eigenen Augen, und sein wohl begründetes Urteil über den Wert und die Bedeutung der Gorkischen Schöpfungen weicht in vielen Punkten von dem landläufig Gewordenen ab, sodaß sein Aufsatz, dem ein vortreffliches Bild Gorkis, radiert von Johann Lindner, beigegeben ist, in hohem Maße anregend und aufklärend wirkt/Tas Märzheft vonNord und Süd" enthält ferner die folgenden interessanten Aufsätze: Von derheiligen" Zahl Sieben, ihre Geschichte, ihrer

Bedeutung uno ihrem Ursprung" von E. Sabel;Tie Ge- schichte der Einführung der Arbeit in den Unterricht" von Otto Wendlandt;Tie Festung der Neuzeit", eine Studie von Reinhold Günther;Tie interessanten Völkerschaften int Reiche" von Kurd von Strantz;Rußland und Japan einander strategisch gegenüber" von A. Rogalla und Biberstein;Gesetz und Liebe" von H. R. D. An belletristischen Gaben enthält das Heft den Schluß des PhiliPPischenSchausPielsTergrüneZweig"; eine Novelle von Julius Weil:Baronin Torgow" und Neue Gedichte" von Alb. Roffhack. Eine Illustrierte Biblio­graphie schließt das interessante Heft ab.

Friedrich Spielh agen, Romane Neue Folge. Wohlfeile Lieferungsausgabe in 50 Heften zu je 35 Pfg. (Verlag von L. Staackmann in Leipzig.) Tie Lieferungen 31 bis 37 enthalten den Schluß der Novelle H err in" und den RomanStumme des Himmels". Ein echter und rechter Spielhagen, das Ganze Hine n- gestellt in den Strom des modernen Lebens. Der Titel des Romans ist nach einem Worte von Jean Paul gewählt. Dieser nennt so die Menschen, denen kein Gott gab zu sagen, was sie leiden, ja 'die nicht einmal für ihre Freude zur rechten Zeit den rechten Ausdruck finden. Im Mittelpunkt der Erzählung stehen zwei Menschen, die der Zufall zu­sammengeführt, die sich als füreinander geschaffen erkannt haben, und die sich doch vor dem Gesetz der Welt einander nicht angehören dürfen. Naturbilder von der Nordsee bilden einen nicht geringen Reiz des ersten Buches, die zweite Hälfte spielt in Pommern, der Heimat des Dichters.

Gemeinnützige».

Unvergohrener Trauben saft wurde als Abendmahls wein unlängst zum ersten Male in der St. Johanniskirche zu Flensburg bei der Abendmahls­feier gereicht. In Flensburg ist eine kräftig sich ausbrei­tende Guttemplerbewegung. Wenn auch der Guttempler­orden gegen den Gebrauch des alkoholischen Weines beim Abendmahl keinerlei Vorschriften macht, so beweist die er­wähnte Tatsache doch, daß man in den Reihen der Geist­lichen bei der erfreulich wachsenden Kampfbewegung gegen den Alkohol bereits Bedenken trägt, durch die Tarreichung gegohrenen Weines irgend einen Abendmahlsgast einem Gewissenszwange auszusetzen. Von Vertretern der Wissen­schaft ist übrigens hervorgehoben worden, daß unter Um­ständen alkoholischer Wendmahlswein einem Alkoholkranken, der seine Gesundung lediglich seiner Enthaltsamkeit ver­dankt, sehr gefährlich werden kann.

Tas Korsettragen inRöntgen-Beleucht- ung. In der Wiener Gesellschaft für innere Medizin zeigte Tr. O. Kraus an einer Reihe systematischer Aufnah­men mittels Röntgen- und gewöhnlicher Photographie die Körperentstellungen, die sich Frauen und Mädchen zuziehen, wenn sie sich in Mieder einschnüren, um die erwünschte Wespentaille zu erlangen. Tie Röntgenstrahlen zeigen eine verminderte Lungenh: lligkeit, entstanden durch Zusammen- pressung, das Herz wird nach oben gedrängt mit Ver­drehung nach außen, Magen und Darm nach abwärts, der Brustraum wird verkleinert, der Bauchraum vergrößert. Es leidet die Atmung, der Blutkreislauf in den Lungen und in der Haut. Es wird die Entstehung eines Hängebauchs durch das Korsett gefördert und nicht etwa beseitigt. Oft trägt nur das Korsett an ge­wissen hartnäckigen Magenkatarrhen oder an so­genannten nervösen Herzbeschwerden der Frauen die Schuld. Verlangt dre Mode, daß die Frauen sich, hochbusig brüsten, so sollten sie nach Tr. Kraus Tragbänder für die Brust anlegen, wie die antiken Frauen, aber keinesfalls Korsetts, die unbedingt verwerflich sind, eine der schädlichsten Erfindungen des Modeteufels.

Distichon.

Diplomaten, Gelehrte und Konlponisten, sie schätzen's. Werden die Zeichen verstellt, schätzet den Inhalt man nuv- »uflofung in nächster Nummer.

Atiflösung des Dreiccksräisels in vor. Nr.r

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E I GOA EGON NARWA

Redaktion: Stuaufi Götz. Rotationsdruck und Verlag der Vrnhl'sckcu llniverkitüts-kuch- nnd Steindruck crci. R. fanae, Eießen.