P 706 —
„ein so entschiedenes Urteil habe ich mir noch nicht gebildet, so weit möchte ich nicht gehen, aber ich halte sie für ein gefährliches Weib."
„Ach, liebe Fran Hogarth!" rief Edith, „wie unbarmherzig Sie immer dem, was mir gefällt, beit Reiz rauben; bis zu diesem Augenblick war ich von Frau La Grange ganz entzückt."
„Ich nicht", warf Lizzy sogleich ein, „mir kam sie vom ersten Augenblick an wie der böse Geist des Schlosses, wie die Schlange im Paradiese vor!"
„Und ich", bemerkte Fräulein Isabella achselzuckend, „begreife nicht, wie ihr über diese Frau so lange reden könnte. Mag sie doch sein, was sie will, das kümmert dies uns. Hoffentlich wird sie ja nicht als Inventar des Hauses ans Hugh mit vererbt, sonst könnte mir der arme Junge leid tun. Welleicht ist sie bis dahin schon zur ewigen Ruhe eingegangen. Also Friede ihrer Asche!"
Tie letzten Worte kamen so komisch heraus, daß die Tanten in helles Lachen ansbrachen.
In diesem Augenblick schritten zwei junge Männer auf das Hans zu. Ter ältere, eilte wohlproportionierte Gestalt von mittlerer Größe mit offenem, ehrlichem Gesicht und treuherzigen Augen, war Hugh, der Bräutigam Fräulein Thorntons, der jüngere, ein schlank gewachsener, bildhübscher Junge mit weichen Zügen, war Walter La Grange, ein Tertianer, der die Ferien bei seiner Mutter verlebte. Beide kehrten vom Angeln zurück.
Als Hugh das heitere Gelächter auf dem Balkon hörte, rief er belustigt: „He, ihr da oben! Wen lacht ihr denn wieder ans?"
Sofort erschien das Köpfchen Fräulein Ediths über dem Geländer. „Tich, Du Herumtreiber. Du bist ja schrecklich lange fortgeblieben. Hast Tu wenigstens etwas mitgebracht ?"
„Jawohl, einen Wolfshunger!" tönte es zurück. „Bin gleich bei Dir, Schätzchen. Will nur schnell den Bratenrock anlegen."
„Mein Gott, ist es denn schon so spät?" murmelte Frau Mainwaring, auf ihre Uhr sehend. „Richtig! Kinder, es ist die höchste Zeit, uns zu Tische anzukleiden. Die Herren können jeden Augenblick ans der Stadt zurückkommen."
Damit erhoben sich alle und gingen auf ihre Zimmer.
Das Testameit t Hugh M a in w arings.
Am folgenden Morgen, gleich nach dem Frühstück, zog sich Hngh Mainwaring, gefolgt von seinem Sekretär und Herrn Whitney, in das Bibliothekzimmer zurück, um das Testament aufzusetzen; die junge Welt bestieg die vorgeführten Reitpferde und galoppierte so ausgelassen die Eichenallee entlang, daß ihr fröhliches Lachen bald im Park verhallte. Tie älteren Herren und Damen trennten sich allmählich; Frau Mainwaring begab sich auf ihr Zimmer, um ihr gewohntes Pormittagsfchläfchen zu halten; Frau Hogarth vertiefte sich in ein Werk ihres Lieblingsschriftstellers, und Ralph Mainwaring machte in Gesellschaft von William Thornton einen Spaziergang durch die Parkanlagen. Beide rauchten und ließen ihre Blicke bewundernd über Haus und Umgebung schweifen.
„Wirklich ein herrliches Besitztum", bemerkte endlich Ralph. „Wenn man das alles sieht und dazu das Bankgeschäft mit all seinen schönen Gewinnen in Rechnung zieht, muß man wahrhaftig sagen, der Junge kann zm- srieden sein."
„Scheint mir auch so", stimmte Thornton lachend bei. „Tein Hngh ist in der Tat ein Glückspilz. Uebrigens, sag' mal. Tu weißt wohl ziemlich genau über die Finanzen des Wetters Bescheid? Hat er Dir eine kleine Andeutung gegeben, was er eigentlich wert ist?"
„Ter? Ta kennst Du ihn schlecht; nicht mit einem Worte. Ich habe aber ein Menge Geschäftsfreunde aus dieser Seite des Wassers, und brt' kannst Tu Dir denken, daß ich Sorge trug, stets gut unterrichtet zu sein über alles, was hier vorging. Ich habe den guten Wetter die ganze Zeit nicht aus dem Auge gelassen."
„Glaube ich Dir aufs Wort", lachte Thornton amüsiert, „ist mir doch noch nie ein Mainwaring begegnet, der es nicht verstanden hätte, sich sein Nest auszufiitterU. Ich wie Tu s agst, ein schöner Besitz, aber weißt Tu, ent bißchen sonderbar will es mir doch scheinen, daß der alte
Junge, der Hugh, es jetzt aus einmal so eilig hat, zu testieren."
