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ein Predigeramt, und btdE Jahre später erhielt er von dem Landgrafen von Hessen, Georg II., dem Gelehrten, einen Rus nach Braubach als Hchpredcher und Konsistorialrat. Im Jahre 1648 schickte ihn sein Landesherr zu den Friedensverhandlungen, die in Münster und Osnabrück stattfanden, bei welcher Gelegenheit er die Friedenspredigt hielt. Schon im nächsten Jahre nahm er einen Ruf als Prediger an der St. Jakobs-Kirche in Hamburg an. Anfangs fand er allgemeinen Beifall; später jedoch mar er, bis zum Ende seines Lebens, zahlreichen Angriffen und Schmähungen ausgesetzt. Er starb am 26. Oktober 1661, also im 52. Lebensjahre.
Balthasar Schupp hat das große Verdienst, daß er die traurigen Zustände an Schulen und Universitäten nicht nur erkannte, sondern auch zu verbessern suchte. Er betonte nacArück- lich, daß die Schule die Jugend für das praktische Leben vorzubilden habe und delnentsprcchend zweckmäßige Umänderungen erfahren müsse. „Ich bin", schreibt er in „Ter teutsche Lehrmeister^^, „in meiner Jugend ein hundert Meil oder ettvas weiter durch Pohlen gereiset, da mancher armer Jung in einem geringen Tvrsfe mir begegnete, und mir mit seinem Küchen-Latein zu recht Helffen kunte, als wann Cicero bey mir gewep wäre. Es sagte einmahls ein Sackpfeiffer ht Pohlen zu mir: Qurd mihi Gram- matica? Musica bat mihi gleba i. e. panem. Was ist das für eine Thor heit, daß man in Erlernung der Sprachen so viele Jahre zubringe : Und her gegen die wenigste Zeit anwendet in Erlernung derer Dingen, damit man Gott und dem Rechst en dienen und rin Stück Brod erwerben kann?" Und weiter erzählt er: „In Hesfenland ist ein Fürstlicher Stadthalter gewesen, Burchard von Gramm, welcher in seiner Jugend keinen Lust gehabt zu dem Grammaticalischen Kriege, und hat von dem Feldmarschalck Prisciano seinen Abschied und Paßport begehret, nachdem er eine geringe Zeit für einen Mußquetirer gedienet hatte. Als er hernach in seinem hohen Ehren-Ampte gesessen, und mit vielen Obersten und Rittmeistern, auß dem dello Grammaticali umbgeben müssen, soll er «insmahls gesagt haben, er wolle 100 Goldfl. drumb geben, daß alle definentia in A. generis foeminini waeren, und daß er in den lateinischen Wörtern mit der letzten syllaba könne zu recht kommen. Allein er hat seinem Fürsten so wohl gedienet, und dem Lande so wohl füvgestanden, daß ihn Herr und Knechte mehr geliebt, und mehr Nutz von ihm gehabt, als von andern, welche den Syntax und das Corpus JuriS mit Löffeln gefressen hatten".
Wir jehen, Schupp verlangte Beschränkung des lateinischer Unterrichts'. Ten Gebrauch der lateinischen Sprache als 58er- ständigungsmittel verwarf er überhaupt; er wollte sie durch die Muttersprache ersetzt wissen. Und damit die Früchte der Wissen- schast auch Besitztum einer größeren Volksmasse werde, verlangte er mit Bestimmtheit die Antvendung der deutschen Sprache in der Gelehrtenwelt, an den Universitäten. „Es ist", schlecht er, „die Weißheit cm keine Sprach gebunden......Tie Franzosen
und Jtaliaener lehren und lernen alle Facultaeten imb frehen Künste in ihrer Muttersprache". Und weiter unten: „Wenn ich meine verlohrne Zeit wieder herbey bringen, und noch einmal Professor Eloquentiae aufs einer Universitaet werden fönte, so wolle ich mich bemühen, daß die Jugend in der Wohlredenheit augeführet würde, in ihrer Mutter-Sprache. Tann in ihrer Mütter-Sprache fönten sie leichter zur perfecsion gebracht werden als in einer fvembden Sprache. Cicero hätte lange reden müssen, wann er zu der Perfecsion hätte kommen sollen in der Griechischen Sprache, zu welcher er in der Lateinischen als in seiner Muttersprache kam."
