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einer Weise zu berühren. Ueber das Gesicht der ersteren flog ein eigentümlicher Ausdruck von Unbehagen und über das des letzteren ein leises Zucken. Mainwaring faßte sich indessen schnell; er erwiderte ruhig:
„Ich erinnere mich eines Advokaten dieses Namens, den ich vor Jahren einige Male in London sah, einer Bekanntschaft mit ihm kann ich mich aber nicht rühmen."
„Würde Dir auch nicht gerade zur Ehre gereichen", bc- merkte Ralph. „Hobson ist gar kein Advokat, sondern ein ganz gemeiner Winkelkonsulent und nebenbei ein Schurke."
„Na, wenigstens hat er einen sehr schlechten Ruf", stimmte Thornton ein; „ich würde auf den Kerl gar nicht gekommen sein, wenn ich ihn nicht vor einer halben Stunde hier getroffen hätte."
Hugh entfärbte sich sichtlich, sagte aber ohne merkbare Erregung: „Ihn hier im Hause getroffen? Unmöglich!" Dabei sah er den aufwartenden Diener fragend an, doch dessen Gesicht gab ihm keine Antwort. „Ich bezweifle, daß der Mensch England verlassen haben sollte."
„Und doch hat er es getan", entgegnete Ralph. „Vor etwa zwei Jahren erfuhr ich zufällig, daß ihm in London der Boden unter den Füßen zu heiß geworden und daß er eiligst nach Amerika abgedampft wäre. Er bedurfte wohl mehr freien Feldes für seine unsauberen Geschäfte."
Diese Mitteilung verstärkte den Ausdruck der Mißstimmung auf Hughs Gesicht, und Thornton, dem' das nicht entging und der fühlte, daß er mit der Erwähnung Hobsons einen wunden Punkt berührt hatte, lenkte gutmütig eiu:
„Nun, ich kann mich ja auch geirrt haben, die Aehnlich- keit war aber allerdings auffallend."
Nach diesem Versuch, das Gesprächsthema abzubrechen, trat eine leichte Verlegenheitspause ein, die der junge Sekretär unterbrach, indem er, Geschäfte vorschützeud, nach der Bibliothek zurückkehrte. Dorthin folgten ihm bald alle Herren mit Ausnahme des jungen Hugh. Auf dem Korridor blieb der Hausherr euren Augenblick bei einem dort beschäftigten Diener stehen und sprach leise mit ihm. Der feinhörige Sachwalter vernahm aber die Antwort: „Nein, gnädiger Herr, bei Frau La Grange."
(Fortsetzung solgt.)
Mmrdereien aus der Fraiferstadt.
(Nachdruck verboten.)
Hans v. Hopfens Heimgang. — Schnitzler und die Schauspieler. — „Die Siebzehnjährigen" von M. Dreher u. „Maskerade" von L. Fnlda.
