Ausgabe 
27.2.1904
 
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Es ist uns ganz gleich, ob wir daran zu Grunde gehen. Es ist für nns viel besser, wir gehen daran zu Grunde!

In Rom glaubte man allgeniein, ich interessierte mich für die Prinzessin nur darum, weil ich sie studieren wollte. Nun studiere ich jedoch niemals andere Frauen. Mein Geschlecht ist in mir enthalten wie im Marmor die Statue.

Es kommt nur darauf an, die Gestalt aus meinem eigenen Selbst hervorzuholen.

Ich hätte nttch also niemals um die Prinzessin ge­kümmert, wenn- sie nicht Eigenschaften besessen, die ich aus einem bestimmten Grunde anziehend gefunden für mich anziehend . . . Herr! Wo finden Sie unter uns modernen Frauen noch Naturen, die eben durch ihre Natur nichts anderes sein wollen und sein können als Frau? Die einen wollen Künstlerinnen sein, Schriftstellerinnen, Mathe­matikerinnen, Aerztinnen, Kameradinnen und Kolleginnen des Mannes; die anderen Weltdamen und Modedamen; oder Hausfrauen und Haushälterinnen; oder Kindererzieher­innen; oder Hetären jeden Standes und Ranges.

Aber das Weib als Weib an sich

Gewiß sind wir entartet !

Viele von uns sind verderbt schon vom Mutterleib an. Ganze Generationen von Frauen sind entnervt, erschöpft und dem Untergange geweiht. Zu Tausenden gehen wir zu Grunde! Entweder in Brutalität oder in Stumpfheit; in Raffinements und Ueberkultur; oder in falscher Entsagung dessen, was unsere Natur ist, also in Unnatur..

Seien Sie ruhig! Der Mann trägt nicht immer die Schuld daran. Sehr häufig nur wir selbst. Und so können wir denn auch nur selber uns retten!

Wodurch?

Durch unser Weibsein.

Ich besuchte die Prinzessin in der Villa Taverna und sand sie reizend. Eine Frauenseele vom echtesten Stoff, daraus der Schöpfer uns schaffen kann: Gutes und Böses chaotisch durcheinander gemischt. Aber das Beste in ihr verkümmernd, verkommend.

Es war schade um sie.

Bisweilen wollte es mir scheinen, daß sie vielleicht doch fähig sei, noch einmal ein großes Schicksal zu haben. Aber ihr Chamäleonswesen verführte mich immer wieder zu Zweifeln.

Sic war eine Nora-Natur der großen Welt.

Auch diese Nora würde eines Tages die Tür hinter sich zuschlagen und ausgehen, um das große geheimnis­volleWunderbare" zu suchen: nicht im Manne, sondern in sich selbst. Wer auch sie würde das Wunderbare nicht finden. Dann würde sie den weiten Weg mit müden Füßen zurückschreiten, würde, zu Tode erschöpft, vor der geschlosse­nen Tür stehen bleiben und um Einlaß bitten. Sie würde wieder hingehen, von wannen sie gekommen war, um zu werden, was vor ihr Millionen Frauen geworden sind, nach ihr Millionen sein werden: das gewöhnliche Hordenweib der Gesellschaft.

Ich war dabei, als sie Ihrem Freunde zum erstenmal begegnete. Ich sah die Tragödie entstehen, konnte jedoch nicht mitspielen nur zuschauen. Längst hatte ich mir von Cola Campana mein eigenes Bild gemacht. Es zeigte schwankende Umrisse und ein nervöses kränkelndes blasses Kolorit. Ich fand die Gestalt nicht gerade anziehend: eine hhpersensitive Künstlernatur, die sich aus unbefriedigtem Ehrgeiz, aus tödlich verletzter Eitelkeit in Einsamkeit und sich selber zurückzieht, um sich jedem rauhen Luftzuge einer unerbittlich realen Wirklichkeit in einer Treibhausatmo­sphäre zu entziehen.

Mein Bild war nicht falsch gewesen; doch fand ich das Original liebenswürdiger. Vor allem besaß es nicht einen Zug von Größenwahn; auch nicht uno das wollte mehr sagen! einen Zug von Verbitterung. Ich fand einen leisen, ganz innerlichen Menschen, einen in leuchtenden Illusionen schwebenden sehnsüchtigen Geist, eine verträumte glühende Dichterseele, die überhaupt noch nicht gelebt hatte.

Aber er war krank, krank!

