Ausgabe 
26.3.1904
 
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einen raschen Entschluß, liebes Kind, und bleiben Sie wenig­stens bis zur nächsten Regenzeit bei uns."

So willigte ich denn ein, bis zum Herbst bei meiner lieben Freundin zu bleiben, und ich muß gesteben, daß die Monate, die ich im Waldesrevier verbrachte, die glück­lichsten waren, die ich seit Jahren verlebt hatte. Ich lernte Hindostanisch mit Mr. Evans, rittSchnee", Mrs. Evans' weißes Pony, und nur zu schnell flogen mir die Tage dahin. Fleißig laß ich Mrs. Evans vor, schrieb Briefe für sie, nähte, spielte mit ihr Schach und nahm ihr so viel als möglich von den Haushaltungsgeschäften ab. Ein­mal wöchentlich wurde der Lagerplatz an einen anderen Ort verlegt, wodurch eine reizende Abwechselung in der Um­gebung entstand. In vollen Zügen genoß ich dieses neue, ungebundene Leben, und ich gewöhnte mich so rasch an die täglichen Vorkommnisse, als hätte ich seit Jahren nichts anderes gekannt. Mrs. Evans brach oft in gut­mütiges Gelächter aus, wenn sie mich in meinem, wie ich glaubte, tadellosen Hindostanisch lange Reden an die Tienst- voten halten hörte.

Schadet nichts, mein Kind", pflegte sie dann zu sagen. Es ist ja wunderbar, mit welcher Leichtigkeit Sie sich, ich will nicht gerade sagen, die Grammatik, aber die Sprache selbst angeeignet haben. Wer weiß, ob es Ihnen nicht noch einmal von Nutzen sein wird."

Tas waren prophetische Worte!

Zwei unsanfte Schläge nur erfuhr ich während dieses glücklichen, sonnigen Lebens in Wald und gelb. Sie kamen vom Postboten, der unter lautem Schellengeläute, wodurch die wilden Tiere abgehalten werden sollten, über Wald­lichtungen auf fast unsichtbaren Wegen mit seinem Postsack dahergejagt kam. Tiefer nur spärlich bekleidete Indier brachte mir einen schrecklichen Brief von Tante Lucy, worin es hieß, daß ich die Familie entehrt, und mir auf immer ihre Verzeihung verscherzt habe mit anderen Worten, daß ich nicht hoffen dürfe, jemals wieder ein Obdach in ihrem Hause zu finden. Auch von Mrs. Thorold erhielt ich eine Briefbogen um Briefbogen füllende Epistel, worin die Vorwürfe und Anklagen fich förmlich überstürzten und mir das Blut der Empörung in die Wangen trieben. Wie ich bettelarmes Mädchen, schrieb fie, eigentlich zu der Frechheit komme, ihrer Familie einen solchen Schimpf anzutun! Jedenfalls sei aber vor allem mein Name so­wohl zu Hause als in Indien gebrandmarkt. In Beverly so gut wie in Bareda habe ich mich unmöglich gemacht, und der Tag könne nicht fern sein, wo ich bitter bereuen werde, aus Walter verzichtet zu haben. Ich dürfe auch überzeugt fein, daß meine eigenen Verwandten ganz ihrer Ansicht seien.

Ich muß gestehen, die Briefe entlockten mir bittere Tränen. Mrs. Evans aber fchalt mich darob tüchtig aus, nahm sie mir mit Gewalt weg, und verbrannte sie vor meinen Augen im Lagerfeuer.

In diesem Punkte", erklärte sie,stimme ich dem Aberglauben der Eingeborenen bei, die behaupten, daß es Unglück bringe, schleckte Nachrichten oder Tinge, die die traurige Erinnerungen wecken, aufzubewahren. Sie würden nur immer über diese Briefe nachgegrübelt haben. Suchen Sie zu vergessen. In Ihrem Alter sind Kummer und Verdruck rasch überwunden."

Leider sollte der nächste Kummer, der mich traf, von Mrs. Evans selbst kommen.

Man glaube nur nicht, daß unsere Tage bei dem stillen Mander- und Zigeunerleben, das wir in den Waldungen von Zentralindien führten, langweilig und einförmig ver­flossen, im Gegenteil auch wir hatten unsere aufgeregten Zeiten wie andere Leute. Einmal war es ein wild auf­lohender, aber rasch wieder erstickter Waldbrand, ein an­dermal ein in unserer Nähe auftauchender großer Tiger, bei uns in Schrecken versetzte.