„Ich habe mich auch daüber gewundert, er wird aber wohl seine guten Gründe dazu haben."
„Das sollte man annehmen", pflichtete Thornton bei, „denn sonst würde mir offen gestanden die ganze Geschichte etwas närrisch Vorkommen, da er, soviel uns bekannt ist, keinen Leibeserben hat und das gesamte Wermögen so wie so Deiner Familie zufallen müßte."
Ralph rauchte eine Weile, wie in Nachdenken versunkech vor sich hin und strich dann langsam die Asche ab, indem er mit einer gewissen Betonung sagte:
„Ich vermute, Hugh und fein Sachwalter fürchten! irgend welche uns unbekannte Personen, die möglicher- Ivcife Ansprüche erheben könnten."
„Genau auch mein Gedanke", fiel Thornton lebhaft ein; „Weißt Du, ich habe schon gedacht, ob nicht am Ende Harold Mainwaring ein Kind hinterlassen hat, dessen Existenz Hugh bekannt ist."
„Tas würde hier gar nicht in Frage kommen", erklärte Ralph mit Nachdruck, „denn wäre auch wirklich ein Kind von ihm am Leben — was aber nicht der Fall ist — so hätte es nichts zu fordern, da Harold von seinem Water, testamentarisch enterbt wurde."
„Ganz recht, der alte Herr enterbte Harold, aber könnten dessen Nachkommen nicht Erbansprüche zustehen?"
„Nach diesem Testament nicht. Ich war zugegen, als es verlesen wurde, und weiß daher bestimmt, daß es Harold und seine Nachkommen für alle Zeiten aus- schloß."
„Eine grausame Härte! Ter arme Harold!" murmelte Thornton mitleidig. „Er war der ältere Sohn, nichH wahr?"
„Nicht allein das, sondern auch der Lieblingssohn des Waters. Ich habe die Sache nie recht begriffen, denn die Enterbung nagte von Anfang an so an dem Herzen des alten Mannes, baß seine Kräfte schnell verfielen nnb auch fein Wesen gegen Hugh zunehmend unfreundlicher wurde. Tas mag, wie ich mir denke, Hugh hauptsächlich bewogen haben, bas alte Familiengut so balb zu verkaufen; es hafteten wohl für ihn zu viel unangenehme Erinnerungen an bem Hause."
„Wenn ich nicht irre, starf Harold halb nach jener unglücklichen Heirat, bie zn bem Zerwürfnis führte?"
„Ja; er lernte zu spät ben Charakter seiner Frau kennen itnb trennte sich von ihr nach dem Tode seines einzigen Kindes. Wenige Jahre daranf kam er auf der, See ums Leben."
In diesem Angenblicke kam Harry Skott int Auftrage seines Herrn, die Wettern zu bitten, nach der Bibliothek zu kommen.
Während sie mit dem Sekretär dem Hauptportale zu- schritten, rollte von ihnen unbemerkt ein geschloffener Wagen rasch nach dem Südeingange, wo ein großer, hagerer Mann mit leichenhaften Zügen und scharf spähenden Augen ausstieg und hastig klingelte.
Als Thornton zwei Stunden später zum Gabelfrühstück die nach der großen Halle führende Wendeltreppe hinab- stieg, gnig der mit dem Wagen angekommene Fremde gerade den unteren Flnr entlang dem Südausgange entgegen. Tie Tritte ans der Treppe hörend, drehte er sich um, und fein Blick begegnete dem Thorntons. Sichtlich überrascht und betroffen, machte er diesem eine gleisnerisch kriechende Werbengung und setzte dann eilig seinen! Weg fort, während Thornton ihm mit unverkennbarem Er-, staunen und Widerwillen nachsah.
Beim Frühstück war sowohl Hngh Mainwaring ivie auch eilt Teil seiner Gäste sehr einsilbig, und das Mahl verging in ungewöhnlicher Schweigsamkeit. Frau La Grange" bemühte sich zwar, Herrn Whitney bestens zu unterhalten^ dieser aber beschränkte sich nur auf höfliche Antwortest und tat seinerseits nichts, die Unter Haltung mit ihr int! Gange zu erhalten. Sogar der muntere Thornton war fo; schweigsam, baß seine Tochter in endlich damit neckte. Er nickte ihr freundlich zu und wandte sich dann etwas Plötzlich an den Hausherrn: <
„Sag mal, Wetter, bist TN mit Richard Hobson Persönlich bekannt?"
Diese Frage schien Hngh eilten' Augenblick zu verwirrest und ebenso Fran La Grange wie den Sekretär in irgenb!