Krank an seiner Zeit, krank an seinem eigenen Selbst, krank an einem geheimnisvollen dunklen, toten Lebensnerv in seiner ganzen geistigen Entwicklung.

Und neben diesem sonderbaren Schwärmer eine wunder­volle Frauengestalt:

Marie'

Sie war beständig an seiner Seite: still liebend, still leidend, still sich opfernd. Aber er gewahrte sie gar nicht- Er war blind für den Himmelsglanz dieser Frauenseele.

Und ich dachte:Wenn Du sehen müßtest, wenn Deine Augen mit Gewalt geöffnet würden Du würdest in der grellen Helle der Erkenntnis bis an den Rand eines Ab­grundes taumeln jedoch nur bis an den Rand! und würdest gerettet sein . . ." Und Ihr Freund verdiente ge­rettet zu werden.

Auch das war mir klar: Ihr Freund würde Maria nur dann in ihrer vollen Schönheit erblicken können, wenn er zuvor neben ihr ein anderes Weib gesehen und erkannt hatte:

Viviane die irdische Liebe!

So begann ich denn zu hoffen: nicht mehr für die Prinzessin; wohl aber für Ihren Freund und für Maria.

Ich reiste ab.

Und ich kam wieder.

Es war gekommen, wie es hatte kommen müssen; nur daß Ihr Freund immer noch blind war. Mit seinen ge­schlossenen Augen schaute er noch immer die Vision der einen und einzigen Frau.

Nora-Viviane hatte die Tür hinter sich zugeschlagen. Um dasWunderbare" zu suchen, war sie den Weg ge­wandert war bereits wieder umgekehrt, stand bereits wieder vorder Pforte, die zu ihrem alten Leben zurückführte. Schritt sie hindurch so würde sie alle Hoffnung hinter sich lassen.

Und sie klopfte bereits an.

Nein diese Seele war nicht mehr zu retten gewesen!

Es war auch weiter nicht schade um sie.

Sie ist eben nur eine von den Tausenden und Aber­tausenden, die in Häßlichkeit leben müssen, weil sie nicht in Schönheit zu sterben vermögen.

Aber nun Ihr Freund!

Er merkte nichts, er war glücklich. Er merkte gar

nichts.

Mir wurde angst.

Rings um ihn war tiefer eisiger Wenter; doch er glaubte, es sei Lenz geworden, und dichtete seinenFrühling". Er gab mir das Stück. Ich las es und fühlte mich er- 8 Es war darin ein Keimen und Knospen, ein Blühen und Werden ohne Ende. Es war wirklicher Frühling: duft- ersüllt, sonnendurchleuchtet, frisch und jung wie die Welt am ersten Schöpfungstage.

Ich hielt Ihren Freund für gerettet und zwar durch sich selbst! ' ,

Tie Prinzessin verließ ihn, und er wurde auch durch diese Erkenntnis nicht sehend gemacht... Meine Angst überkam mich von neuem. Doch hatte er ja sein Werk!

Mir glaubten alle daran, vom Direktor angefangen bis zum Kulissenschieber. Nur der Dichter glaubte an nichts als an die Frau, die ihn schmählich verlassen hatte.

Ich schrieb an Maria und sie kam sofort. Bei der Premiere war sie im Hause und befand sich ganz in seiner Nähe. Er dachte jedoch, an nichts, als daß die andere nicht bei ihm war. _ ,.

Und jetzt sprach er in seinem Werk zum römischen Publikum... .

Aber niemand hörte auf ihn, niemand wollte auf ihn hören. , .

Und siehe, es war die Stimme eines Predigers ttt der Wüste!"

Ich kämpfte für ihn bis zur Erschöpfung aller meiner Kräfte und ich kämpfte vergebens. Nicht eine Hand rührte sich. Unter Todesschweigen wurde der Fruhüng und mit ihm der Dichter des Frühlings begraben.

>Er war ganz ruhig. In der Loge des Direktors sah ich sein bleiches, ganz ruhiges Gesicht. Ich, dre ich sonst nicht weiß, daß es eine Bühne und ein Publikum gibt, konnte meinen Blick von seinem ruhigen bleichen Gesicht

kaum abziehen., ,

Ich hätte vortreten und in das Publikum hinernrufen mögen: , ,

Um Gottes willen, seht doch! Seht doch nur fem

Gesicht!"

Der Direktor führte ihn in meine Garderobe. Ganz ruhig sprach er mit mir über denMißerfolg!" Ich wagte nicht, Maria zu ihm zu lassen. Ich zitterte davor, er mochte