Ausgabe 
26.10.1904
 
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ßörfraft, nämlich blind und toufi, aber für daS entsprechende Wort beim Riechen haben wir bezeichnenberiuetfe kein selbständi­ges Wort. Möglicherweise schließen spätere Geschlechter daraus nach Analogie der angeblichen Blaublindheit der Griechen, daß es bei uns keine Menschen gegeben hat, die nicht riechen konnten.

Ueber das UnterfHeidungsvermögen der Tiere schreibe ich in meiner Abhandlung u. a. folgendes:

Wer da weiß, wie schwer die einzelnen Raubvogelarten zu unterscheiden sind, der hat sich gewiß schon oftmals gewundert, daß Hühner oder Schwalben und andere Vögel bei den ihnen ungefährlichen Raubvögeln sich ganz ruhig verhalte::, dagegen sofort in Aufregung geraten, falls ein gefürchteter Feind auf der Bildfläche erscheint. Ter Uhu vor der Krähenhütte erkennt selbst am Tage bereits einen drohenden Gegner er wirft sich dann auf den Rücken wenn das schärfste Menschenauge noch nichts wahrzunehmen vermag.

Eine Entcnmutter mit ihren kleinen Jungen erkennt sicher­lich jedes Einzelne ganz genau, während wir Menschen diese Leistung nicht nachmachen könnten. Im Berliner Tiergarten, wo zahllose wilde Enten brüten, begab sich, wie eine Zeitung berichtete, kürzlich folgender Fall. Bei dem knappen Raum ereignete es sich, daß zwei Schofe sich begegneten und die Klemen der beiden Mütter dureinander gerietem Trotzdem fand jedes Entchen sofort seine richtige Mutter. Nur eine kleine Gälte irrte sich einen Augenblick und schwamm einige Schritte weit mit der fremden Mutter mit. Sobald sie ihren Irrtum be­merkt hatte, kehrte sie schleunigst zu den Ihrigen zurück. Und was geschah nun? Tie eigene Mutter war so erbost, daß sie das Kleine packte und ertränkte.

Tas anscheinend unnatürliche Verhalten der Entenmutter kann man wohl nur auf folgendem Gedankenwege verstehen. Junge, die verkrüppelt sind, muß man töten, denn sie hindern die andern in ihrein Fortkommen. Ein Junges, das nicht imstande ist, Mutter und Geschwister von Fremden zu unterscheiden, ist ebenso wie ein verkrüppeltes zu betrachten, und muß dementsprechend beseitigt werden. Tabei darf auch nicht übersehen werden, daß die ein­zelnen Schofe sich gegenseitig als Feinde betrachten, zum min­desten furchtbar neidisch aufeinander sind, so daß das, wenn auch nur momentane, Mttschwimmen mit der fremden Entenmutter als eine Art Ueberläufertum angesehen werden muß.

Also hier gilt der Satz: das Unterscheidungsvermögen ist bei den Tieren am größten, schon geringer bei den Naturmenschen, am schoächsten bei den Kulturvölkern. Je gelehrter jemand ist, desto schwächer kann er gewöhnlich äußerlich unterscheiden. Wenn jemand Tinge trägt, die er gern als Naturgaben aus- geben möchte, z. B. eine Perücke, mnstliche Zähne u. dgl., so wird ihm das am besten im Kreise von Professoren gelingen, sehr schwer aber in einer Gesellschaft von Tamen.

Ebenso bin ich der Meinung, daß Tiere ein viel besseres Gedächtnis' haben als der Mensch und begründe diese Ansicht aus­führlich in meinem Gutachten.

Umgekehrt wundert es mich bei den Sachverständigen am meisten, wie diejenigen, die an die Rechenkunst des. klugen Hans glauben, so schnell darüber hinwegkömmen, daß alle bisherigen Versuche über den Zahlensinn der Tiere fast immer negativ aus­gefallen sind wenigstens sowie es sich um größere Zahlen handelt. In meiner Abhandlung schreibe ich über diesen Punkt folgendes:

Garner, der bekannte Verfasser des Buches:Tie »spräche der Affen", ist im Zweifel, ob selbst Affen bis drei oder vier zählen können. Er schreibt in der von Marshall verfaßten Ueber- setzung:

Zunächst wollte ich nun feststellen, wie weit der Zahlen­begriff eines Affen reiche und nach vielen nichts beweisenden Versuchen verfiel ich auf einen sehr einfachen Plan; ich nahm ein kleines, viereckiges Holzkistchen und machte in die eine Seite ein Loch, grade groß genug, daß ein Affe seine Hand, wenn er eine Schußkugel in ihr hielt, duähstecken konnte. Darauf nahm ich 3 Schußkug-eln von gleicher Größe und gab sie dem Affen, damit er eine Weile damit spiele. Nach einiger Zeit nahm ich sie ihm wieder ab, tat sie in das Kistchen und ge­stattete ihm, sie bemuszuholen, was er nur konnte, wenn er eine nach der anderen nahm. Tas wiederholte ich eine Zeit- lang, damit die Zahl der Schußkugeln in dem Kistchen sich seinem Gedächtnis' einpräge. Darauf behielt ich eine der Kugeln zu­rück und tot blog zwei in das Kistchen. Als er sie heraus­holte, vermißte er offenbar eine, griff noch einmal in das Kästchen, erhob sich und fah suchend umher. Tarauf steckte er nochmals seine Hand in den Behälter und sah mich dabei an; da er aber die dritte Kugel nicht finden konnte, tröstete er sich mit den beiden, die er hatte, und sing an, mit ihnen zu spielen. Wie er sich mit den beiden beruhigt hatte, nahm ich heimlich eine davon. Er bemerkte ihren Abgang und fing an, nach ihr fu suchen, wie es schien, recht unwillig darüber, daß er sich retzt mit nur einer behelfen solle. Er tat dies' in das Kästchen und holte. sie wieder heraus, als ob er hoffe, dabei die andere auch zu finden. Ich half ihm dairn nach den beiden fehlenden Kugeln suchen, und so fand er fie bald. Da er bemerkte.