Während Viktor Blüthgen, den die Aerzte wegen einer komplizierten Darmerkrankung schon aufgegeben hatten, sich langsam erholt, und seinen alten Humor längst wieder gewonnen hat, ist der Tod an einen unserer Kräftigsten aus der alten Garde herangetreten und hat ihn mitgehn heißen in das große Rätselreich, aus dem kein Wanderer wiederkehrt. Man sah dem feinsinnigen Münchner, den nur noch sechs Wochen von seinem 70. Geburtstage trennten, seine 69 Jahre nicht an. Als ich 1902 bei der letzten Neueinstudierung seines köstlichen poesievollen „Hexensang" am „Schillertheater" seine persönliche Bekanntschaft machte, erschien er mir wie ein rüstiger Fünfziger, so prächtig war seine Haltung, so lebendig seine Bewegungen, so frisch sein Antlitz über dem stattlichen grauen Vollbart, der mir immer die Vorstellung erzeugt hatte, daß sein Träger ein Hüne sein müsse. Hopfen war nichts weniger als das. Seine untersetzte Figur hat viele überrascht, die ihn nur von irgend einem' Brnstbilde her kannten rind ihn dann in der Wirklichkeit sahen. Aber Ivas nicht an ihm enttäuschte, war der anmntende liebenswürdige Ton, die durch den Norden verfeinerte süddeutsche Behaglichkeit, die uns aus seinen Schriften so anspricht. .Man fühlte sich wohl in seiner Nähe und wurde warm in seiner Gesellschaft. Ueber seine Herkunft wurde hier und dort gefabelt. Er sollte nicht umsonst auffallende Aehnlichkeit mit einem der Höchstgestellten seines enger» Vaterlandes haben. Aber das ist nichts als ein literarischer Kaffeehausklatsch, der am schlagendsten dadurch widerlegt wird, daß zwischen den beiden Menschen nur ein Altersunterschied von noch. nicht einmal 14 Jahren vorhanden war. Von seinen! Schriften, für die ihn: der König von Bayern seinerzeit mit dem Maximiliansorden den persönlichen Adel verliehen hat, werden ihn die beliebtesten seiner Erzählungen, vor allem wohl seine bayerischen Dorfgeschichten, noch lange im Gedächtnisse der Nacht- wclt lebendig erhalten. _ Auch sein „Verdorben zu Pairs", in den: die wundervolle Definition des Begriffes „chik" zu finden ist, wird ihn eine ganze Weile überdauern. Bon feinen Kindern' gehört der Sohn dem Heere an. Seine Tochter war an den Bildhauer Gehger verheiratet, der vor ein paar Jahren jenen häßlichen Vermächtnisstreit mit Klinger hatte, und sich dabei nicht gerade glänzend aus der Affäre zog. Tie Ehe ist int vorigen
Jahre getrennt worden. Hopfens Heim stand in Lichterfelde nickst allzuweit von jenem Häuschen, in dem der geistige Vater Leberecht Hühnchens, Heinrich Seidel, seine poetischen Fäden spinnt. Seine letzte Stätte liegt auf dem Marienfriedhof in Südende, dem. Lichterfelde benachbarten Billenvorort, dessen Ziegeldächer in der Sonne amfleuchten und zu mir herüberstrahlten, wenn ich den Blick von meinem Fenster aus über die letzten Straßenzüge Schönebergs hinauswandcrn lasse in das noch unbebaute Großberliner Vorland. Möge dem allzeit treu deutsch gesinnten Münchner die märkische Erde leicht sein!
In seinen psychologischen Vertiefungen mag Schnitzler, der Wiener Poet, Hans v. Hopfen wohl übertreffen, aber des seinen Blicks für das, was wirklich poetifca ist, oder es verdient poetisch verklärt zu werden, den der Münchner Dichter hatte, kann er sich leider nicht rühmen. Schnitzler liebt gewagte Sujets. Er hat daher auch alle Augenblicke Zcnfur-Schwierigkeiten, die sich schon verschiedentlich nicht haben heben lassen. Augenblicklich kämpft die Direktion des „Kleinen Theaters" um das Aufführungsrecht eines von ihm verfaßten Wiener Sittenstückes „Haus Deforme", das die widerlichen Verhältnisse einer Schauspielcr- innen-Familie schildert. Und daß es wirklich recht arg um verschiedene Einzelheiten darin bestellt sein mutz, ergibt sich daraus, daß diesmal die für das Stück gewählten darstellerischen Kräfte dieses Zensurverbot mit ungeteilter Freude begrüßen. Sie haben nicht Neigung, ihren schon ohnehin nicht überall