J Tie Worte Schupps fanden wohl Beachtung und blieben nicht ohne Eindruck, aber der dreißigjährige Krieg hemmte eine weitere Entwicklung und Ausbaunng seiner Ideen, auch konnte er als einzelner nicht so großen Einflnß auf das deutsche Uni» versitäts- und Schulwesen gewinnen, wie es den Pietisten, sowie Thomasius und seinen Anhängern noch in demselben Jahrhundert gelang. Dadurch, daß biefe znsammentraten und gemeinschaftlich ihre Ziele verfolgten, konnte der Erfolg für die gerechte Sache schließlich nicht ausbleiben.
Es überschritte jedoch den Rahmen unserer Betrachtung, wenn wir ».ns darüber Weiter auslafsen wollten. Wir haben festgestellt, daß Schupp einer der ersten war, der den Anstoß zu den großen Umwälzungen auf dem Gebiete der Schule und der Universität gab. In Wort und Schrift, von der Kanzel und in Büchern betonte und 'wiederholte er feine Ansichten. Tie vielen Abhandlungen, die uns von ihm erhalten find, waren zum Teil lateinisch, zum größten Teil jedoch — seinem Standpunkt entsprechend >—■ deutsch cübgefaßt. Letztere erschienen im Jahve 1663 in Hanau unter dem Titel: „Lehrreiche Schriften rc. verfertigt von J. B. Schuppen."
Schupp ist "einer der besten Prosaisten seiner Zeft. Aller- ■ dings ist seine Sprache — wie uns schon aufgefallen — häufig von Fremdwörtern durchsetzt und erscheint daher für unfein Geschmack entstellt.^ Immerhin sind manche seiner Schristen auch heute noch lesenÄvert. 'Sie gehören fast ausschließlich der reinen Lehrprosa an. Als erwähnenswert führe ich an: „Corinna, die ehrbare und scheinheilige Hure", die Katechismuspredigt „Ge- denck daran Hancbnrg", ,-Salomo, ober Regentenspiegel", „Freund in der Not", „EhlfertigeÄ Sendschrejbey, cm den LalenderschreLer
zu Leiptzig", „Von der Kunst reich zu werden", „Ter teutsche Lehrmeister"" und „Ter Ambassadeur Zipphusius, aus dem Parnaß wegen des Schulwesens abgefertigt an die Kurfürsten und Stände des heiligen römischen Reichs"".
In dem „Eylfertiges Sendschreiben, an den Calenderschreiber zu Leipzig"" sinden wir am Schluß eine hübsche Anekdote: „Zu Giessen in Hessenland werden etzliche Jahrmärckt auff dem Feld gehalten. Als ich ein kleiner Knab war, wolt ich einsmals sehen, was auf dem Jahrmarckt passiere. Ich kam zu einem Buchbinder, welcher neben der kleinen Gieser Gram- matic und andern Büchern, welche im kleinen Paedag. zn Giessen gebraucht werden, etzliche Calender fehl hatte. Endlich kam ein Torf-Schultheiß und kauffte die kleine Grammatic für seinen Sohn, und wolte auch einen auff das zukünftig Jahr gerichteten Calender kanffen. 'Seine Fran aber stünde dabey und sagte, et) Johannes seyd ihr denn doll? Ihr habt mir einen Haberman verehret da ich euch genommen hab, und diesen Haberman hab ich noch. Wie viel Calender habt ihr unterdessen gekausft? Zerreisset oder verbraucht doch die erste Calender, ehe dann ihr neue kaufst."
