Ausgabe 
26.3.1904
 
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Welch, nach der ersten Begrünung führte sie mich in ein großes Zelt, wo eine Lampe ihren Hellen Schein ver­breitete nnd der Tisch gedeckt war.

Ihre Wohnung ist hier", sagte sie, indem sie einen gepolsterten Vorhang in die Höhe hob und mir in ein da­neben liegendes, behaglich aussehendes Zelt voranging. Die Münde waren mit orangegelüem Baumwollstoff bekleidet, buntgestreifte Matten lagen auf dem Boden, ein Feldbett, Toilettentisch und Rohrstühle bildeten die Ausstattung, sogar ein Strauß herrlicher Waldblumen fehlte nicht.

Seien Sie mir von ganzem Herzen willkommen", sagte sie.Sie wissen, wie wohltuend Ihre Gesellschaft für mich sein wird." Dabei küßte sie mich innig.

Jahre scheinen mir verflossen, seitdem wir uns trenn­ten", antwortete ich.Ja, viele Jahre!"

Und doch sind es nur fünf Tage. Aber wahrscheinlich haben Sie innerhalb dieser Zeit Erfahrungen von Jahren gesammelt. Nun machen Sie sich nur rasch zum Abend­essen bereit ganz bescheidene Lagerkost und morgen wollen wir dann behaglich zusammen plaudern."

Unsere Lagerkost erwies sich als vortrefflich und nach dem Essen setzten wir uns in bequemen Lehnstühlen ums Feuer.

Dies hier ist unser Wohnzimmer", erklärte Mrs.Evans, während wir den Kaffee schlürften.Pünktlich um neun Uhr wird zu Bett gegangen, da Robbie um sechs Uhr schon wieder an der Arbeit sein muß. Wir halten unsere Schlafenszeit fast mit den Vögeln."

Ich war für meinen Teil ganz damit einverstanden, mich sogleich zurückzuziehen. Die sechsunddreißig Stunden auf der Eisenbahn und dann noch eine vierzig Meilen weite Fahrt im Ochsenfuhrwerk hatten mich ungewöhnlich er­müdet. Uebrigens glaube ich nicht, daß ick) jemals in meinem Leben besser geschlafen habe, als in jenem kleinen weißen Feldbett.

Wie ich mich zum Schlummer niederlegte, da fühlte ich wohl, daß ich endlich in einem sicheren Heim gelandet war. Alle meine Sorgen waren verschwunden, seitdem ich mich unter Mrs. Evans' schützenden Fittichen befand.

Als ich dann erwachte und laute Stimmen draußen und das Geräusch im Lager hörte, als ich den hellen Schein durch das Zelttuch sah und die kühle kräftige Luft einatmete, da schien es mir unmöglich, daß der Morgen schon gekom­men sein sollte. Wer jemals in einem Lager gelebt hat, kann es bezeugen, was für ein herrlicher Genuß es ist, unter einem Zeltdach zu schlafen.

Tas Frühstück war bald verzehrt, und nachdem Wr. Evans, von seinen Dienern, den Chuprassis, begleitet, fort­geritten war, wanderten seine Frau und ich! durchs Lager, fütterten ihr weißes Pony, sprachen zu den Hunden und dem Papagei und ließen uns dann auf der Veranda des Hauptzeltes nieder. Mrs. Evans brachte einige Näharbeiten, in die ich mich mit ihr teilte, und emsig flogen die Madeln während unserer Unterhaltung auf und nieder. Vor allem erzählte ich ihr natürlich meine Erlebnisse in Bareda.

Vielleicht habe ich. zu rasch und übereilt gehandelt, aber Walter zu heiraten war mir wirklich unmöglich", schloß ich! endlich meinen Bericht-

Sie haben wohl getan, liebes Kind. Eine Frau hat ein Recht, sich ihr Glück nach eigenem Ermessen zu schaffen. Dieser heruntergekommene, hinterlistige und gewissenlose Mensch hätte Sre nur unglücklich gemacht- Er scheint keine einzige gute Eigenschaft M besitzen. Und wie steht es mit dem anderen jungen Mann? Was hat der für einen Eindruck auf Sie gemacht?

Das Kinn in die Hand gestützt, sah sie mich an.

Ich sah ihn nur ganz flüchtig, trotzdem konnte mir der Unterschied nicht entgehen. >Er ist älter als der andere, auch hat er dunkle Augen."

Auf einer Photographie kommt eben die Farbe der Augen nicht zum Ausdruck. Robbie kennt Mr. Thorold dem Namen nach. Er sei einer der begabtesten und strebsamsten jungen Beamten; er soll einer großen Zukunft entgegen­gehen, sagt er."

Meinetwegen, wenn er nur mir nicht wieder be­gegnet !"

Glauben Sie, daß er etwas ahnt?"

Ahnen, nein, aber wissen wird er es wohl!" Und von der alten «Erregung gepackt, schlug ich die Hände vors Gesicht und sagte leise:Wider meinen Willen hörte ich einen Teil feiner Unterhaltung mit Tizzie Hassal mit an."

