Ausgabe 
26.11.1904
 
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Das Testament des Aankiers.

Kriminalroman von A. M. Barbo u r.

_ . (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Bei derartigen Gelegenheiten machte in gewissem Sinne Frau La Grange die Honneurs. Sie galt zwar für die Haushälterin, nahm in Wirklichkeit aber eine viel höhere Stellung ein. Verwunderlich war das keinem, der mit ihr in persönlichen Verkehr trat und sie in ihrer Unterhaltung kennen lernte, denn sie zeigte sich mit dem Ton der guten; Gesellschaft ebenso vertraut wie der Hausherr. Besonders dieser Umstand zog sie mit unter den Schleier des Geheim­nisses, der das ganze Haus umhüllte. Sie war vor etwa fünfzehn Jahren in tiefer Trauerkleidung mit ihrem Kinde, einem dreijährigen Knaben, nach Schöneiche gekommen, und es wurde allgemein angenommen, daß sie eine entfernte Wer- wandte Herrn Mainwarings sei. Sie war eine auffallend schöne Frau, doch war ihre Schönheit von jener Art, die die Bewunderung mehr gebieterisch fordert als unwill­kürlich gewinnt. Groß, von junonischer Gestalt und Halt­ung und rosig angehauchtem, zart brünettem Teint, ver­liehen ihr doch die großen schwarzen, wie Tiamanten funkelnden, für gewöhnlich aber kalten Augen einen strengen Ausdruck. Ohne Zweifel nidessen vermochten diese auch ebenso in brennender Glut zu strahlen, wie in jähem Zorn zu blitzen. In der Unterhaltung konnte sie außerordentlich liebenswürdig sein, doch gab es schärfer blickende Leute, die unter ihrem bezaubernden Wesen verborgen einen ge­fährlichen Charakter erkannten, einen Willen, der sich durch kenien Zwang brechen, durch Luchts beugen ließ und in Wirk­lichkeit das Haus beherrschte.

Nach Jahren geheimnisvoller Abgeschlossenheit, war dieses nun einmal voll überseeischer Gäste. All dein Nach­mittage, an dem die vier Herren im Bankhause ihre Be­sprechung hielten, befanden sich auf einem der oberen Bal­kons fünf englische Damen, die ihre Eindrücke über ihren Verwandten und dessen Heinr austauschten. Die Gruppe bestand aus der Frau Ralph Mainwarings und ihrer Tochter Isabella; aus Fräulein Edith Thornton, Tochter von William Mainwaring,-Thornton und Brant des jungen Hugh Mainwaring, sowie ans Fräulein Lizzy Carleton, Cousine von Edith Thornton, nebst Frau Hogarth, der Ehrendame tu Herrn Thorntons Hause.

In Anbetracht ihres ersten Besuches auf dem west- lichen Kontinent und der Veranlassung, die sie hierher geführt hatte, nahmeil die Versammelten großes Inter­esse an allem, was sich ihren Augen bot. Besonders die jungen Damen ergingen sich in Ausdrücken begeisterter Be­wunderung für das Haus und seine Umgebung. Selbst Frau Mamwaring, die ein sehr phlegmatisches Tempera- rnen.t besaß, räumte ein, daß es in der Tat ein herrlicher

Ort iväre, viel schöner als sie erwärtet hätte, und das bedeutete ein großes Zugeständnis von ihrer Seite.

Es ist geradezu entzückend rief Lizzy Charleton, das. Geländer, von dem aus sie auf den in der Ferne sichtbaren; Ozean geblickt hatte, verlassend und sich neben ihre Cousine setzend.Ich halte Dich für das glücklichste Mädchen in der Welt, Edith, ich gratuliere Dir von Herzen."

Tanke Dir, Lizzy", erwiderte die Ängeredete eine Blondine mit großen blauen Kinderaugen,aber Du wirst mein Glück mit genießen und ebensoviel teil daran; haben wie ich, da Tu mich nicht verlassen darfst, bis DU selbst heiratest."

Sei nicht so unvorsichtig", entgegnete Lizzy munter, denn ich werde wahrscheinlich niemals heiraten." Sie way eine Waise u.rid reiche Erbin, hatte aber in der Familie ihres Onkels William, der gleichzeitig ihr Vormund war^ eine Heimat geftmden.

Isabella Mainwaring groß, mit dunklem Haar und den kalten grauen Augen ihres Vaters lag nahe bei Lizzy in einer Hängematte und lachte kurz aus:Ihr scheint ganz zu vergessen, daß unser ;Better voraussichtlich noch viele Jahre im alleinigen Genuß seiner Besitztümer bleiben wird."

Tu berechnendes Geschöpf!" rief Lizzy empört,zählst Tu schon die Jahre bis zu seinem Tode?"

Ja, das klang nicht hübsch ; Isabella, ich wundere mich) über Dich!" stimmte Fran Mainwaring zu.

Aber warum denn, Mama? Mein Gott, ich dachte, nur, und Gedanken sind doch zollsrei."

Edith richtete ihre großen Augen fragend aus Frau Mainwaring.Ich denke, da der Wetter nun einmal Hugh zu seinem Erben einsetzen will, wird er uns öfter ein« laden, ihn hier zu besuchen. Meinst Du nicht auch, Tante?"-

Zweifellos, mein Kind", antwortete Madame Main­waring und sprach dann zu Fran Hogarth gewandt irr leiserem Tone weiter:Ich muß indessen gestehen, daß ich für meine Person durchaus kein großes Verlangen trage, diesen Besuch zu wiederholen, denn aus die Dauer dürste es hier doch sehr langweilig werden. Wilson hat vonj den Dienern gehört, daß Mainwaring sehr still lebt und niemals Gesellschaften gibt. Und dann, ich kann mich ja irren, macht es mir sehr den Eindruck, als ob Fran La Grange hier eine recht fragliche Stellung einnähme. Sie soll die Haushälterin sein, also eine Dienerin, und dennoch, beteiligt sie sich an der Unterhaltung und benimmt sich eher als alles andere wie als Dienerin."

Ich nehme weniger Anstoß an ihrer Stellung", er« widerte Frau Hogarth ruhig,obgleich auch mir diese etwas, sonderbar erscheint, mich berührt vielmehr ihre ganze Per­sönlichkeit unangenehm."

Genau auch meine Empfindung", nickte Frau Main« Waring lebhaft.Sie wollen jedenfalls andeuten, daß sie. keine anständige Person ift?"

Nein", schüttelte Frau Hogarth lächelnd den Kovk.