Obwohl Schuppfür den Gebrauch der deutschen Sprache eintrat, war er doch ein entschiedener Gegner des geschraubten und gekünstelten Wesens seiner Zeit. Seine Schriften sind daher einfach und volkstümlich gehalten. Auch da gibt er ein schönes Geschichtchen zum besten: „Im Hessenland ist ein Procurator gewesen, genant der dicke Lorentz, welcher sich der Zierlichkeit im Teusichen Reden sonderlich hatte befleißigen wollen. Eins mahls hatte er zu seinem Jungen sagen wollen: Jung hole mir mein Messer. Tamit er nun kund mache, daß ein Unterschied seh zwischen ihm und einem gemeinen hessischen 'Sauren, hatte er gesagt: Pape, bringe mir mein B rodschneidendes Instrument. Einsmahls hatte er zu seiner Frauen sagen wollen: Frau es hat nun geschlagen, gehe zu Bett, ich hab noch etwas zu thun. Tamft nun die Frau wisse, daß er ein hessischer Cicero seh, hatte er gesaget: Tn Helffte meiner Seelen, du mein anber Ich, meine Gehülffin, meine Augenlust, bas gegossene Ertzhat den neundten Thon von sich gegeben, erhebe dich auff die Säulen deines Corpers, und verfüge dich in das mit Federn gefüllte Eingeweide. Jener Phantast wolte zu seinem Jungen sagen, daß er ihm die ©tieffei n ausziehen solle, da sagte er: Tu, her du geringer bist als ich, entledige meinen Unterteil des Leibes von der üb ergezogeuen anatomirten Hau t." 58 t In.
Ier Kluge Ka«s.
Von Tr. Th. Z e l (.*)
Wer durch -Arbeiten über die Tierseele den Anspruch erhoben hat, etwas aus diesem Gebiete zu verstehen, kann zu dem Wunder- pferbe des Herrn v. Osten nicht schweigen. Tonn der Verdacht ist naheliegend, daß dieses Schweigen sich ans dem Mangel eines eigenen Urteils erklärt. Ich veröffentlichte daher ein Gutachten über diese Streitfrage, denn es ist meines Erachtens nicht möglich, in einem Artikel von einigen Schreibseiten über eine so komplizierte Sache ein Urteil zu fällen und nach allen Seiten hin zu begründen. Selbst in meinem Gutachten, das doch 80 Tmckfeiten umfaßt, habe ich eine Menge Tinge nur flüchtig skizzieren können, während sie einer eingehenden Behandlung wert waren. Hier vollends gebe ich nur die Grundzüge meiner Auffassung. Mit meiner Ansicht wäre ich früher an die Oeffent- lichkeit getreten, wenn nickt folgender Umstand hemmend gewirkt hätte. Auf Grund einer liebenÄvürdigen Einladung des Herrn Schillings hatte ich mir den Hengst angesehen. Man fann mir nachfühlen, daß ich nicht gern ihm wie den andern Sachverständigen — wenn auch nur teilweise — widerspreche.
Ist es nun schon schwor, sich mit Kennern zu einigen, so ist es noch viel schlimmer, dem Gr'oßstadtpublikum, das dem Tierleben meistenteils sehr fern steht, auseinanberzuseHen, daß gewisse herrschende Ansichten irrig sind. Beispielsweise bin ich auf Grund zahlreicher Proben der festen Ueberzeugung, daß wie die Tiere auch die Naturmenschen ein viel besseres, Erkennungsvermögen besitzen, als die Kulturmenschen. Ich will hier nur an die Vogelberge erinnern, wo cs unser Erstaunen erregt, wie schnell sich die einzelnen Vogelpärchen trotz ihres gleichartigen Aussehens erkennen. Ta nun Farbenblindheit gleichbedeutend mit schlechtem Sehen ist, denn ein Rotblinder findet z. B. trotz seiner scharfen Augen eine reife Erdbeere sicherlich nicht so schnell wie ein mäßig Kurzsichtiger, so ist für mich die Vorstellung, ein Naturvolk fei farbenblind, einfach unfaßbar. Bekanntlich hat diese Frage eine Zeitlang eine große Rolle gespielt, indem man annahm, daß die alten Griechen blau- blind gewesen seien. Tie Begründung dieser Annahme, durch den Hinweis, weil ihnen ein Wort für die blaue Farbe fehle, möchte ich beinahe für einen Witz halten. Vor Jahren schrieb ich hierüber folgendes: , _
Wir haben zwar Ausdrücke, für das Fehlen bei Seh- und
*) Teilweise der eben (bei Richard Tietze, Berlin) erschienenen Schrift entnommen: „Tas rechnende Pferd"", ein Gutachten von Tr. Th. Zell.