Ja, ja, diese Bungalows, mit ihren großen, offen stehenden Räumen sind für Geheimnisse nicht geschaffen. Kein Wunder, daß alles, was in den Familien vorkommt, sich so rasch herumspricht. Nun, mein liebes Kind, Sie haben eine bittere Erfahrung gemacht, aber ich bin nur froh, daß Sie die moralisch Kraft sanden, Ihr Verlöbnis zu lösen. Nicht jedes Mädchen hätte das zu tun gewagt und fid) auf die eigenen Füße gestellt."

Ich glaube doch, daß die meisten so gehandelt hätten/«

Möglich. Ich bin auf meinen Reisen zwischen hier und England mit vielen heimatlos umherirrenden Mäd­chen zusammengetroffen. Bedenken Sie doch nur: zwölfmal schon machte ich! den Weg hin und her, teils um die Kinder zur Schule zu bringen, teils um sie zu besuchen, und schweren Herzens zurückzukehren. Da habe ick) während der letzten achtzehn Jahre auf den Wogen des Ozeans manches vom Leben gesehen, viel Heiteres, aber auch viel Trauriges, und letzteres besonders unter den alleinstehenden Mädchen."

Und nun gehöre auch ich zu diesen beklagenswerten Geschöpfen. Wer ich will den Mut nicht sinken lassen; irgend etwas gutes wird die Glücksgöttin wohl auch noch für mich in Bereitschaft haben", sagte ich zuver­sichtlich

Tie Glücksgöttin ist eine gar wankelmütige Dame", bemerkte Mrs. Evans ernst.Ihr zu Ehren bauten die Alten prächtige Tempel und meine hindostanischn Diener bringen ihr einen Hahn oder ein Zicklein zum Opfer dar, so oft sie eine Gunst von ihr erbitten."

Wie wunderbar das alles klingt! Da sitzen wir zwei modernen Menschen nun in unserer Tracht des zwanzigsten Jahrhunderts, umgeben von Büchern und Zeitungen, die vor wenigen Wochen erst London verließen, während das Volk um uns her seinen Götzenbildern Opfer darbringt, genau so wie zu Moses Zeiten."

Ja, das erscheint allerdings seltsam. Und doch, meine liebe Pamela, kenne ich manche Europäer, die auch zu unserer Zeit noch um das goldene Kalb tanzen. Uebrigens kein Wunder, denn wird nicht heutzutage der Reichtum als der Inbegriff alles Glückes angesehen?"

Tas mag wohl sein; meiner Ansicht nach ist aber das Glück durchaus nicht an Reichtum gebunden. Ich würde mir niemals wünschen, sehr reich zn fein. Aus meinem Munde klingt eine solche Rede freilich lächerlich denn vor dieser Gefahr brauch ich mich wahrhaftig nicht zu fürchten, eher vor dem Gegenteil; aber ich hoffe doch zu Gott, daß ichnicht eines Tages ganz ohne Mittel daftehe . . . Nun aber, liebe Mrs. Evans", fuhr ich nach kurzem Schweigen fort,muß ich mich sobald als möglich nach, einer Stellung umsehen, und ich hoffe, daß Sie mich empfehlen werden. Ich kann..."

Aber bleiben Sie doch bei mir, liebes Kind", unter­brach! sie mich lebhaft,jedenfalls eine Zeit lang. Ich bedarf Ihrer so sehr. Die weite Reise hat mich ungewöhn­lich angegriffen, da wird Ihre Gesellschaft und Unterstütz­ung mir wohl tun. Die werden bald sehen, daß ich fast den ganzen Tag allein bin, denn Robbie zu Pferde zu begleiten, wie ich es bisher getan, ermüdet mich jetzt zu sehr. Auch mein Augenlicht nimmt stetig ab, und so kann ich nichts weiter tun, als hier sitzen, meinen Gedanken nachhängen und ein wenig spazieren gehen. Robbie hat feinen Beruf. Dem Manne die Arbeit, dem Weibe die Träne, heißt es in einem alten Liede. Kennen Sie es nicht? Mir aber wer­den die Tränen nicht kommen, wenn ich Sie zur Aufheiter­ung um nach habe."

Bei Ihnen zu bleiben, wäre mir freilich das liebste, allein mein ganzes Vermögen beträgt dreißig Pfund."

Womit Sie nicht einmal Ihre Ueberfcchrt zweiter Klasse bestreiten könnten. Später können Sie sich ja dann nach einer angenehmen Stelle als Gesellschafterin umsehen, Ihr Gehalt aussparen, sich Indien ansehen, und wenn der Sturm zu Hause vorüber ist, nach England zurückkehren."

Dieser Plan lautete allerdings angenehm und aus­führbar.

Ich zweifle ja nicht, daß sich jetzt schon Passendes für Sie finden würde, allein ich möchte Sie so gern für mich behalten. Es ist selbstsüchtig von mir, ich weiß es wohl, immerhin aber können Sie sich hier ausruhen, was auch für Sie recht notwendig ist. Robbi wird Sie im Hindo- stanischn unterrichten, Sie können mein Pferd reiten und die Obliegenheiten einer Försterssrau lernen. Fassen Sie