Eines Abends, als wir beim Mondschein außerhalb der Zelte faßen, die diesmal in der Nähe eines Flußusers aufgeschlagen waren, hörten wir durch die tiefe Waldesstille deutlich den Angstruf eines Hirsches: das sichere Zeichen für die Anwesenheit eines Tigers, und wenige Minuten später erscholl auch schon das heisere Gebrüll der Bestie. Mr. Evans lief sofort nach seinem Gewehr und nahm auf einem das Lager beherrschenden Baume Stellung, wo er bis zum Morgengrauen blieb. Auch Mrs. Evans und ich. wollten um keinen Preis zu Bett gehen; die Sache war zu ungewöhnliche und aufregend und doch nicht allzu be­

unruhigend. Tie Gefahr, daß der Tiger sich unter die Zeile wagen würde, stand in weiter Ferne, wenn auch die Mög- lichkeit nicht ausgeschlossen blieb, daß er vielleicht eine Kuh ober gar das weiße Pony davonschleppte. Und richtig: am nächsten Morgen sanden sick auf dem gelben Ufersande unter den Spuren von Hyänen und Wildschweinen außer den Abdrücken seiner Tatzen auch einige dunkelbraune Blut­flecke«. So hatte der mächtige Herr, der gekommen war, feinen Durst zu löschen, zugleich feine Abendmahlzeit geholt.

Auch an geselligem Verkehr, so erstaunlich es klingen mag, fehlte es uns nicht, und zwar nicht nur mit den Zoll- und Polizeibeamten des Bezirkes, die wie Mrs. Evans von einem Lager aus ihr Amt besorgten, oder mit Missionaren, sondern auch andere Besucher bewirteten wir häufig. Wenn es irgend anging, schlugen wir unsere Zelte in der Nähe eines Torfes auf, um uns die für die Küche erwünschten Vorräte an Butter, Oel, Gemüse und Eiern zu verschaffen. Unter diesen Torfbewohnern nun war die Waldfrau, wie man Mrs. Evans nannte, die seit so langer Zeit alljährlich mit ihnen in Berührung kam, eine bekannte Persönlichkeit. Kaum hatten wir uns an einem Orte niedergelassen, so strömten die Eingeborenen scharenweise mit Kindern und Enkeln herbei, uns zu besuchen und Blumen und Früchte darzubringen. Mrs. Evans schien über alle ihre Angelegen­heiten unterrichtet zu fein und nannte viele bei Namen, und ich konnte mich nicht genug wundern, wie vertraut sie mit den Freuden und Lecken, Sorgen und Hoffnungen eines jeden war. Stets führte sie einen Vorrat an ein­fachen Arzneimitteln mit sich, und auf jedem Halteplatze errichtete sie eine kleine Apotheke, wo sie täglich Patienten aller Art empfing, gute Ratschläge erteilte und Arzneien verabreichte.

Auch mit andern, an sich geringiöemßeit Geschenken, wie bunten Kattunjacken, Unterröckchen für die Mädchen, kleinen, aus Sammetrestchen gefertigten Mützen für die Knaben oder billigem Spielzeug, wußte sie alt und jung zu beglücken. So erinnere ich mich, wie ein in London um 10 Pfennig gekauftes automatisches Spielzeug einmal ein ganzes Torf in Entzücken versetzte. Ellern und Kinder waren gleich leicht zu erfreuen, und alle hingen mit un­geheuerer Liebe und Verehrung an der gütigenWaldfrau". Wenn Mrs. Evans in ihrem rötlichgelben Shawl, um­ringt von den Torfbewohnern auf einem Feldstuhl unter einem mächtigen Thekabaume saß, so glich sie einer Köni­gin, welche die Huldigungen ihrer Untertanen entgegen­nimmt.

(Fortsetzung folgt.)

Maudereien aus der Kaissrstadt.

(Nachdruck verboten.)

Sin Dasein ans Abonnement. Gratisuhren. Ter störrische Vorhang.

Daß man sich das Leben durch allerlei Abonnements verschönern kann, ist eine alte Geschichte. Die lieblichste Schmiere verfehlt nicht, einen hochgeschätzten Adel respekt­voll und ein geehrtes Publikum ergebenft zu einer Seme von Vorstellungen einzuladen, wenn auch auf solch gefähr­liches Abonnement nicht allzu viel Enthusiasten hereinfallen. Tann wieder gibt es, selbst in Kyritz an der Knatter oder in Luckau an der Berste, Wonnements auf brave Zeit­schriften, bei denen man, wenn man Glück hat, zu.Weih­nachten die Pfingstnummer bekommt und dadurch mitten im kalten Winter die schönste Lenzfreude genießen kann. Man abonniert wohl auch aus eine Friseuse, wenn man's dazu hat, oder auf den schaumschlagercken Verschöneruiigs- rat aber was will das alles bedeuten gegen einen Wstt- städter von heute, dessen ganze Existenz auf nichts als Abonnements aufgebaut ist! Schon morgens, wenn er sich erhoben hat u,nd die Toilette beginnt, geht die Geschichte los. Tenn die Handtücher, mit denen er sich frottiert und das Gesicht trocknet, stammen aus einem Handtücherverleih- Jnstitut, das seine Kunden allwöchentlich mit diesem Luxus­artikel neu versorgt. Tie frische Wäsche, die sich unser Gentleman alsdann leistet, vom Strumpf an bis zum drei- zölligen Umlegekragen, ist selbstverständlich auch abonniert. Er bekommt das alles in tadellosem Zustande fast für dasselbe Geld, das er früher der Waschfrau bezahlt hat, die ihm seine Kragen oft genug in eine Art von «Kreissägen verwandelte. Auch der Anzug, in den unser Pflastertreter