daß ich das Kunststück verstände, die Kugeln zu finden, wandte er sich gleich an mich, wenn ihm eine fehlte. Ein paarmal öffnete er mit seinen kleinen, schwarzen Fingern meine Lippen, um zu sehen, ob ich sie etwa in meinen Mund gesteckt hätte. Ter Mund ist der Ort, in dem die Affen alles, was sie vor anderen Affen in Sicherheit bringen wollen, zu verbergen pflegen, uns keiner getraut sich dem anderen mit den Fingern ins Maul zu fassen hat ein Affe ein Ting einmal in sein Maul gebracht, dann ist es sicher vor den Nachstellungen seitens der ganzen Ge­sellschaft seiner Mitaffen.

Ich wiederholte den Versuch mehrere Male, bis ich meiner Sache, daß die Affen bis 3 zählen könnten, sicher zu sein glaubte, Tarauf erhöhte ich die Zahl der Kugeln, mit denen ich experi­mentierte, auf vier. Nahm ich dann eine davon, so schien der Affe sie manchmal zu vermissen, oder wenigstens im Zweifel zu sein, aber bald wandte er sich seinem Spiele wieder zu und machte sich weiter keine Gedanken darüber, aber er hatte doch betviefen, daß er die Empfindung habe, etwas sei nicht in Ord­nung. Ob er nun ivirkljch gerade bemerkte, daß eine Kugel von vieren fehle, will ich dahingestellt sein lassen soviel 'ist gewiß, eine von dreien vermißte er.

(Schluß folgt.)

VevsMchtss.

* Das musikalische Gehör und die Sing stimme der Kinder bespricht Tr. Treitel imPrometheus". Er be­richtet über Fälle, in denen dreiviertel-, ein- und einhalbjährige Kinder schon einfache Melodien gesungen haben. Auch dem Re­ferenten sind solche Fälle bekannt. Engel, Sprachlehrer zu Karlsruhe, fand bei Untersuchung von 264 Knaben und 691 Mädchen im Alter von sechs Jahren, daß die tiefen Töne f, g, h, a, c in diesem Alter schon bei dem vierten Teil aller Knaben und dem dritten Teil aller Mädchen vorhanden waren. Von den Knaben haben 82,7 vom Hundert und von den Mädchen 78,6 vom Hundert ein gutes musikalisches Gehör. Engel hat ferner noch 314 Kinder im Mer von Uveieinhalb bis fünf Jahren unter­sucht und ist zu demselben Ergebnis gekommen wie bei den sechs­jährigen; nur war das musikalische Gehör im Ganzen besser als bei diesen. Ten geringsten Sttrnmumfang fand Engel bei Kindern mit geringem musikalischen Gehör, den iron zwei ganzen Oktaven nur bei einem dreijährigen Mädchen; ein Umfang von Ij/z Oktaven findet sich bei Mädchen sehr häufig, bei gleich­altrigen Knaben selten. Auch in der Stimmentwicklung sind die Mädchen dieses Alters den Knaben desselben Alters voraus und haben meist einige Töne mehr. Nach Engel besitzt idxeS Kind die Stimmittel für den Gesang. Tie verhältnismäßig geringe Zunahme des Stimmumfanges mit dem kindlichen Mer beruht auf der anatomischen Entwicklung des Kehlkopfes, der vor der Pubertät nicht wächst. Tre Stimme von einjährigen Knaben hat demzufolge denselben Umfang wie die timt zwölfjährigen. Bei den Mädchen beginnt fdion bei zwölf Jahren die Stimme einen größeren Umfang anzunehmen. Aber auch schon in der früheren Kindheit sind die Mädchen den Knaben an Sttrnmumfang über­legen.Während der Verstand zum Sprechenlernen notwendig ist, ist er zum Singen nicht nötig. Es gibt musikalisch begabte Idioten, und unter ihnen sogar Talente."

Meue Mischer.

Weltall und Menschheit, Geschichte der Erforschung der Natur und der Verwertung der Naturkräfte im Dienste der Menschheit von Hans Krämer in Verbindung mit hervorragen­den Fachmännern. Mit cm 2000 Illustrationen, sowie zahlreichen farbigen Kunstblättern, Faksimile-Beilagen usw. Exttabeigaben in neuem System der Darstellung. Lfg. 6468. Berlin W. 57, Deutsches Verlagshaus Bong und Co. Preis pro Lieferung 60 Pf.

Braune-Roßla, Rud., Zum Regiment. Drama in vier Akten. Verlag der Barden.

Lehmann-Hohenberg, Prof. rD., Naturwissenschaft und Bibel. Beiträge zur Weiterbildung der Religion, Aus­blicke auf eine neue Staatsfimst, eine naturwissenschaftliche Ant­wort auf das Glaubensbekenntnis Kaiser Wilhelms II. Jena, Herrn. Costeuvble. 2 Mk.

Reihe,rriitsel.

(Nachdruck verboten).

Arsenik, Bankier, Bernbnrg, Gottlieb, Mailand, Schwabe«.

Borstehende Wörter sind derart zu ordnen, daß der erste Buch­stabe des Wortes, der zwette des zweiten, der dritte des dtttten u. s. f. im Zusammenhang gelesen eine bekannte russische Stadt bezeichnen.

(AußSsnug in nächster Nummer.)

Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nrt.

Badereise.

Redaktion: August Goetz, Rotationsdruck und Verlaa der Vrübl'leben Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.