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Zimmer, übermüde, überreizt, in einem Zustand, in dem Titan Ruhe haben muß pder zu allem fähig wird. Die Jalousien waren heruntergelassen, die Fenster standen aus. Es war die Stunde, da auch das rastlose Berlin zu schlafen oder Atem zu schöpfen scheint.
Die Stille, die frische Luft wirkten wohltuend auf Harro ein. Er strich sich mit der Hand über die Stirn — er dachte an seine Frau. Er wollte ihr schreiben, gleich auf der Stelle, damit er es nicht wieder vergaß. Er ließ sich nieder an dem Schreibtisch. Papier war da, ein Druck auf den Knopf der Lampe, die elektrische Flamme brannte auch hier. Er legte das Papier zurecht, setzte die Feder an. Da ging eine Tür hinter ihm, leise, leise — aber er hörte es doch. Er wandte sich um. Bor ihm stand Ellinor im leichten weißen Spitzengewand, eine gelöste Flechte stahl sich in nachtschwarzen Wellen vorüber an dem schlanken Hals und fiel lang über die rechte Brust. Harro prallte zurück. „Ehut!" Im Moment war sie neben ihm, legte die schlanken Fänger auf seinen Mund. „Ehut! Ich liebe Dich. Wir müssen vorsichtig sein." Und tvas kaum in ihm zur Ruhe gekommen, einem besseren Besinnen gewichen, das regte sich von neuem zu lichter Lohe. Alles bessere Wollen war vergessen. Widerstandslos sank er dem leidcnschaftdurch- glühteri W^ibe zu Füßen und hob die Hände empor. „Ich liebe Dich!" jauchzte sie, kaum hörbar, doch berückend mit ihrer Stimme Ton. „Ich mußte Dich heute noch einmal küssen!" Sie beugte sich zu ihm nieder, ihre Hand umschränkte sein Gesicht, hob es ihr entgegen. Sie küßte ihn und kiißte ihn. — Dann aber schlangengeschmeidig entwand sie sich seinem Arm, und wie ein Hauch schloß sich die Tür wieder hinter ihr.
13. Kapitel.
Rittmeister von Grcditz nebst Gemahlin und Leutnant Von Uran blieben noch einen Tag in Berlin. Die Rennen waren sehr anziehend; der Kommandeur sollte sich noch etwas ruhen. Ellinor erschien tadellos in einer hellgrauen Toilette, Hut, Schirm und Kleid einfach mit frischen Keil- chen besteckt. Ebenso war sie tadellos kühl und liebenswürdig gegen alle Welt. Wenn wirklich jemand bemerkt haben sollte, daß sie gestern etwas zu lebhaft gewesen war, so mußte er sich heute überzeugen, daß einzig die freudige Erregung über den Sieg von ihres Gatten Pferd die Schuld daran trug, ebenso, daß die vielleicht etwas augenfällige Begünstigung des jungen Urau doch nur dem Reiter von ihres Gatten Kommandeur gegolten hatte, was im Grunde recht begreiflich und für eine Frau erst recht liebenswürdig erschien. Hätte Harro nicht in der Erinnerung noch ihren Kuß empfunden, ihre Worte im Gedächtnis behalten, er würde heute vielleicht untröstlich gewesen sein. So aber schlugen ihm, der einmal dem Reiz einer gewissen Perversität verfallen war, diese Weltgewandtheit und Schlauheit nur noch mehr in ihren Bann. Er bewunderte Ellinor und gehorchte ihr. Er verstand sie ohne Wort und gab sich ganz als interessierter Sportsman, liebenswürdiger Gesellschafter und Kamerad, war aufmerksam gegen, die Damen, wie man es nur bei einem noch so jungen Ehemann erwarten oder leiden nrag.
Spät in der Nacht reisten dann Greditzens ab, nach Ems. Harro fuhr am anderen Morgen mit dem Kommandeur nach Kaltenburg. Tief verstimmt, bedrückt, hatte er vor wenig Tagen die Heimat verlassen. Seine Stimmung Batte sich gehoben, je näher er dem Ziel seiner Reise kam. Zohlig erregt, war er heute von Berlin abgesahren. Seine Stimmung geriet unter Null, ja, er selbst aus der Fassung, je näher er seinem Hause kam.
Jutta fühlte, daß sie ihren Mann beleidigt hatte. Es gut zu machen, erschien sie nun, ihren herzliebsten Harro gbzuholen, an der Bahn. Er sah sie stehen, als der Zug einfuhr, so anmutig, rosig, lieblich und lächelnd, wie er sie geliebt hatte. Er hätte am liebsten die Mütze über die Stirn gerückt, nichts gesehen und gehört; er schämte sich vor ihr, vor sich selbst. Da waren aber noch Dörrenbach und andere vom Regiment. Stolz aus den Kameraden, hatten sie sich eingefunden, um ihn und den Kommandeur zu begrüßen. So machte sich die Begrüßung der Heiden Gatten keicht. Dann hieß es für Harro nach dem Pferde sehen, die Kameraden gingen mit. Nur Oüernberg und Dörrenbach blieben bei Frau von Urau.