wohlwollend beurteilten Stand durch die Verkörperung der von Schnitzler gezeichneten räudigen Schafe weiter herabzusetzen. Dieser Standpunkt ist natürlich ziemlich kleinlich und töricht. Tie Vertreter eines Berufes, der sich aus bunteren Elementen zusammensetzt, als die weiland Wnllcnstein'schen Truppen vor Eger, beginnen eine- Danaiden-Arbeit, wenn sie glauben, ein mehr oder weniger vorhandenes Uebel •— denn der Dichter hat nach Modellen gezeichnet — von diesem verkehrten Ende aus beseitigen zu können. Man darf gespannt sein, wie sich die Geschichte entwickelt, wenn es gelingen sollte, durch Milderungen das Stück frei zu bekommen. Wen» sich die offenbare Mißstimmung der Mimen zu einem regelrechten Streik verdichten sollte, würden wir einen Fall erleben, der einmal etwas Neues wäre. Erfahrungsgemäß aber find nufere Bretterhelden wohl an große Worte gewöhnt, aber die Schwerter, mit denen sie ihre Schlachten schlagen, find meist aus Holz oder Blech, und ihre Schilde find aus Pappe. Uebrigens leiden wir auch ohne Schnitzler nicht Not an neuen Dramen. Im „Lessingtheater" erlebten unlängst Max T-reyer's „Die Siebzehnjährigen" — ihre Uraufführung. Es ist kein allzu neues Thema, das der Verfasser vom lustigen „Tal des Lebens" sich da gewählt hat. Es handelt sich um Vater und Sohn, die die gleiche Leidenschaft zu einer jungen, etwas schillernd angelegten Dame packt. Tie Geschichte endet tragisch, ist aber nur durch allerlei Bedingungen willkürlicher Art, die sich an die verschiedenen Personen des Stückes knüpfen, ermöglicht, sodaß man von einer wirklichen Bereicherung unseres Repertoirs durch die „Siebzehnjährigen" kaum reden kann. Etwas, aber nicht viel besser steht es um Ludwig Fulda's neues Schauspiel „Maskerade", das schon im Wiener Burgtheater und wohl auch in der Heimat des Dichters, Frankfurt a. M. seine Feuerprobe bestanden hat. Ter Erfolg war, trotzdem sich Lindau's Deutsche Theater-Kräfte mit den Brahm'- scheu am Lesfingtheater nicht vergleichen lassen, warm und unbestritten. Jndefsen steht die Fabel des Stückes auf einem so tiefen Niveau, wie es Ludwig Fulda bis dahin nicht erreicht hatte. Dafür kann die Sicherheit der Szenenführung und die funkelnde Eleganz des Dialogs wohl entschädigen, aber den Ge- samtejndruck doch nicht zu ungemischter Freude gedeihen lassen. In dieser „Maskerade" spukt eine kleine Lehrerin mit einem guten und großen Herzen, die plötzlich zu einer Baronesse wird, und dem treulosen Geliebten nun als dessen standesgemäße, für ihn in Aussicht genommene Braut entgegentritt, ohne daß dieser auch nur den Schatten einer solchen Möglichkeit wittert. Ludwig Fulda ist da tief in die Marliteratur hineingeraten nnd man könnte fast meinen, er. wäre absichtlich den entgegengesetzten Weg gegangen, den Schnitzler in seinem „Haus Telorme" gewählt hat. Hoffentlich finden sie sich beide wieder ans gesünderem Boden zurück. A. R.
Vermischtes.
Dicke Kinder. Es ist eine irrige und doch weit verbreitete Ansicht, daß die dicksten und rundesten Kinder auch immer die gesündesten seien. Besonders die jungen Mütter sind — das zeigt die tägliche Erfahrung immer wieder — nicht wenig stolz auf ihre jungen Sprößlinge, wenn sie, wie ein amerikanisches Fachblatt bezeichnend jagt, eine „Masse von Wülsten und Fettpolstern, unterbrochen durch Grübchen und Falten, darstellen", welche die natürlichen, anatomischen Formen des Körpers vollkommen znm Verschwinden bringen. Kann denn, so muß man fragen, ein Kind für gesund gelten, welches eine Körperüeschaffenheit zeigt, die beim erwachsenen Menschen zweifellos einen unerwünschten!, wenn nicht geradezu krankhaften Zustand bedeutet? Verständige Aerzte sind längst dahin gelangt, auch 'den jungen Müttern die Augen darüber zu öffnen, daß sie gar ferne Veranlassung haben, sich über einen mehr als gewöhnlichen Fettansatz an rhren Babys zu freuen. Es ist eine bekannte Tatsache, daß fette Kinder,


