Ausgabe 
27.2.1904
 
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sie auch jetzt nicht an seiner Seite sehen; und dann dann sah er von der Welt überhaupt nichts mehr.

Ich nahm ihn mit mir ins Hotel und wachte und blieb Lei ihm, bis der Morgen graute. wollte zurück in die Villa Falconieri. Und das war ja auch das Beste für ihn.

Maria war schon in der Nacht hinausgefahren. Nach Hause kommend, würde er sie zu Hause finden, als wäre sie niemals fort gewesen.

Wie ich Ihnen bereits mitteilte, depeschterte sie mir heute früh:Cola ganz ruhig."

Also sah er sie auch jetzt noch nicht ...

Sehen Sie, mein Herr Autor, so spielen sich im Leben die Tragödien ab ! Und dann »ouudert sich ein verehrliches Publikum, wenn die Mitwirkenden allmählich müde werden.

Es grüßt Sie und Ihre Frau

Ihre todmüde Assunta Neri.

P. S. Ich würde gern IhreAlexandra" spielen. Aber das Stück ist veraltet.

(Fortsetzung folgt.)

Wlandereien aus der Kaiserstadt.

(Nachdruck verboten.)

Der Bürgermeister-Krieg. Vorort - Skandälchen. Konsul der Ueberafse, und sein Tod.

Aus Kindern werden Seilte", das ist eine alte Weis­heit, die alltäglich und abgegriffen erscheint, und doch alle Augenblicke von jemandem vergessen wird, dem es natür­lich nachher recht leid tut. Nachher: d. h. wenn es zu spät ist! Berolina, die stolze Maid, hat einst nichts davon wissen wollen, daß die kleinen halb bäuerlichen Vororte als ihre Geschwister gelten und mit ihr von einem Tisch essen sollten. Sie sträubte sich mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln gegen den einstmals auftauchenden Plan einesGroß-Berlin"; sie wollte keine Einverleibungen, weil sie fürchtete, für dieKleinen" aus dem eigenen geliebten Säckel Aufwendungen machen zu müssen; und so kam es, daß die schnell wachsenden jungen Geschwister ihr näher und näher auf den Leib rückten, und man heute längst aus Berlin heraus ist, wenn man in die neuen vornehmen Stadtviertel kommt, in denen die Millionäre wohnen und die, die dafür gelten möchten. Berlin W., das von Suder­mann gezeichnete Sodom mit seinem Luxus und seinem Raffinement, ist garnicht Berliner, sondern Charlotten­burger, Schöneberger und Milmersdorfer Gebiet. Schon in der Bülowstraße sind Häuser, die zur Stadt Schöneberg zählen. Ta aber aus diesem Gebiet die besten Steuer­beträge zu holen sind, die nun in die Kassen jener Vor­orte fließen, so herrscht über den einstmals begangenen Fehler ein nur leise schlummernder Groll im roten Hause an der Spree, der jedesmal munter wird, wenn die Nacht­barstädte sich ein bischen laut ihrer nun sehr bekömm­lichen Unabhängigkeit freuen; und wenn im Stadtparla­ment von Schöneberg ein Wort fällt, das neuerdings auf­tauchenden AnnexionZbelüsten mehr oder weniger energisch abwinkt, so gibt's im Berliner Rathause prompt ein Echo. Selbst die beiden Stadtväter haben aus diese Weise jüngst die Klingen gekreuzt. Oberbürgermeister Kirschner, der viel Mühe und Arbeit gehabt hat, den Kommunal- steuer-Zuschlag für das neue Etatsjahr nicht über die 100 Prozent hinauswachsen zu lassen, um jeder Einmischung der Regierung entbehren zu können, replizierte etwas von oben herab. Wer es klang doch so viel Gereiztheit durch, daßSchönebergs erlauchter Herr", wie der Oberbürger­meister der Nachbarkommune von einem der Sekundanten Kirschners genannt wurde, die Lacher auf seiner Seite hatte. Jedenfalls erfreuen sich Schöneberg wie Charlotten- burg einer sehr umsichtigen, zielbewußten und erfolgreichen Leitung, die mit allen Kräften danach strebt, mit Berlin gleichen Schritt zu halten! Nicht überall liegen die Ver­hältnisse so glücklich. Manche der Berliner Vororte lassen in ihren Wohlfahrtseinrichtungen noch viel zu wünschen übrig. Tie Geschichte von Pankow, das ein hübsch rundes Sümmchen ju. viel in die Kreiskasse gezahlt hatte, ohne daß jemand dahinter gekommen war, ist von der Sozial­demokratie ja gehörig ausgebeutet worden. Auch Wil­mersdorf hatte fein Skandälchen wegen eines von der Gemeinde-Vertretung beabsichtigten Terrain-Ankaufs. Man sollte dort, wie Eingeweihte wissen wollten, beabsichtigt