.Endlich war Harro wieder berett; man schlug den Heimst weg ein. Einige der Herren folgten mit hinauf zu einem! späten Kaffee, wche Jutta einlud. Eine Girlande war nur
die Tür gewunden, der Tisch mit Blumen bekränzt; unter anderem prangte hier ein Napfkuchen mit Schokoladenguß, weil, wie seine kleine Frau erläuterte, den Harro so schrecklich gern mochte. Ja, Jutta war wirklich doch sehr nett und reizend! Die Kameraden blieben noch zu einem Butterbrot, und toasteten auf ihren Reiter und seine reizende Frau. Dann eTupfahl sich der eine, weil er noch in eine Gesellschaft mußte, der andere, weil er noch Dienst zu tun hatte, der dritte, weil ihn seine Familie erivartecke. Dörrenbach, weil er meinte, daß man sich endlich überhaupt zu empfehlen habe. „Warten Sie, einen Augenblick, bitte, ich gehe mit", rief ihm Harro nach, dem plötzlich ward, als schnüre sich ihm die Kehle zu. „Möchte lieber selbst noch mal nach dem Pferde sehen. Ob sie ihn richtig gekühlt haben." Jutta blieb allein zurück.
(Fortsetzung folgt.)
Iotzamr Maltyasar Schupp.
Ein Gießener Schrift steiler.
(Zu seinem Todestag am 26. Oktober 1661.)
Im 17. Jahrhundert sank das sittliche und geistige Leben in Teutschland mehr und mehr. Adel und Höfe gingen dem Volke mit schlechtem Beispiel voran. Und auch die «chulen, die doch in erster Linie für Bildung und Veredelung des Volkes sorgen sollen, trugen bis gegen Ende des Jahrhmrderts zu ihrer Aufgabe nicht das geringste bei. Während in den katholischen Ländern die Schulen immerhin noch auf derselben Stufe wie vor der Reformation standen, hatten sie in den protestantischen Gegenden ihre Höhe, die sie in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts erreicht hatten, größtenteils wieder verloren, und der dreißigjährige Krieg mit seinen Unruhen und Wirren förderte nur noch ihren raschen Verfall. Nicht nur mit den eigentlichen Volksschulen, auch mit den lateinischen oder gelehrten Schalen sah es schlimm aus. In den lateinischen Schulen wurden vornehmlich die Religion und die alten Sprachen (namentlich Latein) gepflegt. In Verbindung mit dialektisch-rhetorischen Hebungen gaben sie die Grundlage sirr den gesamten Unterricht.. D. h. sie sollte n die Grundlage sein, meist jedoch lief das Ganze auf ein stumpsiinniges Auswendiglernen hinaus, war also nichts weniger als geistes- und gemütbildend. Ter Unterricht in der Muttersprache selbst kam am schlechtesten weg; nur das allgemeinste wurde gelernt, und die vorhandenen Lehrbücher besprachen fast ausschließlich die Rechtschreibung. Wie sticsinütterlich die deutsche Sprache behandelt wurde, zeigt schon der Umstand, daß im Unterricht die lateinische Sprache als Verständigungsmittel diente, die noch dazu meist unbeholfen und schlecht genug ausfiel. Auch auf den Universitäten wurde in lateinischer Sprache gelehrt. Ucberhaupt waren ihre Einrichtungen ganz unzweckmäßig. Allgemein bildende Fächer traten vollständig hinter Theologie und Jura zurück. Was diese aber lehrten, war keine Wissenschaft, sondern nur spitzfindige Wortklauberei und starrköpfiges Festhalten an der Ueber- lieferung. Echt christlicher und staatsbürgerlicher Sinn konnten aus diese Weise nicht geweckt werden. Während unter den Professoren falscher Stolz und lächerliche Zanksucht, unter den Studenten aber wüste Rohheit herrschten, blieb die große Masse des Volkes in Unwissenheit und töttchtem Aberglauben versunken.
Allgemeine Anerkennung verdienen daher die mutigen Männer jener Zeit, die ihre Stimmen laut gegen die an Schulen und Universitäten herrschenden Mißstände erhoben und deren Be- seitigung forderten. Tie Angriffe erfolgten noch vor Schluß des 17. Jahrhunderts von zwei Parteien, einer kirchlichen unter Philipp Jakob Spener (1635—1705), deren Mitglieder als Pietisten wohlbekannt sind, und einer wissenschaftlichen, von Christian Thomasius (1655—1728) geführt. Toch schon vor ihnen traten einzelne Männer auf, die, von dem Geiste wahren Wissens beseelt, durchgreifende Aenderungen jener für das deutsche Volk unwürdigen Zustände verlangten.
Für uns Gießener ist es von ganz besonderem Interesse, daß einer der bedeutendsten Männer dieser Zeit in Gießen geboren wurde. Es ist der Schriftsteller Johann Balthasar Schupp, auch Schuppius genannt. Heute, am 26. Oktober, seinem Todestag, wollen wir feiner gedenken, indem wir einiges von seinem Leben und seinen Schttften hören.
I. ,B. Schupp wurde im März 1610 in Gießen geboren, Im Jahre 1626 vertauschte er seinen Wohnort mit Marburg, um sich dort dem Studium der Philosophie und Theologie zu widmen. Während seiner Studienzeit machte er mehrere Reisen, auf denen er Königsberg und Rostock berührte. In Rostock setzte er seine Studien fort und begann hier im Jahre 1631 zum erstenmale öffentlich zu lehren. Aber nicht lange hielt es ihn hier. Tie Schrecken des dreißigjährigen Krieges trieben ihn nach! Marburg zurück, wo er sich als Privatdozent niederließ. Doch« auch hier blieb er nur ganz taj. Wiederum packte ihn das Reisefieber; in Holland lernte er mehrere berühmte Gelehrte kennen. Im Jahre 1635 finden wir ibn wieder in Marburg, jetzt aber als Professor der Geschichte und Beredsamkeit. 1643 übernahm er npch