haben, ein zum Teil sumpfiges Gebiet, das für eine große Parkanlage erworben werden muß, zu dem Preise von 400 000 Mark anzukaufen, während es dem jetzigen Be­sitzer vor wenigen Jahren nicht einmal die Hälfte ge­kostet haben sollte. Ter Abschluß ist rückgängig gemacht worden, und zwar vom Eigentümer, der nachweist, daß der verlangte Preis durchaus angemessen sei, und nun sogar mehr fordert. Ter beleidigte Gemeindevorstand er­klärt die Affäre für ein böswilliges Wahlmanöver der Liberalen, die das wiederum nicht auf sich sitzen lassen wollen, und so wogt dieser Kampf um den künftigen Park, der heute noch gefährliches Sumpfland ist, und manch Menschenopfer fordert, noch unentschieden hin und her. Vielleicht wird die Expropriation, die hoffentlich recht bald eintritt, Klarheit und Frieden schaffen. Tie Millionen­bauern Schönebergs, das au diesem Park gleichfalls be­teiligt ist, haben sich endlich, endlich entschlossen, das Angebot des Magistrats für dieses vor zehn Jahren fast wertlose Terrain zu akzeptieren, nachdem ihnen auch mit Expropriation gedroht worden war. In Amerika mit beut Überall mobilen Gemeinsinn würden sich Millionäre dieser Güte ein Vergnügen daraus gemacht haben, diesen Grund und Boden resp. Boden ohne Grund, zu schenken. So etwas kommt leider bei uns noch immer nicht vor!...

Ein Besitz, der auch nach Hunderttausenden zu be­ziffern war, ist in Berlin vor einigen Tagen verloren gegangen. Wer es war weder Bau- noch Ackerland, um das es sich handelte, sondern ein mobiles, in guten Tagen sogar sehr mobiles Eigentum. Kurz gesagt: Konsul, der Ueberafse, der der jeunesse doröe aller zivilisierten Länder die gefährlichste Konkurrenz machte, ist dem rauhen nor­dischen Klima erlegen, obgleich sein Leibarzt (!) Tr. Scott gehofft hatte, ihn wenigstens noch ein Jahr erhalten zu können. Konsul war ein Schimpanse und ein gentleman zugleich Kurzsichtige Leute konnten ihn ganz gut für das blasierte Söhnchen eines Kommerzienrats halten, denn er ging in tadelloser Toilette, und trank fabelhaft manierlich und rauchte Zigaretten wie ein Cafshausgenie. Schon bei der Wohltätigkeitsvorstellung im Zirkus Schu­mann, die auch unser Kronprinz durch seinen Besuch, auszeichnete, trat er nicht mehr auf. Sein Lungenleiden machte schlimme Fortschritte; keine ärztliche Kunst konnte dem Krästeversall dieses interessanten Kerlchens, das über sein Asfentum hinausgewachsen schien, Einhalt gebieten. Gr hatte seine letzte Zigarette geraucht, ein Genuß, der ihm im heimischen Urwald wohl nie zuteil geworden wäre, aber auch seinem Leben nicht das frühe Ziel ge­setzt hätte. Er war Eigentum des Millionärs und Tierlieb­habers Mr. Bostock, der ihn mit 140 000 Mark versichert hatte. Tie Honorare, die er ihm einbrachte, lassen den toten Konsul"aber noch als viel wertvoller gewesen er» Meinen. Sein einbalsamierter Leichnam geht nach Paris. Erst dort wird der armeKonsul" endlich, Ruhe finden!

^el'enserinnerungen von Kans T'oma.

IM Märzheft derSüddeutschen Monats­hefte" setzt Hans Thoma seine Lebenserinnerilngen fort. Aus der beschaulichen, abgeklärten Stimmung des zu Jahren und ' allgemeiner Anerkennung gekommenen Meisters heraus schildert er die Zeit, da er als Schüler Schirmer's die Karlsruher Akademie besuchte und die Sommerferien bei den Seinigeii im Heimatsdorfe Bernau verbrachte, und erweist sich! auch in der Art des Erzählers als köstlich Poesie- und humorvoller Künstler. Hier eine Probe:Sechs Jahre hinter einander widerholte sich der Wechsel zwischen Karlsruhe und Bernau; ich will ihn nicht sechsmal schildern, aber von einem der schönen Sommertage, an denen ich der Heimat zueilte, will ich doch erzählen. Es war Anfangs Juni, in Freiburg hatte ich übernachtet und machte mich am Morgen auf zu dem achtstündigen Wege nach Bernau. Tas ganze Sommergluck ruhte auf meiner Seele, als ich rüstig durch Wälder hinan in die Berge hinaufschritt. So ganz im jugendlichen Voll­gefühle, der Mittelpunkt der Welt denn Alles gehörte ja mein, was ich sah, für mich war die Welt da. Ich fühlte mich als das, was man feit Nietzsche heutzutage eineHerrennatur" nennt. Am Mittage, als ich die höchste Höhe meiner Wanderung erstieg, dieHalde", ballten sich die den Vormittag verklärenden weihen Wolken zu